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John Scofield - "Hot and Spicy"

John Scofield hatte schon immer ein gutes Händchen für Musik, die up-to-date ist – mit den (damals nur Insidern bekannten) Jungspunden Martin, Medeski und Wood spielte er im Jahre 1998 das powervolle Album "A Go Go" ein. Anschließend landete er mit "Bump" oder "Works for me" Groove-Jazz-Volltreffer.

John Scofield

Nach einer, im New Yorker Club "Blue Note" live aufgenommenen Trio-CD mit Steve Swallow und Bill Stewart ("EnRoute", 2004) hat er sich nun des gerade allseits beliebten Tribute-Materials von Ray Charles angenommen – "That´s what I say" bietet viele illustre Gäste auf und ist eine funkige Hommage des Gitarrenmeisters an den Hero Ray Charles.

John Scofield ist dabei keiner, der Themenalben und neue musikalische Kosmen bierernst und mit extremem Tiefgang verfolgt. Spaß am Spiel und Powerplay stehen allerorten im Vordergrund. Und eine entsprechend nette Geschichte ist es denn auch, dass eine Chili-Saucen-Firma ihre scharfe Schotenessenz ganz bewusst – und hierauf wird mit Augenzwinkern auch auf Scofields Website hingewiesen – "John Scofield Lizard Hot Sauce" getauft hat. Das Gerücht, "Sco" würde jetzt, gleich dem Schauspieler Robert Redford, eine eigene Kochzutatenserie auf den Markt bringen und die Gitarre an den Nagel hängen, entbehrt jedoch zum Glück jeder Grundlage…

Carina Prange sprach in Berlin mit John Scofield

Carina: Fangen wir mal beim ganz Aktuellen an – dein neues Album "That's what I say" ist ein Tribute an Ray Charles und verbindet diverse Musikstile wie Jazz, Rock, Blues und Soul. Betrachtest du diese CD als genreübergreifendes Werk, das deine unterschiedlichen Arbeiten und Projekte früherer Jahre reflektiert – in Bezug auf deine Arbeit als Gitarrist, Interpret und Arrangeur?

John: Du meinst, sozusagen als Schaufenster meiner Vielseitigkeit? Nein nein, das sehe ich absolut nicht so. Ich habe, so empfinde ich das, einfach ein Album zum Thema "Ray Charles" gemacht, ein Konzeptalbum. Und ohnehin wäre ich wirklich nicht der Typ, der sich hinsetzen und versuchen würde, alles, was er im Laufe der Jahre gemacht hat, in ein einziges Album hineinzustopfen. Für mich bedeutete die Arbeit an "That's what I say" unter anderem auch ein Treffen mit alten Freunden – es war einfach eine schöne Zeit, mit all diesen Leuten zusammen etwas aufzunehmen.

John Scofield

Carina: Trotzdem macht man so etwas ja nicht ohne Grund. Wie würdest du deine Verbindung zur dem Werk von Ray Charles beschreiben? Seine Musik müsstest du ja von klein auf gekannt haben…

John: Ja, richtig, Ray Charles ist tatsächlich die Musik meiner Kindheit! Ich habe seine Songs immer im Radio gehört - ich komme nicht aus einer ausgesprochen musikalischen Familie, von daher habe ich eben im Wesentlichen nur das mitbekommen, was dort gerade lief. Eine Anekdote am Rande: Ich erinnere mich, dass ich bei dem Song "Hit the Road, Jack" in meiner Naivität anfangs dachte, es ginge da um Jack Kennedy – den hat man im Volksmund auch immer nur "Jack" genannt. Totaler Quatsch, klar, aber im Alter von elf erschien mir das völlig logisch. (lacht) – Ja, Ray Charles Musik hat mir sehr imponiert, mich lange Zeit begleitet.

John Scofield

Carina: Du hast für das Kernquartett deiner neuen CD den Keyboarder Larry Goldings, den Bassisten Willie Weeks und den Schlagzeuger Steve Jordan ausgewählt. Jordan ist auch Produzent des Albums - kam dir die Idee dazu zum selben Zeitpunkt als du ihn als Schlagzeuger für das Quartett ausgewählt hast?

John: Das Witzige ist ja, dass Steve Jordan, als ich ihn kennenlernte, noch ein ganz junger Typ war, so ein Youngster halt. Wir spielten vor etlichen Jahren mal zusammen. Und irgendwann bekam ich dann mit, dass er auch Produzent ist. Es macht großen Spaß, mit ihm zu arbeiten und er ist ein großartiger Produzent und Drummer.

John Scofield - "That's What I Say"

Carina: Du hast vor ein paar Jahren mal in einem Interview mit Zan Stewart für das Magazin "Down Beat" gesagt, dass "Improvisation die Musik der Zukunft" sei. Bist du noch immer dieser Auffassung?

John: Ach richtig, das ging darum, was alles als Jazz zu bezeichnen sei, nicht? Wo Jazz anfängt und endet. Das ist lange her. Zugegeben (lacht), ich habe das gesagt, aber inzwischen ist die Zukunft von damals wohl schon Gegenwart. Und ich bin sowieso ein Typ, der ganz und gar in der Gegenwart lebt.

Wenn ich mich richtig erinnere, wollte ich damals darauf hinaus, den Stilbegriff "Jazz" vom Entstehungsvorgang der Musik, also der Improvisation, zu trennen. Jazz steht für mich an der Wurzel der Dinge, deshalb würde ich mich auch immer als Jazzmusiker bezeichnen. Aber abgesehen davon ist Improvisation und der kreative Prozess, den das umfasst, einfach eine ganz zentrale Sache in der Musik. Jetzt – und sicher auch in der Zukunft.

Carina: Du bist ein begeisterter Live-Spieler – bedeuten Live-Auftritte das, wofür andere ins Fitness-Studio gehen, um dort heftig Sport zu treiben?

John: Auf der Bühne sein und spielen hat, vom Energieeinsatz her, tatsächlich Ähnlichkeit mit Sport. Aber ich stehe total gerne dort oben, der Kontakt zum Publikum ist mir sehr wichtig. Nun, sonst könnte ich ja auch einfach faul zuhause sitzen und vor mich hin spielen!

Jedenfalls, zusammen mit dem Feedback durch die Leute macht mir alles einen Riesenspaß. Und es hat mit dem Gang ins Gym auch insofern Ähnlichkeit, dass man irgendwann davon nicht mehr lassen kann. Dass man immer wieder hingeht, wenn man erstmal Geschmack daran gefunden hat. Das macht irgendwie süchtig – und das gilt eben auch für die Bühne!

Carina: Wie wichtig ist es denn für die Chemie der Musik und der Musiker untereinander, live vor Publikum aufzutreten?

John: Das ist sowieso das A und O. Man kriegt so viel zurück, wenn man vor Leuten spielt. Für den Ausdruck der Musik ist das Live-Spielen absolut wichtig. Und du kannst dich innerhalb der Band auf der Bühne auch so wunderbar gegenseitig anstacheln und im Austausch mit dem Publikum Dinge weiterentwickeln.

Carina: Verändert sich die Musik demzufolge vom Beginn zum Ende einer Tour – und wird sie dabei eher besser, oder reißt Routine ein?

John: Eher besser, das ist definitiv der Fall! Mit der Zeit, wenn von Auftritt zu Auftritt alle so richtig eingespielt sind, wächst man auch mehr in das Repertoire hinein – die Stücke werden gewissermaßen zu einer zweiten Haut. Das fühlt sich schon super an, wenn man dann so richtig in Form ist.

Ich werde übrigens im Juli mit meinem derzeitigen Trio – Bill Stewart am Schlagzeug, der ja auch auf "EnRoute" zu hören ist, und Dennis Irvin am Bass – in Europa ein paar Konzerte geben. Wir werden auch in Deutschland zwei, drei Gigs haben. Und wir werden ausschließlich meine Songs, mein Material spielen. Es wird aber keine Ray Charles-Tribute-Tour geben.

John Scofield

Carina: Hältst du den Vergleich für passend, dass das Spielen unterschiedlicher Musikstile und die jeweilige Atmosphäre mit dem Sprechen verschiedener Sprachen verglichen werden kann? Und, um in diesem Bild zu bleiben, welche Sprache bevorzugst du vor allen anderen?

John: Sprachen? Ja, ich denke, man kann so sehen. Musik als Ganzes ist in der Tat auf eine Art eine Sprache für sich, insofern lasse ich das als Vergleich gern gelten. Und wenn man Jazz oder Soul oder Blues spielt, dann ist es schon so, als ob man sich mit dem Instrument in jeweils unterschiedlichen Idiomen auszudrücken versucht. Das ist eine gute Parallele. Präferenzen habe ich dabei aber nicht, wenn nur Leute da sind, mit denen ich mich "nett unterhalten" kann … um in diesem Bild zu bleiben! (lacht)

Carina: Du hast mit sehr vielen von den Jazzheroes deiner Zeit zusammen gespielt - ebenso mit denen der Generation vor dir. - Heute sind die Mitglieder deiner Bands viel jünger. Inspirieren dich inzwischen eher die jungen Leute, die gegenwärtigen Musikstile?

John: Nun, aktuellen Musikstilen und -strömungen habe ich mich noch nie verschlossen – grundsätzlich ist es so, dass mich alles, was zur Zeit musikalisch abläuft, sehr interessiert! Und mit jungen Leuten zu spielen, macht einfach große Freude: Ja, sie inspirieren mich, sie sind ambitioniert und sie bringen ihre eigenen, frischen Ideen, Sichtweisen und ihre Energie mit.

Und heute, wo ich selbst 53 bin, wird es ja auch immer seltener, mit den Großen aus der Generation vor mir spielen zu können – so viele von meinen Idolen leben nicht mehr. Nicht zuletzt, und nimm dies als Witz, der aber auch einen wahren Kern hat: die jungen Musiker sind für Tourneen preisgünstiger zu engagieren.

Carina: Und inwieweit handelt es sich um eine "Win-Win-Situation" für beide Seiten – für dich, wie für die jungen Musiker?

John: Beide Seiten profitieren, deshalb würde ich das auf jeden Fall so bezeichnen! Einerseits kann ich natürlich den jungen Leuten allerhand vermitteln, kann vieles weitergeben. Sie wiederum bringen im Gegenzug ebenfalls eine Menge mit ein. Es ist also definitiv auf beiden Seiten eine Sache des Gebens und Nehmens. Wir bringen uns gegenseitig weiter. Und das läuft prima.

John Scofield

Carina: Du spielst immer noch deine Ibanez Artist AS-200-Gitarre - die als "John-Scofield-Model" ja kürzlich unter der Bezeichnung JSM100 wiederaufgelegt wurde. Was macht den Sound der Gitarre aus – warum passt er für alle verschiedenen Arten von Musik?

John: Es ist ein offenes Geheimnis, dass ich seit vielen Jahren die gleiche Gitarre spiele, eben die AS-200. Die Gründe dafür sind dieselben, wie von Anfang an das Geniale an diesem Instrument ist, dass man mit ihm, wegen seiner Bauart, unheimlich viel machen kann.

Die AS-200 steht als Semi-Solidbody charaktermäßig zwischen den Solidbody- und den Vollresonanzgitarren und kann all das abdecken, wofür man ansonsten Instrumente verschiedener Bauweisen bräuchte - das gilt zumindest für meine Belange! (lacht)

Die hier verwendeten Hölzer, Ahorn für den Body und, für den Hals, eine Kombination aus Ahorn mit Mahagony, haben natürlich auch damit zu tun – aber ich will dich nicht zu sehr mit Einzelheiten nerven. Ich liebe einen warmen, ausgewogenen Grundsound, und der funktioniert für mich für Jazz bis Funk. Aus ähnlichen Gründen schwöre ich auf meine zwei Mesa Boogie Amps – diese Kombination hat sich als total vielseitig erwiesen. Damit kann man zaubern - mehr brauche ich eigentlich nicht.

Carina: Ist es eigentlich so, dass im Laufe der Jahre dein Leben neben der Musik, sprich Familie und alles, was sonst noch so passiert, mehr an Stellenwert gewinnt?

John: Ja, mit der Zeit habe ich immer mehr erkannt, wie wichtig mir meine Frau und meine Kinder sind. Zum Glück rechtzeitig: Musik ist nämlich einfach nicht das Leben – das zu behaupten, wäre barer Unsinn! Sondern es gibt "die Musik" und dann gibt es "das Leben an sich". Und letzteres wird mir mit den Jahren immer wichtiger.

Carina Prange

CD: John Scofield - "That's What I Say" (Verve/Universal)

John Scofield im Internet: www.johnscofield.com

Verve Music im Internet: www.vervemusicgroup.com

Fotos: Pressefotos

Mehr bei Jazzdimensions:
John Scofield - "Works For Me" - Review (erschienen: 21.2.2002)

© jazzdimensions 2006
erschienen: 22.11.2006
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