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Cassandra Wilson -
"Der Blues als Fundament für den Jazz"

Nahm Cassandra Wilson mit "Traveling Miles" ihr persönliches Tribute an Miles Davis auf, so drehte sich bei ihrem vorletzten Album "Belly of the Sun" alles um den Blues. Auf "Glamoured" geht sie nun dem Zustand des Tagträumens nach, dem Moment, in dem die Gedanken abschweifen und frei im Raum zu schweben scheinen. Und so bedeutet das gälische Wort 'glamoured' auch nichts anderes als "fortgehuscht" sein.

Cassandra Wilson

Cassandra Wilson, deren außergewöhnliche Stimme den Soul, den Jazz und den Blues gleichermaßen souverän auszudrücken vermag, steht ganz in der Tradition der großen schwarzen Sängerinnen des Jazz. Zur einen Hälfte mit Eigenkompositionen, zur anderen mit Coverstücken von Abbey Lincoln bis Bob Dylan, begibt sie sich gleichermaßen auf die Spuren der Popmusik wie der Stars der Jazzwelt. Ganz zart und dezent streckt "Glamoured" die Fühler auch in Richtung HipHop aus, und legt damit den Grundstein für eine neue Entwicklung im musikalischen Wachstumsprozeß der wandlungsfähigen Sängerin.

Carina Prange sprach in Berlin mit Cassandra Wilson

Carina: Auf dem Album "Glamoured" finden sich auch einige Eigenkomposition von dir - wie wäre es mal mit einer Platte, die ausschließlich Stücke von dir beinhaltet? Ist das etwas, was du gerne mal machen würdest?

Cassandra: Oh, das plane ich in der Tat. Sogar schon für das nächste Album. Ich kann mich sehr für die Idee begeistern, ausschließlich Originals einzuspielen. Dafür benötigt man allerdings eine Menge Zeit und Vorbereitung. – Inzwischen habe ich mehr Raum für ein derartiges Projekt, weil mein Sohn langsam heranwächst und unabhängiger wird. Somit kann ich mich mehr dem Schreiben von Musik widmen.

Carina: Fabrizio Sotti ist der Produzent des Albums "Glamoured". Welchen Einfluß hat er auf den Ausdruck des Albums?

Cassandra: Fabrizio ist maßgeblich an der Zusammenstellung des ganzen Albums beteiligt. Voraus gingen drei kleinere Sessions in Mississippi. Und irgendwie dachte ich so bei mir: Wäre großartig, wenn ich mit jemandem aus der HipHop-Welt zusammenarbeiten könnte! Jemand, der mir dabei hilft, meine Vorstellungen auszuformulieren, und dies mit einer Sensibilität für Jazz zu verbindet.

Ich traf Fabrizio durch Zufall im Winter letzten Jahres in einem Club, und er sagte, dass er viel im Bereich HipHop tätig sei. Aber er sei eigentlich Jazzgitarrist! Und in dem Moment wußte ich, daß es wunderbar wäre, wenn wir zusammenarbeiten würden.

Cassandra Wilson

Carina: Du hast vor vielen Jahren zu Blue Note gewechselt. Welchen Einfluß hatte diese Veränderung auf deine Karriere?

Cassandra: Das hatte sogar enorme Auswirkungen - die Musik, die ich heute mache, wäre ohne das gar nicht denkbar. Ich betrachte den Wechsel von dem kleineren Label GMT zu Blue Note als Wendepunkt in meiner musikalischen Laufbahn! Ich habe aber auch die Jahre in sehr guter Erinnerung, die ich mit GMT verbracht habe. Das war eine Zeit des sich Ausprobierens, des Entdeckens, also einfach eine wunderbare Lehrzeit. Ich hatte ja in dem, was ich machte, sehr viel Freiraum.

Nach dem Wechsel zu Blue Note hatte ich dort auch entsprechende Freiheiten. Aber das Ganze war nun an ein größeres Publikum gerichtet, es stand dementsprechend eine größere Maschinerie dahinter. Das war einfach unbeschreiblich!

Carina: Du verbindest auf jedem deiner Alben den Jazz oder Blues mit vielen andere Genres. Aufgewachsen bist du im Mississippi-Delta. Würdest du den Blues als einen Haupteinfluß in deinem Leben bezeichnen? Siehst du dich gar als Bluesmusikerin?

Cassandra: Es mag eigenartig scheinen, aber: nein! – Ich denke, ich könnte niemals eine echte Bluesmusikerin sein – das wäre so als wenn ich behaupten würde, ich könnte Opernsängerin sein. Das ist etwas total anderes: Der Blues erfordert eine starke Fokussierung, einen bestimmten Lebensstil und Einstellung.

Aber dadurch, dass Blues und Jazz miteinander verbunden sind – im Grunde Geschwister sind, und somit Glieder derselben Kette –, gehört das zusammen. Der Blues ist lediglich die ältere Form. Ich studiere mit Begeisterung den Blues, weil er so sehr ein Teil des Jazz ist. Und für mich war es sehr wichtig, zurückzugehen, in den Blues einzutauchen, um die mögliche Weiterführung des Jazz zu begreifen. Der Blues ist das Fundament für die Entwicklung des Jazz.

Carina: Schwarz und Weiß, die Rassentrennung, das afrikanische Erbe – all das spielt eine große Rolle in deinem Leben. Wie groß ist der Einfluß deiner Wurzeln auf deine gegenwärtige Herangehensweise an Musik und im Leben generell?

Cassandra: Als Afroamerikanerin bist du ständig mit dem konfrontiert, was man heutzutage als den Nachhall, die Remanenz, des Rassismus bezeichnen könnte. Denn der ist immer noch ein Teil des Alltags in den USA, wenn er auch inzwischen sehr stark ins Unterbewußte verbannt ist. Es handelt sich also nicht um institutionalisierten Rassismus, aber er ist immer noch vorhanden. Das beeinflußt mich natürlich sehr.

So tief verwurzelt in der amerikanischen Psyche, sind diese Rassenangelegenheiten und ihre Problematik in unserer Gesellschaft und in unserem Leben noch heute sehr präsent. Dagegen anzukämpfen, ist meiner Ansicht nach für uns Künstler eine der wichtigen Aufgaben. Es liegt, so sehe ich das jedenfalls, gerade in unserer Verantwortung, der Gesellschaft, der Kultur, zu helfen, sich dem zu stellen. Von daher sind diese Themen in meiner Arbeit stets gegenwärtig.

Cassandra Wilson

Carina: Würdest du sagen, dass du eine ausgesprochen politische Künstlerin bist, oder dich vorwiegend sozialen Themen widmest?

Cassandra: Nun – klar! –, politisch ist man auf jeden Fall; alle sind wir politisch! Mag sein, dass "politisch" zu sein im 21. Jahrhundert, eine andere, eine indirektere Art von Diskurs erfordert. Die Zeiten der Sechziger und Siebziger sind vorbei – du kannst dich nicht mehr einfach auf eine Obstkiste stellen und Reden schwingen. Politische Ansichten und Programme müssen der Öffentlichkeit auf konsumierbarere, leichter verständliche Weise dargeboten werden. Das muss alles viel durchdachter geschehen, heutzutage.

Carina: Du warst eine der Mitbegründerinnen des M-Base Kollektivs und auch einige Jahre daran beteiligt. Hat das heute noch Bedeutung für dich?

Cassandra: O ja, das ist auch heute sehr wichtig für mich! Wir sind immer noch eng befreundet – tauschen uns regelmäßig aus. Und wir arbeiten gerne zusammen. Aber das ist inzwischen schwierig, weil jeder seinen eigenen Terminplan hat. Die meiste Zeit über arbeiten wir alle hart. Wir waren seinerzeit überzeugt, dass das, was wir tun, sehr undergroundmäßig sei, einer Gegenkultur entspränge – insbesondere in der Jazzwelt. Aber nun sind wir alle heftig beschäftigt, Leute wie Greg Osby und natürlich Steve Coleman, Teri Lynne Carrington, Lonny Plaxico und Geri Allen. Aber wenn wir es dann mal schaffen, uns zu treffen, haben wir eine großartige Zeit, und reden über die Musik.

Carina: Emotionalität - wie wichtig ist sie für deinen Gesang? Wie bereitest du deine Stimme auf ein Konzert vor?

Cassandra: Mein Gesang ist Emotionalität – das ist ein und dieselbe Sache. Meine spezielle Bühnenvorbereitung besteht in einer Art von Läuterung, die Körper und Geist betrifft. Ich versuche, mit anderen Worten, den Kopf freizukriegen. Oft meditiere ich, bevor ich auf die Bühne gehe – um die Spinnweben abzuschütteln, die Bilder und Überbleibsel meines vergangenen Tages. Dann fühle ich mich anschließend kristallklar, und bin in der Lage, der emotionalen Essenz eines jeden Songs gerecht zu werden.

Um mit dem Publikum in Kontakt zu treten, ist das für mich sehr wichtig. Denn deswegen sind die Leute ja gekommen - um das zu erleben, um zusammen mit dir, dem Künstler, eine Katharsis, eine emotionale Reinigung zu erfahren. Und das kann man nicht erreichen, wenn bei einem selbst eine Menge Geratter im Kopf abläuft. Das jeweils loszuwerden, ist daher essentiell; mich davon zu befreien, und auf die Bühne zu treten wie eine spirituelle Botschafterin meiner Songs.

