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Cornelius Claudio Kreusch - "Africambient"

"Ich möchte die Menschen mit meiner Musik berühren..."

Cornelius Claudio Kreusch ist im Alter von 33 Jahren einer der wohl aussichtsreichsten deutschen Jazzpianisten. Der gebürtige Münchner und Wahl-New-Yorker konnte mit elf bisher veröffentlichten CDs genremäßige Bandbreite, Gespür für die Auswahl der Musiker und musikalisches Einfühlungsvermögen beweisen. Nicht ohne Erfolg: Sein Album "Scoop!" zählte 1998 zu den bestverkauften Platten im Bereich Jazz...

Cornelius Claudio Kreusch

Kreusch kommt aus einer Familie, in der Kunst gewissermaßen zum Alltag gehört: Die Mutter ist Konzertpianistin und Schriftstellerin, ein Bruder ist ein erfolgreicher klassischer Konzertgitarrist und seine Schwester bildende Künstlerin und Musikerin. Seine Ausbildung erhielt Cornelius Claudio unter anderem an den Jazz-Elite-Schulen "Berklee College of Music" in Boston und der "Manhattan School of Music" in New York.

Über seine künstlerischen Vorstellungen, seine musikalischen Anliegen und Pläne sprach er mit Jan Lautenbach von Jazzdimensions.

Jan: Kommen wir zu Beginn auf deine Wurzeln zu sprechen: Deine Mutter ist eine erfolgreiche Musikerin, kann es nicht auch belastend sein, wenn man dasselbe tun möchte?

CCK: Am Anfang vielleicht, als ich mir überlegte, Musik zu meinem Beruf zu machen. Meine Mutter brachte mir bei, daß, wenn ich mit meiner Musik mein Leben bestreiten möchte, über Talent und Leidenschaft hinaus auch eine große Menge Glück dazugehört.

Als ich dann in die Staaten ging, habe ich mich entschieden, daß ich es tatsächlich schaffen könnte und nicht vorher aufhören würde - sollte nicht das Glück mich zu sehr im Stich lassen wollen. Ich begriff, daß es wirklich darauf ankommt, leidenschaftlich das zu machen, womit man sein Leben bestreiten will. Damit waren mir spirituell keine Schranken mehr gesetzt.

Deswegen war meine Mutter wichtig - durch sie lernte ich den spielerischen Umgang mit Musik kennen und nachdem sie sah, wie ernst ich meinen Entschluss nahm, hat sie mich unterstützt.

Jan: Auch dein Bruder ist Musiker, ein klassischer Gitarrist. Hast du vor, mal etwas mit ihm gemeinsam zu machen?

CCK: Wir spielen seit Jahren gemeinsam auf den Platten meiner Mutter, haben gelegentlich gemeinsame Projekte verfolgt und ich produziere fast alle seine Platten. In der Tat haben wir gerade ein neues Projekt begonnen, das uns sehr am Herzen liegt und mit dem wir im Januar und Februar auf Tour gehen. Mit klassischer Gitarre, mit Klavier - und Percussion, gespielt von Jamey Hadad, der Mitglied der Paul-Simon-Band ist. Ein phänomenaler Musiker!

Wir versuchen hier einen Bogen zu spannen, von der klassischen Musik über Weltmusik zum Jazz. Bezeichnenderweise heißt das Projekt "Two World's One": also zwei Welten, die in einer zusammenkommen sollen. Das spielt nicht nur auf die Musik und unser jeweiliges stilistisches Terrain an, sondern auch auf die Verschiedenheit unserer beider Persönlichkeiten.

Jan: Du pendelst viel zwischen München und New York hin und her? Wo fühlst du dich zuhause?

CCK: Richtig zuhause fühle ich mich dort, wo ich meine Musik leben kann. Rein geographisch gesehen ist das mein Loft in New York. Die Stadt New York gibt mir sehr viel, sie verströmt und spendet viel Energie und ist mir als Inspirationsquelle äußerst wichtig. Zur Zeit bin ich viel in Europa, weil ich hier häufig spiele und meine Plattenfirma zum Laufen bringen möchte. Aber ich werde auf jeden Fall in New York bleiben.

Cornelius Claudio Kreusch

Jan: Welche Ideenquelle meinst du bei New York, die Stadt selbst oder die Jazzszene?

CCK: Die Stadt selbst, die Jazzszenen, beeinflussen mich im Grunde gar nicht - oder nur in ihrer Gesamtheit als Teil der Gesellschaft. Die Jazzszene dort halte ich sogar für ein wenig langweilig. Da gibt es einerseits das Marsalis-Team, das den Jazz als klassische Musik betrachtet und genau so zu reproduzieren versucht, wie es schon tausendmal gemacht wurde. Nur längst eben nicht mehr so gut, nicht so authentisch. Ausgesprochen gute Musiker, aber da ist meist einfach die "Kraft des Ursprungs" verloren gegangen - die Energie, mit der man etwas begleitet, daß neu geboren wird mit Hilfe deiner eigenen Hände.


Die Jazzszene in New York
halte ich sogar für ein wenig langweilig!

Dann gibt es noch die Downtown-Szene. Die Meinung des Publikums wird dort für meinen Geschmack zu sehr verachtet. Die wirklich guten Sachen, die in dieser Umgebung entstanden sind, beispielsweise etwa von Leuten um den Kreis von Arto Lindsey oder Fred Frith, liegen eine Weile zurück. Damals wurde mit wirklich unkonventionellen Methoden gearbeitet, da hatten alle möglichen Richtungen Einfluß, von der Pop-Musik etwa bis zur Avantgarde.

Die Basis von dem, was dort heute entsteht, ist mir eigentlich zu intellektuell. Man kann da geradezu den Eindruck gewinnen, man müsse sich erst mit philosophischen Hintergründen auseinandersetzen, damit man weiß, warum jemand diese Musik gemacht hat. Aber es gibt auch durchaus spannende Projekte und Stömungen.

Jan: Deine CDs decken ein außergewöhnlich weites Spektrum ab. Einerseits die Piano Solo auf "Live! At Steinway Hall, New York" und andererseits die experimentelle 'raum-klangliche' CD "a.f.r.i.c.a.m.b.i.en.t". Verbirgt sich hinter einer solchen Bandbreite ein Konzept?

CCK: Ein Konzept gibt es eigentlich nicht. Ich fühle mich einfach in den verschiedensten Stilen wohl und nütze sie, meine Kreativität zum Ausdruck zu bringen. Ich bin außerdem in einer Umgebung groß geworden, in der jede Musik akzeptiert ist. Musik war dort vitaler Bestandteil des täglichen Lebens und eine Sprache, mit der man Gefühle ausdrücken kann. Egal was, ob Klassik, Jazz oder Popmusik - oder auch Kinderlieder.

Cornelius Claudio Kreusch

Jan: Bei dieser Offenheit, warum verortest du dich im gerade Bereich Jazz?

CCK: Es macht mir Spaß zu überraschen! Inklusive meiner selbst... - Ich versuche immer wieder etwas zu produzieren und umzusetzen, das für mich und für den Zuhörer neu oder zumindest anders ist. Etwas, das die Leute aufhorchen läßt. Das ist ein wichtiges Moment in der Kunst, daß sich die Köpfe ab und zu mal zur Seite wenden mit der Frage: "Halt, was war das noch?" Das Unvorhersehbare ist Teil des Jazz.

Der Jazz bietet - und verlangt! - unglaubliche Freiheiten, man kann seine Elemente spielend mit jeder anderen Musik mischen. Ein Teil des Weges eines ernsthaften Musikers ist, sich diese Freiheiten zu nehmen und aus vollem Herzen zu leben. Gerade diese Freiheiten brauche ich. Mit Rezepten, Noten, kann ich nicht gut leben. Ich möchte im Moment entscheiden können.

