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Erik Truffaz -
"Die 70er und der Hunger nach Musik"

Würde dieser Mann nicht ausgerechnet Trompete spielen, so wäre die Frage sicher angebracht, ob man ihn denn überhaupt jemals zu den Jazzmusikern hat rechnen dürfen. Denn die viele Genres überspannende Musik von Erik Truffaz weist eigentlich zu starke, ja scheinbar dominante Einflüsse aus dem Rock- und Avantgardebereich auf.

Erik Truffaz & Band

Mag Truffaz damit ganz im Trend der Zeit liegen, so ist seine Freude am Experiment viel älter als die musikalische Modeerscheinung. Schon vor einigen Jahren wurde ihm der Beweis bescheinigt, dass Drum'n'Bass und Ambientsounds in seiner Manier sowohl mit rein akustischen Instrumenten als auch auf Maschinenbasis spannend, lebendig und zukunftsträchtig sein kann. Nicht zufällig, sondern eher ursächlich ist denn auch sein Interesse für die deutsche Elektronikszene, für Bands und Projekte wie Tangerine Dream oder Klaus Schulze.

Carina: Dein neues Album heißt "The Walk of the Giant Turtle". Warum hast du diesen Titel gewählt – was bedeutet er für dich?

Erik: Warum ich diesen Namen ausgesucht habe? Erstmal, weil es ein poetischer Name ist und einfach gut klingt – das ist die eine Seite. Zum anderen bin ich der Meinung, dass wir viel zu viel Gewicht auf Sachen wie Effizienz und Tempo legen. Die langsamen Dinge im Leben finde ich genauso wichtig. Wenn du zu schnell läufst, kannst du schließlich nicht in Ruhe denken. Wenn du dich dagegen gemächlich bewegst – eben wie eine Schildkröte – hast du Zeit, über dein Leben wirklich nachzudenken, über Konzepte und vieles andere.


Wenn du dich gemächlich bewegst, wie eine Schildkröte,
hast du Zeit, über dein Leben nachzudenken!

Carina: Die Band hat das Material für das Album in einer intensiven "Sieben-Tage-Aufnahmephase" aufgenommen, der eine Reihe von Konzerten folgte. Wie sah der Kompositions- und Aufnahmeprozess aus, in den vier Künstler involviert waren? Bitte beschreibe das ein bisschen genauer.

Erik: Es steht so ähnlich im Presseinfo, dass wir eine Woche in einem geschlossenen Raum verbracht hätten, aber das ist überhaupt nicht wahr. So war es nicht. Ein Jahr vor der Fertigstellung des Albums haben wir eine ganz lange Jam-Session veranstaltet: Die habe ich aufgenommen, und während des ganzen Jahres danach haben wir gemeinsam nach und nach die besten Momente herausgepickt. Manchmal hier ein paar Rhythmen – gute Rhythmen – , manchmal dort eine Melodie. Oder aber auch eine geniale Harmonie, je nachdem. Das ganze Album ist echte Gruppenarbeit – wir haben so zusammengearbeitet, wie es normalerweise Rockbands tun.

Carina: Zwischendurch hast du das Ladyland-Quartet zusammengestellt – bestehend aus Manu Codja (g), Michel Benita (b), Philipe Garcia (dr). Und Ende 2001 habt ihr schließlich das weltmusiklastige Album "Mantis" veröffentlicht, in erster Linie mit Eigenkompositionen von dir. Wie hat dieses Projekt deine musikalische Entwicklung beeinflusst?

Erik: Eine solche Beeinflussung gibt es sicher, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Das Ladyland Quartet ist eher etwas wie ein zweiter Weg. In meiner Entwicklung sehe ich wenige echte Querverbindungen zwischen meiner Arbeit mit dem Quartet und meiner derzeitigen Band, sieht man mal ab vom musikalischen Material. Einige Loops auf der Trompete habe ich beim Ladyland Quartet ausprobiert und das Prinzip in mein jetziges Repertoire übernommen. Ich habe Ähnliches dann auch auf "The Walk of the Giant Turtle" verwendet. Das Ladyland Quartet ist aber irgendwo in einer Windung meines Gehirns abgespeichert und ich werde mit jener Band auch wieder ein neues Projekt angehen.

Erik Truffaz & Band

Carina: Was hat generell mehr Wichtigkeit für dich – Teil des Kompositionsprozesses einer Gruppe zu sein oder, als ein Individuum, selbst zu komponieren? Mit anderen Worten – ziehst du das Gruppenfeeling einer Workingband dem Solistendasein vor?

Erik: Das ist eine gute Frage, eigentlich sogar drei Fragen in einer. Primär geht es mir um den Transport von Emotionen. Gefühle wie du sie empfindest, wenn du kreativ bist, etwas aufnimmst oder während eines Konzerts auf der Bühne stehst. Das Allerwichtigste ist natürlich, erstmal überhaupt etwas zu fühlen, diese Emotionen tatsächlich zu haben. Ich glaube, ich bin hier eher ein typischer Bandmusiker, als dass ich ein Einzelkämpfer, ein Solist wäre. Ich habe wenig Ambition, vorn im Rampenlicht zu stehen. Was ich wirklich will, ist, genau die Musik gespielt erleben, die ich in meinem Kopf höre. Und das, was sich dort abspielt, ist Bandmusik – und in diesem Sinne vom Aufbau her vielleicht mehr Pop als Jazz, weil es eben nicht Solo orientiert ist.

Carina: Du giltst bereits als Wegbereiter der Synthese von akustischem und Ambientsound. Wie wird deiner Meinung nach in Zukunft die Verbindung von akustischem Spiel und Elektronik aussehen?

Erik: Die Zukunft? Das ist schwer. Es ist schon nicht einfach für mich, über die Gegenwart und die Vergangenheit zu sprechen, über die Zukunft wird es noch komplizierter. Ich kann natürlich über meine persönlichen Pläne reden – aber eine generelle Aussage zu machen, ist unmöglich. Ich beabsichtige bei meinem nächsten Album Live-Sampling zu verwenden. Ich finde das spannend in Verbindung mit dem Schlagzeug – wenn sich der Drummer selbst samplen, und dann wieder darüber spielen kann.

Dann wird das Sample wie ein Instrument verwendet. Mit vorbereiteten, "prepared" Samples zu arbeiten begeistert mich nicht so sehr. Ich mag die Arbeit von Bugge Wesseltoft, weil er sich selbst und seine Band live sampelt. Wenn du mit ihm auf der Bühne stehst, hörst du plötzlich, was du zehn Sekunden zuvor gespielt hast. Das ist wirklich kreativ, das ist eine Art Spiel. Da irgendwo sehe ich meine Zukunft.


Die Siebziger, das war eine großartige Zeit
voll von kreativer Musik!

Carina: Der Bandsound deines neuen Albums erinnert an Miles Davis' Musik der 70er und an experimentelle Rockmusik, wie sie ebenfalls in dieser Zeit entstanden ist. Die Kombination dieser Musikrichtungen und der gegenwärtigen musikalischen Stile - spiegeln sie auch deine persönlichen Einflüsse?

Erik: Wenn du die Siebziger ansprichst – mit Sicherheit. Ich bin heute 43 und war 1971 gerade zehn Jahre alt. Und das war eine großartige Zeit voll von kreativer Musik, und es war auch eine Zeit, in der sich der Wandel in der Welt, sozial und auch sonst, in der Musik widerspiegelte. Ohnehin bin ich überzeugt, die tiefsten Eindrücke, der Hunger nach Musik und das intensive Gefühl für sie stammen aus der Teenager-Zeit. Du bist offen, du bist noch Neuling und möchtest etwas entdecken, erkunden. Die Siebziger haben mich geprägt – und das gilt auch für die anderen in der Band. Ich höre mir immer noch häufig Musik aus dieser Zeit an. Zum Beispiel Jimi Hendrix oder Led Zeppelin – ich liebe diese Bands!

Erik Truffaz

Carina: Wie ordnest du dich stilistisch ein? Würdest du dich selbst als Jazzmusiker bezeichnen?

Erik: Mein Instrument ist die Trompete – und die Improvisation mit der Trompete, das kommt vom Jazz her. Soweit zum "jazzigen" Anteil meiner Musik. Die Form hingegen ist nicht wirklich Jazz – sie rührt eher von Rock und elektronischer Musik her als von einem definierbaren Jazzstil. Für mich soll "Jazz" eine immer neue Form von Musik sein, und kein fester, klassischer Stil. Alles hängt davon ab, wie die jeweilige Interpretation des Begriffes Jazz aussieht.

Carina: Einige Zeit hast du mit Pierre Henry gearbeitet, einem der Gründerväter der Musique Concrète. Existiert diese Zusammenarbeit noch?

Erik: Ja, die gibt es noch. Ich liebe sein "Universum", seinen Sound. Er ist ein Genie und hat einen wirklich neuen Klang erschaffen. Eigentlich hätte ich ja dieser Tage einen Projekttermin mit ihm gehabt, um mit ihm ein Sound-System zu entwerfen. Aber da er nicht hier sein kann und ich nicht dort, geht es diesmal leider nicht. Aber er widmete mir ein Stück für seine Klangmaschinen ... Nein, von Pierre Henrys Arbeit war ich schon als Teenager begeistert. Ein verrückter Typ, der in einem uralten Haus lebt ...

Carina Prange

CD: Erik Truffaz - "The Walk of the Giant Turtle"
(Blue Note 7243 583 885 0)

Erik Truffaz im Internet: www.eriktruffaz.com

Blue Note Records im Internet: www.bluenote.com

Photos: Uwe Kerkau Promotion

Mehr bei Jazzdimensions:
Erik Truffaz - "The Walk of the Giant Turtle" - Review (erschienen: 29.6.2003)

Das vollständige Interview erschien im Jazz Podium (Ausgabe Juli/August 2003).

© jazzdimensions2003
erschienen: 13.11.2003
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