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Jocelyn B. Smith - "Zurück zum Soul"
[english version]

Nach Ausflügen in die Welt der Gershwin- und Weill-Songs, nach der Beschäftigung mit Theodorakis-Liedern und einer Weihnachts-Platte ist Jocelyn B. Smith wieder zu dem zurückgekehrt, was ihre Fans am Meisten lieben: zum Soul-Jazz. Mit "Back to Soul" legte die afro-amerikanische, aus New York stammende und in Berlin lebende Sängerin nun ein langerwartetes neues Album vor.

Jocelyn B.Smith

Ein Album, beseelt von Glaube und Hoffnung, das den Hörern die Hand reicht auf dem Weg zu einer menschlicheren Welt. Was hier beinahe kitschig klingt, sollte nicht so verstanden werden. "Back to Soul" ist funky, energiegeladen, fetzt und lebt - mit der reifen, klaren Gesangsstimme dieser Powerfrau. Jocelyn B. Smith sang "Amazing Grace" zum Gemahnen an den 9. November und will tatsächlich nicht weniger als einen Einfluß nehmen auf ihre Fans. Sie ist dabei nicht unbedingt politisch, aber ihr sozialer Gedanke scheint stärker zu sein als jede politische Ambition.

Carina: Es scheint so als wären deine Texte intimer und persönlicher als je zuvor. Passierte das einfach so, oder würdest du diese Entwicklung als einen bewußten Prozeß bezeichnen?

Jocelyn: Diese Intimität der Texte, die du ansprichst, würde ich als etwas bezeichnen, daß sich auf natürliche Weise entwickelt. Man muß allerdings dafür offen sein. Es hat zu tun mit einem Grad von Reife, einfach gesagt ist es eine Phase, in der man sich selbst erlaubt, seinem Leben mehr Tiefe zu geben - insofern eine bewußt gesteuerte Entwicklung. Die Wahrnehmung erweitert sich in gewisser Weise, neue Dinge enthüllen sich - alles öffnet sich. Es ist definitiv mehr da, von dem du lernen kannst.

Jocelyn B.Smith - "Back To Soul"

Diese Erkenntnisse - gefühlsmäßige und verstandesmäßige - versuche ich zu vermitteln, und zwar auf eine Art, die andere Menschen nachempfinden können. Das ist meine Quelle - und das Ventil, durch das ich alles herauslassen kann, ist meine Musik, sind meine Worte. Und dann spielt es natürlich eine Rolle, Mutter von zwei Kindern zu sein. Das öffnet einem sehr radikal die Augen.

Carina: "Die heilende Kraft der Musik" - auch Trompeter Chris Botti bezieht sich auf sie in Bezug auf den 11. September 2001. Was kann Musik Gewalt entgegensetzen? Ist es notwendig für einen Künstler, sich politisch zu positionieren?

Jocelyn: Zunächst einmal - bei Politik bin ich der Meinung, wenn du - als Künstler - wirklich weißt, worüber du redest, dann geh raus und sag es. Weil ich zwar Künstlerin, aber kein Fachmann auf diesem Gebiet bin, habe ich beschlossen in Bezug auf politische Dinge anders zu handeln. Natürlich habe ich Anliegen, und ganz sicher habe ich Themen und Meinungen die ich klar vertreten will, aber ich habe auch für mich herausgefunden, daß meine Stärke darin liegt, Menschen zu unterstützen. Sie so zu unterstützen, daß sie selbst besser mit ihrer politischen Situation umgehen können, ein stärkeres Selbstbewußtsein entwickeln.


Wenn du als Künstler wirklich weißt, worüber du redest,
dann geh raus und sag es!

Damit will ich sagen, daß ich versuche, meine Botschaft in Worten und Gedanken so zu formulieren, daß sie verstanden wird. Ich fühle, daß sie den Leuten Mut und Zuversicht gibt - und das unabhängig von ihrer Umgebung, ihrem Kulturkreis. Daß es ihnen hilft, ihre Identität zu finden und zu festigen - und sie deshalb mit größerer Überzeugung auftreten können. Wenn man das Selbstwertgefühl als "das Thema" ansieht, dann ist dessen Stärkung mein Weg, diese heilende Kraft einzusetzen. Vielleicht gibt dies jemandem den Mut aufzustehen und für seine Vorstellungen einzutreten - für die Idee der Menschlichkeit, des richtigen Weges zur Humanität. Was ich gebe sind Denkanstöße, geistige Nahrung, die die Leute stärker macht: "Food for thought."

Jocelyn B.Smith

Carina: Pianist Henning Schmiedt hat über viele Jahre deine Arrangements geschrieben. Nun wird auf dem neuen Album dein Gitarrist Eric St. Laurent als Co-Arrangeur gefeatured. Beide sind auch als Produzenten aufgeführt. Wieviel Einfluß haben diese Musiker auf deine Musik?

Jocelyn: Oh, eine ganze Menge. Zunächst einmal, Henning und ich haben ein tiefes Verhältnis zueinander - er ist eine sehr offene, spirituelle Persönlichkeit. Diese Offenheit bezieht sich auch auf seine Kontakte, er kommt viel herum, arbeitet mit vielen Menschen außerhalb des deutschen Kulturkreises. Genau das ist eine große Hilfe - dadurch, daß er mit orientalischer, mit slawischer Musik in Berührung ist, und diese ganzen Harmonien und Strukturen beherrscht, bietet er nicht immer die gewöhnliche "jazzige" oder "klassische" Lösung an.

Mit Eric komme ich, wie ich merke, jetzt erst so richtig zusammen, er spricht Englisch - als Franko-Kanadier ja eigentlich Französisch - und er war lange in den Vereinigten Staaten. Das Schöne ist, daß er dort ebenfalls mit zahllosen Afro-Amerikanischen Künstlern zusammengarbeitet hat. Er hat zu dieser Mentalität bereits eine Beziehung, er kennt sich aus - und er arbeitet mit vielen jungen Leuten, auch außerhalb von Jazz und Blues. Wofür er sorgt, ist die Frische, die Jugendlichkeit.

Carina: Du bist als Sängerin schon nahezu zwei Jahrzehnte erfolgreich. Wie hat es sich dabei ausgewirkt, daß du eine Frau bist - und schwarz? Hatten oder haben diese beiden Faktoren Einfluß auf deine Position im Musikbusiness?

Jocelyn: Auf jeden Fall! Durch die ganze Geschichte der Welt hindurch ist es für den afrikanischen Mann, den afro-amerikanischen Mann - den, wie man sagt, "Schwarzen Mann" - schwer gewesen, seine Stellung zu erkämpfen. Er mußte immer doppelt so hart arbeiten, Konzessionen machen, sich beugen - nicht unbedingt nur der Waffengewalt, sondern auch in kultureller, in sozialer, in politischer Hinsicht - im Sinne dessen, was man so schön als den Umgang mit Minderheiten bezeichnet.

Jocelyn B.Smith

Die schwarze Frau hingegen wurde stets akzeptiert - ebenfalls durch den ganzen Lauf der Geschichte hindurch. Dies stellte jedoch für sich eine andere Art von Bürde dar - immerhin wurde sie ja ihrem Mann gegenüber bevorteilt. Das bedeutet aber sogar ein Mehr an Verantwortung, ein Mehr an Last zu tragen. Sich um die Familie zu kümmern und dabei nicht den Respekt sich selbst und auch nicht ihrem Mann gegenüber einzubüßen. Das war - über Generationen - kein einfacher Balanceakt. Während der Sklavenzeit mußte die schwarze Frau also sehr stark sein. Sie wurde ihrem Mann gegenüber bevorzugt, gleichzeitig aber mißbraucht, körperlich und sexuell. So etwas hinterläßt Spuren.


Eine schwarze Frau besitzt und besaß
immer den Nimbus des Exotischen.

Ich würde nun nicht behaupten, daß es genau diese Verletzungen sind, um die es hier und jetzt geht - aber sehen wir den Dingen ins Gesicht: Vieles hat sich nicht geändert; eine schwarze Frau besitzt und besaß immer den Nimbus des Exotischen. Mehr noch, wenn sie in der Entertainmentbranche tätig ist. Das hat in dieser Industrie natürlich Türen geöffnet, große Türen. Es gab da Frauen wie Dionne Warwick, Diana Ross - oder in neuerer Zeit Janet Jackson, Queen Latifa oder die Produzentin Missy Elliot. Und Gott sei Dank haben sie alle es geschafft sich ihren Respekt zu bewahren.

Es bereitet mir oft Schmerz, wenn ich diese Tür für einen Afro-Amerikanischen Künstler geöffnet sehe, der das "Glück" hatte, in Europa Erfolg zu haben, für den es diesen Crossover gab - Europa als Zugpferd gewissermaßen. Und der aber diesen Erfolg nicht verkraftet, weil er nicht mit seiner ganzen Persönlichkeit darauf "eingestimmt" ist, wenn du verstehst, was ich meine. Trotzdem ist es immerhin noch überwältigend, eine solche Tür überhaupt geöffnet zu bekommen - und ich bin um so mehr dafür, wenn es sich um einen Afro-Amerikaner handelt, der Popularität genießt.

Jocelyn B.Smith

Ich sehe mich, mit dem was ich erreicht habe, also auch in der Verantwortung: auch ich kann Türen öffnen für andere farbige Künstler, und tue es, wo ich dazu in der Lage bin. Diese Verantwortung gibt - und erfordert - Mut, sie erfordert gleichzeitig Bescheidenheit, gibt einem aber wiederum ein hohes Maß an Selbstbewußtsein. Nach außen hin ist das keine einfache Stellung - im Gegenteil verlangt sie nach sehr viel Feingefühl. Aber es liegt auch viel Schönheit in dem Bewußtsein, daß man damit anderen Leuten auf ihrem Weg hilft.

Jocelyn B. Smith im Internet: www.jocelyn.de

Neue CD: Jocelyn B. Smith - "Back to Soul" (JBS 610)

Eine ausführliche Version dieses Interviews erschien bereits im Jazz Podium 1/2003.

Fotos: Jim Rakete (Vielen Dank an Uwe Kerkau Promotions)

© jazzdimensions2003
erschienen: 4.2.2003
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