Jazzdimensions
www.jazzdimensions.de: jazz, worldmusic, songwriting & more
home / interviews / international / 2006

Sigi Finkel - "Nicht Jazzmusiker, Musiker!"

Der seit 1982 in Wien lebende Saxophonist Sigi Finkel ist bekannt für seine zahlreichen, buntschillernden Projekte im Schnittpunkt zwischen Weltmusik und Jazz. Mit seinen global angelegten Konstellationen ist er in den unterschiedlichsten Ländern unterwegs. Neu dabei ist die "East-West-Connexion", die, mit Christoph Spendel, Yuri Goloubev und Asaf Sirkis, laut Finkel "zwischen mediterran-nahöstlichen, russischen und afrikanischen Einflüssen liegt".

Sigi Finkel

Anklang findet Sigi Finkel auch in seiner österreichischen Wahlheimat: im Jahr 2000 erhielt er den "Österreichischen Jazzpreis". - In diesen Tagen wird ein neues Album seiner Band "African Heart" erscheinen.

Carina: Mit "African Heart" hast du eine neue CD eingespielt, die gerade veröffentlicht wird. Was sind die Kernthemen dieses Albums, wie grenzt du es zum Vorgängeralbum ab?

Sigi: Ich habe bei den zwei bisherigen Platten mit senegalesischen Musikern gearbeitet, die aus einer reiner Trommeltradition kommen. Zwei meiner jetzigen Musiker stammen aus Burkina Faso - dort ist das Balaphon ein prägendes Instrument. Diesmal sind zwei Songs mit diesem Instrument auf der Platte, aber in Zukunft möchte ich das weiter ausbauen.

Wir haben wesentlich mehr Elektronik eingesetzt als auf den ersten CDs. Gerade das finde ich spannend: Traditionelle afrikanische Rhythmen mit Samples und Loops zu kombinieren, ohne die Substanz zu zerstören. Da ist sicher für die Zukunft noch viel Potential drin. Zudem steht die Band wirklich als Team hinter mir, was natürlich ein ganz wichtiger Faktor ist.

Carina: Joseph Bowie (Defunkt) wird als Gast bei dem CD-Release-Konzert mitwirken, ihr beide werdet Ende Oktober bei der Aufführung von Musik der Defunkt-Bigband durch das "Hauer Konservatorium Wiener Neustadt" dabei sein. Bereits bei "Doop Troop" habt ihr zusammengearbeitet. Wie kam es zur Arbeit mit Joe Bowie?

Sigi: Ich habe Joseph lustigerweise in der Sauna eines Hotels in Ingolstadt kennengelernt, als wir beide während des dortigen Festival mit unseren eigenen Bands gespielt haben. Er war mir sympathisch und mir hat seine Performance gut gefallen.

Als ich später über ein neues Projekt nachgedacht habe, ist er mir automatisch in den Sinn gekommen. - Joseph ist nun auch wieder auf der neuen "African Heart"-Platte als Gast dabei - ich freue mich schon auf die Livekonzerte mit ihm im Oktober/November.

Sigi Finkel & African Heart - "Spirits Of Rhythm" (11-02)

Carina: Du streckst deine Fühler musikalisch außer nach Afrika auch im europäischen Kontext in East-West-Richtung aus - zusätzlich nun auch noch in Richtung arabische Musik. Davon abgesehen hast du eine Zeitlang in Indien gelebt. Wie bindest du deine Erfahrungen mit den unterschiedlichen musikalischen Lebenswelten in dein eigenes Spiel mit ein?

Sigi: Ich komme eigentlich aus der Modern Jazz Tradition. Die Beschäftigung mit den vielen Einflüssen und Stilmitteln aus der afrikanischen und arabischen Musik, sowie auch die neuen Möglichkeiten mit Computern, Samplern und Software haben meinen Horizont ungemein erweitert. Ich würde mich auch nicht mehr als "Jazzmusiker", sondern als "Musiker" bezeichnen. Das Wort "Jazz" davor empfinde ich fast als Einschränkung.


Ich würde mich nicht als "Jazzmusiker" bezeichnen.
Das Wort "Jazz" empfinde ich fast als Einschränkung!

Was ich konkret von den Ethno-Musikern gelernt habe: aus ihrem Selbstverständnis heraus sehen sie Musik nicht als Selbstzweck, sondern spielen für die Zuhörer - und nur für sie! Kommt man da mit seinem "Kunstanspruch" daher, gibt das erst mal einen Clash. Für mich war das durchaus heilsam.

Ich denke, es ist mir im Laufe der Zeit gelungen, eine Balance zu finden zwischen innovativer Musik und der intensiven Kommunikation mit den Zuhörern durch "Dinge, die bekannt sind". Es macht sicher auch einen Teil des Erfolges der afrikanischen Band aus, dass es eine neue Kombination von Elementen gibt, die aber für sich gesehen "geläufig" sind.

Sigi Finkel

Carina: Mit "African Heart" seid ihr im Senegal, in Südafrika usw. unterwegs gewesen - ein Teil deines Reiseberichtes wurde im Jazz Podium im Sommer 2001 veröffentlicht - wie hast du dich dort als Weißer gefühlt bzw. welches war dein prägenstes Erlebnis dieser Reisen? Was hast du für dich mit nach Hause genommen?

Ich finde, jeder Weiße sollte mal nach Südafrika fahren - und nicht nur die Nationalparks besuchen, sondern sich wirklich auch im Land umschauen; es ist eine Schande für alle Weißen, was dort mit diesem blödsinnigen Rassendenken angerichtet wurde. Die Gesellschaft ist nach wie vor tief in zwei Teile gespalten, ökonomisch und sozial.

Für mich war es mehr als bezeichnend, als ein junges Mädchen bei einem Workshop in den Townships einen meiner afrikanischen Musiker voll Erstaunen gefragt hat, wie er das denn gemacht hat, daß er diese Weißen getroffen hat - dh. die Gesellschaft ist so gespalten, daß man sich fragt, wie man denn überhaupt jemanden von der anderen Seite treffen kann.


Es ist eine Schande für alle Weißen, was in Südafrika
mit diesem blödsinnigen Rassendenken angerichtet wurde!

Und wenn dann hier in Österreich oder Deutschland wieder bestimmte Zeitungen oder politische Gruppierungen mit ihren Ausgrenzungsspielchen anfangen, so muß man da genauso entgegenhalten. Da hat die Band sicher auch eine wichtige Signalfunktion: Wenn da immer wieder mal der schwarzafrikanische Drogenhändler stilisiert wird, so sollen die Leute ganz im Gegenteil sehen, daß hier normale Menschen zusammenarbeiten, die Ihre Ziele haben, die Spaß an der Zusammenarbeit haben und miteinander was erreichen wollen.

Carina: Generell - wieviel Bedeutung haben deiner Meinung nach bei der Zusammenarbeit von Musikern unterschiedlicher Kulturen Respekt, Identität, Freundschaft?

Sigi: Gegenseitige Akzeptanz und Respekt sind unabdingbare Voraussetzung, um miteinander arbeiten zu können. Würden die afrikanischen Musiker oder auch ich lediglich mit unseren überlieferten Maßstäben messen, so könnten wir dem Können des jeweils anderen in keiner Weise gerecht werden.

Wie kann ich die unglaublich komplexen afrikanischen Rhythmen schätzen, wenn ich mir denke, dass in einem Stück soundso viele Harmonien enthalten sein sollen - und die kommen dann nicht? Man muss sich also schon die Mühe machen, die jeweiligen Ressourcen sehen zu wollen!

In meiner Zeit mit den senegalesischen Musikern war ich dreimal im Senegal. Dadurch habe ich sehr viel über ihre Art zu leben, zu denken und zu spielen gelernt. Jetzt, von Dezember bis Januar, werde ich nach Burkina Faso gehen, - inzwischen sind ja zwei Musiker von dort in der Band -, um mich speziell mit der Balaphonmusik näher zu beschäftigen.

Mamadou Diabate, einer meiner Musiker, stammt aus einer Region, in der man am Balaphon eine richtiggehende Sprache entwickelt hat. Er kann - nur mit Tönen - am Instrument jemanden bitten, ihm etwas zu trinken zu holen. Unglaublich! Er hat mir übrigens schon "Guten Tag" und "Wie geht's" beigebracht.

Wenn das so weitergeht, dann können wir uns irgendwann auf der Bühne im wahrsten Sinne des Wortes unterhalten ...

Carina Prange

Dieses Interview erschien bereits in kürzerer Version in der Jazzzeit, Wien

CD: Sigi Finkel & African Heart - "Spirits of Rhythm"
(ZOMBA Records)

Sigi Finkel im Internet: www.sigifinkel.com

Fotos: www.sigifinkel.com

© jazzdimensions2002
erschienen: 25.10.2002
   home | interviews | reviews | clubtermine | tourtermine | festivaltermine | news | links
Sitemap  |   Impressum

 
interviews
reviews
live/clubs/berlin
live/on tour
live/festivals
news
links
home
info@jazzdimensions.de
Diese Seite drucken/Print this page
Empfehlungen: