Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / international / 2006

Duo Diagonal - "Tango als Quersumme"

Ein Duo spielt den Tango: Das allein ist noch nicht bemerkenswert. Doch das "Duo Diagonal" lebt nicht nur von der Faszination für des Tangos mitreißende Rhythmik – immer wieder neu interpretieren Geiger Hans-Christian Jaenicke und Akkordeonist Jörg "Juri" Siegloch Adaptionen von Piazzolla bis Rubinstein wie eigene Kompositionen. Und die kunstvolle Musealisierung des Tango liegt ihnen fern ...

Hans-Christian Jaenicke

Tobias Richtsteig sprach in Hamburg mit Hans-Christian Jaenicke vom "Duo Diagonal"

Tobias: Gestern habt ihr in Hamburg euer neues Album "Tango 040" vorgestellt. Wie war die Premiere? Seid ihr froh, euer 'Baby' jetzt endlich vorliegen zu haben?

Hans-Christian: Es war ganz lustig, weil viele nicht wussten, ob sie uns beglückwünschen sollen. Oder was es sonst da für Formalitäten gibt. (lacht) Und weil wir das in der Form auch nicht kennen ...

Tobias: "Tango 040", dachte ich, ist doch bereits eure zweite Scheibe!?

Hans-Christian: Ja, aber es ist die erste, die ordentlich veröffentlicht wird – und wir sind froh, dass sie nun da ist. Man kann sowas als Empfehlung benutzen und damit rechnen, dass Leute das Album im Schrank haben werden. Und, wenn man ein Konzert gibt, dass die Leute die Musik schon mal gehört haben.

Tobias: Wie seid ihr denn zu Tropical Music gekommen?

Hans-Christian: Zuerst sind wir ins Studio gegangen und haben die Sachen aufgenommen. Und dann lag's im Schubfach: Erst war die Mischung problematisch ... und ehe die im Studio aus dem Knick kamen und das Master vorlegten, war schon ein halbes bis ein dreiviertel Jahr um. Zwischendurch haben wir überlegt: Wie machen wir das ... hmm, wahrscheinlich machen wir's selbst!

Ja, und hierbei war Tropical eben eines der Label, die wir kontaktiert und mit denen wir geliebäugelt hatten. Es gibt nicht so viele, die im weiteren Sinne Weltmusik machen. Dann kam die Rückmeldung, dass sie es gerne machen würden. Weil Tropical obendrein im Vertrieb von BMG ist, haben wir gesagt: Na, ist ja wunderbar, schickt mal ´n Vertrag! (lacht) Das war total nett...

Jörg "Juri" Siegloch

Dann kam der Alexander Trofimov, der "Head of Promotion", zu uns nach Hamburg. Es ist sehr sympathisch, wenn man merkt, Mensch, die sitzen nicht nur in Marburg im Büro und denken sich da irgendwas aus! Sondern die gibt es wirklich, die fahren rum, die machen Aktion, die interessieren sich. In Berlin sagte man uns über das Label, die seien "richtig auf Zack," würden "echt die Pferde scheu" machen, alle Leute informieren. Ist natürlich wunderbar, wenn man an so ein Label kommt!

Tobias: Gestern war CD-Release, heute probt ihr bereits wieder? Was habt ihr denn schon wieder vor?

Hans-Christian: Dumm gelaufen! (lacht) – Wir haben im Studio einige Sachen eingespielt, die wir eigentlich nicht fest im Repertoire hatten. Das heißt, jetzt, wo die CD raus ist, müssen wir proben, damit wir diese Stücke auch live bringen können.

Tobias: Hattet ihr denn die Stücke nicht auch live eingespielt?

Hans-Christian: Schon, aber ... man ist anders konzentriert im Studio. Also, mir geht's so, dass es mir schwerfällt, vom technischen Denken wegzukommen. Im Studio ist man von Technik umgeben. Man kuckt durch so 'n Fenster, kriegt kein Feedback von Publikum. Und die Situation bestimmt, was du tust.

Duo Diagonal - "Tango 040"

Tobias: Das wird ja auch in euren Konzerten deutlich: Wie ihr zusammen spielt, ist sehr kommunikativ. Wie festgelegt seid ihr auf der Bühne in euren Arrangements?

Hans-Christian: Ja, wir legen die Dinge beim Proben schon ziemlich genau fest, um eine Basis zu haben, auf der man sich dann frei bewegen kann. Das heißt, wenn wir ein Arrangement schreiben und proben – auch Ton für Ton proben! – heißt das nicht, dass wir es auf der Bühne genauso spielen. Aber es ist eine Ausgangsbasis da, auf die wir jederzeit zurückkommen können: Aus dieser Sicherheit können wir frei agieren. Im Konzert kokettieren wir damit sogar, indem wir absichtlich anders spielen.

Die Leute wissen zwar nicht, was genau wir vorbereitet haben, aber sie merken, es "passiert" was: Es passiert etwas zwischen uns. Ich merke, oh, der Juri spielt das anders, rhythmisiert 'ne Stelle neu, da werde ich auch anders einsteigen! So entstehen auf der Bühne Dinge, die für uns spannend sind. Und ich denke, dass das Publikum dies auch mitbekommt: Ah, da ist unmittelbar ein kreativer Prozess im Gange.

Sonst hält man das auch gar nicht aus! Ich kenne das von Theaterproduktionen in Wilhelmshaven, da haben wir zum Beispiel "Im weißen Rössel" gespielt: Mit vierzig, mit fünfzig Vorstellungen! (lacht) Und nach fünfzehn, sechzehn oder zwanzig Vorstellungen kann man das nur noch überstehen, wenn man sich immer wieder neue Herausforderungen setzt. Sonst droht das Niveau zu fallen.

