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Kasper Villaume - "Das universelle Vokabular des Jazzmusikers"

"Meinen Stil würde ich am ehesten als moderne, zeitgemäße Variante des Piano-Jazz umschreiben – allerdings mit starkem Bezug auf dessen Traditionen", erklärt Kasper Villaume, wenn man ihn um eine knappe Definition seiner Musik bittet.

Kasper Villaume

Der junge dänische Jazzpianist ist als Bandleader wie als Sideman tätig – beides mit Begeisterung. So sitzt er seit Jahren zum Einen als unentbehrlicher Begleiter für die Jazzaltmeister Ed Thigpen (dr) und Bob Rockwell (sax) an den Tasten, steht jedoch genauso gerne in eigener Sache auf der Bühne – in Quartett- oder Triobesetzung, aber auch als Solist.

"Warum mich viele Musiker als Sideman mit dabei haben wollen", erklärt Villaume seine Beliebtheit als Begleiter, "liegt wahrscheinlich daran, dass ich sehr viel Zeit auf die Vervollkommnung des begleitenden Spiels verwende. Ich bin happy, wenn ich es schaffe, den Solisten durch meine Unterstützung noch besser klingen zu lassen." Einfach den Hintergrund zu füllen, sei dafür aber zu wenig: "Das klappt nur, wenn das Piano den Spieler sowohl unterstützt wie auch inspiriert – kontrapunktisch also."

Villaumes entscheidende stilistische Einflüsse – hier nennt er McCoy Tyner, Herbie Hancock oder Wynton Kelly – stammen, naheliegenderweise, aus den USA, wo er vor Ort auch Unterricht bei Ellis Marsalis und Kenny Werner nahm. Sein, wie Villaume selbst unterstreicht, wichtigster Lehrer war jedoch Carsten Dahl – das war in den späten 90er Jahren am "Rytmisk Musikkonservatorium" (RMC) in Kopenhagen: Dahl habe ihm, laut Villaume, "den Zugang eröffnet zu anderen Arten von Musik neben dem Jazz … und einfach zu Sound im Allgemeinen."

Kasper Villaume

Neue Ideen und musikalische Eindrücke bringt Villaume stets von seinen Reisen mit. Und da ist er offen: Sollte er es in Prozentzahlen ausdrücken, meint er, so bestünden seine musikalischen Quellen "momentan nur zu zwanzig Prozent aus Jazz; der Rest ist afrikanische Trommelmusik, Bach, R'n'B, elektronische Musik und so weiter."

Dennoch finden sich auf seinen Alben überwiegend Jazzstandards - auf der CD seines dänischen Quartetts, betitelt "#2", ebenso wie auf der Neuesten seines Trios mit Bassist Jesper Bodilsen und Villaumes Hero, dem Schlagzeuger Jeff 'Tain' Watts. Hierfür nennt Villaume auch einen Grund: "Standards sind das universelle Vokabular für Jazzmusiker. Sie sind eine Grundlage, die verwendet werden kann, in verschiedenste Richtungen zu improvisieren. Die Melodie, das Thema, gibt dabei nur den Kurs vor."

Natürlich, deutet Villaume an, böte es sich an, gerade mit einem Schlagzeuger wie Jeff 'Tain' Watts, genau in diesem allen vertrauten Umfeld zu bleiben. Watts sei für ihn eine so bedeutende Figur und wichtige Inspirationsquelle – im gleichen Atemzug nennt er noch Branford Marsalis und Michael Brecker – weil diese drei für eine bestimmte Intensität des Musizierens stünden: "Sie alle haben einen ungeheuer hohen Energielevel in ihrem Spiel. Ich versuche, gleiches in meine Musik einzubringen – ich möchte, dass das Publikum die Kraft, die von der Bühne kommt, spüren kann."

Nach einer schulmäßig korrekten Interpretation von Standards gefragt, betont Villaume allerdings, dass "Nähe zum Original" dabei überhaupt nicht gegeben sein müsse. Im Gegenteil: "Die Freiheit, die wir als kreative, improvisierende Musiker besitzen, liegt ja darin, die Musik an neue Orte, in neue Welten zu führen. Wie weit man dabei geht, ist Sache des persönlichen Geschmacks. Ich mag es, die Melodie möglichst klar zu lassen, dafür aber das Drumherum – also Akkorde, Rhythmus, Metrum – stark zu verändern."

