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Marc Ducret - Außergewöhnliche Brillen und ein außergewöhnlicher Sound

Mal steht er, wie jüngst in Berlin, mit blaugefärbten Brillengläsern auf der Bühne des Quasimodo und spielt mit dem "Copenhagen Art Ensemble" Kompositionen von Tim Berne - mal zeigt er sich "more fashionable" mit durchsichtigen Gläsern, aber ausgeprägt die Brauenlinie unterstreichendem Gestell: Der Marc Ducret, dem man gegenüber sitzt, ist ein ansonsten bescheidener Mensch mit ausdrucksstarken Augen, musikalisch hohem Anspruch und menschlicher Wärme. Und, wenn er etwas nicht sein kann, dann ist es das: unehrlich.

Marc Ducret

Ducret, oft als jazzig ausgerichteter Avantgardist gehandelt, sieht sich selbst nicht als Jazzmusiker - "Jazz bedeutet mir überhaupt nichts!" - Er kann aber auch die Bezeichnung "Avantgarde" nicht leiden, und fühlt sich ebensowenig der experimentellen Musik zugehörig. Eines seiner propagierten Ziele ist es, so viele verschiedene Musikstile und Spieltechniken kennenzulernen wie möglich. Offenheit und Flexibilität sind es, die seinen Geist jung halten - aber die Entscheidung, sich gerade durch die Gitarre auszudrücken, hat sich nicht zwangsläufig ergeben - sie kam aus der damaligen Zeit heraus ...


Wenn du in den 60igern ein Musiker sein wolltest,
dann mußtest du eben Gitarrist werden!

Marc: Als ich jung war, hat jeder Gitarre gespielt, der auf einer Platte oder in einer Fernsehshow gesungen hat. Ich habe mich nicht speziell in dieses Instrument verliebt - es hatte zu der Zeit einfach jeder eine Gitarre in der Hand. - Auch heute sehe ich mich nicht als typischen Gitarrenfreak, es ist mir im Grunde egal, welches Instrument ich spiele. Es könnte genausogut ein anderes sein - es würde mir dasselbe bedeuten. - Aber wenn du in den 60igern ein Musiker sein wolltest, dann mußtest du eben Gitarrist werden. Ich wußte damals nicht mal, was ein Altsaxophon ist, geschweige denn, wie es aussieht! Aber eine Gitarre - die konnte man überall hören: von den Beatles bis hin zu Led Zeppelin hatte jeder eine.

Marc Ducret war vor kurzem mit dem "Copenhagen Art Ensemble" auf Tournee - vor einem zusätzlichen Konzert in Berlin mit dem Trompeter Herb Robertson und dessen "New York Connection" schilderte Marc seine aktuellen Projekte, seine Verbindung zum "Copenhagen Art Ensemble" und erklärte seine technische und inhaltliche musikalische Ausrichtung:

Carina: Das Projekt mit dem "Copenhagen Art Ensemble" stellt zeitgenössische Jazz-Bigbandmusik und neue Musik mit den Solisten Tim Berne, Herb Robertson und Tim Berne dem Publikum vor. Die Kompositionen sind alle von Berne. Wann und warum wurdest in dieses Projekt mit eingebunden?

Marc: Sie haben dieses Projekt mit Tims Musik letztes Jahr begonnen. Dann rief Tim mich an, und bestand förmlich darauf, daß ich dabei mitspiele. Höchstwahrscheinlich deshalb, weil ich diese Musik zum größten Teil schon mit ihm zusammen gespielt hatte. Wir arbeiten seit inzwischen zwölf Jahren zusammen. Es machte für mich irgendwie Sinn, daß ich auch mal bei einem großen Projekt mit ausgedehnten Arrangements mitspielen sollte. Und: Es hat wirklich sehr viel Spaß gemacht.

Carina: Wie sehen momentan deine wichtigsten Projekte aus?

Marc: Ich leite zur Zeit mein eigenes Trio - jenes, das kürzlich die CD "L´Ombra Di Verdi" eingespielt hat. Außerdem gebe ich Solokonzerte - tatsächlich sind gerade nächste Woche wieder zwei "Solo-Acoustic"-Konzerte in Paris. Dann gibt es noch einige kleinere Sachen: ein Projekt - ebenfalls nächste Woche in Paris - mit zwei Pianisten, Baßposaune, einem klassischen Sänger und mir.

Marc Ducret - "L´Ombra Di Verdi"

Was wir dann dort aufführen, ist etwas 'ganz anderes' - mit Stücken, Gedichten, Songs und so Sachen. Zusätzlich bin ich in eine ganze Menge anderer Projekte verwickelt - wie z.B. jenes mit Tim. Ich bin wirklich gerade sehr beschäftigt.

Carina: Erzähl mir bitte etwas über die Instrumente, die Du zur Zeit spielst!

Marc: Alle meine elektrischen Gitarren werden handgefertigt von einem jungen französischen Gitarrenbauer namens François Vendramini. Ich spiele eine "normale" und eine bundlose E-Gitarre. Inzwischen sind es bereits ungefähr elf Jahre, daß ich Gitarren ohne Bünde einsetze. Das ist für sich alleine schon ein sehr "eigenes" Instrument - was ich damit sagen will: es besitzt eine spezielle Art, den Sound zu produzieren. Sehr, sehr verschieden von der normalen, bundierten 6-seitigen Gitarre.

Außer diesen zwei spiele ich auch eine Bariton-Gitarre. Für das jetzige Projekt habe ich sie allerdings nicht dabei, aber ich liebe ihren Klang. Davon abgesehen habe ich zusätzlich noch akustische sechs- und zwölf-saitige Gitarren im Gebrauch. Die sind allerdings nicht "custom-made", sondern es handelt sich um normale, gute akustische Instrumente "von der Stange".

Carina: Und wie sieht das mit Effektpedals, Verstärkern und Rackgeräten aus?

Marc: Da halte ich mich ziemlich zurück, sehr "low-tech"! Ich benutze einen "Walter Woods" Verstärker, den ich andauernd mit mir `rumschleppe. Das ist ein sehr, sehr guter Verstärker, weil er leicht und klein ist. Und er klingt außerdem sehr gut. Ansonsten verwende ich alles, was zufällig herumliegt - so wie heute abend auch. Weiter habe ich fast nichts dabei: ein Volumenpedal, ein Delay-Pedal - aber ich benutze sie es sehr diskret, du kannst es kaum hören.

Und ich besitze zwei kleine Verzerrer, die ich gelegentlich einsetze Soundeffekte reizen mich nur insoweit wie sie "humanly" produziert sind: Ich bin viel interessierter an Spieltechniken - "Attack" und "Fingering" und solchen Sachen - ganz anders, aber vielseitiger als ein Pedal zu bedienen oder einen Schalter zu drücken! - Das ist es, was mich wirklich herausfordert. Ich bin nicht sehr bewandert in "Effektologie". Mein Ding ist eher der Versuch, unterschiedliche "physische" Wege zu finden, um unterschiedliche Sounds zu erzielen.

Carina: Was hat sich an deiner Spieltechnik geändert in den letzten Jahren- im Vergleich zu früher?

Marc: Sie ist offener geworden, und dann noch offener - und wird zunehmend weiter offener! Was ich sagen will: ich möchte immer mehr und noch mehr lernen - von Leuten, die Heavy-Metal-Gitarre spielen, genauso wie von denen, die klassisch spielen oder akustischen Folk - oder Viola, Cello und Trompete!


Ich möchte alles, nur nicht auf die ein oder andere Weise eingeschränkt sein - ich möchte vor nichts Angst haben,
wenn ich auf der Bühne bin!

Ich möchte alles versuchen, was ich kann - meine musikalische Basis verbreitern - so weit damit gehen, wie möglich. Unterschiedliche Instrumente und unterschiedliche Stile lernen - falls es sowas wie "Stile" überhaupt gibt. Ich möchte alles, nur nicht auf die ein oder andere Weise eingeschränkt sein - ich möchte vor nichts Angst haben, wenn ich auf der Bühne bin, vor allem vor keiner Art von Sound.

Carina: Und was ist dann der Unterschied für dich zwischen dem Live-Spiel und den Aufnahmen im Studio - hast du unterschiedliche Herangehensweisen?

Marc: Auf der Bühne - live - zu spielen bedeutet, Musik zu machen. Im Studio spielen heißt: "Drowning in a desperate situation!"

Carina: Du hast es schon indirekt gesagt - was ist für dich wichtiger, wenn du auf der Bühne stehst: Fühlen oder Denken?

Marc: Ich denke nicht, wenn ich spiele. Niemals! - denn wenn ich anfangen würde zu denken, müßte ich sofort damit aufhören, Musik zu machen. Ich versuche, alles abzuschalten, was sich im Kopf abspielt.

Carina: Du lebst in Paris - wie würdest du die Musikszene in Frankreich heutzutage beschreiben? Gibt es Alternativen für den Musiker Marc Ducret - wie z.B. New York?

Marc: Ich würde nicht in New York leben wollen - es gibt andere Orte, die ich zum Leben wählen würde - wenn ich nicht eine Familie in Paris hätte. Mein Kind in Paris ist meiner Meinung nach noch zu jung zum Wegziehen. - Aber ich könnte mir vorstellen, mich vielleicht für Berlin, Brüssel oder Rom oder Lissabon zu entscheiden.

Die Musikszene in Paris ist unterkühlt, konservativ und altbacken. Aber das ist in der Theater- und Tanzszene genauso. Wir haben uns inzwischen seit vielen Jahren vom Rest Europas isoliert und: es wird uns heimgezahlt - nun isoliert der Rest von Europa uns. Wir kennen beispielsweise fast keine Musiker aus Belgien, das nur 300 km entfernt liegt, und wo viele Menschen dieselbe Sprache sprechen wie wir. Wir können gerade mal fünf innovative junge Spieler aus der Schweiz vorweisen - dabei haben wir eine gemeinsame Grenze!

Und ich spiele demzufolge die meiste Zeit über in Deutschland oder sonstwo. Gerade ein Drittel meiner Arbeit findet in Frankreich statt - das sagt doch alles. Man ist sehr "zahm" dort, sehr "zuvorkommend" - irgendwie altmodisch. Es ist wohl "kulturell bedingt", glaube ich.

Carina: Wie sieht es mit weiteren Plänen für die Zukunft aus?

Was meine vielen Projekte angeht - zum Glück arbeite ich mit sehr anspruchsvollen Leuten zusammen! Das zwingt mich auf der Suche zu bleiben, und weiter an mir zu arbeiten - und das ist gut. Sogar sehr gut - ich hinterfrage mich fortwährend, und versuche dann noch besser zu werden. Zukunft ist etwas, das so schnell passiert, daß ich keine Zeit habe, mir über deren Planung Gedanken zu machen.

Carina Prange

Marc Ducret im Internet: www.screwgunrecords.com

Fotos: Screwgunrecords

Eine gekürzte Version dieses Interviews erschien bereits in "Gitarre & Bass" (3/2001)

© jazzdimensions2001
erschienen: 9.9.2001
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