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Daniel Schnyder - "Gute klassische Musik ist integrativ"

Diese Musik stellt manchen vor ein Dilemma: Klassik oder Jazz - was hat man hier vor sich? Außerdem - können und dürfen denn Jazz, Klassik und gar auch noch World-Sounds wirklich zu einem neuen, homogenen Ganzen verbunden werden? Kaum einer hat diese Fragen so oft zu hören bekommen wie Daniel Schnyder.

Daniel Schnyder (Thomas Cugini)

In der Schweiz geboren und aufgewachsen, ist der Musiker seit vielen Jahren in New York beheimatet, von wo aus er mit zahlreichen Projekten den Globus bereist. Die "Trennungssehnsucht" wie er es bezeichnet, die seitens Plattenfirmen und Medien in Bezug auf Genres und Stilrichtungen existiert, hat der von internationalen Orchestern mit Kompositionsaufträgen Bedachte nie verstanden. Akzeptiert schon gar nicht: so ignoriert der Saxophonist, Flötist, der vielseitige Komponist, Arrangeur und Bandleader diese Grenzen schon seit langer Zeit.

Wobei "ignoriert" noch schwach ausgedrückt ist; Schnyder setzt sich über solche Sparteneinordnungen bewusst hinweg. Die Musik versteht er als etwas Ganzheitliches, erkennt Parallelen und gegenseitige Befruchtung zwischen Jazz und Klassik sowohl aus musikanalytischer wie emotionaler Sicht. Weitere Quellen lässt er in Form ethnischer Elemente mit einfließen und knüpft so neue Verbindungslinien auf dem Weg zu seiner persönlichen "Musik der Integration."

Carina Prange sprach mit Daniel Schnyder in den belebten Fluren von Schloß Elmau während des "European Jazztivals".

Carina: Das Konzert hier auf Schloß Elmau präsentiert eines deiner Kammermusikprojekte. Saxophon und Streichquartett im Spannungsfeld von Jazz und Klassik – wenn man vereinfacht sagt, dass hier eine klassische Besetzung als Jazzband auftritt, muss man da als Musiker flexibler denken?

Daniel: Also … ob "flexibler" weiß ich nicht ganz genau. (lacht) Aber es gibt natürlich Momente, die völlig anders sind als bei einer regulären Jazzband. Dort nämlich sind die Funktionen weitgehend festgelegt: das Klavier für die Harmonie, der Bass für den Basston, das Schlagzeug für den Rhythmus – und der Solist baut sein Spiel auf diesem Muster auf. Bei unserer Besetzung hingegen ist es völlig anders, weil diese Muster die ganze Zeit wechseln. Es gibt einerseits Momente, wo die Geige solistisch spielt, dann wieder improvisierte Passagen, wo ich mit dem Saxophon im Gegenzug auf die Textur des Streichquartettes reagiere.

Daniel Schnyder (Anja Tanner)

Carina: Wie sehen die besonderen Möglichkeiten einer solchen Besetzung aus?

Daniel: Man hat ganz andere dynamische Möglichkeiten, die im Jazz teilweise wenig ausgelotet werden – die vielleicht in der Musik von Charles Mingus vorkommen, aber weniger beim traditionellen Jazz: Sachen wie "subito", "piano", und Crescendi auch in der Mikrostruktur der Musik. Dann ist es natürlich so, dass die ganze Kontrapunktik eine völlig andere ist. Bigbandmusik ist kontrapunktisch ja im besten Fall nur zwischen den verschiedenen Sektionen – also bei der traditionellen Bigbandmusik der Saxophonsatz gegen den Trompetensatz. Aber auch das ist eine Art von homophoner Satzweise.

Das ist mit einem Streichquartett ganz anders – da läuft eine polyphone, polyrhythmische Struktur ab; die einen spielen Triolen, die anderen Sechzehntel, und dazu spielt der nächste im kompletten Gegenrhythmus. Streicher sind das ja auch gewohnt – die ganze Streichquartettliteratur ist so! Würde ich versuchen, das gleiche Programm mit reinen Jazzmusikern zu spielen, gäbe es unglaubliche Probleme: Die kennen das nicht, sich in dieser Richtung "kammermusikalisch" zu verhalten.

Daniel Schnyder (Anja Tanner)

Carina: Du bist sowohl in der Klassik als auch im Jazz versiert, lässt in deine Musik, in deine Kompositionen aber auch Elemente der Weltmusik mit einfließen. Warum, denkst du, ist vielen Hörern, Musikern und Plattenfirmen eine solche Melange nach wie vor suspekt? Du dagegen praktizierst sie, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt…

Daniel: Tja, es ist ja so: Wir leben eben in einer multikulturellen Gesellschaft, was sich auch in meiner Musik reflektiert. Es geht ja nicht an, dass wir diese "Schubladisierung" der Musik weiter forttreiben – im Sinne von: hier Worldmusic, hier klassische Musik und hier Jazz. Sondern, man sollte eigentlich zurückfinden zu einer "Musik der Integration". Das ist übrigens eine verbreitete Bestrebung – nicht nur meinerseits, sondern ganz international sieht man, dass in diese Richtung gearbeitet wird. Das ist ein Prozess, der mich als Europäer natürlich sehr interessiert.

Allein, in der Industrie ist das natürlich noch nicht richtig realisiert worden. Gut, die versuchen zwar, künstlich solche Sachen zu machen, aber so etwas muss von innen kommen, von den Musikern – und nicht von außen: Man kann nicht einfach irgendwie einen arabischen Musiker nehmen, ein wenig John Coltrane und etwas Elvin Jones – und dann alles zusammenmischen. Sondern das muss aus einer artistischen Notwendigkeit heraus geschehen!

Daniel Schnyder - "Songbook"

Carina: Sich gleichzeitig in der Welt der Klassik und des Jazz zu bewegen – was bedeutet das für einen Saxophonisten?

Daniel: Um eine interessante Musik zu schreiben ist es natürlich so, dass man spieltechnisch auf beide Stilrichtungen zurückgreifen sollte. Wie man damit umgeht, erfordert dann entsprechend umfassendes technisches Know-how: Also zum Beispiel mit der Zunge, da gibt es "klassische" Stakkati, die ich spiele, die im Jazz in der Form nicht vorkommen. Das macht keiner – außer vielleicht Bobby Watson; aber das ist ein bisschen ein anderer Stil. Und dann sind wiederum auch Sachen dabei, die reine Jazzphrasierungen sind, die in der klassischen Musik so nicht vorkommen. Ich mische das ganz bewusst.

Carina: Wie sehen beispielsweise jeweils die Ansprüche an die Intonation aus?

Daniel: Ja, die Intonation … also das ist natürlich etwas, das jetzt mit einem Streichquartett viel weniger flexibel ist: Da muss man intonationsmäßig perfekt spielen, sonst machen die nicht mehr mit. (lacht) Da kommt dann schnell mal der Protest "Halt!" – Denn in dieser Beziehung sind die sehr empfindlich, während der traditionelle Jazzer in der Richtung ein bisschen weniger sensitiv ist.

Carina: Kommt daher vielleicht die Behauptung, das Jazzspielen verderbe den sauberen Ton, der für die Klassik benötigt wird?

Daniel: Das wäre sehr schwierig, zu belegen. Einer der berühmten Jazztrompeter ist ja Wynton Marsalis, der aber auch einige von den besten klassischen Aufnahmen gemacht hat, die es überhaupt gibt.

Also, ich würde mal so sagen, der "klassische Sound" ist ja etwas, was wir einfach postulieren. In letzter Zeit hat man sich auch Fragen in dieser Richtung gestellt – beispielsweise, wie denn eigentlich Barockmusik zu klingen hätte. Nimmt man hierfür traditionelle Instrumente, dann ist der Sound wiederum anders.

Also: Sound ist etwas sehr Flexibles und war bis ins letzte Jahrhundert – sagen wir mal 20er oder 30er Jahre – auch eine sehr individuelle Sache. Ein großer Solist hat einen eigenen Sound gehabt. Das Problem, das wir in der klassischen Musik haben, ist die Normierung des Klangs. So dass inzwischen alles gleich klingt. Wie Klassik in Tokyo, in Frankreich oder Deutschland gespielt wurde, war dagegen vor sechzig Jahren noch völlig unterschiedlich; auch der Sound der Instrumente. Und das finde ich eigentlich sehr schade.

Daniel Schnyder - "Colossus of Sound"

Gerade im Jazz liegen beispielsweise zwischen den Stimmen von John Coltrane oder Charlie Parker, zwischen denen von Ben Webster oder Stan Getz einfach Welten. Das hat mit der Person und mit deren Auffassung von Ästhetik etwas zu tun: Und das ist ja, was schlussendlich auch interessant ist!

In der Klassik hat auf der Geige natürlich auch Jascha Heifetz (1901-1987, der wohl berühmteste Geiger des 20. Jahrhunderts, d. Red.) seinen sehr speziellen Klang gehabt und David Oistrach (1908-1974) hat noch einen spezielleren Klang gehabt; Pablo Casals auf dem Cello sowieso. Und heute … – ich meine jetzt nicht in allen Fällen, aber doch in den meisten! – gibt es da eine gewisse Normierung. Das finde ich schade, weil da zwar an Perfektion gewonnen, aber dafür an Individualität verloren wird.

Carina: Kommen wir mal zum Komponieren und Arrangieren - du schreibst oft Musik für große Formationen, etwa Sinfonieorchester wie beispielsweise das "Milwaukee Symphony Orchestra". Wie sehr unterscheidet sich das Schreiben für klassische Orchester vom Komponieren für kleine Besetzungen?

Daniel: Also, was mich reizt am "großen Apparat", ist, dass diese Institutionen weltweit vorhanden sind. Mit den entsprechenden Konzertsälen. Und dass das romantische Orchester eigentlich ein Luxus ist, den wir uns leisten. Den unsere Gesellschaft sich leistet. Wenn man diesen verfügbaren Klangkörper nicht benutzt – als kreativer Musiker oder als Komponist – dann verschließt man sich einfach unglaublichen Möglichkeiten.

Der Nachteil eines Orchesters ist natürlich der, dass jeweils viel zu wenig Probenzeit da ist, um wirklich die Mikrostruktur der Musik zu bewältigen. Hier liegt der Vorteil von der kleinen Formation, man kann da noch mehr im Detail arbeiten. Entsprechend kann man auch an die Grenzen, aufs Ganze gehen – also diese Art von "Kamikaze"-Spiel pflegen, die man sich mit einem Orchester nicht leisten kann. Dort kämen nämlich Proteste wie "unspielbar!" oder "können wir in zwei Proben nicht machen!" und so weiter – und leicht verschwindet das dann in der Schublade.

Daniel Schnyder (F. Pfeffer)

Carina: Man hat die Musik deines Concertos for Bass Trombone "subZERO" vom Album "Absolution" als "Kopfmusik für den Körper" bezeichnet. Wieweit sind Jazz und Klassik in deinen Augen vom Ansatz her "verkopfte Musik" und wie weit sollten Teile davon auch Tanzbarkeit und Lebensfreude sein – oder wie weit nicht?

Daniel: Also, was für die ganze Musik gilt, ist, dass man versucht, eine Balance zu finden zwischen Seele, Körper und Geist. Verliert man diese Balance, macht also, sagen wir, nur noch Hardbeat-Musik … bumm, tschak, bumm, tschak … dann vergisst man einen Aspekt des Menschseins. Die Idee der guten klassischen Musik ist, dass sie "integrativ" ist, dass sie alle Aspekte des Menschseins verbinden kann. Genau das Gleiche gilt bei guter Jazzmusik: Da ist ein sehr großer intellektueller Aspekt – "Giant Steps" von Coltrane ist eigentlich auch eine Übung fürs Gehirn! – auf der anderen Seite hat Jazz diese rhythmische Farbe und dann natürlich den Ausdruck, der ganz direkt die Seele anspricht.

