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Jean-Michel Pilc - "Stete Selbsterneuerung"
[english version]

Der Pianist Jean-Michel Pilc gehört jener Sorte Musiker, die einer von außen erteilten Einschätzung wenig Raum geben. Sie definieren sich selbst. Pilc, der aus Frankreich stammt und seit 1995 in New York lebt, sieht seine Herkunft als Nebensächlichkeit an: "Gute Kunst überwindet Grenzen, Nationalitäten und Ethnien." Seine Musik, hofft er, tut dies ebenfalls. Er selbst empfindet sich dabei demzufolge nicht als französischer Musiker - er ist "ein Individuum, das Musik macht."

Jean-Michel Pilc

Carina Prange führte dieses Interview per eMail mit Jean-Michel Pilc.

Carina: Im Jahr 2000 hast du den "Django Reinhardt Preis" als bester französischer Jazzmusiker des Jahres erhalten. Da du nicht mehr in Frankreich lebst, wie hast du diese Ehrung aufgenommen?

Jean-Michel: Nun, eine gewisse Aufmerksamkeit zu bekommen ist immer eine feine Sache! Dennoch ist die Bühne für mich das eigentliche Ziel: Spielen, so viel und so häufig wie möglich. Und zwar nach meinen Regeln und unter den bestmöglichen Bedingungen. Wenn Ehrungen einem dabei helfen können, dieses Ziel zu erreichen, bin ich auf jeden Fall dafür.

Carina: Dein neuestes Album "Welcome Home" - eine CD mit vier Eigenkompositionen und einer Anzahl von Standards - zeichnet sich durch eine nahezu explosive Energie aus. Wo nehmt ihr drei - als Trio - diese enorme Ausdruckskraft her?

Wir haben vieles gemeinsam, teilen Emotionen, teilen Freude, fühlen die gleiche Art von innerem Drang. Das ist das Wesentliche. Hinzufügen möchte ich aber, daß es sich bei François [Moutin] und Ari [Hoenig] um echte Innovatoren handelt. Beide haben eine eigene, unverwechselbare Stimme. So wie François hat noch niemand sonst Baß gespielt - und für Ari trifft auf seinem Instrument dasselbe zu. Sie haben das gewisse Etwas: diese magische Mischung aus Meisterschaft und Unbekümmertheit, aus Präzision und Wahnsinn, die für die Musik so lebenswichtig ist.

Jean-Michel Pilc - "Welcome Home" (Dreyfus, 2002)

Beide sind als Musiker ein Phänomen - aber das Allerwichtigste ist, daß auf der Bühne keiner von uns das Gefühl hat, auf sein Instrument beschränkt zu sein. Das Trio ist unser Instrument - drei Gehirne und dreißig Finger, die wir uns teilen, ein "Apparat", der eine Einheit bildet. Dieses Gefühl ist ungeheuer mächtig - das von "Simultaneität" in musikalischer, gefühlsmäßiger und physischer Hinsicht. Es wächst über jeden einzelnen von uns hinaus, transzendiert uns. Das Ganze ist mehr als die Summe der Teile!

Carina: Wo habt ihr Drei euch überhaupt das erste Mal getroffen? Die Personen, das Konzept, der Zeitpunkt - alles scheint perfekt zu sein. Einfach Glück?

Ich glaube nicht an Glück. Woran ich glaube, ist Intuition - das bedeutet, wenn du Leute triffst, und es sind die richtigen, dann weißt du es sofort. Da gibt es keinen Raum für Zweifel und Zögern - du verläßt dich einfach darauf. Ziemlich genauso war es bei uns. Francois kenne ich seit 1982; wir sind zusammen als Musiker gewachsen. Ari habe ich bei einer Jam-Session in NYC getroffen. Das war so ungefähr 1996.


Ich glaube nicht an Glück.
Woran ich glaube, ist Intuition!

Wenn ich mit dieser Band spiele, habe ich ein vorher nie erlebtes Gefühl von Echtheit, Wahrhaftigkeit, völliger Ebenbürtigkeit und dem nie endenden, immer wieder Neuen. Gleichzeitig spüre ich, wie sich eine neue Ausdrucksform bildet, ein Vokabular, eine Sprache, die wir mit dem Publikum teilen und mit Bedeutung füllen.

Jean-Michel Pilc-Trio

Carina: Auf gewisse Art erfindest Du die Standards, die Teil deines Albums sind, neu.Wie gehst Du dabei vor? Versuchst Du dicht bei der ursprünglichen Intention des Komponisten zu bleiben - oder über diese hinaus zu gehen?

Es geht um das Bedürfnis, sich auszudrücken, die Freude an der Sache, die Gefühle - und um diese einzigartige musikalische Sprache, die wir zusammen entwickelt haben. Hier liegt der Schlüssel. Dazu der Wunsch, sich von der Musik treiben zu lassen, wenig - oder gar nicht - dabei nachzudenken. Konzepte, Absichten über Bord zu werfen. Einfach der Musik die Herrschaft zu überlassen, so wie es Picasso in bezug auf seine Malerei auszudrücken pflegte. Denn nur dann klingen wir auf natürliche Weise wie... wir selbst!

Carina: Du bist auch für deine Soloperformances bekannt - hast Du schon mal an ein Album nur mit Piano gedacht? In welche musikalische Richtung würde so etwas voraussichtlich gehen? Würden deine klassischen Einflüsse eine Rolle spielen?

Jean-Michel: Sehr gerne würde ich ein Album alleine einspielen. Wie ich bereits sagte - ich versuche, jedem musikalischen Drang nachzugeben, ohne zu viel über irgendwas, wie Einflüsse et cetera, nachzudenken. Nur ich am Klavier, und die Band einfach spielen lassen... - Und im Grunde ist das Solospiel genau dasselbe, wie mit Band - nur, daß du die richtige "Besetzung" im eigenen Kopf finden mußt.

Wenn du - um bei diesem Bild zu bleiben - das geeignete schizophrene Orchester beisammen hast, bist du eigentlich kein Pianist mehr. Du verwendest lediglich das Klavier. Du wirst - auch dieses Bild hatten wir schon - ein "Apparat", der "Musik macht". Das ist es, was ich als Solokünstler gerne sein möchte.

Carina: Als Europäer in New York - hat sich für dich etwas geändert seit dem "Nine-Eleven"?

Jean-Michel: Also, auf einer Sache muß ich erstmal bestehen: Ich empfinde mich als Individuum, als menschliches Wesen. Franzose, Europäer - in diesen Kategorien denke ich nie. Der elfte September hat mich sehr traurig gestimmt, weil es ein katastrophales Ereignis war, das letztlich durch Fanatismus und Intoleranz ausgelöst wurde. Das hat nur unterstrichen, wie wichtig es ist, mit Mut und Entschlossenheit für die Menschenrechte zu kämpfen.

Jean-Michel Pilc

Freiheit ist ein so elementares Gut - viel zu vielen Menschen wird sie vorenthalten, in Gedanken und Taten. Sie müssen in Dunkelheit, Verfolgung oder Bevormundung leben. Diejenigen dagegen, die die Freiheit genießen, verschließen meist ihre Augen gegenüber dieser deprimierenden Tatsache - zu wenig Mitgefühl mit den anderen.


Freiheit ist ein so elementares Gut - viel zu vielen Menschen
wird sie vorenthalten, in Gedanken und Taten!

Der elfte September war ein Denkzettel dafür, was für ein großer Fehler es sein kann, undemokratische Werte und Systeme hinzunehmen, die Hand in Hand mit Dogmen und mißbrauchtem Kult gehen. Das ist der Grund, warum ich seit langer Zeit ein Bewunderer von Amnesty International bin - wegen ihrer unnachgiebigen Arbeit zugunsten der passiven und aktiven Meinungsfreiheit.

Carina: Als Klavierspieler hast du keine formale Ausbildung, sondern bist im wesentlichen Autodidakt. Inzwischen gibst du Clinics und Masterclasses. Warum betrachtest du das in sich nicht als Widerspruch? Was ist Grundlage deiner Unterrichtstechnik?

Jean-Michel: Meine eigene Erfahrung als Autodidakt besteht in der Entdeckung der Musik auf eine natürliche Art - Schritt für Schritt. Zunächst als physische und geistige Erbauung, dann als Kunstform, schließlich als Handwerk. Erst hört man, fühlt, liebt - später dann lernt und übt man. Von hier ausgehend zeige ich meinen Schüler zunächst, wie man die Musik spürt, wie man sie durch den eigenen Körper erfährt. Sie müssen eine körperliche Erfahrung machen - das Gefühl, das ein Rhythmus, ein Swing hervorruft.

Sie müssen ihre Ohren benutzen lernen, in der Lage sein, alles zu singen, bevor sie es schließlich spielen. Lernen, gute Zuhörer zu sein und auf alle Klänge der Umgebung zu reagieren, statt nur auf sich selbst zu achten. Ich lege sehr viel Wert darauf - ich bestehe darauf! -, daß sie sich vorrangig als Musiker und nicht als Instrumentalisten betrachten. Ihr Kopf, ihr Gehör, ihr Herz soll Macht über ihre Hände haben - nicht umgekehrt.


Ich bestehe darauf, daß meine Schüler sich vorrangig als Musiker
und nicht als Instrumentalisten betrachten!

Am meisten betone ich die Notwendigkeit davon, wirklich etwas mitzuteilen zu haben, bevor man daran geht dies auch zu tun. Ich habe gesehen, daß Musikschulen viel zu oft bei diesen wirklich grundlegenden Dingen versagen. Statt dessen wird eine akademische Pädagogik verfolgt, die aus den Schülern gehemmte Klone macht, nicht Leute, die in der Lage sind, wirklich spontan zu musizieren. Wenn es mir in dieser Hinsicht gelingt, einigen zu helfen, bin ich zufrieden. Ich lerne dabei nämlich genauso viel wie sie.

Carina Prange

Jean-Michel Pilc im Internet: www.jmpilc.com/

Aktuelle CD: Jean-Michel Pilc - “Cardinal Points”
(Dreyfus Records)

Das ausführliche Interview ist erschienen im Jazz Podium 2/2003

© jazzdimensions2003
erschienen: 25.4.2003
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