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Mark Murphy

Begegnungen der "anderen Art" haben wir alle mal zwischendurch. Daß der Journalist plötzlich zum Objekt des photographischen Interesses von Seiten desjenigen wird, den er eigentlich mit undifferenzierten und differenzierten Fragen zur Preisgabe von Informationen veranlassen will, gibt es nicht so häufig. - So geschehen im A-Trane am 28.5. 99 vor dem Konzert von Mark Murphy:

Mark Murphy

Im Backstagebereich waren beim Eintreffen meiner Wenigkeit die Journalisten vom Jazz-Radio damit beschäftigt, Herrn Murphy im Bild festzuhalten. Nachdem dann ein wenig Smalltalk zwischen allen Beteiligten hin und herging, war dem Star des Abends der Raum spontan zu warm - er verschwand in den vorderen Bereich des A-Trane, stellte sich an den vollen Tresen und veranlaßte die anderen drei, die Verfolgung aufzunehmen.

Nachdem er ein Shooting-Photo von den drei kuriosen Journalisten sein Eigen nennen konnte, gelang es nach mehrmaligem am Ärmel zupfen, Mark zur Rückkehr in die Kabine und somit zum netten Interview zu bewegen - die Tür blieb offen, damit jeder zugucken konnte, der den Weg zur Toilette einschlug. Und ein paar Fragen plus ein paar Antworten gab es dann auch - von Mark Murphy, der seit über 40 Jahren als Sänger, Schauspieler und Performer unterwegs ist und sich noch heute ständig "on the road" befindet:

Carina: Du tourst fast das ganze Jahr über rund um den Erdball - ist das richtig, und was bedeutet das für Dich?

Mark: Es bedeutet, daß ich meinen Lebensunterhalt damit verdienen kann, aber ich habe einen hohen Preis dafür zu zahlen, was meine Knochen betrifft. Und es ist schwer, die Energie am Laufen zu halten. Ich möchte für diese Leute da draußen gut singen, somit muß ich die Jungs den Soundcheck alleine machen lassen. Ich komme später und bekomme so meine Extrastunde Schlaf. Du mußt dich selbst wie ein Baby behandeln. Du darfst nicht nur leiden und ich möchte nicht mehr leiden.

Carina: Was würdest du sagen, war der wichtigste Punkt in deinem Leben?

Mark: Ich habe so viele Leben gelebt, ich würde tatsächlich sagen: welches Leben? Als Sänger sind da viele Punkte, weil ich wie eine Blume gewachsen bin. Zunächst war da die Zeit in den Sechzigern vor den Beatles. Danach mußte ich für neun/zehn Jahre mit meinem Jazz aussetzen... Dann war ich irgendwann zwei Wochen in Australien mit meinen eigenen Leuten unterwegs, zum ersten Mal in meinem Leben zwei Wochen mit einem eigenen Quintett. Von dem Punkt an bin ich langsam zu dem gewachsen, was ich heute als Performer bin. Und mein Singen hat sich immer weiterentwickelt. - Also gab es viele verschiedene Punkte in meinem Leben, ich kann nicht an einen bestimmten denken. Aber diese zum Beispiel waren sehr wichtig für mich als Künstler.

Mark Murphy - "Song for the Geese"

Carina: In dem Booklet deiner letzten CD wird uns gesagt, deine Songs "could remove the listeners from everyday monotony and make them transcend social barriers" - ist das wirklich möglich, und wieviel Einfluß kann Musik auf unser Leben haben - was würdest du sagen?

Mark: Wenn ich für zwei oder drei Wochen oder einen Monat lang keinen Miles Davis hören kann, muß ich irgendwo hingehen, mich einfach hinsetzen und welchen hören... Andersherum: Wenn Menschen zu mir kommen und sagen, daß meine Platten an ihrem Leben beteiligt waren und ihre Hochzeiten und ihr Liebesleben und ihre traurigen Momente begleitet haben - dann berührt mich das.

Carina: Wie würdest du deine eigene Position in der Tradition des Jazz bezeichnen?

Mark MurphyMark: Ich weiß, daß ich einer der primären Jazzsänger meiner Generation bin. Es macht stolz, aber es ist auch eine schreckliche Verantwortung, weil jeder sagt: Hör´ nicht auf, hör´ bloß nicht auf. Ich meine aber: es könnte sein, daß ich aufhören möchte und einfach zu Hause bleiben will.

Carina: Wie wichtig für dich sind die Musiker in deiner Band?

Mark: Ich bin so gut wie meine Musiker sind. Wenn sie schlecht sind, bin ich es auch. - Aber diese Band ist nicht schlecht, sondern gut.

Carina: Was machst du, wenn du nicht Musik machst?

Mark: Ich habe mir gerade vor einem Jahr ein Haus gekauft - ich arbeite daran. Und ich schreibe Songs ... - ich unterrichte und ich lerne, ich habe auch ein wenig über Gartenarbeit gelernt und Vögel und all´ diese Sachen. Es existiert Leben, ein Leben außerhalb der Musik.

Carina: Was stört dich am Verhalten von anderen Menschen?

Mark: Schlechtes Benehmen und Rücksichtslosigkeit. - Es ist eine Zeit, in der Eltern ihre Kinder nicht enttäuschen wollen. Und so bekommt das Kind als Konsequenz alles, was es will. Das ist ein Grund, warum Kinder in der Schule durchdrehen. Spätestens in den High-School-Jahren erleben sie ihre ersten Enttäuschungen. Und sie haben es nicht gelernt, solche Erlebnisse zu akzeptieren. Sie können mit Enttäuschungen nicht umgehen und sie geraten ins Schleudern. Und so entsteht auch viel Gewalt. Man müßte sie ein bißchen mehr lernen lassen, Enttäuschungen zu handhaben. Mein Leben ist ... - da ist immer eine Enttäuschung, die überlebt werden will.

Carina Prange

CD: Mark Murphy - "Song for the Geese"

© jazzdimensions2000
erschienen: 27.1.2000
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