Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / international / 2006

Jimmy Woode - Bassist mit Herz und Seele

"... Jazz", seufzt Steinberg und schaut verträumt in die Ferne. Und Teddy blickt zu ihm hinüber und bittet: "Sag es noch mal!" – "Jazz, Jazz", wiederholt Steinberg. Er sagt es mit sanfter, tiefer Stimme. "Nochmal, nochmal", bettelt Teddy. Und Steinberg antwortet ein letztes Mal: "Jazz, Jazz, Jazz". Dies ist eine der schönsten Szenen aus "Jazzclub", dem letzten Film von Komiker Helge Schneider. Steinberg, der kleine Mann mit dem Kontrabass, wird gespielt von Jimmy Woode.

Jimmy Woode (© Mark Wohlrab)

Wobei "gespielt" eigentlich nicht der richtige Ausdruck ist: Denn dieses ruhende Gesicht, das Lachen um die Mundwinkel, die melancholisch-bluesige Stimme, die Gelassenheit in den Gesten und die Liebe zu seinem "Baby", wie er liebevoll sein tieftönendes Instrument nennt – das alles ist Jimmy Woode.

James Bryant Woode, 1928 als Sohn eines Musiklehrers in Philadelphia/USA geboren, studierte an drei verschiedenen Hochschulen in Boston und Philadelphia Bass, Klavier und Komposition, bevor er mit Jazz-Größen wie Sidney Bechet, Ella Fitzgerald, Dizzy Gillespie spielte, um nur wenige zu nennen. In den 50er-Jahren wurde Woode von Duke Ellington in dessen legendäre Band geholt. Sieben Jahre lang blieb er beim Duke, bevor es ihn dann Anfang der 60er-Jahre nach Europa zieht. Seither steht Jimmy Woode, der diesseits des Atlantiks lange Zeit in der Kenny Clarke/Francy Boland Big Band sein Brot verdiente, für eine erfrischende Invasion amerikanischer Jazzmusiker in Europa. Seit den 70er-Jahren hat Woode wechselnd in München, Wien, den Niederlanden und auch immer wieder in seiner Heimat, den USA, gelebt und musiziert.

Am 22. April 2005 ist Jimmy Woode in seiner Wohnung in Lindenwold, New Jersey, im Alter von 78 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben. Mit ihm hat die europäische und amerikanische Jazzszene eine stille Größe verloren.

 

Jimmy Woode (© Mark Wohlrab)

Es ist der Abend des 1. Advent 2004:
Wolfgang Krause und Marlene Krieger, die beiden Organisatoren des 1. Saarbrücker Festivals "jazz-transfer" blicken erschöpft aber glücklich auf die Bühne der Saarbrücker "Garage". Hinter ihnen liegen anstrengende Wochen, die jetzt gekrönt werden von einem Benefiz-Abschlusskonzert der besonderen Art: der Schlagzeuger Oliver Strauch steht zusammen mit dem 31-jährigen französischen Newcomer-Pianisten Pierre Alain Goualch und Kontrabass-Legende Jimmy Woode auf der Bühne. Wie immer in Konzerten, lehnt Woode entspannt in seinem Stuhl und setzt pointierte Akzente. Als er zur Zugabe wunderbar-sonor "Georgia On My Mind" anstimmt, geht ein Raunen durch den Saal...

... fünfzehn Minuten später:
Woode erwartet mich zu einem Interview hinter der Bühne.

Johannes Kloth: Herr Woode, haben Sie eigentlich mal gezählt, wie viele Platten Sie in ihrem Leben aufgenommen haben?

Jimmy Woode: Nein, ich weiß nicht, wie viele es waren. Aber als mir kürzlich ein Journalist in Amerika dieselbe Frage stellte und ich sagte, dass ich sie nie gezählt habe, nannte er mir eine ungeheure Zahl. Die habe ich aber wieder vergessen (lacht).

Es sind wirklich viele Platten gewesen. 27 oder 28 mit Duke Ellington und später in so vielen anderen Formationen in den USA und der ganzen Welt. Vielleicht waren es zweihundert oder zweihundertfünfzig insgesamt. Ich weiß es ehrlich nicht.

Johannes Kloth: Gibt es Aufnahme-Sessions, die Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben sind?

Jimmy Woode: Viele private Sessions, die nie veröffentlicht wurden. Und dann diese Live-Aufnahme mit Duke Ellington beim Newport-Jazzfestival 1956. Der wunderbare Clark Terry war dabei. Aber eigentlich waren alle Aufnahmen mit Ellington toll.

Natürlich erinnere ich mich auch noch genau an die Aufnahmen zu meiner eigenen Platte. Stellen Sie sich vor, ich habe nur eine einzige Platte unter eigenem Namen gemacht. Nur eine einzige! Irgendwie hat es mich nie wirklich interessiert, unter eigenem Namen zu veröffentlichen.

Johannes Kloth: Vielleicht hätten Sie mehr eigene Platten aufgenommen, wenn Sie statt Kontrabass eine Karriere als Saxophonist oder als Pianist gemacht hätten. Sie haben ja auch Klavier gelernt.

Jimmy Woode: Das Klavier brauche ich nur zum Komponieren. Richtig gut spielen kann ich nicht. Ich denke aber nicht, dass dies eine Frage des Instruments ist. Es gibt so viele großartige Bassisten wie zum Beispiel Ray Brown, die Platten unter ihrem eigenen Namen gemacht haben. Nein, es hat mich ganz ehrlich einfach nie interessiert.

Vielleicht werde ich jetzt noch mal eine machen – im Februar oder März. Mittlerweile kann ich auf eine Menge Eigenkompositionen blicken. Mal sehen...

Johannes Kloth: Würden Sie sagen, dass Ellington Ihr größter Einfluss war?

Jimmy Woode: Ohne Frage. Als ich zu Duke in die Band kam, hatte ich schon ein Musikstudium hinter mir und war überzeugt, eine Menge über Musik zu wissen…

Johannes Kloth: … Sie kamen direkt vom College?

Jimmy Woode: Ich hatte Kontrabass, Violoncello, Klavier und Schlagzeug studiert. Klassisch und Jazz. Und dazu die ganze Theorie: Harmonielehre, Orchestrierung usw.

Als ich dann in die Band von Duke kam, begann ich allmählich zu erkennen, was ich alles nicht wusste. Duke Ellington war die personifizierte Schule für mich. Die Zeit mit ihm war großartig. Ich würde jederzeit wieder zurück zu Ellington gehen (lacht).

Jimmy Woode (© Mark Wohlrab)

Johannes Kloth: Nach sieben Jahren bei Ellington hatten Sie aber genug. Anfang der 60er-Jahre sind Sie nach Europa gezogen.

Jimmy Woode: Ja, aber zunächst nur zu einer Plattenaufnahme in Stockholm. Mein Vater lebte bereits seit 1947 in Schweden. Das schwedische Rundfunk-Orchester hat mir dann einen Vertrag angeboten. Ich war damals verheiratet, hatte zwei kleine Kinder und wollte, dass sie Europa kennen lernen, verschiedene Länder bereisen und mit unterschiedlichen Menschen in Kontakt kommen. Also unterschrieb ich einen Vertrag über zwei Jahre.

Und wie Sie sehen, bin ich immer noch hier in Europa. Obwohl ich gestehen muss: ich habe seither nach wie vor immer wieder Zeit in New York verbracht. Ich liebe diese Stadt einfach. Mittlerweile pendle ich, lebe zeitweise bei meinem Sohn in Berlin, dann wieder in den USA.

Johannes Kloth: Sie gehören mit Leuten wie Kenny Clarke, Bud Powell oder auch Dexter Gordon zu einer Riege von Jazzmusikern, die die europäische der amerikanischen Jazzszene vorgezogen haben. Viele europäische Jazzmusiker suchen umgekehrt heute immer noch die USA auf, um der konzertanten Form des Jazzes hier in Europa zu entfliehen und auf eine Suche nach den Ursprüngen zu gehen.

Jimmy Woode: Dabei ist es in den USA im Grunde mittlerweile genauso wie hier: es gibt immer mehr Konzerte im "klassischen" Sinne. Die Musiker gehen auf die Bühne, spielen ein festes Set und wenn's gut läuft, noch eine Zugabe. Und das war's dann.

Jam-Sessions findet man immer seltener. Das ist genauso wie hier in Europa. Sogar in den großen Städten ist das nicht anders. Was ist die Idee der Jam-Session? Die Gruppe spielt, und ein Musiker, der dazustößt, sollte einfach so einsteigen können. Heute wollen aber alle ihre eigene Musik spielen…

Johannes Kloth: … was wohl viel mit der Professionalisierung und Akademisierung des Jazz zu tun hat. Ein Klavierlehrer hat mir einmal gesagt: Jazz kann man nicht lernen. Man muss ihn einfach spielen.

Jimmy Woode: Das ist wohl der beste Weg. Die Grundlagen kann und muss man lernen, das ist klar. Aber auch nur bis zu einem gewissen Grad, das stimmt. Dann muss man es einfach ausprobieren und viel spielen.

Johannes Kloth: Wer hat Sie an die Welt der Musik herangeführt?

Jimmy Woode: Ich bin aufgewachsen in New Jersey. Im Haus meiner Eltern war immer Musik, viel Jazzmusik. Und wie fast alle Familienmitglieder bin auch ich regelmäßig in die Kirche gegangen. Die Kirche hatte einen großen Einfluss auf mich, die traditionellen Zeremonien. Ich war schon in sehr frühen Jahren der Jazzmusik von allen Seiten her ausgesetzt.

Johannes Kloth: Hatten Sie in Ihrer Karriere jemals das Gefühl, als Kontrabassist nur der Diener zu sein?

Jimmy Woode: Ja, das ist aber nun mal dein Job als Pianist, Gitarrist, Bassist oder Schlagzeuger! Diese Instrumente bilden die "Rhythm Section", die sozusagen für den Support der Soloinstrumente da ist. Und genau das ist es, was ich immer machen wollte.

Ich mag es, den Support-Part zu spielen, dem Solisten Raum zur Entfaltung zu geben. Und wenn dann meine Zeit kommt, dann geb' ich meinen Senf dazu (lacht), dann hau ich mein Solo rein! Die Aufgabe dieses Instruments "Kontrabass" ist ganz eindeutig das Dienen. Ein Dienst, den ich gerne ausführe.

Johannes Kloth: In letzter Zeit hat man Sie hier in Deutschland immer öfter an der Seite von Helge Schneider gesehen.

Jimmy Woode: Ja, ich habe auch in seinem Film "Jazzclub" mitgespielt. Ich spiele gerne mit Helge. Er ist ein außergewöhnlich intelligenter Musiker und unglaublich kreativ in seinen musikalischen Phantasien. Außerdem ein wunderbarer Mensch. Ich genieße die Zeit, die wir zusammen verbringen.

Johannes Kloth: Ist sein Humor für einen Nicht-Muttersprachler überhaupt zu verstehen?

Jimmy Woode: Ich kann über ihn lachen. Aber darum geht es eigentlich auch nicht. Ich bin mit ihm zusammen, nicht um den Humor zu verstehen, sondern um mit ihm Musik zu machen. Wir sind dicke Freunde geworden.

Strauch/Woode/Goualch - "Anatomy Of A Trio"

Johannes Kloth: Haben Sie Pläne für die Zukunft?

Jimmy Woode: Morgen werden ich in dieser Formation mit Pierre-Alain Goualch und Oliver Strauch Aufnahmen machen. [Anm. d. Red.: Diese Aufnahmen sind im Mai 2005 postum bei Laika Records erschienen. ] Dann fliege ich zum Urlaub in die USA. Ich habe zwei Töchter in den USA.

Johannes Kloth: Das Leben als Musiker ist nicht immer leicht, als Jazzmusiker schon gar nicht. Ich bewundere es, wie Sie es seit über sechzig Jahren schaffen, von und für ihre Musik zu leben.

Jimmy Woode: Sie haben recht. Wenn du ein geregeltes Einkommen haben willst, such dir besser einen anderen Job. Man kann es nicht anders sagen: Es ist teuer, Jazz zu spielen (lacht). Aber große Künstler wie auch zum Beispiel Gunter Hampel, der ja vor ein paar Tagen genau an diesem Ort hier gespielt hat, leben ganz und gar für ihre Musik. Sie sehen die Kunst als ihre Verpflichtung an, eine Verpflichtung, die aus dem Herzen kommt.

Johannes Kloth

CD: Strauch/Woode/Goualch - "Anatomy Of A Trio"
(Laika Records 3510199.2)

Anm.: Demnächst (Juni 05) erscheint:
Abel/Woode - "My kind of world"
(Jazzsick Records/edel)

Fotos: Mit freundlicher Genehmigung von Mark Wohlrab (www.jazz-photo.com)

© jazzdimensions2005
erschienen: 13.6.2005
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: