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Joanna MacGregor -
"In erster Linie einfach nur spielen!"

Diese Frau kann einen schon in Erstaunen versetzen - betrachtet man die Vielfalt der auf Joanna MacGregors neuesten Album "Play" vertretenen kompositorischen Quellen, so kommen einem Zweifel ob ihrer Zugehörigkeit zur herkömmlichen "Garde der klassischen Pianisten": Charles Ives, Astor Piazzola, Alasdair Nicolson, Talvin Singh, Bach und viele andere mehr stehen da einträchtig nebeneinander – und die unterschiedlichsten Werke wirken in diesem Kontext so stimmig, als hätten sie alle die gleiche Schule besucht.

Joanna McGregor

In ihrer Heimat Großbritannien ist die Pianistin als Leiterin von Festivals keine Unbekannte mehr und gab im Jahr 2001 darüberhinaus ihr Debut als Dirigentin. Als Künstlerin versteht Joanna MacGregor sich selbst vorwiegend in der Position einer Vermittlerin zwischen Musikern und Komponisten einerseits und dem Publikum andererseits. Dementsprechend wenig Anlass sieht sie derzeit dafür, selbst zu komponieren, zieht aber durchaus in Erwägung, dies in Zukunft zu ändern und dem eigenen Schaffen in dieser Hinsicht mehr Raum einräumen.

Derweil aber erobert sie die Welt durch ständiges Konzertreisen, ist eine Ruhelose, die viele Hotels von innen kennt, aber nur selten Gelegenheit hat, längere Zeit daheim zu verbringen.

Carina Prange sprach in Berlin mit der lebensfrohen Pianistin mit der afrikanischen Zöpfchenfrisur.

Carina: Deine gegenwärtige Arbeit spannt einen weiten Bogen von klassischer Musik über Jazz bis zu Neuer und Gegenwartsmusik. Du kommst dabei doch von einem rein klassischen Hintergrund. Was hat bewirkt, daß du aus diesem Rahmen ausgebrochen bist?

Joanna: Nun, von einem streng klassischen Hintergrund komme ich eigentlich gar nicht! Und hier liegt wahrscheinlich auch die Ursache dafür... – Ich bin in eine Familie hineingeboren worden, wo man eben in die Kirche zum Gospelsingen ging - und deswegen habe ich zunächst hauptsächlich Gospel-Musik gehört. Das Klavierspielen hat mir meine Mutter beigebracht. Sie lehrte mich Traditionals und Rhythmen vom Balkan, viel Jazz, natürlich Gospel, aber auch Popmusik wie die Beatles. Und von daher habe ich diese große Spannweite von Musikrichtungen schon immer gehabt.

Es kam mir dann ziemlich komisch vor, als ich in Cambridge anfing Musik zu studieren und es da plötzlich nur noch klassische Musik gab und nichts sonst. Aber Klavier spielen wollte ich nun mal unbedingt. Schon mit etwa zwanzig Jahren hatte ich erkannt, was ich wirklich liebe, ist einfach Klavier zu spielen. Und so ging ich hin und lernte viele Jahre klassische Musik – um die Technik und all das zu bekommen.Tatsächlich aber war für das, was ich heute mache, der Same bereits in der Kindheit gelegt worden.

Carina: Nigel Kennedy ist ja auch so ein Vertreter jener Künstler, die sich nicht um stilistische Grenzen scheren - er wird dabei aber eher wie ein Pop-Musiker vermarktet denn als klassischer Musiker. Ist es es deiner Meinung nach in Ordnung, klassische Musik der Kundschaft mit einer Pop-Attitüde näher zu bringen? Oder zerstört das die eigentliche Botschaft klassischer Musik?

Joanna: Tja, die Pop-Industrie glaubt sich ja wohl gerade kurz vor dem Zusammenbruch, oder? Dann ist es ja vielleicht besser, nicht im Popbereich vermarktet zu werden... – also, ich jedenfalls möchte das bestimmt nicht! Ich habe im Fernsehen gerade die Grammyverleihung angesehen - und es fiel mir auf, wie sehr die Herrschaft der Popmusik tatsächlich bereits am Zerbröckeln ist. Die Grammies werden ja obendrein nur noch unter der Hinsicht verteilt, wieviele Alben die Leute verkauft haben. Das hat einfach überhaupt nichts mehr mit Kunst zu tun, das ist blanker Kommerz. – Übrigens scheint mir, als wären die eigentlich interessanten Musiker im Bereich Jazz und Worldmusic zu finden. Und dieser Bereich gewinnt deshalb nach und nach an Bedeutung, auch was die Verkaufszahlen betrifft.


Die Grammies werden ja nur noch unter der Hinsicht verteilt, wieviele Alben die Leute verkauft haben. Das ist blanker Kommerz!

Aber ich kann mir vorstellen, was hinter deiner Frage steht. Ich bin der Ansicht, das Ausschlaggebende ist, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, man selbst zu sein – gerade auch auf der Bühne. Und deshalb wäre es vollkommen falsch, sich einfach eine Pop-Attitude überzustülpen; wenn einem das nicht entspricht, wäre es geradezu verrückt! Auch das Publikum – da bin ich ganz sicher – wird das durchschauen. Es ist einfach der falsche Weg, um irgendetwas zu präsentieren. Das betrifft nicht nur die klassische Musik. Man muss es letztendes schaffen, authentisch zu sein, und auf eine vollkommen authentische Art und Weise zu spielen.

Joanna McGregor

Carina: Du spielst Musik von Bach bis John Cage und genauso auch Jazz. Es scheint keine technischen oder stilistischen Begrenzungen deines Spiels zu geben. Gibt es so etwas wie deinen eigenen Stil, deine Art, die Dinge anzugehen?

Joanna: Oh, keine Ahnung! Eigentlich gehe ich an alles auf dieselbe Weise heran – ich verwende keine unterschiedlichen Herangehensweisen, nur weil es sich um verschiedene Arten von Musik handelt. Für mich hängt alles irgendwie zusammen. Ich habe großen Respekt vor Bach und genauso großen Respekt vor John Cage. Und deshalb nähere ich mich beiden auf dieselbe Weise. Und bereits bei Bach sehe ich die Anlage zu all den Jazzlinien und -rhythmen; um Bach interpretieren zu können, ist dasselbe Gefühl für Improvisation erforderlich.


Bei John Cage als klassischer Komponist erkenne das Bach'sche Erbe. Ich zähle ihn zu den höchst ernstzunehmenden Komponisten!

Und bei John Cage als klassischer Komponist erkenne das Bach'sche Erbe. Das, obwohl es sehr modern, ja graphisch aussieht und seine Musik manchmal auch heute noch die Leute beunruhigt. Aber ich zähle ihn zu den höchst ernstzunehmenden Komponisten. In der Tat bin in Begriff, mit einem Stück von ihm, das sich "Wassermusik" nennt, durch Südamerika zu touren. Das ist ein wirklich wunderbares Stück, es bezieht Live-Radio, fließendes Wasser und Pfeifen mit ein – phantastisch! – Dennoch ist es ein sehr ernsthaftes Stück über Natur und Ursprung der Musik, gleichzeitig spaßig und ernsthaft. Dinge in dieser Art mag ich; die unterhalten, aber gleichzeitig eine tiefgehende Frage stellen. – Ich denke, das definiert ganz gut meine Herangehensweise an Musik.

Carina: Du hast mit Andy Sheppard, Django Bates, Talvin Singh und vielen anderen zusammengearbeitet. Was können Künstler aus den Bereichen Weltmusik oder Jazz in eine Zusammenarbeit einbringen, das klassische Musiker nicht leisten können?

Joanna: Als allererstes ist da natürlich knallhart die Fähigkeit zum Improvisieren zu nennen, nicht in jedem Fall auf Noten angewiesen sein. Als sehr gut ausgebildete Musiker können die Jazzer und Weltmusiker heute natürlich alle vom Blatt spielen. Aber sie verlassen sich dennoch mehr auf ihren Instinkt und das Zuhören. Bei klassischer Musik passiert es, dass alle die ganze Zeit immer nur starr an den Noten kleben. Die Leute versteifen sich im Bemühen um die Musik. Man sollte sich, gerade in der Klassik, mehr damit auseinandersetzen, einander zuzuhören, aufeinander zu reagieren - auf einer instinktiven Ebene. Da gibt es ein Defizit. – Deswegen arbeite ich gerne mit Leuten aus den anderen Bereichen zusammen.

Und ich lerne von ihnen so viel über andere Musik. Durch sie höre ich etwas über andere Musiker und erfahre von Arten von Musik, die für mich neu sind – und was sich sonst so tut. Wo immer ich auch hingehe, versuche ich, die dortige Musik zu hören und Musiker zu treffen. Ich will wissen, was angesagt ist, wer was spielt und warum, welcher Stil, und wie sich die Musik des jeweiligen Volkes anhört. Kurz –, das ist ein Lernprozess für mich. Vielleicht ziehe ich etwas für mich dabei heraus, aber das ist eigentlich nebensächlich. Das Wichtige für mich ist, einfach zuzuhören.

Joanna McGregor

Carina: Dein Album "Play", das nun in Europa von Enja Records vertrieben wird, bildet ein Gewebe verschiedenster thematischer Motive und stilistischer Einflüsse. Wenn du nach neuen musikalischen Ideen suchst, wie gehst du vor? Bedeutet es jeweils ein immer tieferes Eindringen in kulturelle Hintergründe, um neues Material zu finden?

Joanna: Nun, inzwischen läuft es schon ein wenig darauf hinaus. Aber als ich anfing auf Tournee zu gehen, als ich noch sehr jung und unerfahren war, gastierte ich für eine Konzertreihe in Sierra Leone, Westafrika. Es waren drei Konzerte und sie gehören zu meinen wunderbarsten Erfahrungen. Aber ich erinnere mich auch daran, wie schrecklich bewusst mir eines wurde, während ich vor dem dortigen Publikum spielte – dass die Musik zwar gut war, aber im Grunde keinerlei Verbindung zu diesen Leuten hatte.

Und seit diesem Zeitpunkt habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, tiefer in die Kulturen hineinzuschauen. Es war mir zu wenig, nur einfach anzureisen, nach dem Motto: hier ist mein Programm, ich spiel' euch das jetzt vor – und dann hau' ich wieder ab. Ich dachte, das könne nicht richtig sein. Und dass ich meine Reisen dazu verwenden würde, tiefere Erfahrungen, tiefere Eindrücke der Musik zu sammeln.

Joanna MacGregor - "Play"

Carina: Auf deiner CD finden sich Komponisten der zeitgenössischen Klassik, wie Charles Ives, John Cage oder Alasdair Nicolson. Zumindest in diesem Belang gibt es keine wirklich sichtbare Verbindung zum Jazz. Thelonious Monk – ist seine Musik weiterhin eine Inspirationsquelle für dich?

Joanna: Ich liebe Thelonious Monk nach wie vor! Auf "Play" sind die jazzigen Tracks diejenigen von Moses Taiwa Molelekwa und eben das von Alasdair. Letzteres wurde, finde ich, hart und treibend wie es ist, sehr stark vom Jazz beeinflußt. Und Jazzmusiker, die ich bewundere, gibt es soviele, das ich gar nicht erst damit anfangen möchte, sie aufzuzählen. Thelonious Monk jedenfalls habe ich von Kind auf geliebt. Oder John Coltrane – ich war überrascht, herauszufinden, wie ausgeklügelt seine Musik ist. Für mich war es anfangs wirklich schwer zu verstehen, was da überhaupt passiert. Und von Cecil Taylor bin ich begeistert und von so vielen anderen. Alles starke und wundervolle Persönlichkeiten... Ich bin überzeugt, das wird für mich immer ein dauerhafter Einfluß bleiben!

Aktuelle CD: Joanna MacGregor - "Play" (sound circus/Enja 007)

Das vollständige Interview erschien im Jazz Podium 7/8 2003

Photos: Enja Records

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© jazzdimensions2003
erschienen: 28.8.2003
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