Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / international / 2006

Randy Brecker -
"Downtown mit alten Freunden"
[English version]

Auf seinem vorhergehenden Album "Hangin´ in the City", stellte er als sein singendes Alter Ego 'Randroid' den Hörern mit "Songs of Rhythm, Reason & Romance & Raunch" die – augenzwinkernd – dunkle und verruchte Seite des Randy Brecker vor. Auch auf der neuen Platte "34th N Lex" bleibt der Trompeter seinem Thema New York treu. Diesmal sind es jedoch nicht Songs mit eigenen, selbstgesungenen Texten, sondern, mit lediglich einer Ausnahme, Instrumentalstücke.

Randy Brecker

"34th N Lex" – eine Hommage an Breckers "Heimatdistrikt" Manhattan - schmückt funkige Instrumentalausflüge mit fetziger Bläsersection und groovenden Bass-, Gitarren- und Drumparts. Wenn das bewährte Gespann Randy und Michael Brecker auf David Sanborn, Ronnie Cuber und Fred Wesley trifft, und Chris Minh Doky, George Whitty, Zach Danziger mit von der Partie sind, ist als Ergebnis auch nur der ultimative Groove zu erwarten...

Carina Prange sprach in Berlin mit Randy Brecker.

Carina: Warum hast du zwei Generationen von Mitmusikern auf dem Album versammelt?

Randy: Oh, dieser Einfall kam mir sozusagen nebenher – meine Band setzt sich ja aus jungen Musikern zusammen. Das ist die eine Generation. Ich hatte gerade angefangen mit Hilfe des Computers zu schreiben und die Arrangements für die Bläsersektion wurden einfach immer umfangreicher.

Tja, und mit meinem Bruder arbeite ich natürlich an und ab sowieso zusammen und auch mit anderen aus diesem Umfeld. Das sind für mich einfach die besten in ihrem Fach, keine Frage. Und diese ganzen Hornplayer zähle ich zu meinem Freundeskreis – alles alte Freunde. Du kannst mir glauben, dass es keine einfache Angelegenheit war, sie alle zur selben Zeit zusammen in einen Raum zu bekommen!

Aber schließlich hat es geklappt – das war letztes Jahr, irgendwann im Sommer: Ronnie Cuber, Michael, David Sanborn, Fred Wesley und meine Wenigkeit. Das ganze Material haben wir dann während einer einzigen langen Aufnahmesession eingespielt.

Carina: Gerade Fred Wesley an der Posaune wird ja auf einigen Songs von "34th N Lex" ziemlich gefeatured - wie steht ihr persönlich zueinander?

Randy: Fred und ich haben uns in den späten 60ern kennengelernt. Das war zu der Zeit, als ich die ersten Male nach New York kam. Damals kannte ich ihn nicht und wusste auch nicht viel über ihn – aber ich glaube, das ging damals noch ziemlich vielen Leuten so (lacht).

Jedenfalls wurde ich zu einer Session dazugeholt, für die er die Musik geschrieben und arrangiert hatte. Das waren sehr jazzige Sachen mit einer grösseren Bläsersection – ich fand es toll. Im Anschluss fing er bekanntlich an für James Brown zu schreiben, und für George Clinton. Auch zu diesen Sessions hat er mich eingeladen, was ich riesig nett fand.

Auf diese Weise wurde er zu einem grossen Einfluss, was meinen eigenen Kompositionsstil angeht – möglicherweise sogar zum größten Einfluss überhaupt. Seine Art, die Töne zu artikulieren, seine funky Bläsersätze, wie er den Bebop dem Funk gegenüberzustellen pflegt... – er steht genau im Schnittpunkt dieser beiden Stile.

Randy Brecker

Carina: Es gibt ja nur eine kleine Anzahl von Alben, wo du als Leader in Erscheinung trittst, vergleicht man es mit den Hunderten, wo du als Sideman genannt wirst. Wie wichtig ist es dir, ein eigenes, persönliches Projekt zu haben?

Randy: Das ist mir sogar sehr wichtig. Voraussetzung ist aber, dass man mich machen lässt, dass ich die Freiheit habe, zu tun und zu lassen, was ich selbst will. Darauf kommt es mir an. Ich hatte immer schon Probleme mit amerikanischen Plattenfirmen, weil sie die Tendenz haben, dir erst einen Vertrag zu geben und anschließend Vorschriften zu machen.

So läuft das mit mir aber nicht, da mache ich lieber gar nichts. Ich würde es als ziemlichen Glücksfall bezeichnen, dass ich irgendwann den Jürgen Becker (ESC-Records, d. Red.) kennengelernt habe, der es mir ermöglicht diese Platten aufzunehmen – und zwar so, wie ich es möchte.

Carina: Die Brecker Brothers hatten sich schon 1992 für eine Weile wieder zusammengetan, und 2001 warst du mit Michael im Rahmen eines akustischen Projekts auf Tour. Da Michael auch auf deiner neuen Platte mit von der Partie ist, kann man das als Anzeichen deuten, dass ein erneutes Revival der Breckers Brothers Band denkbar ist?

Randy: Klar! – Nun ja, früher oder später jedenfalls... – wir hatten noch keine rechte Gelegenheit, darüber zu sprechen. Wir werden aber Oktober, November auf den Leverkusener Jazztagen zusammen auftreten. Das soll eine "Randy Brecker Nacht" werden, mit meiner Musik – gespielt von der WDR-Bigband unter der Leitung von Vince Mendoza. Michael wird als "Special Guest" dabei sein, und ausserdem unter anderem Peter Erskine und Don Alias.

Es sollte also ein interessanter Abend werden. Michael und ich reden eigentlich ständig davon, gemeinsam aufzunehmen und zu touren. Also, denke ich, wird es irgendwann in naher Zukunft auch eine Tour geben.

Randy Brecker - "34th N Lex"

Carina: Du lebst jetzt seit 1966 in New York, und auch dein neues Album stellt eine Hommage an "die Stadt, die nie schläft" dar. Inwiefern hat sich New York für dich verändert, sagen wir, während der letzten fünf Jahre?

Randy: Nun, der wesentliche Wendepunkt – und leider zum Schlechten – war der 9-11. New York selbst, würde ich sagen, hat sich davon zwar ziemlich gut erholt, aber der Rest der Welt hat sich verändert, ist leider ungemütlicher geworden – ein sehr viel anstrengenderer Ort zum Leben. New York ist eine sehr starke Stadt und wird das alles überleben. Und auch alle denkbaren anderen Angriffe, die sich in Zukunft ereignen könnten.

Es ist seltsam, finde ich, dass sich New York selbst dabei gar nicht so sehr verändert hat. Die Stadt hat immer noch die gleiche Lebendigkeit, besitzt noch den gleichen künstlerischen Humus den sie schon immer hatte. Für die Kunst ist sie einfach ein Ort von zentraler Bedeutung und wird es nach meiner Einschätzung auch langfristig bleiben.

Carina: Du warst mit Charles Mingus für die Aufnahmen zu "Me, Myself & Eye" im Studio, hast ein paar Jahre in der Mingus Dynasty und auch in der Mingus Bigband gespielt – hat sich das auf deine Sicht der Musik und möglicherweise auch auf deinen Stil ausgewirkt?

Randy: Ja, bestimmt sogar. Mit der Mingus Bigband und Mingus' Musik habe ich seit den späten 70ern zusammengespielt. Mingus hatte mich schon immer beeindruckt, seit ich in den späten 50ern seine Platten gehört habe.

Ich hatte mir ein Album namens "Blues and Roots" zugelegt, und das fiel wirklich aus dem Rahmen – seine Art, die Bläser einzusetzen, die Opener der Stücke, die Kollektivimprovisationen. Und seine Position als Neuerer, dass er Einflüsse der Gospelmusik, der Klassik und Avantgarde verarbeitet und mit Bebop vermengt hat, das ist wirklich eine unbestreitbare Tatsache.

Carina: Für dein neues Album hast du selbst die Pre-Production-Programmierung übernommen. Wie schätzt du den Einfluss des Computers auf den Kompositionsprozess ein?

Randy: Das ist eindeutig ein ziemlich großer Einfluss! Gewöhnlich fange ich mit einer Komposition auf dem Klavier an. Aber dann übertrage ich, was ich geschrieben habe, sehr bald auf den Rechner, in mein Sequenzerprogramm. Diese Arbeitsweise kommt mir ziemlich gelegen, weil ich ja so viel herumreise und ich alles, was ich brauche, auf Tour dabeihaben kann.

Ich nehme ein kleines Keyboard mit, einen Computer und kann dann über die programmierten Sequenzen ganz einfach mal ein paar Trompetenspuren drüberlegen. Das ergibt dann Summa Summarum ein äußerst transportables Demostudio – und das wirkt sich ziemlich unmittelbar auf den Arbeitsprozess aus, und zwar erheblich.

Randy Brecker

Carina: Seit 1999 bist du bei der Manhattan School of Music als Dozent gelistet. Wieviel unterrichtest du normalerweise im Monat dort? Und wieviel übst du selbst - was ist in etwa dein täglicher Zeitaufwand hierfür?

Randy: Nun, ehrlich gesagt, ganz so ist der Deal mit der Manhattan School auch nicht – ich kann, weil ich ständig auf Tour bin, unglücklicherweise gar nicht so oft anwesend sein. Immerhin gelingt es mir in der Regel, einige Studenten wenigstens zwei-, dreimal im Semester zu sehen. Normalerweise haben sie andere, regelmässige Lehrer. – Was das Üben angeht, dafür wende ich soviel Zeit auf, wie gerade zur Verfügung steht. Im Grunde muss ich, um meine Spieltechnik auf dem Niveau zu halten, täglich trainieren.

Es ist eine sich täglich wiederholende Routine, die allerdings in diesen Wochen ziemlich gelitten hat, weil ich so viele Interviews gebe und deshalb kaum spiele (lacht). Wenn ich wieder zuhause in New York bin, muss ich ein klein wenig Nachsitzen, um meine Lippenspannung wieder zu beleben. Die Trompete verzeiht einem in dieser Hinsicht nichts – gerade was die korrekte Spannung der Lippen beim Spiel angeht, ist kontinuierliches Üben gefordert..

Randy Brecker

Carina: Hast du eine Lebensphilosophie?

Randy: Hmm... – Also, das, was ich als Philosophie beschreiben würde, läuft in kurzen Worten darauf hinaus: "Mach das Beste aus allem! Versuche so geradlinig und kreativ wie möglich zu sein." – Ich versuche andere Leute so zu behandeln, wie ich es mir wünsche, von ihnen behandelt zu werden. Und ich versuche, jeden Tag dazuzulernen. Mit anderen Worten: Entwickle dich, geh' voran!

Carina Prange

CD: Randy Brecker - "34th N Lex" (ESC / EFA 03684-2)

Randy Brecker im Internet: www.randybrecker.com

Vollständiges Interview in der "Sonic" (Ausgabe: 3.2003 Mai/Juni)

Photos: esc-records

© jazzdimensions2003
erschienen: 17.10.2003
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
 Anzeige:
Empfehlungen: