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Ken Vandermark - "Chicago-Reeds"

Der Saxophonist Ken Vandermark gilt als höchst aktiver Teil der ohnehin schon agilen Chicagoer Jazz Szene. Ursprünglich aus Neu England kommend, ist er seit mehr als zehn Jahren Bewohner der Metropole am Michigan-See und prägt heute deren Szene mit wie kaum ein anderer. Durch rastlose Aktivität und sein Bestreben, mit so vielen verschiedenen Leuten wie möglich zu spielen, hat er sich vor Ort einen Namen gemacht.

Ken Vandermark

Dahinter steht sein Wunsch, in seinem musikalischen Ausdruck gleichermassen Vielseitigkeit, Kraft und Phantasie miteinander zu verbinden. Objektiv beurteilen, sagt er, kann er seine Position in der Stadt nicht, beschreibt sie aber wie folgt: "Ich bin, sowohl als Organisator als auch als auftretender Künstler, sehr stark involviert -- abgesehen von der Zeit, die ich auf Tour bin. Und ich hoffe, daß sich das für die Zukunft nicht ändern wird!"

Ken Vandermark erhielt im Jahr 1999 den mit 100.000 Dollar dotierten "McArthur Genius Grant", die höchstdotierte Auszeichnung, die ein Jazzmusiker weltweit erhalten kann. Mit diesem Preis, der über fünf Jahre verteilt ausgezahlt wird, wurden bisher Größen wie Max Roach, Steve Lacy oder Ornette Coleman ausgezeichnet. Für Vandermark bedeutete es die Befreiung von finanziellen Zwängen und die Möglichkeit seinen künstlerischen Neigungen bestmöglich nachgehen zu können.

Auf dem Jazzfest Berlin 2002 war Ken Vandermark mit seiner Territory Band zu hören.

Carina: Du bist ein Mensch, der in so vielen unterschiedlichen Projekten arbeitet und dessen nicht müde wird. Woher nimmst du die Energie, stets flexibel zu sein, nie damit aufzuhören, neue Projekte zu entwickeln, neue Ideen in musikalische Realität zu verwandeln?

Ken: Ich denke, die Energie beruht auf einer starken musikalischen Neugier und dem Willen, an diversen Möglichkeiten interessiert zu bleiben. Wenn ich Musiker so spielen höre, wie es meinen Vorstellungen entspricht, versuche ich nach Möglichkeit, mit ihnen zu arbeiten. Analog läuft das mit dem Hören von Musik, jedenfalls wenn mich etwas sehr berührt. Dann ist es stets so, dass ich mir dies auf irgendeine Weise als Teil meiner Musik vorstelle, einen Weg suche, es in meine eigene Musik einzubauen.

Ken Vandermark

Carina: Peter Brötzmanns "Chicago Tentet" ist eine Band, die du mit Hilfe des Geldes der MacArthur Foundation" unterstützt. Auf welche Weise geschieht das und warum hast du dich dafür entschieden? Woher stammt dein Kontakt zu diesem Projekt?

Ken: Ich habe Mittel aus dem Mac Arthur Funds bereits zweimal verwendet, um dem Brötzmanns Tentet Tourneen durch Nordamerika zu ermöglichen. Einmal war das im Jahr 2000 und dann wieder im Juni 2002. Mein Interesse daran war, sovielen Leuten wie möglich auf diesem Kontinent die Gelegenheit zu geben, diese außergewöhnliche Band zu hören. Gleichzeitig natürlich, dem Ensemble die Chance zu geben, zu touren und vor unterschiedlichem Publikum an unterschiedlichem Material zu arbeiten - bevor dieses dann aufgenommen wird.

Bei beiden Gelegenheiten war ich Tourmanager, habe die Logistik geplant - und ausserdem mitgespielt. Peter hatte mich ich im Jahre 1997 eingeladen, in der Gründungsformation der Gruppe zu spielen. Seitdem kann ich mich glücklich schätzen, auch in kleineren Bandkonstellationen mit ihm zu arbeiten. Er ist, muss ich sagen, ein sehr demokratischer Projektleiter und ermöglicht den anderen Mitgliedern immer, Kompositionen einzubringen, wenn sie das gerne wollen. Für das Tentett zu schreiben war für mich eine phantastische Gelegenheit und es war mir jedesmal eine Freude, etwas beizusteuern, wenn die Band zusammenkam, um an einer Aufnahme zu arbeiten.

Ken Vandermark

Carina: Hast du jemals darüber nachgedacht, was ohne den Award anders gewesen wäre? War es gut oder eher schlecht, ihn als der bisher jüngste Künstler überhaupt erhalten zu haben? Wie sieht es grundsätzlich mit Preisverleihungen aus - sind sie als Mittel wichtig, internationale Anerkennung zu erhalten?

Ken: Ich würde so oder so versuchen, auf die gleiche Weise zu arbeiten, wie ich es jetzt tue - mit oder ohne Preis. Es steht ausser Frage, dass dieser Fond mir erlaubt hat, Projekte anzugehen, die andernfalls ökonomischer Unsinn gewesen wären - wie beispielsweise das Peter Brötzmann Chicago Tentett oder die Territory Band. Aber ich habe schon vor langer Zeit gelernt, daß es für mich notwendig ist, die Dinge zu machen, an die ich glaube. Unabhängig davon, wie hoch die Kosten sind. Und das nicht nur im Sinne von Geld, weil das einfach mein Leben ist. Ohne das Mac Arthur Preisgeld würde ich ich eben andere Wege finden müssen, die Arbeit zu finanzieren, die ich machen möchte - und machen muß!


Keine Frage, dass dieser Fond mir erlaubt hat, Projekte anzugehen,
die andernfalls ökonomischer Unsinn gewesen wären!

Ich kann wirklich noch nicht guten Gewissens behaupten, dass ich in dieselbe Gruppe von Künstlern gehöre wie Cecil Taylor, Ornette Coleman, Max Roach und andere, die vor mir dem Preis erhalten haben. Diese Musiker haben das Gesicht des Jazz verändert, seine künstlerische Form erweitert. Ich habe noch einen langen Weg zu gehen, um in derselben Liga zu spielen. Ein negativer Aspekt, der mit dem Erhalt des Fellowship dann auch einherging, war schlechtes Feedback von Leuten, die nicht glauben wollten, ich hätte ihn verdient.

Preisverleihungen mögen als Anhaltspunkt ganz brauchbar sein für solche Leute, die wenig über Musik wissen oder sie nicht verstehen. Es ist etwas, woran sie festmachen können, wer als wichtig zu betrachten ist. Nicht so die Spieler und Hörer, die die Szene wirklich verstehen - die wissen bereits, wer und was tatsächlich wichtig ist!

Carina: "Die Musik spricht für sich selbst" - du hast das in den Linernotes deines Albums "Atlas" erwähnt. Dort kritisierst du auch richtigerweise alle diejenigen Rezensenten, die einfach nur vom Booklet abschreiben. Wieviel könnte das deiner Meinung nach mit der Schwierigkeit zu tun haben, Musik in Worte zu fassen? Ist das für den Musiker, den Komponisten leichter?

Ken: Ich beneide die Tätigkeit der Jazzkritiker ganz bestimmt nicht! Wie du bereits sagtest, es ist sehr schwierig, Musik mit Worten zu beschreiben; wäre es einfach, dann wäre die Musik eigentlich überflüssig. Musik drückt etwas aus, dass auf andere Weise nicht kommuniziert werden kann: deswegen ist sie so einzigartig und speziell für mich wichtig. Aber es ist Aufgabe des Musikers, diese Arbeit mit Sound zu leisten - und falls jemand die Herausforderung auf sich nehmen will, über Musik zu schreiben, sollte er sich der tatsächlichen Verantwortung davon bewußt sein und seinen Job gut machen!

Ken Vandermark

Carina: Das Publikum, das du ansprechen willst, besteht ebenso aus Fans des "alternative rock" wie aus Liebhabern der improvisierten Musik. Gibt es da ein Konzept dahinter? Hat dein Projekt vielleicht sogar eine glänzendere Zukunft vor sich, weil die Zuhörer im Durchschnitt jünger sind als die gewöhnlichen Jazz-Konzertbesucher?

Ken: Je länger es läuft, desto mehr glaube ich, daß ich damit von der Zielsetzung richtig liege. Es geht darum, meine Musik und die Bands, mit denen ich arbeite, den Leuten näherzubringen. Denen, die Fans der Musik als solcher sind. Punkt. Es ist mir total egal, ob sie ursprünglich Hörgewohnheiten haben, die im Bereich des Jazz, des Rock, Funk, von serbischen Brassbands oder wo auch immer liegen mögen.


Unglücklicherweise sind es oft gerade die typischen Jazzfans,
die nur sehr wenig flexibel sind bezüglich ihrer Einstellung!

Unglücklicherweise sind es oft gerade die typischen Jazzfans, die nur sehr wenig flexibel sind bezüglich ihrer Einstellung, was als in der Musik erlaubt ist und was nicht. Für ein Publikum, das eingrenzen möchte, was im ästhetischen Sinne möglich oder erlaubt ist, habe ich keine Zeit übrig. Wenn jemand einen Draht zu qualitativ guter Musik hat, wird er das, was wir umzusetzen versuchen, interesant finden. Diejenigen, die diese gewisse Offenheit, diese "Openmindedness" besitzen, sind die allerbesten Zuhörer.

Carina Prange

Ken Vandermark im Internet: www.kenvandermark.com/

Fotos: Frank Bongers (1), Pressefotos (2-4)

© jazzdimensions2003
erschienen: 28.3.2002
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