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Steve Coleman - "Die Mystik des Klangs"

"Jung, sportlich und erfolgreich"

Wenn man versuchen würde, einen Leitspruch für Steve Coleman zu finden, wäre es sicher dieser. Auch wenn Steve inzwischen keine zwanzig mehr ist, entspricht er doch diesem Bild: er kleidet sich mit Baseball-Kappe, trägt keinen Bart, dafür ein T-Shirt mit dem Aufdruck: "Ancient ways". Dann wieder - z.B. für das Cover seiner neuesten CD "The Sonic Language of Myth" - mimt er mit Hilfe von Gestik und Kleidung den Guru schlechthin (dann übrigens mit Drei-Tage-Bart!).

Steve Coleman

Was bei Steve Coleman Wahrheit, Image oder Show ist, versuchte Carina Prange bei einem 15-Minuten-Interview herauszufinden.

Carina: Deine erste Band hast du "Five Elements" genannt - der Name stammt von einem Kung Fu-Film. War Five Elements nur ein Name oder hat das für dich eine bestimmte Form von Philosophie ausgedrückt?

Steve: Den Namen habe ich ursprünglich von diesem Kung Fu-Film genommen, aber in dem Film selbst reden sie nicht über Philosophie. - Was dahintersteht, ist so etwas wie eine "Philosophie der Natur", der Schöpfung. Und sie beschäftigt sich mit den Elementen, die das Universum ausmachen: Fünf Elemente, vier Elemente, es ist alles dasselbe. Im Fernen Osten unterscheidet man fünf Elemente, in Ländern wie Ägypten vier. Aber gemeint ist immer dassselbe: Erde, Luft, Wasser und Feuer. In unterschiedlichen Kulturen umfaßt es verschiedene, sehr undefinierbare Dinge. - Also, mein Interesse an den Kung Fu-Filmen war in erster Linie Entertainment, aber auch die Philosophie.

Steve Coleman - "The Sonic Language of Myth"

Carina: Zu derselben Zeit hast du auch mit dem "M-Base-Style" begonnen - wie du sagtest: "A certain balance of structure and improvisation which will express our life and time." Würdest du das heute genauso ausdrücken und ist so eine Balance wirklich möglich? Sind unser Leben und unsere Zeit "balanced"?

Steve: Ich denke, der Fehler liegt darin, daß einige Schreiber denken, M-Base sei ein Musikstil. Aber das ist es nicht, sie haben das mißverstanden. - Es ist mehr so etwas: Ein Weg des Musikmachens aus unserer Lebenserfahrung heraus. - Was tatsächlich nicht neu ist, sondern etwas, das Musiker schon eine lange Zeit über getan haben. Es ist nur so, daß wir heute aussprechen was wir tun, das ist alles. Es ist nichts Geheimnisvolles, und diese Balance ist etwas, nach dem du andauernd suchst. Aber nichts, von dem du sagen kannst: Ah, nun habe ich es. Du versuchst immer, sie zu erreichen - weil sie stets in Veränderung begriffen ist.

Carina: Du bist nun mit deiner Bigband "Council of balance" unterwegs - wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden? Es gab eine CD im Jahre 1997. Was ist anders im Vergleich zu anderen Bigband-Projekten?

Steve: Oh, ich denke von dem Projekt nicht als Bigband, nicht als traditionelle Bigband. Für mich ist es wie eine große Gruppe. Und in der Tat wechselt sogar die Instrumentierung ständig - das ist etwas, das einen Unterschied macht. Das eine Mal verwenden wir Streichinstrumente, dann ziehen wir wieder vor die Rhythmusgruppe zu betonen, manchmal stellen wir alles auf noch andere Art zusammen. Es ist nie die selbe Kombination, aber: immer ist es eine große Gruppe von "Etwas". - Wie war nochmal die erste Frage?

Steve Coleman

Carina: Wie ist die Idee zu dieser Bigband entstanden?

Steve: Damals - bei der ersten professionellen Tour, die ich gemacht habe - hatte ich die Idee dazu, aber nicht die Gelegenheit. Aber die Idee blieb in mir - es hat eine lange Zeit gebraucht, eine Position im Musikbusiness aufzubauen, die mir die Mittel gab, so etwas zu machen. Insbesondere in meiner Form von Musik. Es war etwa so: Nun, ich werd´s tun, wenn ich die Gelegenheit bekomme es zu tun - die Möglichkeit dazu.

Carina: Schicksal, höhere Fügung - ist das für dich wichtig, bzw. glaubst du an so etwas?

Steve: Ich weiß nicht, ob es einen Unterschied macht, ob ich daran glaube oder nicht. Es passiert einfach, Dinge passieren. Du kannst an Schicksal glauben, du kannst an höhere Fügung glauben oder nicht. Und die Dinge passieren fortwährend - ich würde sagen, auf eine Weise glaube ich daran, daß dort Einflüsse im Universum sind, die "es passieren lassen". Und an jedem Punkt hat man die Möglichkeit, eine Entscheidung zu treffen.

Diese Kräfte wirken auf dich, aber... - sie geben dir auch eine Art Wahlmöglichkeit. Wenn du nichts von diesen Einflüssen ahnst, scheint dir alles wie zufällig zu passieren. Wenn du dagegen etwas darüber weißt, dann kannst du tatsächlich eine Entscheidung treffen. So etwa: Ich wähle diese Kraftströmung anstelle einer anderen. Also, es ist tatsächlich immer eine Kombination aus... - hmm... - einige Leute sagen, sie glauben an den freien Willen, andere, sie glauben an das Schicksal - es ist so eine Art Verbindung aus beidem.

Carina: Du hast mal gesagt, daß du Menschen und Musikkritikern zwar antwortest, aber daß du dabei nicht tatsächlich erwartest, daß sie die Art und Weise verstehen, wie du denkst. - Wenn jemand nun wirklich wissen will, was du denkst - was machst du dann?

Steve: Natürlich kann niemand wissen, was ich denke - mag sein, daß ich es manchmal selbst nicht weiß. - Weil es so etwas persönliches ist, wie Symbole in der Musik zu verwenden, es ist wie eine Art symbolischer Sprache. - Und Menschen müssen zuerst etwas tief in ihnen selbst verstehen. Es ist immer eine Kombination von außen und innen. Aber für mich ist die "Message" die ich vermittle dieselbe, die ich von anderen vorher erhalten habe. Und ich trage diese Botschaft nur einfach weiter ...

Carina Prange

Photos: Leigh H Mosley

Mehr bei Jazzdimensions:
Steve Coleman - "Philosophie und Balance" - Interview (erschienen 16.11.2002)
Steve Coleman - "Resistance is futile" - Review (erschienen: 11.4.2002)

© jazzdimensions2000
erschienen: 10.11.1999
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