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Lhasa - "Magie und Alchemie"

Lhasa – wann immer einem dieses Wort unterkommt, schwingt etwas Mystisches mit: die Welt der Imagination, die des Glaubens. Lhasa – heißt so doch die geheimnisvolle tibetische Hauptstadt, bedeutet das doch nichts anderes als das "Land des Heiligen Buddha." – Hier allerdings soll nicht über jene Stadt in Tibet diskutiert werden; wir lassen Lhasa, die Sängerin – Lhasa de Sela mit vollem Namen – zu Wort kommen.

Lhasa

Sie singt Songs, deren Einordnung in die üblichen Genres schwer fiele – ihrer Musik, ihrer Welt der Kreativität scheinen so wenig Grenzen gesetzt, wie dem Blick von einem Gipfel des Himalaja. Und etwas Mystisches umgibt sie auch. In drei Sprachen ist sie heimisch – und so singt sie die Lieder ihres neuen Albums, "The Living Road" in Spanisch, Französisch und Englisch. Schildert ihre ganz persönlichen Sichten und Ansichten, Träume und Albträume, ihr Leben und ihre Märchenwelten. Lhasa regt den Hörer dazu an, seine eigene Phantasie spielen zu lassen.

Doch auch Lhasas Leben gibt Stoff für Geschichten: Ihre frühen Jahre verbrachte sie in Mexiko, mehrere davon mit ihren Eltern "on the road" in einem umgebauten ehemaligen Schulbus. Dann weitere Jahre in San Francisco. Seit einem Jahrzehnt ist die umtriebige Künstlerin in Montreal, Kanada, vor Anker gegangen. Ob permanent? Zuhause, sagt sie, fühlt sie sich überall, wo sie sich gerade befindet ...

Carina Prange sprach in Berlin mit Lhasa de Sela.

Carina: Der Titel deines neuen Albums ist "The Living Road" - in welcher Hinsicht bezieht sich dieser Name auf dein eigenes Leben? Verstehst dein ganzes Leben gar als "living Road" oder "living on the road?"

Lhasa: Ja, auf jeden Fall! Dieses Bild der lebenden Straße – "the living road" – beinhaltet für mich viele verschiedene Dinge. Zum einen geht es um das Leben als Straße, um die Reise, die unser Leben bedeutet. Bei Straßen denken wir immer an das ewig Berechenbare. Wir nehmen einen Weg und er bringt uns von einem Ort zu einem anderen. Betrachtet man aber die Straße des Lebens, dann sieht man, dass sie sich ständig verändert.

Sie selbst bewegt sich, und man selbst wird durch die Bewegung auf ihr verändert. Deswegen ist das für mich eine Metapher. Für das Leben, und für den Lebensweg. Aber außerdem hat das ganz sicher auch mit meiner Kindheit zu tun. Damit, das ich ständig unterwegs war. Ich bin mein ganzes Leben derart viel gereist, dass ich inzwischen vom Gefühl auf Dauer auf der Reise bin.

Lhasa - "The Living Road"

Carina: Macht es das dir schwer, dich grundsätzlich irgendwo "zuhause" zu fühlen? Was bedeutet "zuhause sein" für dich, wie definierst du "Heimat"?

Lhasa: Eigentlich fühle ich mich dort "zuhause" wo immer ich bin – auf gewisse Weise zumindest. Das klingt seltsam, aber als ich beispielsweise zum ersten Mal nach den Réunion Inseln gereist bin – die liegen da unten, in der Nähe von Madagaskar – also ich kam an, den Globus vor Augen, und stellte fest, wie weit entfernt das ist. Du befindest dich auf der anderen Seite der Welt. Und dann sind auch da Vögel. Du hast ein Hotelzimmer. Ein Badezimmer. Normalität. Dann weißt du: O.k., dies ist für ein paar Tage mein Heim. Und plötzlich fühlt es sich auch so an – wie zuhause. Auch wenn ich nie wieder hierhin zurückkehren werde, für diesen Moment, diesen Augenblick, fühlte ich, dies ist mein Zuhause, meine Heimat.