Cassandra Wilson

Carina: Du bist Sängerin, Produzentin, Songwriterin und hast in deiner Jugend Klavier und Gitarre spielen gelernt. – Inwiefern haben diese Fähigkeiten einen Einfluss auf deine Songinterpretation, auf das Komponieren und Arrangieren?

Cassandra: Wenn du in irgendeiner Weise eine Beziehung zu einem Instrument hast, gibt dir das eine Vielzahl von Möglichkeiten, an Songwriting und Komponieren heranzugehen. Und es hilft dir auch beim Singen selbst, beim Erschaffen von Melodielinien und von Ausdrucksformen oder Klangfarben für die Stimme. Ich betone immer, dass jeder, der das Singen erlernen möchte, auch ein Instrument spielen sollte – ja, wenn immer möglich, eine tiefere Verbindung zu diesem Instrument entwickeln sollte.

Carina: Auf deinem neuen Album ist auch ein Song von Abbey Lincoln vertreten – "Throw it away". Warum hast du gerade diesen Song ausgesucht? Was ist für dich die Aussage deiner Interpretation?

Cassandra: Ich liebe diesen Song - und das schon sehr lange. Und, um genau zu sein, für mich lautet die Aussage folgendermaßen: Den Kleiderschrank durchgehen, und Überflüssiges ausmisten! (lacht laut) - Ich mußte kürzlich zweimal umziehen; ich habe diesen Song gesungen, während ich durchs Haus ging. Und dann habe ich einfach Zeug in die Tonne gestopft, Gerümpel aus meinem Leben entfernt, den ganzen Krempel weggeworfen.

Es ist wirklich wahr – um in spiritueller Hinsicht Dinge loszuwerden, hilft es, ganz physisch Sachen wegzuwerfen. Wir neigen dazu, Dinge anzusammeln, die in Wirklichkeit kaum etwas bedeuten. Und dieser Song weist mich darauf hin, dass jene Dinge, die wirklich von Wert sind, nicht materieller Art sind. Du kannst das, was in deinem Leben wirklich wichtig ist, nicht verlieren. Und es ist in Ordnung, den Ballast einfach von dir zu werfen!

Cassandra Wilson - "Glamoured"

Carina: Religion, Glaube, Spiritualität - welche Rolle spielen sie in deinem Leben?

Cassandra: Alles dies ist sehr wichtig für mich. Ich nenne es lieber Spiritualität – im Gegensatz zu Religion. Weil ich nicht denke, dass ich dazu geschaffen bin, Teil einer institutionalisierten Herangehensweise an Gott zu sein. Das Gebiet empfinde ich als sehr individuell; es gibt verschiedene Systeme, mit denen ich mich befasst habe, in denen ich mich wirklich wohl fühle. Und ich sehe das als Teil meines persönlichen Umgangs mit der höheren Macht, der großen Energie - wie auch immer du Gott bezeichnen willst!

Carina: Bereit sein, Grenzen zu überschreiten, offen zu sein für Neues – sind das Grundvoraussetzungen, ein vielseitiger Musiker zu sein, um mental gesund zu bleiben und die künstlerischen Fähigkeiten zu erweitern?

Cassandra: Auf den Punkt gebracht. Genau so ist es! (lacht) Und, nebenbei, ich bin der Überzeugung, dass es dich obendrein jung bleiben lässt: Es hält den Geist rege. Wenn du nur immer und immer wieder dasselbe machst, weil du weißt, es reicht - das ist gut genug, um mein Publikum zu erreichen, es wird glücklich sein, es mögen ... – Wenn du dich bequem in so ein Nest kuschelst, kannst du als Künstler meiner Meinung nach nicht mehr wachsen.

Es ist wichtig, sich ständig selbst aufs Neue zu fordern, für dich frische Ausdrucksformen zu entdecken. In diesem Sinne musst du als Künstler so spielerisch, so neugierig wie ein Kind sein, mit dem gleichen Staunen für die Wunder des Lebens und der Welt. Und das ist der Weg, innerlich am Leben zu bleiben, sich mit Energie zu versorgen. Diese Art der Offenheit bewahrt dir eine Unbeschwertheit des Herzens, eine Leichtigkeit – so leicht wie eine Feder!

Carina Prange

CD: Cassandra Wilson - "Glamoured" (Blue Note/ EMI 90951)

Cassandra Wilson im Internet: www.cassandrawilson.com

Blue Note Records im Internet: www.bluenote.com

Fotos: Blue Note (Coverfoto: Naomi Kaltman)

© jazzdimensions2004
erschienen: 16.5.2004
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