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Tormenta Jobarteh - "der Ruf der Kora"

Jobarteh Kunda ist die Bezeichnung für eine Familie – eine Kunda –, von acht Musikern, deren Gründer Tormenta Jobarteh und Mori Dioubaté zu derselben gambischen und international geschätzten Griotfamilie Jobarteh gehören. Griots sind Musiker, Historiker, Chronisten, Geschichtenerzähler und weise Berater in einer Person. Und genau an diesem Punkt beginnt das Ungewöhnliche: Tormenta ist der erste "weiße" Griot.

Tormenta Jobarteh

Als Werner Sturm wuchs er in München auf, studierte hier Schlagzeug und tourte dann in verschiedenen Besetzungen durch Europa, Asien und die USA. Bis ihn eines Tages, im Jahre 1987, der Klang der Kora nach Afrika führen sollte. Dort blieb er sieben Jahre bei dem Griot-Meister Basuro Jobarteh, um das Spiel dieser 21-saitigen Harfe und die Mandika-Sprache zu lernen und wurde schließlich von dessen Familie adoptiert.

Zurück in München, traf er Mitte der Neunziger Mori Dioubaté, einen Meister des Balafons, eine afrikanische Xylophon-Art. Zusammen beschlossen sie Jobarteh Kunda zu gründen. Mit ihrer Musik schaffen sie es augenblicklich die geographische Distanz zu ihren Wurzeln zu überbrücken. Und sie geben diesen traditionellen Klängen eine neue, modernere Richtung. Auf ihrer zweiten CD "Ali Heja" vermischen sie gekonnt die alten "schwarzen" Rhythmen mit Elementen des Jazz, Pop und der Karibik. Die selbst geschriebenen Texte sind größtenteils in der Mandika-Sprache verfaßt.

Ulrike Kreß führte dieses Interview per eMail mit Tormenta Jobarteh.

Ulrike: In einem Zeitungsartikel heißt es, daß Sie von einer Band aus Gambia eingeladen wurden, in einem anderen, daß Sie durch West-Afrika tourten, als Sie das erste Mal das Harfenspiel der Kora gehört haben. Wenn es sich um eine Einladung handelte, wie kam diese Band darauf, Sie einzuladen?

Tormenta: Im Jahr 1986 tourtne Moussa Kallamuhlla Cole und die Gambia Roots Band durch Deutschland. Als ich einen Freund besuchte, der mit der Managerin der Gruppe von Moussa befreundet war, saß die ganze Band bei ihm zu Hause. In der Gruppe war ein Griot, der Kora und Ballafon spielte. Als der Jali seine Kora auspackte und darauf zu spielen begann, berührte es mein Herz, wie nie etwas zuvor. Ich fühlte mich sofort tief verbunden mit den Afrikanern und meine Intuition sagte mir, dass ich dem Klang der Kora folgen muss. So begleitete ich die Band für ihre letzten Auftritte und die Managerin lud mich ein, mit nach Gambia zu kommen. Da ich damals unabhängig war und keine feste Arbeit hatte, stand dem nichts mehr im Wege, einfach mitzufahren.

Tormenta Jobarteh

Ulrike: Entschieden Sie sich gleich in Gambia zu bleiben oder fuhren Sie noch mal nach Hause, bevor Sie sich entschlossen einige Jahre ein "Auslandsstudium" in dem westafrikanischen Land zu absolvieren?

Tormenta: Ich blieb gleich in Gambia. Ich bin kein Intellektueller und habe mich in diesem Sinne nicht entschlossen ein Auslandsstudium zu machen. Ich folgte meiner Intuition aus dem Bauch heraus. Ich war jung und wollte fort aus Deutschland. Damals dachte ich, es wäre für immer. So war es mir eine Freude, mein kleines Appartement einem Freund zu geben, meine ganzen Papiere, Behörden, Schulzeugnisse etc. in einen Karton zu packen und in die Mülltonne zu schmeißen.

Ulrike: Die Tradition der Griots wird doch nur an Kinder weitergegeben, laut Zeitungsartikel werden Sie jedoch erst nach dem Studium der Kora adoptiert?

Tormenta: Normalerweise wird die Tradition immer von dem Vater auf den Sohn weitergegeben. Heute sind die Regeln in der Griotkaste nicht mehr dieselben, wie noch im 13. Jhr. unter Sunjata Keita, dem großen König von Mali. Das Fundament ist noch das gleiche, aber heute dürfen sich Griots auch außerhalb ihrer Kaste verheiraten, was zu Sunjatas Zeit undenkbar war. So können auch heute andere Afrikaner, die nicht in der Griotkaste geboren sind, von einer Griotfamilie aufgenommen werden und das Spiel der Kora lernen. In der Region, in der ich gelebt habe, sind die Menschen sehr gläubig und sie schauen in dein Herz bevor sie dich aufnehmen.

Ulrike: Wie sah die Prüfung zum "Griot" aus, gab es ein bestimmtes Ritual?

Tormenta: Die Ausbildung der Griots erstreckt sich über viele Jahre. Die Kora ist nur ein Teil dieser Tradition. Da Griots auch Chronisten, Historiker und die Bewahrer der Tradition sind, ist die Ausbildung sehr vielschichtig. Man muss den Epos von Sunjata Keita lernen in dem die ganze Geschichte des Mande-Volkes enthalten ist. Wer von wo kommt und warum diese und jene Familie sich so oder so nennt usw. Es kommen immer wieder die Ältesten des Dorfes vorbei, die dich dann ausfragen und sagen: spiel´ dieses oder jenes Lied und welche Geschichte erzählt es. Irgendwann wenn du so weit bist, sagen sie zu deinem Lehrer, er ist qualifiziert und so wirst du ein Griot und bekommst den Namen der Familie, bei welcher du gelernt hast.

Manche Dinge sind sehr schwer zu verstehen und du musst sie aus dem Herzen deines Lehrers herausholen. Im Prinzip bin ich immer weiter am Lernen. Auch die Kinder waren eine große Hilfe für mich, vor allem in der Sprache weiterzukommen. Das Ritual in diesem Sinne fand 1995 statt - mit vielen aufregenden Ritualen der Mande-Kultur. Basuro Jobarteh und ich hatten eine Einladung aus Deutschland wir sind nach dem Fest abgereist, um eine kleine Tour in Deutschland und Italien zu spielen.

Tormenta und Basuro

Ulrike: Als Sie durch die einzelnen Dörfer "gepilgert" sind, was man vielleicht auch so wie die Wanderjahre bei einem Zimmermann sehen kann, haben Sie dann dort für Kost und Logis bei den Einwohnern gesungen?

Tormenta: Die meiste Zeit war ich mit Basuro und seinen zwei Frauen unterwegs, da es immer irgendwelche Zeremonien gab, bei denen die Griots gebraucht wurden. Wenn ich alleine unterwegs war, dann habe ich auf ganz traditionelle Art für die Familien, die mich in ihren Coumpound eingeladen hatten, gespielt und gesungen.

Da für die Afrikaner Gastfreundschaft sehr wichtig ist und man ohnehin Verpflegung und Unterkunft angeboten bekommt, muss man nicht unbedingt Griot sein. Irgendwie war das natürlich immer eine Attraktion! Die Region, in Gambia, in der ich gelebt habe, liegt weit im landesinneren fernab von jeglichem Tourismus. Es gibt dort Gegenden, wo manche Kinder noch nie einen Weißen gesehen haben und schon gar keinen weißen Jali (Griot). Die Menschen haben mich aber stets sehr respektvoll behandelt und wir haben auch unglaublich viel gelacht.

Ulrike: Sie leben jetzt wieder in Deutschland, in Bayern, nachdem Sie sechs Jahre in Gambia integriert waren. Das ist doch schon ein extremer Gegensatz. Wie lange haben Sie gebraucht, um sich wieder umzustellen? Fahren Sie ab und zu zu Ihrer "Zweiten" Familie oder kommen sie Sie hier in Deutschland besuchen?

Tormenta: Als ich nach dieser langen Zeit wieder nach Deutschland kam, hatte es schon ein paar Wochen gedauert sich wieder umzustellen. Aber es gab ja nicht wirklich etwas, das fremd für mich war. An das Wetter in Deutschland werde ich mich wohl nie wieder wirklich gewöhnen. Wenn es zeitlich möglich, ist versuche, mindestens einmal im Jahr nach Gambia zu fliegen.

Eine Koraschülerin von mir wollte unbedingt auch nach Afrika reisen und so schickte ich sie nach Gambia zu Basuro. Und wie das Leben so spielt, haben sie sich verliebt und geheiratet, ganz offiziell in Boraba, als seine dritte Frau. Basuro lebt die Hälfte des Jahres in der Schweiz und so haben wir die Möglichkeit uns öfters zu sehen und auch gemeinsame Konzerte zu geben.

Ulrike: Wie haben Ihre Eltern auf Ihre Adoption reagiert? Kennen sich Ihre beiden Familien?

Tormenta: Für meine Mutter sind Afrikaner Menschen mit Baströckchen und Speer in der Hand. Als ich ihr 1995 Basuro vorstellen wollte, hat sie aus dem Fenster geschaut und auf Bayrisch gesagt " Uh, mei is der schwarz, na der kummt aber net rei oder?" Es war natürlich sehr schwer, Basuro das alles zu erklären, da in Afrika die Familie alles ist. Ich bin meiner Mutter aber nicht mehr deswegen böse und je älter ich werde umso besser verstehe ich ihre Art zu denken.

Jobarteh Kunda - "Ali Heja"

Ulrike: In München haben Sie Mori Dioubaté getroffen, ein schicksalhaftes Treffen, denn dieses Treffen führte dann zu der Gründung von "Jobarteh-Kunda". Wie habt Ihr Euch kennengelernt?

Tormenta: Mori ist auf einer seiner Tourneen in München hängengeblieben und hat dort geheiratet. Als ich zurückkam, etwa zur selben Zeit wie Mori nach München, ging ich im Englischen Garten spazieren und hörte plötzlich ein Mandinka-Ballafon, meisterhaft gespielt. Da stand Mori Dioubate (französische Schreibweise, in Englisch Jobarteh) und verdiente sich etwas Geld, da er zu diesem Zeitpunkt noch nicht viele Leute kannte. Ich sprach ihn an und die Chemie stimmte sofort, so kam eins zum anderen.

Ulrike: 1999 habt Ihr Eure erste CD "Abaraka" aufgenommen. Zum Zeitpunkt dieser Aufnahme wart Ihr aber nicht mehr nur zu zweit, sondern bereits in der heutigen Formation. Wie habt Ihr die anderen sechs Musiker kennengelernt?

Tormenta: Unser Saxophonist und Flötist Gerhard Wagner, Mori und ich arbeiten schon länger zusammen. Als wir dann von einem Mentor das Geld bekamen, eine CD zu produzieren, hat sich alles in kurzer Zeit ergeben. München ist eine Großstadt mit einer Musikerszene. Als wir anfingen, mit verschiedenen Musikern aus der Karibik und Afrikaszene zu jammen, hatte die Chemie mit den karibischen Musikern einfach sofort gestimmt. Glücklicherweise waren diese Leute ebenfalls auf der Suche danach, etwas Neues zu machen und so entstand Jobarteh-Kunda.

Ulrike: Die Texte, die Sie vortragen (über Liebe, Toleranz und Respekt gegenüber der Natur) sind ursprünglich alte Mandinka-Texte, während die Musik in eine neue Richtung geht. Schreiben Sie auch die Texte um, so daß sie "neuzeitlicher" sind?

Tormenta: Wenn ich einen Text schreibe, bemühe ich mich, eine Verbindung von Tradition und Moderne zu erreichen. Die klassischen Phrasen von Gottes Weisheiten baue ich in die Texte ein, da sie für mich zeitlos sind.

Ulrike: Wie hat Ihr Adoptiv-Vater und Lehrer darauf reagiert, daß Ihr dieser jahrhunderte-alten Musik jetzt eine neue Richtung gebt?

Tormenta: Er liebt es! Basuro ist ein sehr offener Musiker, der immer dafür zu haben ist neue Richtungen einzuschlagen. Er ist sehr stolz auf die neue CD Ali-Heja und hört sie sich andauernd an.

Ulrike Kreß

Jobarteh-Kunda im Internet: www.jobarteh-kunda.de

Bibiafrica-Records im Internet: www.bibiafrica.de

Photos:

© jazzdimensions2003
erschienen: 6.7.2003
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