Auch das "auf Tour" sein lehrt es, dich überall daheim zu fühlen. Heute. Morgen zählt ein anderer Ort, an dem ich dann sein werde, als meine Heimat. Seltsam, aber so kann ich mich an den verschiedensten Orten heimisch fühlen. Gleichzeitig habe ich nie das Gefühl, dass sich irgendwo etwas wie mein "richtiges" Zuhause befindet. Es ist eher so – wo immer ich gerade bin, wo immer ich arbeite, da fühle ich mich heimisch: Jetzt gerade ist es beispielsweise dieser Raum, in dem wir sitzen. Heimat. Das Zuhause bekommt dadurch etwas Fließendes, Bewegliches. Wie ein Hafen, den du mit dir trägst.

Lhasa

Carina: Singen, deine ganze Gefühlswelt in den Gesang hineinlegen – insbesondere die dunkleren Stimmungen wie Melancholie, Traurigkeit, vielleicht auch Wut: Ist das für dich ein alternativer Weg der Kommunikation, mit dem Publikum oder dir selbst? Direkter, einfacher als Reden, Diskutieren oder Streiten?

Lhasa: Ich denke, da gibt es einen großen Unterschied. In einem Gespräch kannst du, was du meinst, klar ausdrücken. Du zeigst mit dem Finger darauf, sprichst es aus. Danach ist es eindeutig, du hast gesagt, was du übermitteln wolltest. Dann erwidert dein Gegenüber etwas, ein Austausch findet statt. Möglicherweise macht sich die andere Person etwas von dem zu eigen, was du gesagt hast. Und das regt sie zum Nachdenken über sich an, hilft die Unterhaltung weiterführen... Manchmal aber kann es auch frustrierend sein. Wenn das Gesagte ins Leere geht. Wenn es nicht mal wahrgenommen wird.

Wenn du hingegen einen Song schreibst, kann ein Thema in ihm wirklich Gestalt annehmen, von ihm unmittelbar Ausdruck verliehen bekommen. Das gibt dir die Möglichkeit, etwas zu erschaffen, das anschließend real ist. Das ein Eigenleben führt, das existiert, auf das du jederzeit zurückkommen kannst und das dir sagt, dieses Lied erzählt etwas über diese Sache! Ein wundervoller Weg, sich selbst auszudrücken, weil er Bestand hat. Er existiert als Verkörperung eines Gemütszustandes, einer deiner Stimmungen, Ideen oder Gefühlsregungen. Und es ist irgendwie angenehm, sagen zu können: "Hier ist es. Ich habe es gefühlt, habe es aufgeschrieben und es bleibt."

Würdest du dasselbe in einem Gespräch machen, es würde egoistisch und selbstbezogen wirken. Du kannst nicht einfach sagen: "So ist das, und du hast jetzt gefälligst... !" – Mit einem Lied ist geht sowas, weil ein Song nur ein Angebot darstellt: Das hier biete ich dir an, du musst nicht zuhören. Aber wenn du es tust, wartet eine kleine, komplette Welt auf dich! (lacht)

Carina: Zwei der Lieder deines Albums möchte ich herausgreifen. Was ist die Intention, ist deine persönliche Botschaft, die hinter "My Name" und "Soon This Space Will Be Too Small" steht?

Lhasa: "My Name" ist ein Song darüber, sich in einem Zustand zu befinden, in dem man gelähmt ist. Man leidet, trauert, man strengt sich an, aus diesem Sumpf wieder herauszukommen. Es ist eine Art von Hilferuf – an Gott, an jemand dort draußen. Wie wenn man einer Woge von Gefühlen ausgesetzt ist, aber gleichzeitig nicht in der Lage, sich da rauszuwinden. Man sitzt fest, ist darin gefangen. "Soon This Place Will Be Too Small" ist für mich hingegen wie eine Befreiung. Es ist ein Lied über das sich verwandeln. Für mich handelt der Song vom Geborenwerden und auch vom Sterben: Der Raum wird mir zu eng, also gehe ich raus, nach draußen.

Es kann sein, dass dieses "Draußen" der Tod ist. Aber auch, dass du im Bauch der Mutter bist; du wächst und der Raum wird immer enger. Du musst rausgehen, in die Welt. – Es ist das Bild vom Hinübergleiten zu einer anderen Seite. Hin zum Lebens, zum Tod, oder hin zu etwas anderem. Wie im Märchen mit dem fliegenden Fisch: Du wirst geboren in einer Schachtel. Der Fisch hat einen kleinen goldenen Schlüssel. Er kommt und öffnet die Schachtel. Magisch: All diese Bilder sind wie Alchemie, wie Magie.

Lhasa

Carina: Würdest du dich als politische Songwriterin bezeichnen, oder als Songwriterin, die sich für Humanität, für die Bewahrung dieses Planeten engagiert?

Lhasa: Ja, ich wäre das zumindest sehr gerne. Ich bin dabei, mir meinen Weg dorthin zu suchen, hoffe ich jedenfalls. Und ich möchte das auf meine eigene Weise tun. Ich muss noch einiges darüber lernen, was ich wirklich ausrichten kann. Ich freue mich, an politischen Themen mitzuwirken. Sich zu engagieren empfinde ich als gut und richtig. Ich schaue immer, was los ist. Ich versuche alles aufzunehmen. Einfach, weil ich unbedingt eine Stimme für das Leben sein will, für die guten Dinge. Für das, woran ich glaube.

Negative Dinge, Gier beispielsweise, äußern sich immer sehr laut. Deshalb meine ich, jemand anders sollte genauso laut gegenanreden. Die Leute müssen erkennen, dass das nicht alles ist: Gier, Ehrgeiz und all das. Das Negative ist so allgegenwärtig, beansprucht alles für sich. Wo du auch hinschaust, es ist da – im Radio, im Fernsehen, einfach überall. Dabei müssen die Menschen auf die andere Seite hingewiesen werden; jeder weiß doch, dass es auch noch etwas anderes gibt. Aber jemand muss es sagen, es aussprechen!

Carina: Kreativität und Kunst sind sehr wichtige Dinge für deine ganze Familie. Was bedeutet das für deine Ansprüche an dich selbst?

Lhasa: Im Grunde ist Kreativität was Eigenartiges – wie soll ich das erklären? Mal sehen... – das ist, wie wenn du einen großen Garten hast. Du bist ständig dabei, das Unkraut herauszuziehen. Auch die Kreativität ist auf gewisse Weise wie Unkraut. Es wächst oder wächst nicht. Es hat nichts damit zu tun hat, aktiv etwas zu machen. Man muss es geschehen lassen. Ich lerne langsam, dass es schlecht ist, etwas vorantreiben zu wollen.

Früher habe ich immer gedacht: Ich muss! Ich muss etwas tun, ich muss etwas erreichen. Und mich dann immer selbst unter Druck gesetzt. Ich begreife langsam, was das Ganze erschwert: Das Erschwerende ist nicht das Tun, das Erschwerende ist der Druck. Wenn du den Druck von dir wegnimmst und die Dinge einfach geschehen lässt, dann gibt das Raum für Kreativität. Sehr viele Menschen meinen, wenn sie sich antreiben, sich richtig fertigmachen, dann macht sie das kreativ. Falsch. Das zu lernen, da bin ich gerade mitten dabei.

Carina Prange

Aktuelle CD: Lhasa - "The living road"
(2004, tôt ou tard / WarnerBros)

Lhasa im Internet: www.lhasadesela.ca

Warner Bros. im Internet: www.warnerbrosrecords.com

Fotos: Filippa Lidholm

Das vollständige Interview erschien im Folker (Ausgabe 02/04).

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© jazzdimensions2004
erschienen: 03.07.2004
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