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Rick Braun - "Esperanto und die Folgen"

"Esperanto" bezeichnet den Versuch, eine "Lingvo Internacia" zu schaffen, eine universale Sprache zur weltweiten gegenseitigen Verständigung. Genau so lautet der Titel von Rick Brauns neuestem Album; möglicherweise auch seine musikalische Intention dahinter. Inspirationen hierfür sammelte Braun auf zahlreichen Reisen nach Europa, die in den Norden Italiens, aber auch in den Schwarzwald führten.

Rick Braun

Aha, ein amerikanischer Trompeter auf den Pfaden seiner Vorfahren, könnte man spekulieren, denn deutet der Name "Braun" nicht möglicherweise auf deutschen Ursprung hin? In den USA jedenfalls ist Rick Braun bereits ein Star. Hier war er, um seine Hörerschaft zu vergrößern, als Opener für die durchs Fernsehen allseits bekannte Vonda Sheppard unterwegs.

Um ein wenig Namedropping zu betreiben: Braun teilte die Bühne bereits mit so unterschiedlichen Künstlern wie Rod Stewart, Phoebe Snow, Tom Petty oder auch Ricky Lee Jones. Kein Jazzer also, sollte man meinen. Und dennoch: am ehesten wäre Rick Brauns eigene Musik in die Kategorie "Smooth Jazz" einzuordnen. Dies allerdings, und hier zeigt sich Brauns Vergangenheit im Jazz-Fusion-Bereich, in der funkigen Variante. Einer Abwertung braucht das Etikett "smooth" definitiv nicht gleichkommen – immerhin erfreut sich diese Musik in Amerika einer großen Fanbasis…

Carina Prange sprach in Berlin mit Rick Braun.

Carina: Du warst mit allerhand Popstars unterwegs gewesen, als du 1993 deine Solokarriere gestartet hast. Was gab den Impuls für ein eigenes Projekt? Hast du, nebenbei gefragt, jemals überlegt, auch klassische Musik in dein Repertoire mit einzubeziehen?

Rick: Nein, richtige klassische Musik bisher nicht! (lacht) Aber es ist lustig, dass du fragst, denn so wie meine Karriere gelaufen ist, hätte das schon passieren können! Mein musikalischer Weg ergab sich im Grunde aus einer Kombination von Glück hier, Pech dort und aus "going where the wind takes me" - mit anderen Worten: Zufall. Und natürlich daraus, vorbereitet zu sein, wenn sich eine günstige Gelegenheit auftat. In dem Sinne war es natürlich auch einfach Glück, die Chance bekommen zu haben, mit Rod Stewart und Sade auf Tour zu gehen, oder mit Tina Turner ins Studio.

Viele dieser Gelegenheiten ergaben sich einfach dadurch, dass ich mich ständig in der Clubszene von Los Angeles umtat. Und dass diejenigen Freunde, die "das Gras wachsen hören" und die mich gut kannten, mich weiter empfohlen haben: "Ich kenne da einen Trompeter, der ist genau der Richtige für deinen Gig!" - So lief das. Und es passierte dann immer mehr in der Richtung. Einfach, weil ich mich tatsächlich als der Geeignete für diese oder jene Situation erwies.

All das, worüber wir gerade reden, hat mich geformt. Es bildet einen wichtigen Teil von dem, was mich als Bühnenmensch, als individuellen Künstler ausmacht. Ich wäre in der Tat nicht derjenige, der ich jetzt bin, hätte ich nicht mit Sade und Rod Stewart, Tina Turner und anderen von diesem Kaliber auf der Bühne gestanden.

Rick Braun

Carina: Du füllst als Trompeter, Produzent und Komponist diverse Rollen gleichzeitig aus. Worauf richtest du dein Hauptaugenmerk?

Rick: Es macht sicher etwas aus, dass ich Erfahrungen als Sänger gesammelt habe. Auch wenn ich schnell festgestellt habe, dass es viel bessere Sänger gibt, als mich - von daher konzentriere ich mich vernünftigerweise auf die Trompete! (lacht) Was nicht heißt, dass ich nicht irgendwann mal wieder singen würde – hab' ein Auge drauf! Dass ich die Trompete wie die Singstimme einsetze, ist einer der Gründe für den großen Erfolg, den ich habe. Denn Trompete zu spielen, lediglich um den Leuten zu beweisen, dass ich sie technisch beherrsche, das hätte mir den Weg in den Mainstream-Bereich versperrt. Mich von dem ausgeschlossen, was gerade "in" ist.

Ich betrachte mein Instrument stets wie eine Stimme. Ich nehme an, die Tatsache, dass ich auch als Songwriter tätig war, hat mich ich in der Lage versetzt, Stücke zu schreiben, die auch auf dem Popsektor Erfolg haben. Und auch tatsächlich Teil dieser Popwelt gewesen zu sein, hat zu dem Erfolg wiederum beigetragen. Denn es ist ja so: Was die Leute am Ende eines Tages von meiner Musik in Erinnerung haben, ist die Melodie und der Song selbst. Die Tatsache, dass ich einerseits mein Instrument beherrsche, und meine Trompetenlinien andererseits so über den Song legen kann, als würde jemand sie singen – das sehe ich als den wesentlichen Aspekt, der über die ganzen Jahre zu meinem Erfolg beigetragen hat.

Carina: Ist es nicht problematisch, den ausführenden Musiker, den Trompeter, vom kalkulierenden Produzenten zu trennen? Hat man mit diesen beiden unterschiedlichen Rollen nicht wortwörtlich zwei verschiedene Hüte gleichzeitig auf?

Rick: Das ist gut beobachtet - und so wahr! Ich muss in der Tat, wenn ich eine CD produziere, zwei verschiedene Hüte aufsetzen. Und insbesondere dann, wenn es meine eigene CD ist. Zuerst sitze ich im Studio und schreibe einen Song. Dabei habe ich den Songwriter-Hut auf. Und dann muss ich auf der Idee den Song aufbauen, sozusagen das Salz zur Suppe tun – das bedeutet, den Produzentenhut zu tragen.

Steht der Song dann bis zu einem gewissen Punkt, muss ich diesen Hut wieder ablegen und meinen Künstlerhut aufsetzen. Ich spiele dann die Trompetenspur über den Track, den ich gerade arrangiert habe. Und ganz am Schluss muss ich wieder den Produzentenhut aufsetzen um zu entscheiden, ob dieser Song gut genug ist, um mit auf das Album zu kommen.

Dafür, und das ist echt schwer, muss ich ihn sozusagen "von außen" betrachten. Hätte ich einen außenstehenden Produzenten, so könnte der diese Entscheidungen treffen. Dann müsste ich nicht immer selbst den dafür erforderlichen Abstand gewinnen, um mich damit auseinanderzusetzen.

Im Studio spiele ich also meine Stimme zu dem Track, versuche dabei, die passendste Melodie herauszuarbeiten um dem Song das Bestmögliche abzugewinnen. Das Ergebnis muss ich anschließend erstmal zur Seite legen, Distanz gewinnen. Am besten wäre wegzugehen und erst zwei Tage später wiederzukommen. Und dann den Song frisch hören, ob er mir immer noch gefällt.

Diese Phasen muss man während des Entstehens eines Albums für jeden einzelnen Song durchlaufen – manchmal vier oder fünf Mal. Einige Songs bleiben übrig, wieder andere bleiben auf der Strecke. Bei meinem neuen Album "Esperanto" habe ich ja wirklich alle Rollen übernommen: produziert, selbst gespielt - und ich habe auch fast alle Songs geschrieben. Das kostet enorm viel Zeit, ist ein sehr anstrengender und erschöpfender Prozess, der einfach viel Energie zieht. Am Ende bist du total k.o.!

Rick Braun

Carina: Spielst du gelegentlich auch Flügelhorn?

Rick: Ja, ich spiele Flügelhorn, ich habe auf allen meinen CDs Flügelhorn gespielt – das ist Teil meines Sounds. Im Grunde habe ich drei verschiedene "Stimmen", die ich auf meinen Alben verwende - drei sehr ausgeprägte, unterschiedliche Klangfarben: Zum einen die Trompete ohne Dämpfer, zum anderen das Flügelhorn und zusätzlich die Trompete mit Dämpfer.

Der Dämpfer erzeugt grundsätzlich einen sehr intimen Sound, der am ehesten an Miles Davis Album "Kind of Blue" erinnert. Für meine spezielle Umsetzung davon funktioniert folgende Methode: Ich gehe mit der Schallöffnung des gedämpften Instruments bei Aufnahmen extrem dicht an das Mikrophon und spiele dafür sehr leise. Dadurch entsteht ein sehr warmer, gleichzeitig obertonreicher Klang. Im Grunde derselbe, leicht blecherne Sound, der mit der Periode des Cool Jazz assoziiert wird – ein Sound, der einfach sehr sexy ist! Ich fand es schon immer toll, ein Instrument zu spielen, dass nicht auf einen einzigen Sound begrenzt ist.

Das Flügelhorn wiederum hat einen sehr warmen, dichten Sound. Es hat eine sehr lyrische Komponente, die an die Wärme der menschlichen Stimme erinnert. Ohne Dämpfer klingt die Trompete im Vergleich zum Flügelhorn durchdringender, schärfer und hat "mehr Blech". Das sind, zusammengefasst, meine drei Grundfarben.

Carina: Was inspiriert dich zum Komponieren, zum Songschreiben?

Rick: Ach, da gibt es unglaublich viel, das mich inspiriert. Für das neue Album, "Esperanto" kamen die Anregung durch meine Reisen in Norditalien und Süddeutschland: Jenes große Gebiet, das an den Schwarzwald und die Schweiz grenzt. Es gibt einfach so schöne, wunderschöne Regionen und Kulturen auf der Welt! Und meistens schreibe ich meine Musik mit einer Art von Klanglandschaft im Kopf - etwas, das den Hörer auf eine Reise irgendwohin bringt.

Im Laufe der Jahre haben die unterschiedlichsten Dinge als Quelle gedient. Eine immerwährende davon ist - natürlich - die Liebe. Auch meine Kinder, selbstverständlich. Die ganzen guten oder schlechten Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe, dienen mir zur Inspiration. So entstammt die Musik für mein Album "Beat Street" fast ausschließlich den Erlebnissen, die ich auf der Tour mit der Band WAR hatte.

Rick Braun - "Esperanto"

Carina: Auch wenn du einst in einer Fusionband mit einer eher "freien" Orientierung gespielt hast, liegt dein Schwerpunkt eher auf dem sogenannten Smooth Jazz. Hat der nach wie vor in den USA ein Publikum?

Rick: Oh, durchaus! Es gibt sogar eine große Hörerschaft für diese Musikrichtung, obwohl auch das gerade einigen Veränderungen unterworfen ist. Nun, ich denke, das gilt zur Zeit weltweit für die gesamte Musikszene: Die Wirtschaftslage ist schlecht und es sind schwierige Zeiten für uns alle.

Jedoch, wie ein guter Freund zu mir sagte: Die Leute wollen immer Musik hören! Und Smooth Jazz ist eine Richtung, wo es den Leuten leichtfällt zuzuhören. Sie genießen die Möglichkeit, Instrumentalmusik zu hören, ohne dass diese übermäßig kompliziert ist. Von daher können sie einfacher eine Beziehung dazu aufbauen und gleichzeitig wird ihnen der Jazz näher gebracht. Und sie bekommen das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das "in" ist, und innovativ ist.

Rick Braun

Carina: Und wie steht der Smooth Jazz im Vergleich dazu in Europa da? Wäre hier deiner Meinung nach eine andere Herangehensweise an den Hörer angebracht?

Rick: Es ist so, dass ich unheimlich gerne hierher komme. Wir reden oft davon, ganz nach Deutschland zu ziehen – meine Frau ist ja Deutsche. Es hört sich vielleicht eigennützig an, aber es ist mir deshalb sehr darum zu tun, hier meine Musik bekannt zu machen und eine Beziehung zu den Fans aufzubauen. Was sich kürzlich auf der Tour mit Vonda Sheppard abspielte, ermuntert mich, in der Richtung weiterzumachen.

Ich bin ihr übrigens sehr dankbar, dass diese Kooperation funktioniert hat. Zunächst war ich mir nicht so sicher, dass es laufen würde, denn es sind ja zwei völlig unterschiedliche Musikrichtungen: Sie gilt als Singer-Songwriter und ich bin ein Instrumentalist. – Aber es hat gut geklappt! Denn nach jedem Konzertabend haben die Leute meine CDs gekauft, und viele davon. Und ich bin glücklich, denn das zeigte mir, dass meine Musik auch auf dem deutschen Markt eine Chance hat!

Carina Prange

Aktuelle CD: Rick Braun - "Esperanto" (Warner 9362-48280-2)

Rick Braun im Internet: www.rickbraun.com

Fotos: Warner

Anmerkung: Eine ungekürzte Version dieses Interviews erschien im Sonic-Magazin 3/04

© jazzdimensions2004
erschienen: 9.11.2004
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