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Eric Vloeimans - "Musik als Abenteuer"

Ausgerechnet italienisch mit "Brutto Gusto" betitelt ist das neue Album des Trompeters Eric Vloeimans - übersetzbar etwa mit "Geschmacksverirrung". Ob in diesem Fall wirklich schlechter Geschmack propagiert wird, oder ob der Titel nur die Suche des holländischen Protagonisten nach immer neuen, irgendwelchen Fremdsprachen entlehnten Wortspielen dokumentiert, sei hier dahingestellt. Jedenfalls scheint Vloeimans definitiv seinen Spaß daran zu haben, weniger weitgereiste oder weniger humorvolle Hörer etwas hinters Licht zu führen.

Eric Vloeimans

Sowohl seines vermittelten Images als auch seiner herzlich-flatterhaften Art wegen könnte Eric Vloeimans also getrost als Paradiesvogel des Jazz bezeichnet werden - so farbenfroh wie sein Auftreten ist auch seine Kleidung: auf der Bühne des Kölner "Studio 672" ist sein äußerliches Markenzeichen dunkelviolettes Hemd zu gelber Hose. Hierzu kontrastierend ernsthaft und herausragend ist hingegen sein Trompetenspiel. Vloeimans glänzt mit weitausgreifenden Melodiebögen und virtuosem, höchst variablen Spiel. Nicht umsonst liest sich die Diskographie dieses Musikers wie ein "Who is Who" des zeitgenössischen Jazz, nicht ohne Grund wurde ihm der holländische "Boy Edgar Preis" verliehen.

Carina Prange sprach in Köln mit Eric Vloeimans.

Carina: Eric, du bist Musiker, Komponist und du unterrichtest auch - was ist das Wichtigste, das du deinen Schülern vermittelst?

Eric: Das Wichtigste ist, die Trompete in einer Weise spielen zu können, die "akzeptabel" ist ... - Was ich sagen möchte: Don Cherry beispielsweise mag kein außergewöhnlicher Trompeter gewesen sein, aber mit Sicherheit war er einer der besten Musiker aller Zeiten! Ich versuche daher, meine Schüler im Hinblick auf Musikalität zu unterrichten und ihnen dabei natürlich auch beizubringen, die Trompete zu spielen - jedenfalls soviel ich darüber weiß.

Ich möchte ihnen begreiflich machen, daß es sehr wichtig ist, sich zu engagieren für das, was man wirklich will. Das, was man gerne machen möchte, wo die eigenen Stärken liegen. Niemand kann für den Erfolg garantieren - ich selbst war ein lausiger Trompeter, als ich noch am Konservatorium war - und es lief erst viel später etwas besser. Mein Motto ist: probiere alles aus, geh auf abenteuerliche Weise mit Musik um. Und diese Dinge versuche ich, meinen Studenten beizubringen: "Sei wirklich ehrlich zu dir selbst, finde heraus, was du willst - und dann mach es, tu es einfach! Häng dich da rein!"

Carina: Du bist bekannt dafür, ein farbenfroher Typ zu sein - in Bezug auf deine Kleidung, aber auch im musikalischen Sinne. Was ist nötig, um ein so vielseitiger Musiker zu sein wie du?

Eric: Ich bin sehr an anderen Leuten interessiert - und an möglichst vielen unterschiedlichen Projekten. Von anderen kann man soviel über Musik lernen - jeder zeigt dir eine andere Art des Spielens. Wenn ich mit Nguyên Lê spiele, dann bedeutet das "Hardcore-Gitarrensolos".

Ganz anders ist es beispielsweise mit John Taylor - es gibt riesige Unterschiede, und daraus lernt man. Und diese Farbigkeit ist es, die ich musikalisch umsetzen möchte - das entspricht meinem Geschmack, genau so will ich die Dinge machen. Und ich mag bunte Klamotten, ich mag Farben überhaupt! (lacht)

Eric Vloeimans

Carina: Woher nimmst du deine Inspiration?

Eric: Inspiration bekomme ich oft von meinen Mitmusikern - ansonsten schreibe ich einfach alles auf, was immer mir in den Kopf kommt. Ein Beispiel: "Weirdo March" [Bitches And Fairy Tales, 1998] - die Idee dazu kam mir durch den Film "Funny Walks", aber eigentlich zu Ende gebracht hat es Joey Baron. Irgendwann im Studio spielte er etwas wie "dadufff dadufff daduff ..." - es hörte sich irgendwie an wie ein schwimmender Hund, wie ein kleiner schwimmender Hund! Ich dachte erst wir nehmen das irgendwo als Intro, aber dann wurde "Weirdo March" daraus.

Songtitel haben es mir angetan - das Stück "Bradshaw" bekam seinen Namen durch meine Begegnung mit einem Kleinstwagen, der mich an einen Autoscooter erinnerte. In Wirklichkeit war es ein Paketlieferwagen ... - Ich mag insbesondere hübsche Worte, von denen niemand weiß, was sie bedeuten, zum Beispiel "Umai" - der Titel meines letzten Albums -, das ist eine Art "Göttin" aus dem Schamanismus. Und "Brutto Gusto" - das bedeutet einfach "schlechter Geschmack" - auf Italienisch und auch auf Spanisch.

Carina: Wie ist das mit dem Alltag - wieviel Zeit bleibt dir dafür, dich mit anderen Dingen neben der Musik zu beschäftigen?

Eric: Mein Alltag? Ich habe mir ein Plätzchen in Frankreich gekauft, um dort "zur Ruhe zu kommen". Ich toure normalerweise von Frankreich aus - aber ich lebe auch in Holland. Während der Ferienzeit bin ich dort für ein paar Monate und lediglich mein Manager hat die Telephonnummer - und ich beantworte meine E-Mails. Soviel zu "daily life". Ich verbringe eine Menge Zeit mit Musik, weil ich mich selbst nicht für so talentiert halte. Ich mußte sehr hart arbeiten, um das zu bekommen, was ich jetzt habe.

...ein farbenfroher Typ!

Carina: Deine persönliche Herangehensweise an Improvisierte Musik - wie hat sich diese Richtung bei dir entwickelt? Wie hat die "New School" in New York City deinen musikalischen Weg beeinflußt?

Eric: Alles hat sicher sehr viel mit meinem Unterricht bei Kenny Werner zu tun - er hat mir erklärt wie man bestimmte Dinge komponiert. Heutzutage ist New York viel interessanter, damals war es ein klein wenig eine "Bebop-Stadt". Ich mochte es nicht besonders, aber ich war ja nur dort, um zu lernen. Vor zwei Jahren kehrte ich zurück, um mich ein wenig umzusehen und mit ein paar Leuten zu jammen. Und da war diese phantastische Szene mit einer Menge Avantgarde-Projekten, eine große Bandbreite, alles sehr offen.


Manchmal sagen Leute: "Vloeimans, was du spielst,
ist kein Jazz!" - Gut, ist mir auch recht!

Wenn man mich fragt, was ich für Musik mache: Jazz, glaube ich. Manchmal entgegnen die Leute: "Vloeimans, was du spielst, ist kein Jazz!" Gut, ist mir auch recht, weil es dann eben etwas ganz anderes ist. Etwas, von dem derjenige nicht weiß was es ist. Weil Leute die das auf diese Weise sagen, immer alles sehr beschränkt betrachten: "Das" ist Jazzmusik - und Jazz sollte "so" sein! Wenn du etwas anderes machst, verstehen es diese Leute nicht mehr. Pah! Auf "Brutto Gusto" ist auch eine Art "Popsong" drauf - na und?! Ich mache einfach das, was mir gefällt und versuche, nach allen Seiten hin offen zu sein - soweit wie möglich.

Carina: Du stehst für Technik und pure Emotion - wie paßt das zusammen? Was hat die höhere Wichtigkeit für dich?

Eric: Technik und Emotion? Die Technik sollte immer im Dienste des Gefühls stehen. Ist das nicht der Fall, so ist das Ergebnis schlechte Musik. Was du im Inneren fühlst, das ist das, worauf es ankommt - falls Leute nur vom Kopf ausgehen, nutzen sie das nicht. Musik ist Sache des Kopfes und des Herzens - es darf nicht nur eines von beiden sein.

Wenn du nur dein Herz benutzt und nicht deinen Kopf, hört es sich auch wie Shit an, verstehst du?! - Also: lerne soviel wie möglich und dann nimm das Gelernte und schieb es so weit wie möglich von dir. Sei spontan, das wirkliche Wissen sitzt dort (zeigt auf sein Herz), und von dort kommt alles wieder heraus.

Eric Vloeimans - "Brutto Gusto"

Carina: Der "Boy Edgar Price" ist zweifellos bedeutend - wie wichtig sind für dich generell Auszeichnungen? Ist das etwas, wonach du dich orientierst, etwas, für das du arbeitest?

Eric: Nein, im Grunde hat mich das wirklich sehr überrascht, ganz ehrlich! Ich hätte mich selbst nie für den "Boy Edgar Price" in Betracht gezogen, habe nicht mal darüber spekuliert. Und dann erhielt ich tatsächlich diesen Anruf: "Wir haben hier gerade ein Treffen mit den Leuten vom Boy Edgar Price und der Preisträger bist du!"

Aber das Allerbeste war, daß ich vier Stunden im Radio in Holland bekam - live. Also habe ich mir John Taylor für ein Duo geholt, meine Band "Brutto Gusto" spielen lassen, Duos mit dem Akkordeonspieler Stan Cartensen und dem Cellisten Ernst Reijseger gemacht und - last not least! - ließ ich Jimmy Haslip kommen.

Das war ziemlich prima - und es ist natürlich nett, das Geld zu bekommen. Das Seltsamste war, daß es eine Auszeichnung für das Lebenswerk ist, und ich bin ja nicht mal vierzig Jahre alt. Von daher dachte ich, das sei zwar ganz schön früh - aber besser ich nehme es mal an! (lacht)

Carina Prange

Aktuelle CD: Eric Vloeimans - "Brutto Gusto"
(Challenge / Sunny Moon)

Eric Vloeimans im Internet: www.ericvloeimans.com/

Fotos: Frank Bongers

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Eine ausführliche Version dieses Interviews erschien in Ausgabe 5/02 des Sonic Magazins: www.sonic.de.

© jazzdimensions2002
erschienen: 16.12.2002
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