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Nils Petter Molvaer - "Kontraste"

Aufgewachsen auf der an Kontrasten reichen norwegischen Insel Sula, liebt der inzwischen in Oslo wohnende Nils Petter Molvaer noch immer die Gegensätze - sowohl in der Musik als auch im Leben. Was er an seiner Heimatinsel schätzt, sagt er, ist der unendliche freie Raum, der extreme Unterschied zwischen dem transparent-dunkelblauen Licht am Tage und, während der Wintermonate, der Schwärze der Nacht.

Nils Petter Molvar

Starke Kontraste prägen auch seine Musik - was diese ausmacht, und ihm gleichzeitig die Vorreiterposition für eine ganze Generation von Musikern der Underground- Jazz-Szene Norwegens einbrachte, ist die Verbindung von akustischem Instrumentalklang und dessen im Studio ertüftelter elektronischer Verfremdung.

Carina: Viele Leute bezeichnen dein Album "Khmer" als einen Meilenstein der Kombination von Jazz und Ambient Music - und schreiben dir die Rolle zu, eine Art Pionier für Karrieren von Musikern wie Bugge Wesselthoft, Audin Kleive und vielen anderen norwegischen Künstlern zu sein. Was denkst und fühlst du, wenn du derartige Statements hörst?

Nils Petter: Ich versuche, über Dinge wie diese am Besten gar nicht nachzudenken. Solche Überlegungen haben keinen echten Stellenwert für mich. Ich liebe sowohl Auduns als auch Bugges Arbeit und respektiere beide sehr. Wenn "Khmer" dabei geholfen haben sollte, auch einen Focus auf ihre Karrieren zu setzen, freut mich das natürlich ziemlich! Beide sind sie brilliante Musiker.

Carina: Das neue Album - bitte erzähle unseren Lesern ein bißchen mehr darüber. Wie ist der Sound, was ist anders im Vergleich zu den Vorgängeralben?

Nils Petter: Es geht grundsätzlich in dieselbe Richtung wie bei den beiden vorhergehenden Alben. - Der Unterschied liegt einfach darin, daß es ein neues Album ist - ich verwende mehr Elektronik. Aber was ansonsten anders ist ... - abgesehen davon, daß es neues Material ist, ist das schwer für mich zu beschreiben! Ich würde sagen, einige der Tracks sind ziemlich "heavy" - echt heftig.

Nils Petter Molvar

Carina: Wie hast du deinen eigenen Trompetensound entwickelt? Vergleichst du dein Spiel mit dem anderer Trompeter?

Nils Petter: Ich versuche, die Essenz in meinem Sound herauszuarbeiten. Ich mag Klänge, die auf gewisse Weise "flötenartigen" Charakter besitzen. Und natürlich ist für mich von Bedeutung, daß ich mich mit meinem Sound wohlfühle. Aber ich ziehe da keine Vergleiche! Ich mag den "persönlichen", nicht den "perfekten" Klang. Wenn ich ein paar Trompeter nennen soll, die so etwas besitzen, dann gehören dazu Jon Hassel, Miles Davis, Don Cherry, Tomaz Stanko und Kenny Wheeler. Aber - wie gesagt - vergleichen will ich mich nicht mit ihnen. Ich mag sie einfach - und an dieser Stelle muß ich natürlich auch noch Chet Baker erwähnen ...

Eine wichtige Rolle spielt natürlich zusätzlich, welche Trompete ich spiele. Derzeit ist es eine Schilke. Manchmal spiele ich auch eine "Stradivarius Silver Sterling" von Bach - die hat einen volleren Klang. Ich ziele stets auf die größtmögliche Präzision des Ausdrucks ab.


Ich liebe Kontraste. Sie erzeugen Spannung!

Carina: Du verwendest sehr stark denaturierte Sonds - verbindest Technologie mit "authentischen" Instrumenten. Was für eine spezielle Bedeutung hat Technologie im Vergleich zu Natürlichkeit für dich?

Nils Petter: Ich liebe Kontraste. Sie erzeugen Spannung. Wenn ich arbeite, nehme ich immer erst die akustischen Instrumente auf. Anschließend folgt ein Prozess, in dem einige dieser Aufnahmen mit Softwaresynths und Samplern überarbeite - hier setze ich zum Beispiel die Programme Absynth und Reaktor von Native Instruments ein. Ich verwende auch Logic Audio und den EXS Sampler von der Firma Emagic. Übrigens alles deutsche Technik, soweit ich weiß.

Diese Dinger können einen echten akustischen Sound natürlich nicht ersetzen - aber ich finde, es ist eine sehr interessante Herausforderung, solch verschiedene Sounds zu einem organischen Ganzen zu verschmelzen. - Ich nehme also irgendein Rohmaterial, oft rein akustisches, und dann fummle ich daran herum. Das ist - einfach ausgedrückt - wie ich arbeite. Und natürlich spielen auch die Leute in meiner Band eine große Rolle.

Nils Petter Molvar

Carina: Deine Konzerte sind laut, expressiv und aufgrund der Multimedia-Show kann das Publikum nur schwer die Musiker oder gar deren Mimik beobachten. Steckt dahinter die Intention, eine Band als Einheit zu präsentieren? Oder geht es dir darum, eine gewisse Distanz zum Publikum aufzubauen?

Nils Petter: Also, im Grunde sind wir alle sehr schüchtern! - Ich setze es auch dazu ein, um dem Ganzen einen Rahmen, eine Athmosphäre zu verleihen. Schließlich - wenn ich selbst zu einem Konzert gehe - will ich aus dem Alltag entführt werden, sowohl visuell als auch musikalisch. Das versuche ich auch bei meinen eigenen Konzerten umzusetzen - hoffentlich erfolgreich.

Carina: Von "Solid Ether" gibt es auch Remixe. Stichwort Kreativität - inwiefern ist ein Remixer kreativ? Worin liegt der Unterschied zwischen ihm und einem improvisierenden Jazzmusiker? Sind Kategorien wie "gut, schlecht, besser" in diesem Zusammenhang angebracht?

Nils Petter: Der Remixer - oder die Remixerin - ist ebenso kreativ wie jeder, der kreative Musik macht. Für mich ist ein gutes Remix ein "Earopener". Es werden Alternativen, andere Möglichkeiten für einen Song aufgezeigt. Ich glaube, daß das durchaus mit einem Jazzmusiker verglichen werden kann, der einen Standard interpretiert - nehmen wir beispielsweise "When you wish upon a Star". Wenn das von Peter Brötzmann oder von Keith Jarret gespielt würde, wären das jeweils vom Original sehr verschiedene Versionen - aber sie basieren auf derselben Komposition. Beide lassen, um es mal so auszudrücken, jeweils die Musik durch ihren individuellen "ästhetischen Filter" laufen. Also eigentlich ein Remake - genau wie ein Remix eine Neuinterpretation darstellt, wenn man so will.

Nils Petter Molvar - "NP3"

Carina: Was bedeutet es für dich ein Musiker zu sein?

Nils Petter: Ich verdiene damit meinen Lebensunterhalt - das bedeutet es zum Einen. Aber es ist außerdem persönlich sehr wichtig für mich, für meine Identität. Wenn ich eine Zeit lang nicht dazu komme, Musik zu machen, spüre ich sozusagen wie ich "austrockne" - ich fühle mich dann sehr unwohl. - Auf diese Weise ist die Musik eng mit meiner Person verbunden und damit, wie ich mich ausdrücke - mich als menschliches Wesen.

Carina Prange

CD: Nils Petter Molvaer - "NP3" (Emarcy Records CD 044001779527)

Nils Petter Molvaer im Internet: www.nils-petter-molvaer.com

Fotos: Universal Music

Eine ungekürzte Version dieses Interviews erschien im Jazzpodium 7/2002.

© jazzdimensions2002
erschienen: 20.7.2002
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