Jan: Dir wurde der Vorwurf gemacht, dass du dich pianistisch zu stark an technischer Brillanz und zu wenig an der Musik selbst orientierst? Wie stehst du dazu?

CCK: Jeder Mensch, der einmal mit offenem Herzen ein Konzert oder eine CD von mir gehört hat, sollte sofort merken, daß es mir nicht um Technik geht. Sondern um den Transport eines Gefühls: Ich möchte die Menschen mit meiner Musik berühren - das ist alles.


Es geht mir nicht um Technik,
sondern um den Transport eines Gefühls!

Interessant ist dabei, daß ich in meinem Leben kaum geübt habe; es gab vielleicht zwei Perioden, wo ich wirklich 'trainiert' habe. Ansonsten habe ich nur gespielt, gesucht, gefunden, verworfen, weiterentwickelt. Aber alles und immer spielerisch! Technik war allerdings dabei in dem Sinne nicht einfach unwichtig. Vieles kann man ja nur dann ausdrücken, wenn man das Vokabular hat, wenn man die Grammatik kennt, und eben Zugang zu bestimmten Techniken hat.

Cornelius Claudio Kreusch - "féfé"

Jan: Du hast den Anspruch deine eigene Musik zu machen, aber du mußt auch Geld verdienen. Was bedeutet eigentlich Musik-Kommerz für dich?

CCK: Mir ist klar, daß ich nicht nur für mich spiele. Da kommen an einem Abend Leute in dein Konzert, die geben nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Zeit hin, um dich zu hören. Das ist dein Auftrag: diese Menschen, im besten Sinne, zu entertainen. Ich will ihnen das Gefühl geben, einen erfüllten Abend zu haben. Kunst als solche existiert meiner Meinung nach nur in Resonanz mit den Menschen.

Jede Musik hat letztlich diesen Auftrag, das sollte man nicht vergessen. Die Umsetzung dieser Idee muß ja nicht automatisch die eigene Sprache sabotieren. Deshalb habe ich mich auch entschieden, meine eigene Plattenfirma "BlackMudSound Records" zu gründen. Meine Mittel sind zwar beschränkt, aber ich wollte den Menschen neben der Musik auch ein schönes Produkt bieten können, beispielsweise auch von der Verpackung her. Das gehört eben auch dazu.

Cornelius Claudio Kreusch

Jan: Was für ein Projekt gibt es, das auf den Nägeln brennt, was du in Zukunft auf jeden Fall umsetzen willst?

CCK: Ich arbeite da schon knapp zwei Jahre dran: Ein Pop-Projekt! Popmusik zwingt dich, dich zu begrenzen. Du mußt in dreieinhalb Minuten ein Gefühl vermitteln, die Form muß stringent sein, du mußt die Leute irgendwie packen können.

In der Jazzmusik ist es vergleichsweise wie bei einer freien Rede. Mal überspannst du den Rahmen, spielst zu lang, findest keinen Ausweg oder keine Form. Auch mir geht das immer mal wieder so. Allerdings gehört das auch zur "Ekstase" in dieser Musik dazu. Geht vielleicht manchmal etwas zu weit...

Bei der Popmusik liegt die Qualität jedoch gerade in der Stringenz - ich finde es bedauerlich, daß sie von Jazzern so häufig verrissen wird! Mir macht sie echt Spaß, auch der Sound gefällt mir. Und mit dem Gefühl gehe ich auch an diese Musik heran - ... es macht einfach Spaß!

Jan Lautenbach

CD-Box: Cornelius Claudo Kreusch - "Alpha Box"
(BlackMudSound 005, 4CDs - Vertrieb: Alive AG)
enthält die CDs: féfé - special radio edition (BlackMudSound 001), féfé (BlackMudSound 002), mandala (BlackMudSound 003), a.f.r.i.c.a.m.i.e.n.t. (BlackMudSound 004);
alle CDs auch einzeln erhältlich

BlackMudSound Records im Internet: www.blackmudsound.com

Fotos: Pressefotos

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© jazzdimensions2003
erschienen: 9.1.2003
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