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Christy Doran - "Komponieren vor der Steilwand"

Unbeirrt und konsequent geht der Gitarrist und Komponist Christy Doran seit Jahrzehnten seinen eigenen Weg. In Irland geboren, seit seinem elften Lebensjahr in Luzern lebend, zählt er zu den interessantesten Persönlichkeiten auf den europäischen Improvisationsbühnen.

Christy Doran

Christy Doran war Gründungsmitglied des legendären Electric Jazz Ensembles "OM" und hat u.a. mit Han Bennink, Marty Ehrlich, Albert Mangelsdorff, Stefan Wittwer, Fritz Hauser, Tim Berne und Lauren Newton gearbeitet. 1997 gründete er die Band "New Bag". Neben seiner Lehrtätigkeit an der Musikhochschule Luzern schreibt er Musik für Theater, Film und Ballett.

Herbert Federsel sprach mit Christy Doran

Herbert: In deiner Musik finden sich Einflüsse aus Jazz, Rock, freier Musik, Noise, Ethno. Wie würdest du dein musikalisches Selbstverständnis definieren?

Christy: Früher wäre ich gerne als Jazzmusiker bezeichnet worden; inzwischen ist diese Bezeichnung gerade mit dem aufgekommenen Neo-Konservatismus zu eng für mich. Ich würde mich als improvisierenden und komponierenden Gitarristen bezeichnen. In meiner Musik kommen alle Musikströme zusammen, welche ich in meinem bisherigen Leben durchlaufen habe: Irische Volksmusik, Rock, Jazz, Klassik und klassische Avantgarde, Improvisierte Musik und Instant Composing, ethnische Musik.

Christy Doran

Herbert: "New Bag" ist eine "working" Band, die seit 1997 besteht. Lange für die heutige Szene...

Christy: Schon OM existierte 10 Jahre lang, von 1972–1982. In jener Zeit habe ich erfahren, was es heißt, wenn eine Gruppe zusammengewachsen ist; so ein Zusammenspiel entwickelt sich über Jahre – man könnte die besten Musiker engagieren und doch kämen diese "Höhenflüge in blindem Verständnis" nicht zustande. Vorbild ist u.a. das alte Miles Davis-Quintett mit Wayne Shorter, Hancock/Corea, Tony Williams und Ron Carter, welches fünf Jahre lang (1964–1969) intensiv zusammen spielte.

Leider ist dies in der heutigen schnelllebigen Zeit selten geworden. Publikum, Veranstalter und nicht zuletzt auch Kulturmanager bei den Kulturinstitutionen möchten alle zwei Jahre ein neues "Projekt". Ich schwimme (auch) diesbezüglich gegen den Strom.

Christy Doran

Herbert: Der Titel der neuen "New Bag" CD ist "Now is the time". Wie ist der Titel zu verstehen?

Christy: Letztes Jahr erhielt ich die Gelegenheit, für drei Monate in einem Künstleratelier in Venedig zu wohnen, um zu komponieren. Eine Sache, auf welche ich mich schon jahrelang gefreut habe! Damals sagte ich mir "Now's The Time!!!". Ich wohnte gegenüber der Giudecca, wo das "Archivo Luigi Nono" beheimatet ist. Dieses besuchte ich des öfteren und habe dabei auch die Frau von Nono (die Tochter von Arnold Schönberg) kennen gelernt. Nonos Werk, seine Kompromisslosigkeit haben mich von jeher sehr beeindruckt.

Christy Doran's New Bag - "Now's the time"

Herbert: Die Instrumentierung auf "Now is the time" ist rein akustisch.

Christy: Dies hängt auch mit dem Venedig-Aufenthalt zusammen. Ich habe dort auch ein neues Programm für (akustische) Solo-Gitarre geschrieben und später einen Teil dieser Stücke für "New Bag" arrangiert. Es ist faszinierend zu hören, was die Band aus den Kompositionen gemacht hat.

Herbert: Auffällig ist, dass ihr sehr komplexe, durchstrukturierte Kompositionen spielt, die fast alle von dir stammen. Alles wirkt ungeheuer frisch und homogen und groovt dazu wunderbar.

Christy: Danke, das finde ich auch und bin auch Fabian Kuratli (drums) und Wolfgang Zwiauer (akustische Bass-Gitarre) für ihren Beitrag sehr dankbar. Es gibt ja gerade in der improvisierenden Szene viele Musiker, welche auf gar keinen Fall grooven möchten. – Aber warum soll man sich musikalisch einschränken, gerade in einer Sache, wo wir gegenüber den klassischen Musikern im Vorteil sind!? Es kommt mir vor wie früher bei gewissen Free Jazzern, wo Dreiklänge "verboten" waren!

Herbert: Gerade im akustischen Setting spürt man die schiere Energie, die in eurer Musik steckt. Im Konzert nimmt man sofort wahr, mit welcher Leidenschaft und welchem Respekt für einander alle bei der Sache sind.

Christy: Ehrlich gesagt, bin ich selber überrascht; ich hab's so auch noch nie gehört. Die Band ist menschlich und musikalisch einfach zusammengewachsen.

Herbert: Im Vordergrund steht nicht so sehr die solistische Höchstleistung sondern mehr ein kollektives Vorgehen.

Christy: Ich strebe eine gute Ausgewogenheit in Bezug auf Soli und Kollektivimprovisationen an. Dabei sind die Soli vielfach über ein geschriebenes Gerüst (Vamp) gelegt, sodass es durchaus vorkommen kann, dass die Musik beim ersten Hören nach einer Kollektiv-Impro klingt. Erst bei mehrmaligem Hören erkennt man die Strukturen.

Christy Doran

Herbert: Die Musik von "New Bag" ist rhythmisch ungeheuer intensiv und percussiv. Pianist Hans-Peter Pfammatter präpariert sein Instrument, um es noch percussiver klingen zu lassen.

Christy: Ich würde mich auch eher als Rhythmiker denn als Harmoniker bezeichnen. Hans-Peter habe ich gebeten, sein Instrument zu präparieren. Auch die Gitarre habe ich z.T. präpariert, aber der Flügel ist natürlich viel eindrucksvoller und hat diesbezüglich viel mehr Möglichkeiten. Gerne würde ich die Gitarre vermehrt präparieren, dies sollte aber nicht zu effektmässig sein.

Herbert: Ungewöhnlich, wie der Bruno Amstad seine Stimme instrumental einsetzt.

Christy: Bruno hat sich seit Anfang der Band wahnsinnig entwickelt. Kennen gelernt habe ich ihn eigentlich in der Fasnachtsmusik vor x Jahren! Sein Range ist mittlerweile immens und reicht vom Obertongesang über Trash Metal zu filigranen Sounds.

Herbert: Das Material von "New Bag" stammt fast ausschließlich von dir...

Christy: Ja, ich schreibe die meisten Stücke für die Band. Obwohl ich die Kollegen von Anfang an ermuntert habe, eigene Stücke in die Band zu bringen, haben bis jetzt erst Fabian sein Stück "Home" (auf "Perspectives"), und Hans-Peter sein Stück "Terrible Wonderland" (auf "Now's the Time") für die Band geschrieben.

Christy Doran's New Bag

Herbert: Deine Kompositionen sind immer wieder voller Brechungen, Verfremdungen und ungewohnter Songschemata. Wie komponierst du?

Christy: Ich bin ja Autodidakt; entweder komponiere ich auf der Gitarre oder im Kopf. Viele der Kompositionen sind deshalb letztlich Gitarrenmusik. Ich gebe beispielsweise nur die Gitarrenpartitur an die Bandmitglieder. Sie wählen selber aus, was und wie sie mitspielen wollen. Bis jetzt hat sich diese Vorgehensweise bewährt: sie spielen besser als ich für sie je schreiben könnte.

Ich betrachte zum Beispiel für mich das Programm von "New Bag" im großen Überblick und schreibe dann event. ein Stück, welches das Programm ergänzen könnte. Deshalb habe ich auch die "Afro"-Stücke wie "Happy Black Soul" oder das "Five-Four-Afro" geschrieben, weil sie quasi "Ruhepunkte" im Programm sind und somit verhindern, dass die ZuhörerInnen überfordert werden.

Eine Kompositionsmethode habe ich nicht und jede Komposition beginne ich von Null. Gute Ideen sind mir zum Beispiel beim Wandern eingefallen. Es wäre lustig zu wissen, wo mir was eingefallen ist; beispielsweise die vertrackte rhythmische Figur von Bass und Drums im Stück "Perspectives": vor einer Steilwand in den Innerschweizer Bergen. Komisch! Die vielen Mosaiksteinchen fügen sich später allmählich in eine Form. Das letzte Stück, welches ich geschrieben habe, ist von der Komposition her gesehen ziemlich "konservativ": die Entwicklung eines Motivs, das ad absurdum geführt wird.

Christy Doran

Herbert: Wie groß ist der Anteil frei improvisierter Passagen?

Christy: Schätzungsweise 80% Impro und 20% Komposition, wobei vielfach über ein komponiertes Gerüst improvisiert wird.

Herbert: Leute schwärmen noch heute, fast 25 Jahre nach der Auflösung der Band, von "OM" (mit Urs Leimgruber, Bobby Burri, Fredy Studer). Im Sommer soll es zu einem Reunionkonzert kommen.

Christy: Anlässlich der Ausstellung "Ausser Rand und Band" im Historischen Museum in Luzern kam vom Kurator Heinz Horat die Idee, "OM" konzertieren zu lassen. In diesem Zusammenhang wird ECM auch eine "Best of ..." CD veröffentlichen mit einer Auswahl von Stücken von den vier alten LPs auf JAPO/ECM. Im Konzert spielen wir im ersten Set Stücke von damals, im zweiten Set wird dann frei improvisiert. Obwohl "OM" als eine Fusion-Band bezeichnet wurde, habe ich sie selten als solche erlebt; es waren einfach binäre Rhythmen, aber die Freemusic war uns gerade so wichtig.

Doran/Stucky/Studer/Clarke - "Jimi"

Herbert: 1995 hast du "Play the music of Jimi Hendrix" aufgenommen. 2004 "Jimi"...

Christy: Hendrix hat mich schon zu seinen Lebzeiten hypnotisiert; mit dem Nachspielen seiner Musik fanden auch meine ersten Improvisationsgehversuche statt. Als Jimi starb, fiel ich in ein richtiggehendes Vakuum. Ich habe mich dann dem Jazz zugewandt, alle die Klassiker gehört. Dann entdeckte ich die "Extrapolation" von John McLaughlin und die "Infinite Search" von Miroslav Vitous (beides Europäer!), und ich begann dann meinen eigenen Weg zu gehen.

Hendrix war und ist für mich ein Genie. Es ist einfach unmöglich, dass einer mit 25 Jahren eine dermaßen reife Musikerpersönlichkeit und so "strong" sein kann!

Herbert: Gegenwärtig bereitest du Kompositionen für eine irisch-schweizerische Literaturbegegnung vor. Der andere Komponist ist Ronan Guilfoyle aus Dublin.

Christy: Die irischen Festivals in Cork und Kilkenny haben in einer Co-Produktion einen Kompositions-Auftrag an Ronan Guifoyle und mich erteilt. Wir werden Texte von Samuel Beckett verwenden und diese mit der jungen Schweizer Sängerin Isa Wiss und dem jungen irischen Drummer Sean Caprio im August 2006 beim Kilkenny Festival, sowie Ende Oktober beim Jazzfestival in Cork aufführen.

Herbert: Wie gehst du an Beckett ran?

Christy: Wir sind im Moment erst am Aussuchen der Texte. Sowohl Ronan wie auch ich haben noch nie mit Texten gearbeitet, es ist eine echte Herausforderung! Auch sind wir beide nicht sehr belesen. Inzwischen habe ich natürlich einiges von Beckett gelesen und die Texte haben mich berührt. Viel Arbeit steht uns bevor!

Herbert: Ronan Guilfoyle ist einer der profiliertesten Jazzmusiker Irlands. Wie gestaltet sich eure Zusammenarbeit?

Christy: Ronan und ich haben vor ca. 10 Jahren schon ein "Irish-Swiss"-Projekt initiiert, im Trio mit dem englischen Schlagzeuger Steve Arguelles. Wir haben Konzerte in Irland und in der Schweiz gespielt. In letzter Zeit haben wir uns jedes Jahr gesehen, entweder bei den IASJ (Int. Association Schools of Jazz) Meetings oder an der Luzerner Musikhochschule, wo Ronan jeweils im Juni als externer Experte bei den Diplomprüfungen der Jazzabteilung fungiert.

Christy Doran

Herbert: Du hast in deiner Karriere zahlreiche Wegmarken gesetzt. Sei es im Electric Jazz mit OM, in freien Projekten mit "Red Twist & Tuned Arrow" oder jetzt mit "New Bag". Magst du was über deine nächsten Pläne verraten?

Christy: Das neue Solo-Programm werde ich mit "Visual Surroundings" von Susanne Dubs gelegentlich aufführen, zum Beispiel beim Gitarrenfestival in Treviso/Italien im Mai. Meine neue Solo-CD wird im Herbst auf "Creative Works" veröffentlicht. Das Quartett "Acoustic Strings" des Bassisten Heiri Känzig mit dem französischen Geiger Domenique Piffarély und Drummer Fabian Kuratli wird auch eine CD veröffentlichen mit drei meiner Kompositionen.

Von der Musikhochschule Luzern – ich war 1972 Mitbegründer der Jazzabteilung und ich unterrichte da seither – habe ich ein "Sabatical" erhalten, einen dreimonatigen bezahlten Urlaub. Dies ist für Ende 2006/Anfang 2007 vorgesehen. Eventuell gehe ich nach Indien, um dort ein neues Projekt in Angriff zu nehmen.

Herbert: Eine deiner Kompositionen heißt "Heitere Gelassenheit".

Christy: Vor Jahren wurde mir in einem Horoskop eine heitere Gelassenheit vorausgesagt! Gebrauchen könnte ich es bisweilen sehr, um der Verbitterung entgegenzuwirken angesichts der zunehmenden Ausrichtung auf Einschaltquoten. Wie viele Highlights hätte es nie gegeben, wenn die Künstler a priori den Erfolg vor Augen gehabt hätten.

Herbert Federsel

CD: New Bag - "Now's the time" (Double Moon BTLCHR 71214)

Christy Doran im Internet: www.christydoran.ch

Double Moon im Internet: www.doublemoon.de

Fotos: Francesca Pfeffer, Ben Huggler

Mehr bei Jazzdimensions:
Christy Doran 's New Bag - "Now's the time" - Review (erschienen: 21.5.2006)
Doran/Studer/Stucky/Clarke - "Jimi" - Review (erschienen: 13.3.2006)

© jazzdimensions 2006
erschienen: 11.6.2006
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