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Addys D´Mercedes - "neue" alte Welt

"Alle meine Lieder erzählen Geschichten ..."

Addys D´Mercedes stammt aus dem sonnigen Kuba, lebt nun aber seit fast einem Jahrzehnt in Deutschland. Im "nördlich-kühlen" Europa, wie sie sich ausdrückt, fühlt sie sich allerdings ganz wohl. In musikalischer Hinsicht pflegt sie heutzutage ihre wiedererwachten kubanischen Wurzeln mit allem zu verbinden, was als Inspiration ihre Wege kreuzt: sei es Pop, Rap oder Jazz.

Addys D´Mercedes

Bei der noch immer anhaltenden Kubawelle liegt sie damit musikalisch voll im Geschmack der Zeit. Aber das sei es nicht, was sie wirklich interessiere - nur wenn ein Trend ihr Spaß macht, betont sie, mischt sie mit. Wenn nicht, hat sie auch so genug zu sagen: Addys D´Mercedes hat sich auf ihrem letzten Album "Mundo Nuevo" - Videoclip und Single-Auskopplung liegen brandaktuell zusätzlich vor - mit ihrer alten und neuen Welt und mit ihren persönlichen Erfahrungen musikalisch auseinandergesetzt.

In einem E-Mail-Interview äußert sie sich ausführlich:

Carina: Kubanische Musik ist ohnehin eine Mischung aus afro-amerikanischen Rhythmen mit französisch-hawaiianischen Einflüssen und vielem mehr. Chachachá und Son sind hier die bekanntesten Ergebnisse. Wie hast du dich in deiner "Kuba-Zeit" musikalisch zurechtgefunden?

Addys: Schon als kleines Mädchen habe ich gerne gesungen, in der Schule war Musik eines meiner Lieblingsfächer. Mit sechzehn habe ich angefangen, professionell Musik zu machen. Ich habe in verschiedenen Gruppen aus Moa, meinem Heimatort, gesungen - auch allein und im Duo, begleitet von einer Gitarre. Vor allem sehr viel Nueva Trova und Boleros.

In meiner Jugend interessierte ich mich weniger für typisch kubanische Musik, die ich ja ständig im Radio gehört habe. Es faszinierten mich amerikanische Popsongs, Musik aus Europa und besonders spanische Musik. Die letze Gruppe, in der ich gesungen habe - bevor ich nach Deutschland kam - hatte ein festes Engagement in einem Tourismuszentrum. Wir haben Pop und kubanische Musik mit vielen anderen Einflüssen für ein internationales Publikum gespielt.


In meiner Jugend interessierte ich mich weniger für
typisch kubanische Musik, die ich ständig im Radio gehört habe!

Carina: Was macht für dich heute kubanische Musik aus, im Vergleich zur Musik anderer Länder?

Addys: Kubanische Musik hat für mich eine besondere Wärme. Instrumente werden akustisch aufgenommen, weniger programmiert. Alles wirkt so sehr lebendig. Die Stärke der Kultur dieser Insel hat anderseits aber den Nachteil, daß sie sich musikalisch oft im Kreis dreht. Musiker anderer Länder sind oft nonkonformistischer, achten nicht so sehr auf kulturelle Konventionen.

Carina: Seit einigen Jahren lebst du nun schon in Deutschland - dein Song "Mundo Nuevo" spielt auf deine Erlebnisse in dieser "neuen Welt" an. Hat in der Fremde deine Heimat eine andere Bedeutung bekommen? Wie sehr fühlst du dich kubanischen Werten und kubanischer Tradition verbunden - spielen sie in deinem Leben eine Rolle?

Addys: Hier in Europa habe ich die Schönheit der kubanischen Musik neu entdeckt! Fasziniert haben mich zum Beispiel die Gesänge und Rhythmen der Santeria, obwohl ich nicht Teil von ihr bin. Die Stärke der Göttin des Wassers und der Fruchtbarkeit - "Yemaya" - inspirierten mich, ein Lied über sie zu singen.

"ChaKaCha" ist ein Beispiel für meine plötzlich aufkommenden Erinnerungen an meine Vergangenheit. In diesem Lied erzähle ich von meinem kleinen Bruder, der mich in unserer Kindheit immer angebettelt hat, ihm ChaChaChá tanzen beizubringen, um die Mädchen zu beeindrucken. Mundo Nuevo erzählt am meisten von mir, meiner Sehnsucht nach meiner tropischen Heimat und meinem Leben hier in Europa.

Addys d´Mercedes

Die Veränderungen - im Vergleich zu meinem Leben in Kuba - werden mir oft im Alltag bewußt: Ich plane meinen Tag und warte nicht immer, was er so bringen könnte. Auch meine Essgewohnheiten haben sich komplett geändert: viele Kubaner können sich gar nicht vorstellen, ohne zwei warme Mahlzeiten täglich - mit viel Fleisch - auszukommen!


Hier in Europa habe ich die Schönheit
der kubanischen Musik neu entdeckt!

Und ich habe in Europa das Bedürfnis vieles zu lernen, wozu ich in Kuba keine Gelegenheit oder Motivation hatte. Ich kenne viele Leute, die, wie ich, das Leben in zwei Welten genießen. Andere dagegen finden sich in Europa nicht zurecht und sehen keinen anderen Weg, als zurückzukehren.

Carina: Welche konkrete Bedeutung hat der Labelwechsel von Warner Brothers zu Sony? Wird bei Sony mehr für die Künstler getan?

Addys: Mundo Nuevo ist auf dem Label Media Luna erschienen, das zunächst bei Warner im Vertrieb war. Media Luna hat die gesamte Promotion und die Tournee koordiniert. Warner kümmerte sich ausschließlich darum, die CD in möglichst vielen Läden zu plazieren. Warner, Media Luna und ich waren sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit - die CD verkauft sich sehr gut -, aber Warner hat sich entschlossen, die komplette Abteilung zu schließen. Deshalb sind wir für Deutschland, Österreich und die Schweiz zu Sony gewechselt.

Ich denke, es kommt in erster Linie darauf an, ob ein Produktmanager von einer CD begeistert ist, und die Zeit und Lust hat, sich für einen einzusetzen. Bisher habe ich in dieser Hinsicht viel Glück gehabt!

Addys D´Mercedes -" Mundo Nuevo"

Carina: Du hast mal gesagt, daß du in Europa das Leben der Vielfalt, das Zusammentreffen verschiedener Kulturen und das Eintauchen darin sehr schön findest. Ist es manchmal auch verwirrend, so vielen unterschiedlichen Eindrücken ausgesetzt zu sein - entsteht dadurch ein "Übermaß an Inspiration"?

Addys: Manchmal geht mir das Leben in Europa etwas zu schnell! Ich treffe immer wieder neue interessante Leute, habe aber manchmal sehr lange keine Zeit, meine engsten Freunde zu treffen. Ich sehe mehrere Länder in einer Woche, habe aber oft keine Zeit, die Leute wirklich kennenzulernen. Nach den Tourneen nehme ich mir einige Tage Zeit mit meiner Familie, suche ein ruhigeres Leben und rette mich so vor einem Zuviel an Einflüssen.

Carina: Tourneen in Amerika, Japan und verschiedenen europäischen Ländern sind in Vorbereitung, deine Musik und du selbst werden in der Presse viel gelobt. Sehnst du dich ständig nach Neuem, oder macht dir das auch manchmal Angst? Kann zuviel Lob ein Problem werden - oder ist dir das gar nicht so wichtig?

Addys: Ich bin kein sehr ängstlicher Mensch. Es macht mich stolz, wenn Menschen meine Musik gefällt und sie berührt - ich hoffe, daß ich dadurch nicht arrogant oder eingebildet wirke! - Der bisherige Erfolg ermöglicht es mir, eher "ich selber" zu bleiben.

Die Musik von Mundo Nuevo - das war "ich zu einer bestimmten Zeit". - Ich habe keine Angst vor den bevorstehenden Tourneen, weil ich den Eindruck habe, daß dem Publikum nichts versprochen wird, was ich nicht bin.

Carina: Du verarbeitest in deinen Liedern persönliche Eindrücke - "Tu Vanidad" ist ein besonders schönes und auch teilweise trauriges Lied, das mir sehr gefällt. Welche Lieder magst du selbst besonders gern - die sehr energiegeladenen oder die ruhigeren? Kannst du dich in die jeweiligen Gefühlslagen "hineinfallen" lassen?

Addys: Alle meine Lieder erzählen Geschichten. Ich denke, daß das Schreiben von Liedern mit dem Leben zu tun hat. Es gibt traurige und glückliche Momente. Ich könnte nicht sagen, daß mir ein Lied besser oder weniger gefällt. Ich singe sie alle gerne!

Carina Prange

Addys d´Mercedes im Internet: www.addys.de

Fotos: Ross Feltus - Cover: Sigi Gwosdz

© jazzdimensions2002
erschienen: 4.2.2002
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