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Jason Moran -
"HipHop, Jazz und Modernismus"

Jason Moran gehört zu den "Young Lions" des New Yorker Jazz - gerade mal 27jährig wird der Pianist, dessen Schwärmerei für Reptilien und Schlangen durch die Presse ging, Anfang 2003 als Rising Star in Deutschland auf Tournee sein. Nach drei Alben mit seinem Trio "the Bandwagon" erschien 2002 die Solo-Piano-CD "Modernistic", deren Vielseitigkeit den Jazzkritiker aufhorchen läßt.

Morans Herangehensweise an Eigen- und Fremdkompositionen ist geprägt vom Studium und von Achtung vor der Musik seiner Vorbilder. Aber anders als beispielsweise Branford Marsalis sieht Moran deren Einfluß beschränkt auf musikalische Konzepte – und nicht Stil oder Sound betreffend. Jason Moran gilt zurecht als einer der Hoffnungsträger der jungen Jazz-Generation - und seine Phantasie läßt noch unzählige Möglichkeiten offen ...

Jason Moran

Jason Moran gewann kürzlich den Downbeat Critics Poll in den Bereichen Rising Star Jazz Artist, Pianist and Composer of the Year. Aus aktuellem Anlass daher dieses Interview von 2002.

Carina: Du hast als Sideman mit vielen großartigen Musikern wie Stefon Harris oder Greg Osby gearbeitet und drei Alben mit deiner eigenen Band aufgenommen. Nun ist "Modernistic" dein erstes Solo-Album. Ist es denn der Traum eines jeden Klavierspielers, irgendwann eine Soloplatte zu machen?

Jason: Ich glaube nicht, daß es wirklich der Traum vieler Leute ist, so ein Soloalbum zu machen – denn in der Realität stellt es eine große Herausforderung dar. Zumindest ich sehe es als eine solche an – mag sein, daß andere Leute sagen: "Oh, da kann ich mich einfach hinsetzen und spielen!" Nun, das ist ihre Sache. – Aber für mich liegt eine echte Herausforderung darin, wirklich interessante musikalische Landschaften, Stimmungen und Sounds mit nur diesem einen Instrument zu kreieren. Ein solches Album sollte, meiner Meinung nach, so klingen, als würde eine Gruppe spielen. Um es anders auszudrücken, wie eine Ein-Mann-Band. Das ist natürlich schwierig – aber es ist eine Aufgabe, eine die es wert ist, sie anzugehen.

Carina: Greg Osby ist der Produzent deiner drei Trio-Alben – welche Rolle spielt er in deinem musikalischen Leben?

Jason: Eine sehr große Rolle! Greg Osby war genau genommen der erste Musiker, der mich in eine Band holte – während ich noch aufs College ging. Und so kam ich vor sechs Jahren zu meiner ersten Europatournee – in Berlin spielten wir zufällig in genau demselben Club wie diesmal: dem Quasimodo. – Greg ist bis heute ein sehr wichiger Einfluß. Immerhin hat er mich nicht nur in seiner Band einfach geduldet, sondern mir darüber hinaus auch einen gewissen Einfluß auf den Gruppensound erlaubt – und dieser Einfluß ist sogar jetzt noch hörbar. Die Mitgliedschaft in dieser Band hat mich ungeheuer weitergebracht, das war gleich von Anfang an so. Auch heute tauschen wir uns regelmäßig aus: Wir reden über Musik, Komposition und Improvisation, darüber, wie man eine Band leitet, wie man eine gute CD aufnimmt, wie man eine Recording-Session leitet, wie man es schafft, daß dabei alles sehr schnell geht... – Im Musikbusiness ist er für mich wie ein großer Bruder.

Carina: Und wie sieht es mit Andrew Hill aus?

Jason: Andrew ist vergleichsweise eher die Vaterfigur. Er hat mich immer sehr unterstützt. Ich schicke ihm jedes neue Album, das ich einspiele und warte auf seinen Kommentar dazu. Ich will wissen, was er über die Musik denkt, wo ich seiner Meinung nach etwas verbessern könnte. Wenn ich einen Ratschlag brauche, frage ich eigentlich immer ihn. Das betrifft nicht nur musikalische Fragen, sondern überhaupt alles, was das Musikbusiness betrifft. Er hat eine Menge Einblick ins Business und wie es kontrolliert wird, weil er schon so lange dabei ist. Ich glaube, wenn ich eine Liste aller Freunde und Mentoren zusammenstellen müßte, die mir auf meinem Weg geholfen haben, dann wäre er definitiv weit oben.

Jason Moran

Carina: Jeder Pianist scheint auf seine spezielle Art an ein Solo-Piano-Album heranzugehen. Wie hast du dieses Projekt vorbereitet? Um ein Beispiel herauszugreifen – warum hast du das Stück "Planet Rock" für dieses Album ausgesucht?

Jason: Ein wichtiges Kriterium für die Auswahl eines Stückes ist, daß es selten – am besten so gut wie gar nicht – vorher eingespielt wurde. Wenn es bereits andere Aufnahmen gibt, strenge ich mich an, daß meine zu einem wirklich persönlichen Statement wird. Daß man wirklich weiß, diesen Song hat Jason gespielt – so und nicht anders soll es sein.

"Planet Rock" – selbst Africa Bambaata hat keinen Remix von diesem Song gemacht – aber als wir ihm unsere Version vorgespielt haben, fand er sie total gut. Er wollte mit mir sogar gleich ein Remix davon machen. Das empfand ich schon als ziemliches Kompliment, muß ich sagen. Jedenfalls ist es eigentlich nicht schwierig, Material auszusuchen. Voraussetzung ist aber, daß du Musik wirklich intensiv hörst, und in der Lage bist, sie dir in verschiedenen, anderen Formen vorstellen.

Nimm zum Beispiel diese Säule da: (zeigt) – Wenn ich sie mir ansehe, ist es einfach eine Säule. Aber wie viele andere Möglichkeiten gäbe es, diese, oder eine andere Säule zu machen? Genau so habe ich den Song "Planet Rock" betrachtet. Das ist ja in Amerika ein sehr bekanntes Stück. Insbesondere in der Hip-Hop-Bewegung ist es so etwas wie ein moderner Klassiker. Ich bin ein großer Fan dieses Songs, werde es auch immer bleiben und daher habe ich ihn aufgenommen.

Carina: Du bist auch ein Teil der Hip-Hop-Generation Amerikas - inwieweit ändert das deine Sicht auf Jazz-Klassiker?

Jason: Das hat meine Sichtweise überhaupt nicht verändert, weil es sich bei einer Menge der Rap-Stücke, die in den 80igern rauskamen, tatsächlich um Samples von vielen Art-Blakey-Sachen handelte oder von Horace Silver-Songs oder anderem Blue Note-Material, oder Lou Donaldson. Von der Musik her ist es im Grunde dieselbe Sache: Die äußere Form des Rap - beispielsweise gibt es einen Chorus, dann einen Rap, dann wieder einen Chorus – ähnelt in vielerlei Hinsicht dem Jazz.


Was viele MCs machen, wenn sie "freestylen",
ist das nicht ganz genau dasselbe, was wir Jazzer auch tun?

Und was viele MCs machen, wenn sie "freestylen", ist das nicht ganz genau dasselbe, was wir Jazzer auch tun? Der Rhythmus ist das kontrollierende Element, das die Rap-Musik definiert. Im Jazz ist es das rhythmische Element des Schlagzeugspiels. Die beiden Musikrichtungen sind vom Ansatz gar nicht so verschieden. Die Rap-Musik ist dabei allerdings repetitiver. Und das liebe ich – immer von Neuem wiederholte Figuren, die aber jedesmal um Kleinigkeiten variiert werden. Und so fließt der Rap in meine Musik ein.

Jason Moran - "Presents the Bandwagon"

Carina: Du hast einmal gesagt, daß es dein Kompositionsstil sei, "keinen" Stil zu haben – ist so ein "stilfreier" Stil wirklich möglich? Wieviel Einfluß hat das, was du hörst und von anderen lernst denn tatsächlich?

Jason: So gut wie alles was ich schreibe, habe ich bei anderen gehört. Wenn ich dann komponiere, merke ich immer gleich, oh, der Teil klingt wie dies hier und jener klingt wie etwas anderes. Aber: in dieser Kombination hat es das eben noch nicht gegeben. Ich könnte beispielsweise einen Song im Stil von Henry Threadgill schreiben – nur Henry Threadgill selbst würde niemals glauben, daß es an ihn angelehnt ist. Das liegt daran, daß ich meine eigene, persönliche Vorstellung von seinem Stil habe. Oder ich könnte einen Song schreiben, von dem ich selbst fest überzeugt bin, er klänge wie Andrew Hill – jedoch objektiv betrachtet wäre nicht mal eine Ähnlichkeit da.

Der Großteil meines Materials beruht auf meiner Vorstellung davon, wie andere Musiker an die Dinge herangehen, oder wie ich ihre Besonderheiten und Charakteristiken wahrnehme. Davon versuche ich dann absichtlich abzuweichen. Alles zusammengenommen läuft es auf eine Art von Collage aller Einflüsse hinaus und klingt nicht mehr speziell nach einer bestimmten Person. Wenn ich also einen Stil habe, den man als "meinen Stil" bezeichnen kann, dann beruht er auf diesem Vermengen, dem Neuzusammensetzen – anders ausgedrückt: ich klaue einfach...

Jason Moran

Carina: Du bist in Houston, Texas, aufgewachsen und lebst in New York. Wie sehr ist eine musikalische und eine multikulturelle Umgebung, wie sie in New York vorhanden ist, für die Kreativität notwendig? Kann eine so stressige Atmosphäre wiederum Kreativität begrenzen?

Jason: Als Musiker habe ich das Glück, auch aus New York heraus zu kommen. Jetzt bin ich hier in Berlin – die letzten zwei Wochen waren wir auf Tour und ich war in der Türkei, in Portugal, in Irland, in Belgien. Ich komme da also auch raus – andere Künstler haben diese Möglichkeit nicht, leider. Wenn du nämlich zu lange in New York bist, kann diese Stadt dich richtiggehend erdrücken.

Andererseits ist New York nun diese gewaltige Metropole der Kunst – da gibt es all diese Museen, man kann Ballettabende und klassische Konzerte besuchen, da sind die Theater, die Broadwayshows. Auf allen Gebieten - nenne was du willst: nur das Beste vom Besten. Das ist natürlich toll, wenn man das wahrnehmen kann. Die Stadt streßt mich also nicht. Es sei denn, ich bin zu lange am Stück dort. Dann muß ich weg, eine Weile dort raus – um mir meine geistige Gesundheit zu erhalten.

Carina Prange

Aktuelle CD: Jason Moran - "Presents the Bandwagon"
(Blue Note Records)

Jason Moran im Internet: www.jasonmoran.com

Photos: Paul Brown

Der Beitrag erschien im Jazzpodium Ausgabe 01/03.

© jazzdimensions2003
erschienen: 23.9.03
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