Klassik und Jazz, das sind die beiden Musikarten, die das optimal vereinen. Die Popmusik, oder die reine Tanzmusik – also, das ist jetzt meine Meinung, wie gesagt! – sind Subsparten von Musik, die nicht integrativ sind, sondern die gewisse Aspekte betonen. Dancefloor-Musik, Musik als Hintergrund am Airport, Bahnhof oder im Restaurant, das sind andere Qualitäten!

Carina: Du lebst seit vielen Jahren in New York. Was macht diese Stadt und die USA so attraktiv – im Vergleich zur Schweiz? Geht es dabei eher um die musikalischen Projekte und Möglichkeiten oder spielen auch private Präferenzen eine Rolle?

Daniel: Du hast ja das Bassposaunenkonzert erwähnt. Sowas konnte natürlich nur in Amerika zustande kommen – David Taylor, jener Bassposaunist, ist ein sehr guter Freund von mir, wir haben zusammen in meinem Septett gespielt. Dabei habe ich realisiert, was der alles spielen konnte – dem kann man aufschreiben was man will, egal, es kommt aus dieser Bassposaune raus. Und nachher hat er gesagt, hey, Daniel, du musst mir ein Konzert für Bassposaune schreiben, du musst einfach!

Dadurch, dass auch Kristjan Järvi, der jetzt am Tonkünstler-Orchester in Wien Chefdirigent geworden ist, daran interessiert war, ergab sich die Möglichkeit, das zu machen. Solche Sachen entstehen, wie gesagt, nur in New York, weil da die Leute sind, die diese Energie haben - und auch den Willen, Neues zu schaffen.

Auch im ethnischen Bereich habe ich zum Beispiel eine Reihe arabischer Musikprojekte realisieren können. Jazz sowieso, das ist ja eh klar! In New York kommen die verschiedenen Kulturen und verschiedenen Qualitäten optimal zusammen – und all die Genies, die es da gibt. Weil es wirklich eine interkulturelle Stadt ist – vielleicht die, die am meisten das umgesetzt hat, wie vielleicht auch die Zukunft ausschauen wird. Nur die Wohnsituation… also, man hat da ein Quartier, da fühlt man sich in Indien oder in China, wirklich extrem!

Daniel Schnyder (Pavel Antonov)

Carina: Was ist heutzutage wichtig, um als Musiker am Ball zu bleiben?

Daniel: Ich denke, dass man sich als Musiker jeden Tag bis zu einem gewissen Grad auch neu erfinden muss. Gerade in der heutigen Zeit ist es so, dass eine gewisse Flexibilität gefragt wird, weil sich die Landschaft total ändert. Am Radikalsten der CD-Markt, die ganze Plattenindustrie, die vehementem Wandel unterliegt. Dann aber auch – und das kommt in Österreich und Deutschland noch, in Amerika ist das schon vorbei – die öffentlich-rechtlichen Anstalten, die die Musik produziert haben, einfach, weil das Kulturauftrag des Staates war, das wird wegfallen. Die öffentliche Kulturunterstützung wird immer weniger werden, weil immer kleinere Teile der Gesellschaft, sagen wir, "politisch bereit" sind, dafür zu bezahlen. Und weil "andere Probleme" anstehen.

Und da muss man einfach eine gewisse Flexibilität haben. Wenn man die nicht hat, dann gibt es eben vielleicht den Härtefall früher oder später. In der Art glaube ich, dass man sich jeden Tag als Musiker wieder neu zu erfinden hat. Sich fragen muss: was mache ich heute, was will ich machen, zu was habe ich eigentlich Lust? Was sind die Dinge, die mir wichtig sind im Leben. Und das dann weiterführen. Nicht an irgendwelchen Sachen hängen bleiben, die vielleicht morgen oder übermorgen nicht mehr sind.

Carina Prange

CD: Daniel Schnyder - "Songbook" (CCnC Records 02322)

Daniel Schnyder im Internet: www.danielschnyder.com

CCnC Records im Internet: www.ccnc.de

Fotos: Pressefotos, www.danielschnyder.com

© jazzdimensions 2006
erschienen: 15.8.2006
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