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David 'Fathead' Newman
– "Jazz ist bedeutende Musik!"

"Song for the New Man" und "I Remember Brother Ray", seine jüngsten, für HighNote-Records eingespielten Alben, dokumentieren das unverkennbare Markenzeichen dieses Musikers: den fetten, starken Sound auf dem Saxophon, wie er so typisch ist für die texanischen Instrumentalisten der hochklassigen, alten Garde. Und zu dieser dazu zählt man den gleichzeitig tief im Bebop verwurzelten David 'Fathead' Newman schon lange. Dabei hat sein ohnehin bereits prägnanter Ton auf Alto, Tenor und Flöte über die Jahre noch eine unvergleichliche, milde Wärme hinzugewonnen.

David ‘Fathead’ Newman

Ein ihm geneigtes Publikum gewann er damit stets – vom Beginn seiner Karriere, die in den Jahren von 1954 bis 1964 in der Ray Charles Band ihren Anfang nahm, bis hin zur Gegenwart, wie seinem Konzert auf dem Berliner Jazzfest 2003. Seit längerem hat Newman fernab von seinen texanischen Wurzeln in Woodstock, New York eine neue Heimat gefunden – gemeinsam mit seiner Frau Karen Newman, die ihm sowohl als Managerin als auch Tourbegleiterin immer zur Seite steht.

Carina Prange sprach in Berlin mit David 'Fathead' Newman.

Carina: Du hast als Leader zahlreiche Alben für Atlantic Records, für Warner und Prestige aufgenommen. Die letzten sechs Platten sind alle auf dem Label 'HighNote' erschienen. Warum hast du die Majors hinter dir gelassen und was ist für dich das Besondere an HighNote?

David: "Hinter mir gelassen" habe ich die Majors in dem Sinne nicht. Das ist folgendermaßen gelaufen: Bei Atlantic Records habe ich angefangen, aufzunehmen – Ray Charles hatte mich den Leuten damals vorgestellt. Ab da habe ich eine Dekade lang Alben für Atlantic eingespielt. Und, wie es im Laufe der Jahre passiert, wechselst du aus verschiedenen Gründen die Labels. Es gibt da ja die unterschiedlichsten Vereinbarungen – die Verkaufszahlen haben eine Menge damit zu tun.

Jetzt bin ich eben bei HighNote Records gelandet. Vorher hießen die übrigens ‘Muse Records’; aber es arbeiten noch immer dieselben Leute dort. Für Muse hatte ich schon in den 80ern mal aufgenommen, das war mein erster Kontakt zum Label-Team. Dazwischen kamen wieder andere Labels.

David 'Fathead' Newman – "I Remember Brother Ray"

Mittlerweile bin ich nun aber schon seit sechs Jahren wieder bei HighNote. Der Hauptgrund ... und hier muss ich einschieben, dass ich vorher nie die Möglichkeit hatte, an der Produktion teilzuhaben, oder gar selbst eine Produzententätigkeit auszuüben – ist, bei HighNote kann ich alles das machen; sie gestehen mir zu, meinen Input zu liefern, eigene Entscheidungen über die Musik zu treffen. Auch die Auswahl der Musiker und des zu spielenden Materials ist mir überlassen.

Und das ist schon allerhand! Das braucht schon eine Zeit, bis man da hinkommt, aber nun habe ich diesen Punkt erreicht und bin sehr zufrieden mit diesem Label. Und ich freue mich, dass sie mir die Entscheidungsfreiheit geben und die Möglichkeit, selber am Produktionsprozess beteiligt zu sein: Eine wunderbare Sache und ich genieße es als ein Privileg.

David ‘Fathead’ Newman

Carina: Du bist in Corsicana, Texas, geboren und 1959 zum ersten Mal nach New York gegangen. Die Zeit dort, damals, als du ein Jugendlicher warst und deine Karriere begonnen hast – wie war die Lage da für einen schwarzen Künstler in Texas? Hat sich seitdem viel verändert?

David: Die Situation hat sich im Laufe der Jahre sehr verändert, natürlich hat sie das. Und seit den 60ern hat sich alles sogar ganz gewaltig gewandelt! Immerhin: In Texas aufzuwachsen, bedeutete für mich, das Glück zu haben, von einigen wirklich guten, kreativen Musikern umgeben zu sein – hochqualifizierte Leute. Und das hat mir ermöglicht, ihnen auf die Finger zu schauen, ihnen zuzuhören und so diese ganze Musikalität um mich herum in mich aufzusaugen, ihren Wert zu erkennen.


Was meine Jugend in Texas angeht, gibt es in musikalischer
Hinsicht nichts, was ich bedauern könnte!

Von daher gibt es in musikalischer Hinsicht nichts, was ich bedauern könnte: ich bin mit ein paar wunderbaren Musikern um die Häuser gezogen. Und es war einfach genial, in jungen Jahren bereits hochrangige Instrumentalisten als Einfluss zu haben, insbesondere, wenn es sich um die Saxophonisten aus ebendieser Gegend handelte!

David ‘Fathead’ Newman

Carina: Man sagt, Musiker aus Texas würden sich von anderen durch einen eigenständigen, volleren Sound unterscheiden. Du hast an deinem Ton viel gearbeitet, um ihn wärmer klingen zu lassen. Hört man ihm denn den “texanischen Ursprung” heute trotzdem noch an?

David: Oh, ja, ziemlich sogar. Es ist nicht einfach, zu erklären, wie das genau zustande kommt, aber es ist so. Aus dieser Gegend stammen viele großartige Saxophonisten. Insbesondere, wenn man in die Anfangszeit zurückgeht, auf Leute wie Herschell Evans, Buddy Tate, Budd Johnson, Illinois Jacquet oder Arnett Cobb. Alle diese Musiker hatten etwas gemeinsam, nämlich einen schönen, sehr vollen und breiten Sound. Und der hat sich sozusagen weitervererbt, ist zur Tradition geworden.

Dein erstes Saxophon war ein Alto, später hast du dann auch Bariton und noch später Tenor und seit kurzem Soprano gespielt – die Flöte nicht zu vergessen. Du hast mal gesagt: „Der Fingersatz ist auf allen Saxophonen nahezu gleich - der einzige Unterschied ist die Intonation.” Was lässt dich, davon abgesehen, für ein bestimmtes Stück zu dem einen oder anderen Instrument greifen?

Einige Kompositionen fühlen sich einfach anders an und klingen dann auch mit einem bestimmten Instrument besser. Das ist in meinen Augen in erster Linie eine Sache des Gefühls, das vom gespielten Instrument ausgehen soll. Das legt fest, welches Instrument jeweils am besten passt – eine sehr wichtige Sache.

So kann ich die eine Komposition nehmen und diese wird auf dem Alto besser klingen als auf dem Tenor oder Bariton oder Soprano oder auf der Flöte. Eine andere klingt auf einem anderen Instrument besser. Ich weiß nicht genau, wie das kommt und ich bin auch nicht sicher, ob mir andere Musiker da zustimmen und ob bei denen das gleich abläuft: Aber für mich hat jedes Instrument eine bestimmte Aura, die speziell zu entsprechenden Kompositionen passt.

Carina: Inwieweit muß man im Laufe der Jahre seine Herangehensweise an das Saxophon den Gegebenheiten anpassen, Stil und Phrasierung verändern? Wenn man älter wird, wird es dann schwieriger, den Ton zu halten, die Spannung und das nötige Volumen aufzubringen?

David: Ich denke, dass sich der Ansatz mit den Jahren verändert. Das ist aber etwas, das man ausgleichen kann – es hat eine Menge mit der richtigen Wahl des Mundstücks für das jeweilige Instrument zu tun. Ich persönlich, wenn ich einmal das richtige gefunden habe, wechsle es möglichst selten. Ich behalte dasselbe Mundstück jahrelang, bis es entweder völlig abgenutzt ist oder kaputtgeht.

Mein Sound hat sich im Laufe der Zeit in der Tat verändert, aber um eine gewaltige Veränderung handelt es sich nicht. Ich versuche, heute verglichen mit früher, einen wärmeren Sound zu bekommen. Anfangs war mein Sound ein bißchen enger, aber dabei leicht kantiger. Derzeit strebe ich einen runderen, wärmeren Klang an, einen reiferen Sound.

Karen Newman: (aus dem Off) So wie Samt!

David ‘Fathead’ Newman

Carina: Gelegentlich gibst du Masterclasses in Hochschulen. Was ist deiner Meinung nach das Wichtigste, was du den jungen Leuten, die eine professionelle Karriere anstreben, mit auf den Weg geben würdest?

David: Ich denke, die Studenten müssen natürlich zunächst die Basics lernen. Aber sehr wichtig ist die Loyalität gegenüber dem Beruf, dem Instrument und der Musik– das muss gegeben sein! Und die nötige Hingabe ... der Wunsch muss da sein, in musikalischer Hinsicht sehr gut werden zu wollen. Wenn dieser Wunsch nicht da ist – aber das ist selten –, dann klappt es nicht. Ausserdem muss man offen sein für die Musik, in der Lage, auch andersartige Sounds akzeptieren zu können und fremde musikalische Idiome. Man muss auch lernen, sich irgendwo anzuschließen, einzuordnen – was wieder mit Offenheit zu tun hat.


Im Grunde stellt der Jazz Amerikas ureigenen Beitrag
zur Kunst dar, hier findet er seinen größten Nachhall.

Das Zentrale – was ich den Schülern gegenüber immer wieder betone, insbesondere denen aus dem Jazzbereich – ist, dass wir im Jazz eine sehr bedeutende Musikrichtung vor uns haben. Auch wenn das in einigen Kreisen bestritten wird: nach meinem Gefühl ist Jazz sehr, sehr wichtig. Für die Studenten ist es daher entscheidend, dass sie die Bedeutung des Jazz verstehen und wissen, wo er herkommt. Wo der Jazz sich hinentwickeln könnte, da habe ich schon meine persönlichen Vorstellungen und versuche dazu beizutragen.

Im Grunde stellt der Jazz Amerikas ureigenen Beitrag zur Kunst dar, hier findet er seinen größten Nachhall. Der Jazz ist sozusagen Amerikas klassische Musik! Inzwischen wurde damit begonnen, dass die Studenten und Schüler an den Universitäten und Colleges auch Unterricht von Jazzhistorikern erhalten. Ich empfinde das als angemessen heutzutage. Ebenso wichtig ist es aber, andere Musikformen mit einzubeziehen. Deshalb versuche ich, den Schülern zwar vordergründig den Jazz zu vermitteln, aber gleichzeitig dafür zu sorgen, dass sie auch andere Musikrichtungen zu würdigen wissen.

CD: David Newman – "I Remember Brother Ray"
(HighNote Records 7135)

David 'Fathead' Newman im Internet: www.davidfatheadnewman.com

HighNote Records im Internet: www.jazzdepot.com

Fotos: F. Bongers

© jazzdimensions2005
erschienen: 31.7.2005
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