Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / international / 2006

Hedvig Hanson - "Junger Stern aus Estland am Firmament"

Skandinavien gilt seit einiger Zeit als Motor der europäischen Jazzszene. Von dort kommen Innovatoren wie Bugge Wesseltoft, Nils Petter Molvaer, aber auch Sängerinnen wie Silje Nergaard und Rebekka Bakken. Doch vielleicht muss der nordwärts gerichtete Fokus demnächst nach Osten, auf das Baltikum ausgedehnt werden: In den Blickpunkt rückt Estland, ein vergleichsweise kleines Land auf demselben Breitengrad wie Schweden. Denn von hier stammt Hedvig Hanson, die estnische Sängerin mit – nomen est omen – skandinavischem Namen.

Hedvig Hanson

Im Grunde sei es, wissen die Touristinformationsbroschüren, nichts Besonderes, dass junge Frauen und Männer in Estland sich dem Gesang widmen – und dies in Chören auch gerne zu den verschiedensten Zusammenkünften tun. Vergleichsweise selten ist es allerdings, wenn eine junge Frau solo singt, und außergewöhnlich, wenn sie, neben dem Sammeln estnischer Gesangspreise, auch über die Grenzen des Heimatlandes hinaus von sich Reden macht. Hedvig Hansons internationales Debütalbum "What Colour Is Love" – betitelt nach dem von ihr gecoverten Song von Terry Callier – beinhaltet neben zwei Fremdkompositionen viele eigene Songs.

Carina Prange sprach mit Hedvig Hanson in Berlin.

Carina: Auf deinem neuen Album findet man auch zwei Songs in estnischer Sprache. Singst du lieber in deiner Muttersprache Estnisch oder auf Englisch?

Hedvig: Ich mag beides sehr, aber in letzter Zeit habe ich festgestellt, dass ich es besonders anregend finde, wieder in meiner Muttersprache zu singen. Ich hatte immer auf Englisch gesungen – seit ich für mich beschlossen hatte, dass Jazz eine Art von Musik sei, die in keiner anderen Sprache funktionieren würde. – Das, habe ich nun festgestellt, ist aber tatsächlich gar nicht der Fall! Und wenn ich jetzt Songs schreibe, tue ich das häufig in beiden Sprachen – in Estnisch und Englisch. Ich mag, wie gesagt, beides.

Ich bin überzeugt, dass es unheimlich wichtig für einen Künstler ist, seine eigene Kultur, seine Sprache einzubringen. Ich jedenfalls möchte beides nicht verstecken. Du musst schon in irgendeiner Form auf das stolz sein, was und wer du bist. – Aber es ist andererseits so, dass die Leute gerne etwas hören, weil es für sie ungewohnt klingt - manchmal in einer Sprache, die sie nicht verstehen; auch in Estland ist das so. Daher singe ich ja auf Englisch. Aber ich werde stets auch auf Estnisch singen, einfach um zu zeigen, dass ich weder Engländerin, noch Amerikanerin, sondern jemand anderes bin. Und darauf bin ich stolz.

Hedvig Hanson

Carina: "What colour is love" ist dein drittes Album, aber das erste mit internationalem Vertrieb. Wenn du vergleichst: Wo liegt der Unterschied zwischen der neuen Platte und den anderen CDs? Seit wann orientierst du dich in dieser musikalischen Richtung?

Hedvig: Ja, es ist mein erstes Album, das international erhältlich ist und es ist die Frucht von zehn Jahren Arbeit. Ich habe bereits als kleines Kind angefangen zu singen. Als Sängerin öffentlich aufgetreten bin ich hingegen erst mit etwa 18 Jahren und somit seit ungefähr zehn Jahren im "Showgeschäft". Ich wollte den Durchbruch schaffen, klar, aber angefangen habe ich zunächst mit Popmusik. Und eines Tages sah ich, dass Pop gar nicht wirklich die Musik war, die ich machen wollte.

Als ich 22 war entdeckte ich den Jazz für mich. Ich bin im Grunde sehr froh, dass diese internationale Aufmerksamkeit nicht früher kam, weil ich noch nicht reif dafür gewesen wäre. Und somit ist diese Platte zu diesem Zeitpunkt wirklich wichtig für mich und liegt mir sehr am Herzen. – Inzwischen fühle ich mich dem auch mental gewachsen. Dass ich beispielsweise nicht durchdrehe, wenn ich möglicherweise eines Tages tatsächlich berühmt bin.

Carina: Inwieweit hattest du Instrumental- und Gesangsunterricht?

Hedvig: Ich bin zwar von unheimlich vielen Sachen beeinflußt worden, aber einen Lehrer, der mir Jazzunterricht hätte geben können, gab es nicht. Ich habe in klassischem Klavierspiel Unterricht genommen. Meine Mutter ist ebenfalls Sängerin, auch sie singt Jazz. Von daher habe ich diese Musik im Blut und das macht es einfacher.

Aber es gibt in Estland in dem Sinne keine Jazzausbildung. Noch nicht. Einfach, weil wir so ein junges Land sind, und wir es gewohnt waren, zur Sowjetunion zu gehören. Und während jener Zeit wollte niemand etwas über Jazz wissen, er galt ja als eine Verkörperung des Kapitalismus. – Somit entwickelt sich die Jazzausbildung jetzt erst langsam, und die Jazzmusiker, die derzeit aktiv sind, haben sich größtenteils alles selbst beigebracht.

Hedvig Hanson

Carina: Hilft dir Musik gelegentlich, eine Zeit lang der Wirklichkeit zu entfliehen, sozusagen auf virtuelle Weise in einer besseren Welt zu leben?

Hedvig: Möglicherweise. Ich habe erkannt, dass es für mich persönlich zwei Dinge gibt, die ich im Leben am meisten brauche: Liebe und Musik. Beides muss ich haben. Dass ich die Art von Musik machen darf, die ich mag, und dass ich die Menschen lieben darf, die ich liebe. Und wenn sie mich zurück lieben, dann bin ich glücklich. Ohne Musik zu leben ginge für mich tatsächlich nicht. Niemals!

Es gibt Momente, an denen ich die Musik satt habe; dann brauche ich die Stille, will ich mich einfach nur noch ausruhen. Und ob die Musik tatsächlich eine praktikable Fluchtmöglichkeit darstellt? Ja, ich denke, man kann mit der Musik vor etwas fliehen, sich eine bessere, schönere Welt in der Musik suchen – eine Welt, die man sich selbst perfekt einrichtet. Aber es bliebe doch nur der Versuch einer Flucht.

Carina Prange

Aktuelle CD: Hedvig Hanson - "What Colour Is Love?"
(Emarcy Records 060249808052)

Hedvig Hanson im Internet: www.hedvighanson.com

Das vollständige Interview erschien in der Zeitschrift Jazz Podium

Fotos: Universal Music

Jazzdimensions-Service in Zusammenarbeit mit MusicLine:
more artist-info / listen to CD at musicline.de
© jazzdimensions2004
erschienen: 15.07.2004
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: