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Andrew Hill - "Das Pantheon der Musik"

Im vergangenen Jahr wurde Andrew Hill der Jazzpar Preis verliehen – damit wurde dem Pianisten, der in den 60er Jahren mehrere Alben für das Label "Blue Note" aufnahm, eine späte Ehrung zuteil. Jahrelang war Andrew Hill von der musikalischen Bildfläche verschwunden – bis er mit "Dusk" ein gelungenes Comeback schaffte, um dieses dann mit dem schrägen Bigband-Album "A Beautiful Day" noch zu übertreffen.

Andrew Hill

Heute sieht Hill seine Mission mehr als Komponist und Arrangeur – er ist es, der das Andrew Hill Sextett mit Energie und gleichzeitig Gelassenheit zusammenhält. Rahsaan Roland Kirk war es, dem Andrew Hill einen besonderen Zugang zur Musik verdankt: "Rahsaan war total offen allem gegenüber. Er war zwar blind, aber in übertragenem Sinne konnte er sehr gut sehen: er zeigte mir, mit der Offenheit eines Blinden an die Musik heranzugehen."

Inzwischen haben sich die Rollen verändert – heute ist Hill der weise Mentor, den die jungen Musiker immer wieder um Rat fragen; von dem sie erfahren wollen, wie man sich im Business bewegen kann, ohne sich ganz zu verkaufen. Andrew Hills Zeit abseits des Musikgeschäfts hat ihm vieles über das Leben offenbart, was er durch alleiniges Verfolgen einer Künstlerkarriere vielleicht nie erfahren hätte. Und dieses Wissen macht ihn stark!

Carina Prange sprach mit Andrew Hill in Berlin.

Carina: Die meisten deiner Alben tragen Titel, die eine Grundstimmung propagieren: "Dusk", "Eternal Spirit", "Faces of Hope". Wie verwoben sind für dich Spiritualität und Musik?

Andrew Hill: Die Musik empfinde ich als etwas außerhalb von mir, das ich gerne als "Pantheon" bezeichnen möchte – eine Welt für sich, an der ich für einen Zeitraum teilhabe. Als ich jung war, habe ich die Musik bereits so betrachtet – und diese Betrachtungsweise ist geblieben. Als mir die Musik das erste Mal begegnete, gab es keine festen Begriffe dafür. Im nachhinein erst erkenne ich es als "Jazz". Jazz vor seiner Vereinnahmung: es war eine Zeit, als die Leute in die schwarzen Viertel kommen mussten, um ihn zu hören. Zwar war die Musik – gewissermaßen – gerade im Begriff, in die "besseren Gegenden" vorzudringen, aber um das Ganze in der Totalität mitzubekommen, musste man noch in die Neighbourhoods gehen. Denn dort gab es viele Musiker zu hören, die nie auf Schallplatten dokumentiert worden sind.

Meine Spiritualität, die ich – wenn man es so nennen will – der Musik entgegenbringe, besteht darin, sie aufzufassen wie ein Kind. Obwohl... je länger ich spiele, desto stärker wird auch die intellektuelle Herangehensweise an diese Spiritualität. Ich suche und forsche in der Vergangenheit und finde dort eine ähnliche Spiritualität. In der Vergangenheit, vor 1918, als der Jazz erst mit "Jazz" betitelt wurde, weil einige weiße Musiker ihn aufnahmen. Weiter zurück, zu Scott Joplin und noch vor 1830 zu den ersten Vorgängern des Boogie Woogie. Die Musik war in Bewegung – "rolling west" – sozusagen. Europäisiert wurde sie erst viel später – aber die Spritualität war die ganze Zeit über da.

Andrew Hill

Carina: Du hast in Gefängnissen Musikunterricht gegeben - und die Beschäftigung mit sozialen Studien war einige Jahre lang ein wichtiges Thema in deinem Leben. Deine dabei gemachten persönlichen Erfahrungen - wie eng sind sie mit deinen musikalischen Themen verbunden?

Andrew Hill: Die Frage nach dieser Phase in meinem Leben ist nicht so einfach zu beantworten – da muss man einige Dinge streng auseinanderhalten. Ganz früher war ich intolerant und verblendet – das ist zum Glück schon Jahrzehnte her – aber mir sind erstaunliche Dinge passiert, die einiges zum Besseren wendeten. Es gab da einige wirklich gute Menschen – bessere als ich selbst damals, um es ungeschminkt zu sagen – , die mich so wie ich war akzeptierten. Das gab den Anstoß, mich – zumindest in geistiger Hinsicht – aus meinem sozialen Umfeld hinaus und nach oben zu bewegen. Meine, wie ich sie nenne, musikalische Wachstumsphase begann. Dann kam die Phase, in der ich mich dem erwähnten sozialen Aspekt zuwendete. Ich hatte Chicago verlassen und fühlte mich von mir selbst entfremdet – war wie ein "Fremder an einem fremden Ort", denn in der neuen Umgebung hatte ich weder Freunde noch Familie noch sonst jemand. Manchmal erzeugt dieser Druck der fremden Umgebung ein Gefühl der Isolation, eine Art von Neurose.

So war es, als ich nach Kalifornien kam. Damals kam das mit den Gefängnissen ins Spiel, ich betätigte mich in verschiedensten Bereichen der Sozialarbeit, um meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich arbeitete als Aushilfslehrer und in der Sozialversicherung. Ich hatte mit armen Familien zu tun, wo es die Norm ist, dass die Kinder in der Schule versagen, die Mutter von Sozialhilfe lebt und alle mehr oder weniger mit einem Bein im Gefängnis stehen. Ich betrieb Forschungen zu diesem Thema. Damals waren sich die Soziologen in den USA einig, dass das System der Ostküste besser sei, als das im Westen. Dennoch fragte ich mich, wie man armen Familien überhaupt beim Überleben helfen kann – ohne der Gesellschaft zu schaden. Viele Arme nämlich stehen soweit außerhalb der Gesellschaft, dass sie kaum zu reintegrieren sind – sie können in diesem Zusammenhang nicht mehr funktionieren, leben quasi im luftleeren Raum. Das hat mich damals sehr beschäftigt.


Die Verwirklichung des Wunsches war ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte. Von da ab versuchte ich mir klar zu werden, was in meinem Leben die Träume sind, und was real ist.

Das Musikmachen ist natürlich vergleichsweise angenehm und ich erinnere mich gerne daran. Als ich jung war, pflegte ich zu sagen, dass ich nicht mein Leben "nur mit Musik" verbringen möchte – nur in New York und ohne mit anderen Dingen in Berührung zu kommen: Alt werden mit dem ewig Gleichen. Nun – alt bin ich trotzdem geworden, aber ich habe eine Vielzahl von Erfahrungen gemacht. Wir – die Gesellschaft als solche – , ist sich selbst und ihrer Probleme bewusster geworden – aber wir haben keine Kontrolle darüber, gar keine! Und wenn ich als einzelner einen Zusammenhang begreife, ist das schön und gut, ändert aber gar nichts. Trotzdem mich also diese sozialen Aspekte immer interessiert haben, muss ich sagen, dass für mich das Wichtigste, was Gott mir mitgegeben hat, meine Fähigkeit zum Musikmachen ist. Diese Fähigkeit kann etwas bewirken, eine Magie ausstrahlen, kann erbauen, kann heilen – andere genauso wie mich selbst.

Vom Drang nach anderen, eher materiellen Dingen, habe ich mich versucht zu befreien. Dinge, wie das sprichwörtliche "Haus auf dem Hügel". Wäre das nicht schön, ein paar hundert Meter über der Stadt? Und dann traf ich Leute, die mir vor Augen führten, was die Verwirklichung eines Wunsches bedeuten kann: ich fand heraus, dass ich – im übertragenen Sinn – unter Höhenangst leide: Geh doch mal zum Rand und schau' runter, sind nur ein paar hundert Meter! Ist das nicht wunderschön? Aber es war nicht schön, es war ganz anders als ich es mir vorgestellt hatte. Von da ab versuchte ich mir klar zu werden, was in meinem Leben die Träume sind, und was real ist.

Andrew Hill

Carina: Du bist Jazzprofessor und unterrichtest seit vielen Jahren. Was ist das Wichtigste, das du jungen Musikern, die Profis werden wollen, mit auf den Weg gibst?

Andrew Hill: Was ich ihnen mitgeben würde? Nun, vielleicht, dass es auch etwas außerhalb des universitären Ansatzes gibt, andere Wege die Dinge anzupacken – wenn auch möglicherweise indirektere. Das Beste für meine persönliche Entwicklung war, einfach zu spielen. Viel zu spielen. Schüler brauchen allerdings nun mal Hilfe beim Lernen. Heutzutage gibt es jedoch überall die Möglichkeiten dazu, in allen Städten – überall gibt es großartige Musiker, und sie alle unterrichten auch.

Ein junger Musiker könnte das Lernen also nach Bedarf angehen, projektabhängig. Man darf sich nicht vom Glauben beeinflussen lassen, dass man etwa in Konkurrenz zueinander steht – sonst ist man nicht offen dem gegenüber, was andere einem zu bieten haben. Leben und Leben lassen. Nach einer Weile sieht man, dass eigentlich jeder im stetigen Prozess des Lernens verharrt. Das Konkurrenzdenken jedoch verschließt einem den Weg zur Teilnahme am Ganzen – und zu den Erfahrungen, die man beim Zusammenspiel machen kann.

Carina: Wenn man dich als erfahrener Musiker fragt - kann man denn Kreativität außer durch Zusammenspiel mit anderen auch durch das "Üben im eigenen Kämmerlein" fördern?

Andrew Hill: Lernen von anderen durch Spielen oder Abschauen von Dingen ist notwendig, das für sich alleine Üben eventuell auch. Trotz aller dabei auftretenden Widersprüche muss man manchmal alles gleichzeitig machen, gewissermaßen als Lifestyle. Am wichtigsten ist das Spielen und Lernen mit anderen. So kommt man weiter, so teilt man Erfahrungen und erschafft Neues. Das Üben für sich betrachte ich mit einem gewissen Zwiespalt – es entspricht nicht immer meiner Auffassung vom Geist der Musik. Es hat einen eher handwerklichen Aspekt als einen spirituellen.

Und andere nachahmen muss man natürlich auch – es ist ja alles Allgemeingut. Gewissermaßen ist es musikalisches Rohmaterial – in unserem, auf den Jazz bezogenen Fall, afrozentrisches. In europäischer Musik nämlich ist der Rhythmus nur ein Anhängsel der Harmonie und Melodie. Im Jazz dagegen sind Melodie und Harmonie eher die Anhängsel des Rhythmus.

Andrew Hill

Carina: Dein komplexer Klavier- und Kompositionsstil zeigt auch Einflüsse der klassischen Musik – neben solchen aus dem Free Jazz. Man sagt, Paul Hindemith sei eine Zeit dein Lehrer gewesen. Was war das Wichtigste, was er dir für deine Musik beigebracht hat?

Andrew Hill: Nun, von Klassik war bei meinen Treffen mit Hindemith weniger die Rede – er zeigte mir aber einige Formen und Zusammenhänge in der Musik auf. Als ich ihn kennenlernte, pflegte er in die Neighborhoods zu kommen, um sich Musiker anzuhören. Es war ein glückliches Zusammentreffen – es war nicht so, dass er nun gerade mein Lehrmeister gewesen wäre, vielmehr betrachtete ich ihn als Freund. Ein Freund über die Grenzen von Generationen hinweg, wie man so schön sagt. Was er mir gezeigt hat war aber durchaus sehr wichtig und – da ich ihn so früh kennenlernte – half mir dieses Wissen später, um auch an den Jazz analytisch herangehen zu können.

In diesem Sinne hat er mich in der Tat stark beeinflusst – vor allem, wenn ich Musik notieren wollte. Es ist ja noch niemals jemand – egal wer oder wann – mit den Kenntnissen, die man dafür braucht, zur Welt gekommen. Man muss das einfach von der Pike auf lernen – Hindemith hat mir Zusammenhänge gezeigt, beispielsweise ob ich Dinge korrekt notiere. Das "Werkzeug" dafür hatte ich, aber es musste noch geschliffen werden.

Carina Prange

Aktuelle CD: Andrew Hill - "Passing Ships/Connoisseur" (EMI Music)

EMI Music im Internet: www.emimusic.com

Photos: Pressefotos

Das vollständige Interview erschien im Jazz Podium (Ausgabe 02/03).

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© jazzdimensions2004
erschienen: 4.2.2004
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