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Ellery Eskelin
"Keine Antworten liefern, aber nach Fragen suchen"

Als der renommierte Perkussionist Günther "Baby" Sommer im Jahre 1995 zum Professor für Ensemblespiel und Perkussion an der Dresdner Musikhochschule Carl Maria von Weber - und damit zum Nachfolger von Professor Siegfried Ludwig (einst Sommers Lehrer) - "geschlagen" wurde, begann ein neuer Wind in der Klasse "Jazz, Rock, Pop" zu wehen.

Ellery Eskelin

Mehr "Welt" in die regionale Musikstadt Dresden und deren Musikhochschule holen, mehr Internationalität, mehr künstlerische Offenheit und Freude am Experiment - dies waren Hoffnungen, die sich mit Sommers Antritt verbanden. Manches ist seither bewegt worden. Sommers neuester Coup: Er holte für einen Workshop vom 13. bis 15. März den außergewöhnlichen New Yorker Tenorsaxofonisten und Komponisten Ellery Eskelin und dessen Trio nach Dresden.

Eskelin gilt als ein künstlerisch sehr eigenständiger Musiker, der sich immer wieder auf den Jazz bezieht, dabei gleichermaßen aber auch Elemente zeitgenössischer komponierter Musik sowie der freien Improvisationsmusik integriert. Allein unter eigenem Namen hat er seit 1988 bis heute fünfzehn LPs/CDs eingespielt, als Mitglied der Bands "Baron Down", "Joint Venture" und "4 Horn's & What?". Als Sideman bei Rabih Abou-Khalil, Eugene Chadbourne, Mark Helias, Gebhard Ullmann, Tom Varner und vielen anderen kommen noch einmal etwa dreißig CDs dazu.

Mathias Bäumel stellte Ellery Eskelin im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Workshop in Dresden einige Fragen.

Mathias Bäumel: Als Sie am 7. Februar 1988 die erste eigene LP aufgenommen haben, gaben Sie ihr den doppelsinnigen Namen "Setting the Standard". Einerseits sind darauf Jazz-Standards wie "Yesterdays", "All the things you are" oder "East of the sun" enthalten, andererseits: Welche Standards des Tenorsax-Spiels wurden denn damit gesetzt?

Ellery Eskelin: Nun, das ist eine Frage, die andere beantworten sollten. Als meine erste eigene Einspielung sollte es einfach meine Jazzwurzeln dokumentieren, kombiniert mit einigen meiner eigenen Vorstellungen zu Phrasierung und dem Zusammenspiel innerhalb einer Band. 1988 war es wichtig für mich, dies zu tun, weil ich damals spürte, dass sich meine Musik zu verändern begann.

Mathias Bäumel: Als ich Sie vor einigen Jahren das erste Mal live im alten Jazzclub Tonne spielen und einige CD-Aufnahmen mit Paul Smoker, Joey Baron's Baron Down und anderen hörte, nahm ich Sie als einen kraftvollen, im Sound Shepp-artigen Spieler wahr. Wie lässt sich Ihr künstlerischer Weg seit ersten Platte bis heute beschreiben?

Ellery Eskelin: Das ist eine interessante Frage, denn während meiner gesamten durch Aufnahmen dokumentierten Karriere haben Kritiker mich letztlich mit zwanzig verschiedenen Saxofonisten verglichen. Die Leute mögen häufig solche Vergleiche, weil es für sie dadurch einfacher wird, Sinn und Bedeutung aus all dieser Menge von Musik herauszufiltern, die heutzutage verfügbar ist.

Ellery Eskelin

Doch solche Vergleiche helfen normalerweise den Musikern nicht, weil es beispielsweise kaum möglich ist, wie zwanzig verschiedene Saxofonisten zu klingen. Nicht selten sind diese Vergleiche irreführend und bringen nicht jene spezifischen musikalischen Ergebnisse zum Ausdruck, die gerade das Persönliche des jeweiligen Musikers ausmachen. Meine Entwicklung als Saxofonist ist eng verbunden mit dem jeweiligen Gruppenkonzept, das ich mit meinen Bands herausgearbeitet habe.

Seit meinen ersten Aufnahmen habe ich versucht, verschiedene Kontexte herauszufinden, in die ich das Saxofon hineinstellen kann. Beispielsweise versuche ich Instrumentierungen zu nutzen, die im Vergleich zu den meistens verwendeten herkömmlichen Bläser-Piano-Drums-Bass-Mustern Alternativen darstellen. Das gibt jedem Musiker die Chance, die eigene Rolle neu und nach den eigenen Wünschen zu defininieren. Und auch mir gibt es die Gelegenheit, mich als Ellery Eskelin und niemanden sonst zu realisieren.

Mathias Bäumel: Die aktuellen Aufnahmen der diversen Eskelin-Ensembles sind dichte, strukturierte Texturen - in einigen Fällen frei improvisiert, in anderen vor-komponiert. Was war der persönliche Grund, von straight-ahead-Jazz-Standards zu komplexen, multidimensionalen Stücken zu kommen?

Ellery Eskelin: Das ist natürlich gewachsen, es ist nichts, was Jahre im Voraus geplant worden wäre. Ich bin daran interessiert, einige meiner Jazz-Wurzeln als Spieler anklingen zu lassen. Aber ich bin ebenso daran interessiert, diese Jazzelemente mit anderen musikalischen Formen zu kombinieren.

Für mich ist wichtig, einen musikalischen Ausdruck zu finden, der für mich heutzutage, in dieser Zeit und in dieser Ära, relevant ist. Ich will keine Nachempfindungen eines vergangenen Stils machen.

Mathias Bäumel: Wenn man die neuesten HatOLOGY-CDs mit der Kooperation mit Daniel Humair ("Liberté Surveillée") vergleicht - wohin möchten Sie Ihre Musik entwickeln?

Ellery Eskelin: Das Projekt mit Daniel Humair bot mir Gelegenheit, eine mehr jazzorientierte Musik zu spielen, aber eben mit großartigen Musikern, die sehr offen in ihrem musikalischen Denken sind. Daniel gab mir in seiner Musik ziemlich viele Freiräume, und das war eine sehr angenehme Erfahrung. Meine eigene Musik versuche ich in verschiedene Richtungen voranzutreiben.

Zuletzt habe ich mich mehr mit vollständig improvisierter Musik beschäftigt. Meine letzte CD "Vanishing Point" war komplett improvisiert mit Saxofon, Streichern und Vibrafon. Und meine neue CD mit Andrea Parkins und Jim Black - "12 (+1) Imaginary Views" - erkundet ebenfalls eher offene Formen der Improvisation.

Mathias Bäumel: Welche pädagogischen Ziele sollen mit dem Workshop an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber verfolgt werden und wer wird teilnehmen?

Ellery Eskelin: Ich habe wirklich keine pädagogische Ziele. Mein Ziel ist, mit den teilnehmenden Musikern zu kommunizieren und mit ihnen gemeinsam künstlerische Ergebnisse zu finden, die ihnen persönlich entsprechen. Ich würde sie gern dazu bringen, von ihren eigenen künstlerischen Versuchen zu erzählen, um ihnen dann ein paar Optionen anzubieten, die sie praktisch probieren und durchdenken könnten - vielleicht auf andere Weise als zuvor.

Ich liefere keine Antworten, nur Fragen. Wir führen diesen Workshop an der Dresdner Musikhochschule durch, und wie ich das verstehe, werden viele Studenten teilnehmen. Wer genau, weiß ich noch nicht - es ist ja für mich das erste Mal, daß ich in Dresden einen solchen Workshop leite. Doch ich bin offen für eine ganze Bandbreite an Spielern, für jeden, der daran interessiert ist, improvisierte Musik zu erkunden.

Mathias Bäumel

Ellery Eskelin im Internet: home.earthlink.net/~eskelin/

Über den Autor: Mathias Bäumel ist Chefredakteur des Dresdner Universitätsjournals und stellvertretender Pressesprecher der TU Dresden, nebenher Programmchef des gerade wieder zum Leben erweckten "Jazzclub Neue Tonne Dresden" e. V. und Jazz-Schreiber für verschiedene Zeitungen/Zeitschriften.

Fotos: Website Ellery Eskelin

© jazzdimensions2002
erschienen: 19.5.2002
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