Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / international / 2006

Jun Miyake - "Die Musik, die vom Geiste her Jazz ist"

Eine Aura des Exotischen umgibt Jun Miyake schon automatisch, könnte man sagen – den allseits bejubelten Trompeter des weitentfernten, mystischen japanischen Inselreichs. Aber verdient Miyake diesen Nimbus wirklich – oder nur in westlich-europäischen Augen? Ein Musiker, der einerseits die erhabenen Weihen des Bostoner Jazzcollege Berklee vorweisen kann, und gleichzeitig, ohne sich dadurch in Widersprüche zu verstricken, eine erfolgreiche Karriere als Komponist von Werbejingles?

Jun Miyake

Sein in Deutschland nur fragmentarisch zugängliches Werk, die auf Tropical Music erschienene Album-Trilogie "Mondo Erotica", "Innocent Bossa" und "Glam Exotica" alleine jedenfalls verhilft dem Fragenden nicht zu einem vollständigen Bild.

Und als der Japaner unlängst als Co-Kurator des Berliner Jazzfestes 2003 in Erscheinung trat, outete er sich eher als musikalischer Paradiesvogel denn als linientreuer Traditionalist: Über stilistische Schranken und musikalische Kategorien lässt sich Miyake nicht greifen – für ihn ist die gesamte Musikwelt dieses Planeten eine Einheit und untrennbar miteinander verbunden. So wundert es einen dann nicht mehr, dass der vielseitige Virtuose, der neben Trompete, Flügelhorn und Blockflöte auch diverse Tasteninstrumente spielt, seine eigene Darbietung zu einem beinahe skandalträchtigen Jazz-Rock-Underground-Free-Spektakel werden ließ...

Carina: Du bist gelernter Musiker und hast am "Berklee College of Music" in Boston studiert. Was ist für dich das Besondere am Jazz?

Jun: Ich war elektrisiert, als ich zum ersten Mal Jazz gehört habe. Damals war ich zwölf Jahre alt. Von da an bis zu dem Zeitpunkt, als ich weitere zwölf Jahre später von New York nach Tokyo zurückkam, war ich total besessen davon. Ich habe in diesen Jahren nichts anderes als Jazz gehört, gewissermaßen, um ihn in mir in seiner reinsten Form zu kultivieren.

Als ich aber 1981 das Comeback-Konzert von Miles Davis miterlebte, beschlich mich das Gefühl, dass es mit dem Jazz vorbei sei. Für mich verkam der Jazz plötzlich zu einem Musikformat unter vielen. Nachdem auch der "Super-Innovator", der Miles Davis ja war, uns keine neuen Ausdrucksformen mehr zu bieten hatte, war der Jazz einfach nicht mehr die musikalische Speerspitze, nicht mehr das Neueste vom Neuen!

Diese Erkenntnis öffnete etwas in mir. Ich begann auch anderen Dingen zuzuhören; allem, den unterschiedlichsten Sachen. Schritt für Schritt verschmolzen die ganzen Musiken, die es gibt, für mich zu einer Einheit. Alles trifft sich auf einer Ebene. Ich vermute, hier liegt der Ursprung meines Wegs der Kombination. Ich will verschiedenste Arten von Musik gleichberechtigt verbinden – zu einem neuen Ganzen. Auch der Jazz entstand ja ursprünglich durch die Verbindung verschiedenster Musikrichtungen. Und Musik, die "vom Geiste her Jazz ist", das ist es, wonach ich suche.

Carina: Die Jazz-Szene in Tokyo, oder generell die Musikszene in Japan: Monday Michiru [japanische, in Amerika lebende Sängerin und Journalistin – Anm. d. Red.] erzählte mir, die Szene dort sei extrem progressiv, sogar avantgardistisch. Trifft das immer noch zu auf die dortigen Verhältnisse? Wie groß ist überhaupt das Interesse am Jazz in Japan?

Jun: Ich nehme an, sie hat dir das in den späten 80ern oder frühen 90ern erzählt? Ich erinnere mich an die Ära, von der sie spricht – ich glaube, ich bin sozusagen von damals übriggeblieben. Aber die Interessen der Leute haben sich verschoben, hin zu etwas, was ich als eine "Lolita-Kultur" bezeichnen würde. Was immer in Radio oder Fernsehen gebracht wird ... nichts als Manga und Cartoons. Eigentlich also alles an Kinder gerichtet! Es ist total abgedreht.

Was das derzeitige Interesse an Jazzmusik in Japan betrifft: Wir hatten schon immer eine Menge Jazzfans, ganz gleich, was sonst so los war. Das wird auch so bleiben. Sie sind sehr ernsthaft dabei, da braucht man sich keine Sorgen machen!

Jun Miyake

Carina: Fühlst du selbst dich der Tokyoer Jazzszene zugehörig? Würdest du dich überhaupt als Jazzmusiker bezeichnen?

Jun: Nein, eher nicht, lediglich marginal. Im Grunde habe ich schon vor Jahren beschlossen, zur Jazzszene auf Abstand zu gehen.

Carina: Dein künstlerischer Werdegang ist ungewöhnlich – vom Beginn als Jazzmusiker in den USA über das Komponieren für Film und Werbung hin zu deiner CD-Trilogie. Bitte beschreibe das mal etwas ausführlicher. Sieht eine musikalische Karriere in Japan anders aus?

Jun: In den 80ern hatten wir in Japan diesen gewaltigen Wirtschaftsboom, der sich dann später zwar als Luftblase, als "bubble economy" erwies. Aber erstmal war einfach Geld vorhanden. Fernsehwerbung war wie ein großes Versuchslabor, du konntest einfach machen was immer du wolltest. Es gab keinen Zusammenhang zwischen der Werbung und dem tatsächlichen Produkt. Es ging nur um Bilder, um das Visuelle. Das war eine großartige Schule für mich.

Durch das Arbeiten mit diesem Medium habe ich viel gelernt – das hat auch meine künstlerische Tätigkeit im Allgemeinen stark beeinflußt. Das alles war ein wesentlicher Pfeiler meiner Karriere in Japan. Aber wegen der langandauernden Rezession hat die Werbeindustrie ihren kreativen Schwung verloren, sie existiert praktisch nicht mehr. Ich denke ernsthaft darüber nach, was anderes zu machen, wo mehr Kreativität am Laufen ist.

Jun Miyake - "Glam Exotica!"

Carina: Wenn du spielst oder komponierst, verwendest du dann unwillkürlich gelegentlich Melodien aus deinen eigenen Werbejingles?

Jun: Zunächst einmal – ich bin kein Schreiber von platter Tralala-Werbejingle-Musik. Es gibt keine Trennlinie zwischen mir als Filmmusikkomponisten und mir als Künstler. Bewegte Bilder inspirieren mich und es ist immer aufregend, dazu Musik zu schreiben. Ambitioniert sind die Sachen, die ich mache immer. Anders gesagt, meine Kompositionen können rein funktional erscheinen, aber es steckt stets viel von mir selbst drin.

Carina: Deine Trompete und dein Flügelhorn, welche Marken und Modelle verwendest du? Welche Mundstücke werden von dir bevorzugt? Hast du bestimmte Favoriten unter deinen Instrumenten?

Jun: Ich habe eine ganze Reihe von Instrumenten. Wie genau soll's denn sein? Da wäre zunächst mein Benge Flügelhorn, "Modell 3" (aus der L.A. Periode) mit einem Giardinelli "10FL"-Mundstück. Dann meine beiden Haupttrompeten: Eine Monette mit "B6FL"-Mundstück vom selben Hersteller und eine Trompete der Firma Calicchio, "Modell 1s" in Goldfinish mit einem Giardinelli "10S"-Mundstück. Davon abgesehen gibt es noch drei weitere Instrumente, die ich häufig benutze: eine Getzen-Trompete, eine Vincent Bach, ein weiteres Benge-Flügelhorn. Und eine Taschentrompete von Jupiter; die verwende ich zusätzlich sehr gerne.

Carina: Inwieweit hängt dein Sound vom Instrument ab?

Jun: Ich dachte früher immer, das Instrument sei unerheblich ... es sei primär eine Sache der Lippenspannung und des Atmens. Von daher habe ich mich nicht so sehr um das eigentliche Instrument gekümmert. – Aber vor kurzem habe ich einiges über die physikalischen Grundlagen erfahren, wie so ein Horn funktioniert. Ein Instrumentenbauer hat mir einiges darüber erzählt, und, zugegeben, ich lerne noch.

Jun Miyake

Carina: Hino Terumasa war über viele Jahre dein Lehrer und Mentor. Welches Repertoire hat er dir beigebracht – waren Jazz, europäische Klassik oder japanische Musik Schwerpunkte?

Jun: Was er mir zeigte, nannte er "the Jazz Life". – Das war sein Schwerpunkt. Und ich lernte bei ihm, nach Gehör zu spielen. Die technischen Unterrichtsinhalte, wie er sie gewichtete, waren sehr schwer für mich. Das lag aber auch daran, dass er gerade in dieser Zeit mit seiner Lippenspannung herumexperimentierte und mich das dann alles ausprobieren ließ. Mich hat das total durcheinandergebracht - er selbst hingegen klang immer gleich, ganz egal, was er tat.

Carina: Dir wird nachgesagt, dass du mit Leichtigkeit die unterschiedlichsten musikalischen Elemente miteinander verbindest. Wie hast du das gelernt? Wie sieht heutzutage deine Herangehensweise an musikalische Projekte aus?

Jun: Zum ersten Teil der Frage: Meine beste Übung dafür war, wie ich vorhin bereits sagte, das Komponieren für Filme und Werbung. Da hatte ich die Gelegenheit, solche Stilübergriffe in aller Ausführlichkeit auszuprobieren. – Für Projekte ist meine Herangehensweise hingegen immer ganz individuell. Im Grunde höre ich in mich hinein und mein Innerstes sagt mir dann, in welche Richtung ich mich orientieren soll.

Carina: Inwieweit hilft es oder verbessert es dein Spiel auf Trompete oder Flügelhorn, dass du als Multiinstrumentalist auf der Bühne auch andere Instrumente spielst? Gibt es umgekehrt auch eine Verbindung zwischen deinem Jazztrompetenspiel und deinen anderen Instrumenten?

Jun: Als ich noch "lediglich" Trompeter war, habe ich mich immer gefragt: "Warum stehe ich hier und warte auf mein Solo, während der Rest der Band die Musik macht und abgroovt?" – Ich hatte außerdem das Gefühl, dass das, was ich mit meinem Horn machen kann, begrenzt ist – im Vergleich zu dem, was ich im Geiste alles höre. Durch das Spielen anderer Instrumente, den Einsatz von Computern und nicht zuletzt dadurch, dass ich andere Musiker einsetzen kann, um das Bild, dass ich vor Augen habe, zu realisieren, sind die Möglichkeiten unendlich geworden.

Heutzutage spiele ich mein Horn dann, wenn die Musik es tatsächlich erfordert oder wenn ich unbedingt spielen möchte. Es ist ziemlich uncool, wenn du allein deshalb Trompete spielst, weil du nur dieses eine Instrument dabei hast und nichts anderes. Das Fender Rhodes zusätzlich mit auf der Bühne zu haben, macht gewaltigen Spaß, du kannst nämlich die ganze Zeit über Teil der Band sein.

Carina: In deiner Musik kann man auch Einflüsse von Erik Satie und John Cage heraushören. Stimmst du dem zu? Oder, anders gefragt, welche Komponisten siehst du als deine Einflüsse?

Jun: Erik Satie und John Cage gehören auf jeden Fall zu den Komponisten, die ich sehr schätze – auch wenn ich ihre Musik nicht besonders häufig höre. Die Komponisten, die ich persönlich am Liebsten mag, sind Kurt Weill, Nino Rota und der in dieser Hinsicht immer notorisch unterschätzte Charlie Chaplin.

Jun Miyake

Carina: In Japan hast du ein Dutzend Alben unter eigenem Namen veröffentlicht, in Deutschland sind davon nur drei im Handel. Insbesondere bezüglich des Albums "Entropathy", coproduziert von Hal Willner, scheint dies ein Verlust. Um welche Musik handelt es sich?

Jun: "Entropathy" ist etwas ganz besonderes. Die Musik ist ein echter Hybrid, ein Stilgemisch aus allen erdenklichen Quellen - ein richtiger Bastard, ohne jegliche Glättung der Ecken und Kanten! Ich mag diese Platte sehr.

Carina: In der japanischen Gegenwartskultur könnte der Schriftsteller Haruki Murakami gewissermaßen als dein literarischer Gegenpart gelten. Was sagst du zu seinen Büchern?

Jun: Oh, bisher bist du die Erste, die diesen Vergleich herangezogen hat! Dieses Lob zu hören, freue ich mich riesig. Ich l-i-e-b-e seine Bücher: Murakami hat in vielerlei Hinsicht Grenzen überschritten - er ist großartig, und als Schriftsteller ist er derzeit "definitiv Pop"!

Carina Prange

Aktuelle CD: Jun Miyake - "Glam Exotica!" (Tropical, BMG)

Tropical Music im Internet: www.tropical-music.com

Vollständiges Interview erschien in der Sonic.

Fotos: Frank Bongers

© jazzdimensions2004
erschienen: 6.9.2004
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: