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Lizz Wright - "The art of soulful music"

Als Lizz Wright im Jahr 2003 ihr Debüt-Album "Salt" vorlegte, war die Jazzpresse geschwind mit dem Urteil zur Hand, auch Verve sei nun wohl bei der Suche nach einer frischen, jungen Sängerin fündig geworden: Der Vocalistinnen-Hype boomte und … alles passte: Voilà, eine neue, unverbrauchte Stimme mit Credibility in Black Music, Gospel und Soul.

Lizz Wright

Zwei Jahre nach ihrem Debüt legt Lizz Wright nun den Nachfolger "Dreaming Wide Awake" vor. Doch Produzent ist nicht mehr Tommy LiPuma, sondern nunmehr Craig Street - und ihr Songmaterial besteht diesmal, sparsam und dezent instrumentiert, aus Rock-, Pop-, und Soulklassikern.

Was damals viele nicht wahrhaben wollten - hier offenbart sich erneut eine nahezu "göttliche", in Gospelchören geschulte Stimme. Lizz Wright zeigt in ihrem Gesang eine Tiefe, herrührend aus einer, oft auch bitteren Lebenserfahrung, die ihr junges Alter Lügen straft: Eine Stimme, die zu bleiben verspricht, wenn die Sängerinnenschwemme vorbei ist. Hier ist Lizz Wright und … "she takes the mike!"

Carina Prange sprach in Berlin mit Lizz Wright

Carina: Für dein erstes Album hast du fünf Stücke beigesteuert, das aktuelle enthält drei deiner Kompositionen. Zu diesen gleich eine Frage: Was steckt hinter den Songs "Hitting The Ground" und dem Titelstück "Dreaming Wide Awake"?

Lizz: Nicht lachen, aber der Grund, dass es diesmal nur drei Stücke sind, ist, dass ich sie auf der Gitarre geschrieben habe. Und ich hatte gerade erst angefangen, Gitarre zu lernen! (lacht)

Lizz Wright

"Hitting The Ground" ist gewissermaßen an mich selbst gerichtet, um mir selbst klarzumachen, dass ich nicht perfekt sein muss. Dass ich die Erwartungshaltung der anderen nicht immer erfüllen muss. Für dieses Rattenrennen ist das Leben einfach zu kurz! Dem gerecht werden wollen, ist so ermüdend und dann … (lacht) - fahren wir in die Grube, ohne all die Schönheit wahrgenommen zu haben, die uns andernfalls zu Teil geworden wäre! Das also schrieb ich für mich. Im Stück schlug sich auch viel von meinem emotionalen und seelischen Zustand während der Arbeit an der Platte nieder - sehr sanft und friedlich, weißt du?

"Dreaming Wide Awake" ist im Kern sehr viel älter. Es wäre beinahe auf der "Salt"-CD gelandet, also betrachte ich es für mich als "altes" Stück. Neu wurde es dadurch, dass ich es vollkommen anders interpretieren wollte: Noch nie hatte ich im Studio so nah am Mikrofon gestanden, so direkt und entspannt gesungen. Und ich wollte es wie eine Frau singen, wie "jede" Frau. Nicht wie eine Sängerin, bei der die Stimme durch den ganzen Raum schallt. Es sollte ganz klein und unscheinbar und direkt aus dem Herzen kommen - von dort, wo man fühlt…

Carina: Reflektierst du also in deinem Gesang auch die Botschaft eines Songs?

Lizz: Grundsätzlich - immer wenn ich singe, egal ob im Studio oder auf der Bühne, ist das wie Tagträumen. Ein Song, bei dem ich nicht einfach loslassen kann, ist für mich kein guter Song. Wären die Lyrics beispielsweise nicht gut, müsste ich sie mir mit Gewalt ins Gedächtnis rufen: Ein guter Text erzeugt in mir ein Echo, dann kann ich ihn mir merken. Und selbst, wenn ich ihn vom Blatt lesen müsste - im Studio beispielsweise - könnte ich gleichzeitig an was anderes denken. Das ist wie einen Film drehen. Ich "erfahre" die Musik. Ich mag nicht die Last spüren, etwas "vorzuführen": Wo einem plötzlich klar wird, oh, ich stehe da vor Publikum…

Lizz Wright

Carina: Wie kam es zu dem, sagen wir, "un-jazzigen" Repertoire deiner neuen Platte?

Lizz: Als ich Craig Street das erste Mal traf, erzählte ich ihm, was ich für Musik höre, wenn ich allein bin. Nur für mich - nicht, was die Jazzsängerin hört, oder die Gospelsängerin. Sondern, was Lizz hört. Und das ist eher Songwriter-Musik, eher Folk: Joni Mitchell, Jeff Buckley, Damian Rice… Craig war überrascht. Ich hatte ja schon das Etikett "Jazz-Sängerin" weg, weil, zu der Zeit, als ich "entdeckt" wurde, hatte ich mich ja voll und ganz dem Jazz gewidmet.

Nachdem ich Craig also geschildert hatte, was ich an Musik mag, meinte ich zu ihm: "Weißt du was, wenn ich könnte, würde ich eine Platte machen, wie ICH sie gerne hören würde. Etwas, das auf meiner Linie liegt. Aber es wäre nicht unbedingt Jazz!" Später musste er mich immer wieder daran erinnern, dass ich das gesagt hatte! Ich machte mir Sorgen, dass mich das "Salt"-Image einholen würde. Aber weil ich jetzt mehr in der Musik ruhe, kann ich dem ins Auge sehen.

Lizz Wright - "Dreaming Wide Awake"

Carina: Du bist noch sehr jung. Als wie wichtig schätzt du die Lebenserfahrung ein, in Bezug auf den Ausdruck, den man in die Stimme legen kann? Woher holst du diese Tiefe, diese Energie?

Lizz: Die Zeit! Es ist erstaunlich, wie die Zeit funktioniert, wieviel Erfahrungen man in einem Augenblick unterbringen kann. Als ob die Zeit ein Behälter wäre, den man füllt. Mit dem, was man sieht und erlebt. Auch mit dem, was einem zu Lernen aufgezwungen wird und mit dem, was man wünscht. Bei mir sind das 25 Jahre Zeit. Wenn ich mich mit anderen 25-jährigen vergleiche, verstehe ich, warum man mich außergewöhnlich findet. Mir selbst wurde das erst klar, als ich stärker unter Leute kam - wie einzigartig mein Erfahrungsschatz ist! Und deshalb singe ich … ja, singe die Songs, wie ich sie singen muss.

Eines habe ich verinnerlicht: Ich muss etwas von mir mit hineingeben. Ich muss etwas fühlen, sonst langweile ich mich zu Tode. Ich suche, um mich selbst im Song zu finden. Große Songs bieten mir - wie ich bereits sagte - die Möglichkeit, mit Herz und Seele auf Reisen zu gehen. Das ändert auch mich als Person.

Lizz Wright

Carina: Bei deinem Hintergrund, wie wichtig sind für deine Musik, für dein Leben, Dinge wie Spritualität, Religion, Glaube und Wahrhaftigkeit? Eine vielleicht schwer zu beantwortende Frage…

Lizz: Nun, um eine einfache Antwort zu versuchen - ja, ich besitze eine spirituelle Ader. Ich möchte solche Platten aufnehmen, die mich auf meinem Lebensweg widerspiegeln; was ich gerade dazugelernt habe, wo ich mich verändere. Mir ist, als ob ich, während ich älter werde, innerlich immer jünger werde. Als Person werde ich luftiger, die Bürde, die ich umherzuschleppen pflegte, nimmt ab. Ich lege diese überflüssige Weisheit ab, nehme die Dinge weniger ernst.

Früher sah ich es als meine Pflicht an, religiöse Lieder zu singen - was man eben in der Kirche so singt, als Lobpreisung, als Trost. Aber ich habe jetzt einen Weg gefunden… nein, im Grunde suche ich noch …, Geschichten aus dem Alltag mit ähnlicher Intensität zu erfüllen.

Carina Prange

CD: Lizz Wright - "Dreaming Wide Awake" (Universal)

Lizz Wright im Internet: www.lizzwright.net

Universal Records im Internet: www.jazzecho.de

Fotos: Pressefotos (Dank an Universal Records)

© jazzdimensions2005
erschienen: 25.10.2005
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