Das Pianotrio zieht Villaume allen anderen Besetzungen vor - dieses böte, stellt er fest, unerhörte Möglichkeiten: "Weil nur drei Personen beteiligt sind, es also ein kleiner Rahmen ist, kann man mal eben während des Spielens die Richtung der Musik verändern. Man kann beliebige Abschnitte der Songs einfach ausdehnen oder ihnen durch gemeinsame Improvisation einen neuen Charakter geben." Das, lacht er, sei dann so etwas wie "Instant Arranging" auf der Bühne.

Aber auch das Solospiel nimmt derzeit immer mehr Raum in Villaumes Welt ein. Zum einen schreibt er aktuell ohnehin sehr viele Eigenkompositionen, zum anderen nimmt er derzeit im Studio eine Menge an Solomaterial auf. Vielleicht, spekuliert er, käme dabei in ein oder zwei Jahren eine reine Solo-CD mit eigenen Stücken heraus. Auf alle Fälle aber stellten Solo-Konzerte eine immer wieder heißgeliebte Herausforderung dar: "Das Großartige an Abenden, bei denen ich ganz alleine auf der Bühne bin, ist, dass ich frei bin, hin- und herzuwechseln zwischen notiertem Material und frei improvisierten Stücken." Gerade darin, sagt er, bestünde für ihn der Spaß.

Kasper Villaume - "Hands"

Nach seinem Equipment gefragt, äußert Kasper Villaume klare Vorstellungen – sein Instrument der Wahl ist das Steinway Grand: "Es gibt einfach nichts Vergleichbares! Bösendorfer mag ich weniger; die meisten, die ich gespielt habe, klangen zu weich." Auch im Studio setzt Villaume auf das Steinway D, bevorzugt abgenommen durch ein Paar DPA 4040 Mikros – positioniert nahe der Hämmer – und ein einzelnes Neumann U47, dass die Abnahme der Basssaiten unterstützt. "Die Studiosituation ist eine Sache für sich – fast alle Studios schwören auf eine eigene, jeweils optimale, Kombination von Raum, Piano, Mikrofonen und deren Positionierung. Persönlich bevorzuge ich gute Kondensatormikros, wie die von Schoeps oder Neumann, oder eben DPA. Mit Röhrenmikrofonen bin ich nie glücklich geworden – der Anschlag des Klaviers hört sich damit oft merkwürdig an, finde ich."

Wirft man einen Blick auf Villaumes Klaviertechnik, so fällt besonders die seiner linken Hand durch außerordentliche Kraft und Exaktheit auf. Wer nun vermutet, der Mann sei vielleicht Linkshänder, liegt falsch. "Nein, ich bin definitiv Rechtshänder", stellt Villaume schmunzelnd richtig, "aber zugegeben, der Arbeit an der Technik meiner Linken habe ich sehr viel Zeit gewidmet. 1997 war ich zum ersten Mal in New Orleans und erlebte dort Pianisten, die Boogie Woogie und Stride spielten oder Walking 10ths wie Art Tatum, und die mit der linken Hand eine Technik besaßen, die einfach meisterhaft war. Mir war klar, hier ist der Input, um dem Spiel meiner linken Hand mehr Ausdruck zu verleihen … und meinem Spiel insgesamt an Definition: Die Pedale beispielsweise benutze ich beim Üben überhaupt nicht mehr; so lässt sich die technische und spielerische Präzision bis an die Grenzen bringen."

Kasper Villaume

Diese Grenzen lotet er seit nunmehr sieben Jahren auch gemeinsam mit Bob Rockwell und Ed Thigpen aus. Im Grunde könnten, unterstreicht Villaume, alle nur gegenseitig voneinander lernen - die Alten wie die Jungen. "Als ich zum ersten Mal mit Bob gespielt habe", erinnert er sich, "da war ich 22. Ich habe bei unserem ersten gemeinsamen Set andauernd seine Lines nachgespielt und Bob war dann erstmal stinksauer. Dabei hatte ich nur das Bedürfnis, ihm und aller Welt zu zeigen, dass ich hören konnte, was er spielte…" Noch heute lerne er von den beiden: "Aber, seit ich moderner ans Spielen herangehe, hat sich das auch umgekehrt. Ich arbeite beispielsweise mit sehr komplexen Rhythmusschichtungen, die ziemlich abstrakt klingen können. Und für Bob und Ed ist das ein ganz neuer Sound!"

Carina Prange

CD: Kasper Villaume - "Hands" (Stunt Records STUCD 05122)

Kasper Villaume im Internet: www.villaume.dk

Stunt Records im Internet: www.sunny-moon.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2006
erschienen: 1.11.2006
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