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Yuri Honing - "Respekt gegenüber dem Instrument"

Yuri Honing als Aushängeschild des holländischen Jazz zu bezeichnen, ist richtig und falsch zugleich: Auf der einen Seite ist Honing in der Tat - weltweit betrachtet - einer der am stärksten wahrgenommenen Jazzmusiker aus den Niederlanden. Andererseits sind es gerade seine Ausflüge in andere Genres, in vielfältige, kulturell vollkommen gegensätzliche Musikwelten, die das Markenzeichen des jungen Saxophonisten ausmachen und es schwer machen, ihn konkret einer bestimmten Schule zuzuordnen.

Yuri Honing

Aus der Vielzahl seiner unterschiedlichen Projekte sticht sein über Jahre konstant besetztes Trio hervor, von dem nun, nach fünfjähriger Wartezeit, ein neues Album erschien: "Alive" ist gleichzeitig Dokumentation einer fulminanten Bühnenpräsenz wie Portrait eines außerordentlich gut eingespielten Teams und dessen herausragendem Protagonisten.

Carina Prange sprach in Berlin mit Yuri Honing

Carina: Du wirst, was hier und da angedeutet wurde, in Kürze eine Live-CD veröffentlichen. Wann kommt sie , und mit welcher Besetzung ist sie aufgenommen - mit deinem bewährten Trio mit Tony Overwater und Joost Lijbart oder mit der "Yuri Honing Group", also mit Frank Möbus und Bart Fermie als zusätzliche Musiker?

Yuri: Mein derzeit noch aktuelles Album - mit dem passenden Titel "Alive" - ist, endlich wieder, eine reine Trioeinspielung. Bereits seit eineinhalb Jahren redeten wir ständig davon, eine neue Platte in dieser Besetzung aufzunehmen. Unsere letzte reine Trio-CD war nämlich "Sequel" - und das war 1999!

Carina: Warum gerade ein Live-Album? Inwieweit unterscheidet sich die Live-Situation von der Studioarbeit?

Yuri: Mir war es aufgrund der Unterschiede zu den Studioproduktionen wichtig, einmal ein Live-Album einzuspielen. Ich hielt es für spannend, die Art und Weise mitzuschneiden, wie wir live auf der Bühne rüberkommen. Denn: Für ein Publikum agieren wir einfach total anders. Das Ganze ist intensiver, riskanter gespielt und leidenschaftlicher - und hat auch mehr Rhythmus. Und weil wir in der Kernbesetzung jetzt als Band bereits fünfzehn Jahre zusammen sind, haben wir der CD eine Bonus-CD-ROM hinzugefügt. Sie enthält eine Zusammenstellung von Videomitschnitten, die während der letzten Jahre bei unseren Touren rund um den Globus aufgezeichnet wurden.

Yuri Honing Trio

Carina: Wie wichtig ist dir für deine unterschiedlichen Bandkonstellationen eine jeweils gleichbleibende Zusammensetzung der Musiker? Inwieweit beeinflussen Bandfeeling und gegenseitiges Vertrauen das musikalische Ergebnis?

Yuri: Mit der Musik ist es wie mit der Liebe: Wenn du fest zusammenbleibst, gelingt es mit der Zeit, zu tieferen Ebenen der Kommunikation vorzudringen. Ich kann in diesen Jungs lesen wie in einem Buch und sie können das bei mir auch. Das spart viel Zeit! Und, davon abgesehen, wenn du gut befreundet bist, macht es das ewige auf Tour sein wesentlich erträglicher.

Yuri Honing - "Wired Paradise"

Carina: Seit wann spielst du das Tenor-Sax und was hat dich gerade am Tenor gereizt? Um welche Marke und welches Modell handelt es sich? Wählst du fürs Touren und für die Studioarbeit zwischen verschiedenen Instrumenten?

Yuri: Ich habe angefangen, Klavier zu spielen, als ich fünf war. Mit zwölf bin ich dann zum Alto-Sax gewechselt und erst mit achtzehn Jahren wurde das Tenor-Sax zu meinem Hauptinstrument. Tatsächlich spiele ich noch immer dasselbe Tenor, das ich mir mit achtzehn gekauft habe: Das Instrument hatte bei meinen Nachbarn an der Wand gehangen - und wurde nie gespielt! Es ist ein schönes Selmer Mark IV, aus dem Jahre 1965. Und, ja, es ist mein einziges Saxophon!

Carina: Wie sieht es denn mit Mundstücken und Blättern aus - was favorisierst du?

Yuri: Ich verwende ein Mundstück von Dave Guardala, das in etwa eine Kopie meines Otto Link 9* darstellt, welches ich früher verwendet hatte. Blätter? - da fällt meine Wahl auf Frederick-Hemke-Reeds, No. 4.

Carina: Wie wichtig ist die Wahl des Mikrofons für deinen Live-Sound?

Yuri: Für Konzerte setze ich das bestmögliche Mikrofon ein - das Neumann TLM 103. Weißt du, wenn du so lange und hart daran gearbeitet hast, einen guten Sound zu erzielen, dann verdient er es, auf angemessene Weise verstärkt zu werden. Der reine, direkte, akustische Klang, so wie man ihn im Raum hören kann, ist mir immer am liebsten.

Carina: Wo und bei welchen Lehrern hast du Saxophon studiert? Und auf welchem Konservatorium warst du?

Yuri: Mein erster Lehrer war Henny Kluvers. Auf dem Konservatorium habe ich bei Herman Schoonderwalt und Ferdinand Povel studiert. Außerdem hatte ich Unterricht bei den beiden Pianisten Rob Madna und Henk Elkerbout, welche unglücklicherweise nicht mehr am Leben sind. Studiert habe ich am Hilversum Conservatory, welches inzwischen zum Conservatorium of Amsterdam umbenannt wurde.

Yuri Honing

Carina: Viele verschiedene Stile imitieren, eine Menge verschiedener Techniken zu lernen - ist das eine gute Grundlage dafür, einen eigenen Stil zu kreieren? Oder hindert es einen eher daran, die eigene musikalische Persönlichkeit zu finden?

Yuri: Das Saxophon ist im Grunde ein Werkzeug. Aus Respekt gegenüber dem Instrument sollte man das Spielen desselben gründlich lernen. Mir persönlich ist dieser Aspekt sehr wichtig. Wenn du das nicht tust, beleidigst du im Grunde die Leute, die ihren Job ernst nehmen. Das ist das Eine. Das Andere ist: als Jazzmusiker sollte man etwas über die Geschichte wissen. Denn das hilft einem, die Musik zu verstehen und erleichtert es, den eigenen Weg zu finden.

Es ermöglicht dir auch, zu beurteilen, wie andere die Musik handhaben. Salvadore Dali hat einst gesagt: "Diejenigen, die nicht zu stehlen wissen, werden auch nichts Neues hervorbringen." - Das ist genau der Punkt! Du musst deinem eigenen Gehör folgen, denn wie du hörst, ist immer einzigartig und das gibt dir die Noten ein, die dich selbst ausmachen. Ideal ist es, wenn eine perfekte Balance zwischen Technik und Musikalität vorliegt: Dass du das spielen kannst, was du hörst; nicht mehr, aber auch nicht weniger!

Carina: Dein Stil auf dem Sax wird als "leicht melancholischer Sound" mit "kristallklaren Konstruktionen während des Improvisierens" bezeichnet. Wie würdest du selbst deinen Sound beschreiben, was ist seine Essenz?

Yuri: Nun, mein Sound ist das, was mich ausmacht. Tatsächlich würde ich mich selbst so charakterisieren - leidenschaftlich und etwas melancholisch. Schon von Anfang an hatte ich in meinem Kopf den Sound gehört, den ich haben wollte. Es hat dann aber noch zehn Jahre gebraucht, ihn auch real zu erreichen!

Zunächst, meine ich, musst du deinen Sound finden - dann folgen auch die Noten nach, die zu diesem Sound passen. Und es gibt immer so etwas wie eine "lyrische Seite" des Ganzen. Meines Erachtens jedenfalls sollte ein Saxophon grundsätzlich klar und voll, mit reinem Ton klingen; melancholisch, leidenschaftlich, lyrisch - und erotisch!

Carina: Mit dem Album "Star Tracks" haben du und dein Trio bereits 1996 die Betonung auf in den Jazzkontext übertragene Popsongs gelegt. Inzwischen basiert in Amerika und in Europa das Repertoire vieler Jazzbands auf Popsongs. Betrachtest du dich als einen Trendsetter dieser Richtung?

Yuri: Auf jeden Fall! Als ich damit angefangen habe, diese Songs zu machen, haben wir damit in Großbritannien großes Aufsehen erregt - und in Holland auch! Ich denke, ich war wirklich der allererste Jazzmusiker, der öffentlich damit anfing, europäische Popsongs der 60er, 70er, 80er und 90er zu spielen. Und wie wir das gemacht haben, war auch total eigenständig. Von diesem Augenblick an standen uns plötzlich weltweit alle Bühnen offen. In Großbritannien hieß es sogar, ich sei der neue Messias des Jazz!

Yuri Honing

Carina: Apropos Jazz - europäischer Jazz im Gegensatz zu amerikanischem Jazz, Tradition im Gegensatz zum Streben nach Aktualität - wo siehst du dich selbst in diesem Zusammenhang?

Yuri: Der ganz große Unterschied zwischen den USA und Europa liegt darin, dass der Ausgangspunkt in den Vereinigten Staaten der Rhythmus war dem die Harmonie folgte, während es in Europa genau umgekehrt war: erst kam die Harmonie, dann der Rhythmus. Mein Platz ist irgendwo dazwischen.

Wenn es um Konzepte und Vorstellungen geht, liegt meiner Ansicht nach Europa momentan deutlich vorn! Ich bin Jazzmusiker. In dieser Musik liegen meine Wurzeln, von daher sind die großartigen amerikanischen Spieler für mich elementar wichtig. Jedoch, wenn es um Konzepte geht und um mein breitgefächertes Interesse an anderen musikalischen Disziplinen, da bin ich ganz Europäer.

Carina: Du spielst mit Musikern unterschiedlichster Länder und kultureller Hintergründe zusammen. Die Niederlande werden als kulturell sehr offenes Land angesehen. Macht es das leichter, oder ist es gar sozusagen "ganz natürlich" für einen holländischen Saxophonisten, den Zugang zu anderem Kulturgut zu finden und von anderen Völkern zu lernen?

Yuri: In meinen Augen ist Holland in kultureller Hinsicht ganz und gar kein offenes Land - im Gegenteil! Bei der Integration von Ausländern beispielsweise ist in diesem Land vieles total schiefgelaufen. Aber: die Niederländer haben eine Geschichte als Handelsnation, was sie im Umgang mit anderen Kulturen flexibel macht.

Ich persönlich bin an guter Musik jeglicher Couleur interessiert. Im Grunde sind die Leute doch überall gleich. Es gibt keinen grundlegenden Unterschied zwischen einem Chinesen, einem Araber oder einem Franzosen. Es ist ganz einfach: wenn du mit Leuten umgehen lernen willst, musst du sie respektieren. Das allein scheint allerdings für einige Leute schon eine schwierige Sache zu sein!

Carina: Du und dein Trio, ihr betrachtet Jazz als "eine Sprache, einen Weg der Kommunikation, nicht als Stil". Bitte beschreibe kurz deine Definition davon, was Jazz ist und sein sollte. Wie sieht dein persönlicher Beitrag zum Jazz aus?

Yuri: Jazz ist lediglich Musik. Ich weiß wohl, dass Jazz vollkommen - und total ehrlich -, das Leben auf diesem Planeten repräsentieren kann, so wie es ist. Mit aller Schönheit und Scheußlichkeit, die uns umgibt. Und, davon abgesehen, Jazz ist die einzige Musik, die ich kenne, die ständig einem Wandel unterliegt; wegen der unterschiedlichen Einflüsse. Du kannst den Jazz mit jeder Art von Musik vermischen und das ist einzigartig!

Ich denke, ich habe in dieser Hinsicht eine Menge zum Jazz beigetragen: ich habe sein Repertoire erweitert mit meinen Alben "Star Tracks" und "Sequel": Ich war der erste, der damit anfing, Jazzalben mit europäischer Popmusik zu veröffentlichen. Auch die Art und Weise, in der ich es tat, war neu: Ich habe bei den Stücken keinen einzigen Akkord verändert und auch keinen hinzugefügt. Dem lag meine Theorie zugrunde, dass die Sprache des Jazz so stark ist, dass allein durch das Spielen der Melodie und das Phrasieren der "Lines" sich der Sound der Songs vollkommen verändern würde. Und damit lag ich total richtig!

Dann war ich mit meiner Gruppe "The Orient Express" erfolgreich darin, Jazz und arabische Musik auf eine Weise zu verbinden, dass beide Traditionen respektiert wurden. Ein weiteres konstantes Ziel war für mich, komplexe Musik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Wie beispielsweise zusammen mit Paul Bley, Gary Peacock und Paul Motion auf dem Album "Seven" oder mit Misha Mengelberg, auf "Playing".

Nun, wenn mich die Leute mögen, dann hoffe ich, dass es eher wegen meines Sounds ist. Das wäre für mich das eigentlich Schmeichelhafte; immerhin habe ich hart gearbeitet, um genau diesen Sound zu erreichen.

Yuri Honing

Carina: Du hast gerade den Pianisten Misha Mengelberg erwähnt, mit dem du ja öfters zusammengearbeitet und zwei Alben eingespielt hast. Wieweit und auf welche Weise hat das freie Improvisieren, sein "Instant Composing" deinen Stil, deine Herangehensweise an Musik, generell deine musikalische Kreativität beeinflußt? Ist Misha für dich so etwas wie ein Mentor?

Yuri: Misha ist so etwas wie ein frischer Luftzug in einer stickigen Wohnung! Wenn du dir dein musikalisches Gepäck als möbliertes Zimmer vorstellst, ist Misha derjenige, der die Türen öffnet und die Fenster aufreißt, damit der Wind den Staub von den Tischen fegt. Und er stellt, indem er spielt, auch die Position der Möbel im gedachten Zimmer in Frage: Der Tisch da, sollten wir ihn nicht lieber da drüben in die andere Ecke stellen?

Misha war es, der mir beibrachte, zu wagen, sozusagen "falsch" zu spielen - wenn das nötig sein sollte. Weil, manchmal musst du einfach unorthodox spielen, um etwas Neues finden zu können … In jedem Fall ist Misha ein sehr netter und smarter Mensch, mit dem man gerne seine Zeit verbringt. Und unsere gemeinsamen Konzerte genieße ich deshalb immer!

Carina Prange

CD: Yuri Honing - "Wired Paradise" (JIM Records JIM75228)

Yuri Honing im Internet: www.yurihoning.com

JIM Records im Internet: www.jazzinmotion.nl

Fotos: n.n. (Pressefotos)

© jazzdimensions2005
erschienen: 28.12.2005
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