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Torun Eriksen - "Begegnung in der Musik"

Bevor sie anlässlich des Showcases zu ihrer aktuellen CD "Glittercard" nach Berlin kam, hatte diese schlanke, blonde junge Frau ihre norwegische Heimat angeblich noch nie für ein Konzert verlassen. Doch Torun Eriksen, die neueste Entdeckung Bugge Wesseltofts für dessen Label Jazzland, bringt etwas mit, dass nur wenige andere vorweisen können: Ein Talent dafür, ihre nachdenklichen, sehr persönlichen Texte in Songs zu verwandeln, die dem Hörer derart nahe kommen, dass dieser schwankt, vor dieser Intensität entweder zu flüchten – oder innezuhalten und zuzuhören.

Torun Eriksen

Mag auch kaum jemand wirklich ergründen, was alles sich hinter den ausgebreiteten Erlebniswelten der Sängerin verbirgt – für das Ergebnis spielt dies keine Rolle. Mit "Glittercard" jedenfalls zeigt sich, mit selbstbewußter, souliger Stimme, ein neuer Gesangsstern am nordischen Firmament.

Carina Prange sprach in Berlin mit Torun Eriksen.

Carina: Deine Gesangstimme erinnert an das, was wir eine "schwarze Stimme" nennen: Tatsächlich hast du ganz früh im Gospelchor begonnen. Wie kam das? Ist es nicht unüblich, dass schon kleine Kinder im Chor teilnehmen?

Torun: Unüblich? Du meinst, es käme nicht so häufig vor? Im Gegenteil, in Norwegen gibt es sehr viele derartige Chöre – im Grunde besitzt jede Kirchengemeinde ihren eigenen Gospelchor. Ein bisschen versuchen wir natürlich so zu klingen wie die amerikanischen "Gospel Choirs": Das macht einerseits Spaß und animiert zudem die Leute, die Interesse an Musik und Gesang haben; die Gemeinden bringen sehr talentierte Leute hervor.

Ich habe im Chor gesungen, seit ich sechs war, und bin dort bis zu meinem neunzehnten Lebensjahr geblieben. Dann war es Zeit für eine Veränderung – ich musste mich ja schließlich irgendwie weiterentwickeln. Aber auf jeden Fall war die Zeit im Gospelchor höchst wichtig für meine Erfahrung und musikalische Entwicklung.

Torun Eriksen - "Glittercard"Torun Eriksen - "Glittercard"

Carina: Auf deinem Album "Glittercard" singst du auch die Backgroundvocals. Die Gesangsharmonien, beruhen die auf deiner Chorerfahrung, sind sie etwas, dass sich im Studium entwickelt hat oder "geschehen" sie einfach?

Torun: Das ist mal so, mal so – und manchmal "passieren" sie wirklich einfach. Dabei legt das Album eigentlich nicht allzuviel Gewicht auf die Backgroundvocals. Aber sie dabei zu haben, ist trotzdem schön, weil sie der Musik etwas Atmosphärisches hinzufügen. Auf Tour reisen wir in der Regel ohne Backgroundsänger; für das Releasekonzert in Norwegen hatte ich allerdings zwei sehr schöne Stimmen mit dabei.

Wenn ich aber alleine singe, verändert sich der Ausdruck vollkommen. Das ist der Moment, an dem für mich der jazzige Anteil hinzukommt - nämlich in der Art und Weise, wie man so eine Performance gestaltet. Die Arrangements müssen abgewandelt werden, auch der Auftritt muss anders laufen. Alles Überflüssige wird weggelassen. In dieser Ausdrucksform – gerade in ihrer Reduktion - tritt dann tatsächlich der Jazz zutage.

Torun Eriksen

Carina: Du hast am Gymnasium deiner Heimatstadt Skien komponieren gelernt und auch eine musikalische Ausbildung erhalten. Gab es dort wichtige Lehrer für dich und wie waren die Schwerpunktfächer? Bitte erläutere ein wenig die Ausrichtung dieser Schule.

Torun: Die Schule ist eigentlich ein ganz normales Gymnasium; eines, das man vom sechzehnten bis neunzehnten Lebensjahr besucht. Es gibt aber einen eigenen Musikzweig, für den man sich extra bewerben muss, und den ich besucht habe. Und da waren es vor allem zwei Lehrer, die zu jenem Zeitpunkt eine Menge in meinem Leben verändert haben.

Einer davon war Björk, meine Gesangslehrerin. Sie unterrichtete eigentlich klassischen Gesang - das war ihr Fachgebiet. Trotzdem erkannte sie mein Talent, das ja nicht gerade im klassischen Bereich lag! (lacht) Sie sagte nur, gut, da müssen wir "etwas anders" rangehen: Somit hat sie sich allein auf die Technik konzentriert und auf meine Stimme; darauf, die Stimme zu stärken.

Und dann hatte ich noch einen weiteren, für mich wichtigen Lehrer, Roger Jeffs. Er sorgte für die Inspiration in Richtung Jazz: er zeigte mir die Songs aus dem Real Book. Ich hatte bis dahin noch nie einen Jazzsong gesungen und so war das wie eine vollkommen neue Welt für mich. Zu jener Zeit begann ich auch, meine ersten eigenen Lieder zu schreiben. Roger hatte mich förmlich dazu gedrängt, es mit dem Schreiben doch mal zu versuchen. Und er begleitete meinen Gesang am Klavier – das war für mich eine ganz andere Art, mit dem Gesang zu arbeiten.

So habe ich also die technischen Aspekte von Björk gelernt und von Roger ein wenig Aufführungspraxis mit auf den Weg bekommen. In seinem Unterricht gab er mir die Möglichkeit, mich in verschiedenste Richtungen zu orientieren, andere Winkel des Selbstverständnisses als Sänger zu erkunden. Das war einzigartig! Und die beiden hatten das so bisher auch noch nie gemacht. So war es. Ja, ich bin ihnen wirklich sehr dankbar!

Carina: Die Band "Licorice", die Arbeit mit Knut Halmrast und die Gruppe "Chipahua" – auf welche Weise haben diese Projekte deinen Gesangsstil und deine Musik beeinflusst?

Torun: Bei der Zusammenarbeit mit Knut Halmrast ging es ja um seine Songs. Insofern war es für mich in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung: der Versuch, die Intention hinter dem Song des Anderen zu erfassen. Meine eigenen Songs kenne ich, und weiß genau, was ich in ihnen ausdrücken möchte. Fremdes Material hingegen richtig zu erfassen, ist grundsätzlich schwer. Knuts jeweilige Kernaussage herauszuschälen, war daher eine Aufgabe für sich - und ich denke, er war mit dem Ergebnis sehr zufrieden!

Torun Eriksen

"Chipahua" und "Licorice", unsere Band aus der Musikstudentenzeit, ähneln sich in gewisser Hinsicht sehr – sieht man davon ab, dass "Chipahua" aus der Generation meiner Eltern stammt. Dort übernahm ich übrigens den Part von Sidsel Endresen, weil die gerade mit ihren eigenen Projekten sehr beschäftigt war. Die Band wollte aber weiterhin vier Sänger dabei haben, also sprang ich für ein paar Jobs ein. Das Material, das sie spielen, sind Soul-Klassiker.

Mit "Licorice" haben wir uns ebenfalls auf die 70er Jahre konzentriert - auf die alten Soul- und Disco-Nummern. "Chipahua" war übrigens, als sie anfingen, eine der allerersten Coverbands in Norwegen: Manche Stücke werden eben wieder und wieder gespielt und die Leute werden ihrer einfach nicht müde. Für junge Menschen sind diese Songs heute immer noch genauso wichtig wie vor zwanzig Jahren. So betrachtet, ist das sehr interessant!

Carina: Die Songtexte, die du schreibst – spiegeln sie sehr persönliche Aspekte deines Lebens wieder?

Torun: Ja, auf jeden Fall! In jeder Hinsicht ist es ein sehr persönliches Album. Für mich ist das der einzige Weg, meine Songs umzusetzen: Es geht darum, die eigenen Geschichten zu erzählen. Ich weiß auch nicht, was ich – außer meinen eigenen – sonst für Geschichten erzählen sollte. Und deswegen sind sie persönlich. Dabei geht es um eine knifflige Balance – du musst dir jedesmal überlegen, wie persönlich du wirklich sein willst! Dabei will ich auch nicht kryptisch erscheinen, oder mystisch wirken.

Ich möchte, wenn es um die Lyrics geht, im Gegenteil als Person erkennbar bleiben. Von daher denke ich, es ist zwar wichtig, dem Hörer Raum für seine eigenen Assoziationen zu lassen; dafür, sich selbst im Stück wiederzufinden - mit sogar das Wichtigste. Dabei sollte man aber keine aufwendig ausgeklügelten Sachen machen! Das ist überflüssig!

Meine inneren Beweggründe für das Schreiben der einzelnen Songs sind meine Sache; die gehen nur mich etwas an. Genauso wie ich die Gedanken der Hörer, die sie mit den Songs verbinden, nicht kennen brauche – sie können ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Das ist es, was das Ganze so interessant macht: Dass du auf der einen Seite den Künstler hast, und auf der anderen Seite das Publikum. Und die gemeinsame Begegnung findet in der Musik statt!

Carina Prange

Aktuelle CD: Torun Eriksen - "Glittercard"
(Universal / Jazzland 981087-9)

Fotos: Universal

© jazzdimensions2004
erschienen: 6.10.2004
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