Tobias: Ein wichtiger Aspekt beim Tango ist ja der Ausdruck. Tango ist ja ein sehr expressiver Tanz – in den Kritiken zu euren Konzerten steht immer wieder, dass Du sehr "performativ" damit umgingst.

Hans-Christian: Ich verstehe Musik immer als Bewegung – sowieso! – und ich denke, dass das Grundelement von Musik Tanz wie Sprache ist. Gerade die Tangos ... es gibt welche mit dem Sänger Roberto Goyeneche – beispielsweise die "Balada Para Un Loco", die wir auch spielen – die gehen eigentlich von der Sprache aus, wenn Goyeneche das singt, beziehungsweise, spricht. Das Spanische hat eine unglaubliche Sprachrhythmik, das liegt in der Natur dieser Sprache. Wenn wir das umsetzen, lediglich mit Geige und Akkordeon, dann darf dieses Erzählerische nicht fehlen.

Hier kommt auch eine körperliche Ebene dazu. Die Geige ist ja ebenfalls auf Bewegung angewiesen. Ich finde es ganz natürlich, dass die Bewegung des ganzen Körpers unmittelbar mit dem Ton zusammenhängt. Es gibt ja die Schule, die besagt, den Bogen nah am Steg zu führen, damit es lauter wird – und bei all dem möglichst keinen Aufwand sehen zu lassen! Ich hingegen denke, wenn man mit dem Bogen nur gerade soweit ausholt, wie für die Physik nötig, dann ist das zu wenig: Da kann ich auch nur einen "physikalisch klingenden" Ton erwarten. (lacht) Zum Musikmachen muss ich schon genauso ausholen wie es für die Musik nötig ist – und daraus ergeben sich dann auch mal ein paar Schritte. Alles im Dienst der Musik; das ist noch keine Choreographie!

Hans-Christian Jaenicke

Tobias: Wie kam es überhaupt zu dem Namen "Duo Diagonal" ?

Hans-Christian: Das ist eine nette kleine Geschichte: wir hatten uns in der Oldenburger Tango-Szene getroffen und dachten irgendwann, dass wir wohl einen Namen bräuchten. Der Begriff "Duo" war klar, aber wie weiter? Nun, wir haben ein spanisches Wörterbuch aufgeschlagen und mit dem Finger blind auf ein Wort getippt. Das war "Diagonal". (lacht)

Und je länger man sich das überlegt – und das sind jetzt schon neun Jahre! – umso treffender ist der Name. "Diagonal", das ist zum einen auch "ein bisschen schräg", bezeichnet andererseits aber auch "die Verbindungslinie mittendurch".

Tobias: Erklär das mal ein bisschen näher!

Hans-Christian: Der Tango ist auch so eine Quersumme. In den Einwanderervierteln von Buenos Aires konnten sich die Leute aus der ganzen Welt zunächst auf diesen einfachen 4/4-Rhythmus einigen. Und jeder brachte etwas ein, aus Russland, aus Europa – ein ganz buntes Gemisch.

Das gilt ja auch für uns beide: Ich komme aus der ehemaligen DDR und habe erst ganz klassisch Geige gelernt, dann in Theatern Musik gemacht und auch in Ensembles mit neuer Musik gespielt. Juri kommt aus einer ganz anderen Ecke, aus Tadschikistan, und hat Klavier und Trompete studiert. Erst hier in Deutschland fing er mit dem Akkordeon an. Als Duo sind wir immer auch eine interkulturelle Begegnung.

Tobias: Ihr habt euch in der Oldenburger Tango-Szene getroffen. Inzwischen gibt es überall Tango-Schulen. Wie erklärt ihr euch den großen Reiz, den Tango ausmacht?

Hans-Christian: Na, es ist schon etwas besonderes, Tango zu tanzen. Man zieht die guten Sachen an, verkleidet sich vielleicht sogar ein bisschen – es ist ja auch eine historische Musik! Dann gibt es natürlich auch diese Assoziation mit dem Rotlicht-Millieu. Die schwingt so als Parfum mit – ohne wirkliche Bedeutung, aber es ist eben doch ein Reiz. Deshalb heißt unser Album auch "Tango 040" – nach der Hamburger Telefon-Vorwahl: Die Reeperbahn als Assoziation ist immer dabei.

Jörg "Juri" Siegloch

Tobias: Wie praktisch seid ihr denn noch dabei? Spielt ihr nur eure Konzerte, oder kann man euch auch sonst hören?

Hans-Christian: Oh, das ist ein bisschen unser Dilemma! (lacht) Wenn sie die CD hören, meinen Veranstalter immer, wir spielten Kunstmusik – es sei ein "Konzertprogramm". Aber in unseren Konzerten wollen die Leute immer wieder auch tanzen. Und natürlich spielen wir "nebenher" als Tanzmusiker auf Tango-Veranstaltungen, was richtig Spaß macht. Man steht nicht so im Mittelpunkt, kann ganz anders spielen. Entspannter.

Natürlich ist da nicht der Raum für großartige Improvisationen, aber an anderer Stelle ergeben sich auch Freiheiten. Wenn die Leute unsere Musik in Bewegung umsetzen und dabei Spaß haben, das ergibt eine enge Beziehung mit den Tänzern. Und auch im Tanzsaal können wir anspruchsvolle Sachen, beispielsweise von Piazzolla, spielen. Das gehört immer noch alles zusammen!

Tobias Richtsteig

CD: Duo Diagonal - "Tango 040" (Tropical Music / BMG 68.847)

Duo Diagonal im Internet: www.duo-diagonal.de

Tropical Music im Internet: www.tropical-music.de

Fotos: Duo Diagonal

© jazzdimensions2005
erschienen: 19.5.2005
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: