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Rabih Abou-Khalil
- "Tradition ist ein blöder Begriff"

Höflichkeit ist etwas, dessen Entgegenbringen ihm gegenüber Rabih Abou-Khalil von anderen erwartet. Im Gegenzug auch selbst auch überaus höflich, freundlich und offen gab er sich dann mir gegenüber im Interview, nachdem er im Haus der Kulturen der Welt (Jazz across the border) gerade eine zweistündige Probe - er würde das nicht als Soundcheck bezeichnen - hinter sich hatte.

Abou-Khalil, in München lebend, sich ungewöhnlich viel auf Tourneen befindend - häufig mit einem Buch in der Hand in deren möglichen Pausen anzutreffen (lesen war schon als kleines Kind etwas, das er gerne tat), hatte immer ein gutes Händchen für die Zusammenstellung internationaler Besetzungen. Er steht wie kaum ein anderer für eine Musik, die den Hörer zur Erforschung seiner eigenen Phantasiewelt anregt und ihn nicht nur mitten ins Herz trifft, sondern auch wenigstens die Finger mitbewegen läßt. Den Arabern klingt er nicht arabisch genug, aber er ist auch weder ein richtiger Araber noch ein richtiger Europäer, und seine Kompositionen sind einfach eines: sie sind seine eigenen und damit ein Gemisch aus mindestens zwei kulturellen Welten.

Am Konzertabend des 11.6. fiel dann auf, daß das deutsche Publikum doch leider immer etwas steif ist, und sich so selten zur Musik bewegt wie kaum ein anderes - die Band überzeugte trotzdem auch den letzten Zuschauer von ihrer Stimmungsgeladenheit, und die netten Ansagen von Rabih lockerten die Vorstellung zusätzlich auf. Ein Konzert der Spitzenklasse - wenn man sowohl die Künstler als auch die Zuschauer und -hörer als Musiker zu sehen versteht.

Carina: Was mich als Erstes interessieren würde ist, ob Dein Name eigentlich eine Bedeutung hat - weil das im Arabischen meistens der Fall ist - bei uns dagegen eher selten.

Rabih: Der Vorname, ja, der bedeutet Frühling.

Carina: Waren deine Eltern selbst musikalisch, oder wie war das?

Rabih: Nein, mein Vater war Dichter. Ich glaube, Talente oder das Bedürfnis, sich auszudrücken, das haben Künstler ganz allgemein. Es ist das, was man gemeinhin als Talent bezeichnen würde und gar nicht mal so sehr die Fähigkeit, etwas spielen zu können, sondern eher der Zwang, sich ausdrücken zu müssen. Und das ist mir wahrscheinlich in dieser Richtung mitgegeben worden - auch ein gewisses Mitteilungsbedürfnis.

Carina: Du bist aus dem Libanon nach Deutschland gegangen. Warum gerade Deutschland?

Rabih: Ich bin nach Deutschland gekommen, weil vorher ein Freund von mir hierhergegangen ist. Ich dachte mir, ich gehe irgendwohin, wo jemand schon ist und die Wege abgecheckt hat, so daß ich nicht von Null an beginnen muß. Es war immerhin das erste Mal für mich, daß ich von zuhause weg war - und dann gleich in ein völlig fremdes Land. Ich mußte mich hier erstmal zurechtfinden. Das ist nicht so einfach, wenn man aus dem Orient nach Deutschland kommt. Aber die Wahl war eigentlich eine Wahl, die ich getroffen habe aufgrund der Umstände, gar nicht mal so sehr wegen der Sache selber.

Carina: Du stehst ja dafür - das wird halt immer so schön gesagt - kulturelle Grenzen mit deiner Musik zu überschreiten - was heißt das für dich?

Rabih: Das heißt für mich gar nichts. Ich mein´, das ist nett, wenn man das schreibt, aber ich weiß nicht, ob ich derjenige bin, der das sagen würde. Die Grenzen haben mich von Anfang an gar nicht mal so interessiert - sie zu überschreiten von vorneherein nicht. Ich mache meine Musik - ich komme aus dem Libanon, ich habe meine eigene Sprache. Meine Musik ist aber auch nicht arabisch. War sie auch nie. Die Leute im Libanon sagen, das, was ich mache, sei nicht traditionell genug. Was auch immer das heißen mag - Tradition ist ein blöder Begriff, weil er im Prinzip etwas beschreibt, was sich ständig ändert.

Rabih Abou-Khalil - "Yara"

Das, was man heute als Tradition bezeichnet, war vor hundert Jahren absolut revolutionär - schon allein, wenn man Bach betrachtet oder Beethoven. Und was ist nun traditionell, was ist in der arabischen Musik traditionell? Das, was heute gemacht wird, ist das, was dann morgen zur Tradition werden könnte. Ich glaube, das ist ein falsches Kriterium, das ist eher ein politisches Kriterium als ein musikalisches - oder ein chronistisches. Das sind Chronisten, Historiker, die das benutzen. Die wollen, daß die Welt so bleibt wie früher, damit sie überschaubar ist. Das geht nicht, das wird dann einfach nicht der Fall sein ... - Wir sind abgekommen, was war nochmal die Frage?

Carina: Die Frage war das Überschreiten der kulturellen Grenzen.

Rabih: Da wollte ich sagen, ich mache Musik auch so wie ich bin, wie ich das gehört habe - oder die Musik, die ich gehört habe, die mich bewegt hat - das, was mich sonstwie in meinem Leben bewegt oder beeinflußt; das sind ja nicht nur musikalische Sachen. Musik ist nur die Art und Weise, wie ich das ausdrücke, was sonst Eindruck auf mich gemacht hat. Aber es war nie etwas, was ich groß als Projekt oder als Vision gesehen habe. Ich wollte einfach nur das, was ich schreibe, auch spielen.

Carina: Gibt es für Dich so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Rabih: Ja, sicherlich, irgendetwas, das mit meiner Musik zusammenhängt. Das ist ja nicht nur ein Beruf - auch in meiner Freizeit höre ich Musik. Aber ich glaube schon, daß das Wichtigste für die Menschen oder für mich - ich versuche jetzt nicht, pornographisch zu werden - eine Sinnlichkeitserfahrung ist. Und zwar über die fünf Sinne - ich glaube, daß die Momente des größten Glücks diejenigen sind, in denen man soviel von seinen Sinnen zusammenfügt wie möglich.

Wenn gleichzeitig etwas sich gut anfühlt, gut riecht, sich gut anhört, gut aussieht, das ist einfach diese Mischung. Und die braucht nicht objektiv so zu sein, sondern es reicht, wenn man subjektive Sachen in diese Richtung verwandeln kann. Ich denke, das sind die Momente, wo wir auch wirklich wissen, daß wir am Leben sind - wesentlich mehr als wenn wir andere Sachen tun. Und ich versuche, diese Momente so weit wie möglich auszuweiten ...

Carina Prange

© jazzdimensions2000
erschienen: 7.10.1999
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