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Ferenc Snétberger - "Der die Ruhe liebt"

Über Ferenc Snetbérger könnte man vielerlei Besonderes erzählen: über seine Herkunft, seinen Lebensweg, seine Improvisationsgabe - aber was außerdem erwähnt werden will, ist die ungewöhnliche Verbindung eines authentischen musikalischen Spektrums mit der Ausbildung in klassischer Gitarre und Jazzgitarre.

Ferenc Snetbérger

Ferenc Snetbérger ist Roma, und die "Gypsymusic" ist somit in seinen Wurzeln fest verankert. Wenn ein Musiker die Gnade einer Herkunft aus einem Volk mit einer musikverbundenen Geschichte besitzt, genießt er ein Privileg. Andere müssen sich mühsam mit unterschiedlichen Musikkulturen lernend auseinandersetzen. (Was nicht heißen soll, daß "angelernte" Techniken und Kulturgüter schlechter sein müssen.) Aber Snetbérger verfügt allemal über so etwas wie ein authentisches musikalisches Spektrum, das er geschickt mit anderen Traditionen und Stilen zu verbinden weiß.

Sein klassischer Anschlag kommt daher, daß Snetbérger bereits als Kind klassische Gitarre studiert hat. Er hat aber auch frühzeitig damit angefangen, sich Geld mit dem Gitarrenspiel auf Hochzeiten oder Tanzveranstaltungen zu verdienen - dies natürlich nicht mit klassischer Musik, sondern mit allem, was gefragt war. Und Ferenc hat schon als Kind ständig geübt und somit an der "in die Wiege gelegten" Begabung in ganz jungen Jahren hart gearbeitet: "Ich konnte noch keinen Ton spielen, aber ich habe immer gesagt: Ich bin ein Gitarrist. Und so bin ich einer geworden." Um vom Besonderen zum Normalen zu wechseln: Die Gitarre, die Ferenc benutzt, ist eher "gewöhnlich-normal": "Ich habe eine ganz normale spanische, klassische Gitarre von Tom Launhardt. Er ist der Gitarrenbauer, und ist großartig. Ich bin wirklich sehr froh, ihn getroffen zu haben. Er hat mir zwei Gitarren gebaut - eine akustische und eine elektrische, die genau zu mir und meiner Musik passen."

Nach Berlin kam Ferenc zum ersten Mal 1987 zu Jazz in July - "Ich war damals in Westberlin und fand die Stadt sehr aufregend. Mir gefiel, daß es so viele Menschen unterschiedlicher Nationalitäten gab, die scheinbar ohne Probleme nebeneinander lebten. Vor allem deswegen war es die Stadt Berlin, die wir aussuchten, um Budapest zu verlassen." Seitdem hat Snetbérger sich in die Herzen der Zuhörer gespielt - er, der eher schüchterne Mensch, der die Ruhe liebt, die seiner Musik eine erstaunliche Ausgeglichenheit verleiht: "Ich mag keinen Lärm. Manchmal mag ich die Stadt überhaupt nicht mehr. Wenn ich freie Zeit habe, dann nehme ich mein Fahrrad und fahre raus, immer raus. Zum Wasser und in den Wald ..."

Snetbérger gehört zu denjenigen, die an der Improvisation das größte Interesse haben und die mit der Gabe dazu beschenkt wurden: "Improvisation ist für mich, wie für jeden Jazzmusiker, sehr wichtig. Hier habe ich die Möglichkeit, der Musik meinen eigenen Charakter zu geben, unabhängig davon, ob ich Musik anderer Komponisten spiele oder meine eigene. Dadurch unterscheidet sich jedes meiner Konzerte von dem anderen - auch wenn die gleichen Stücke auf dem Programm stehen, habe ich doch die Freiheit, sie jedesmal anders zu spielen. In der Klassik gibt es diese Freiheit leider nicht, obwohl schon Bach Raum für Improvisation bot. Ich habe z.B. sehr viel über das Improvisieren durch die Musik von Bach gelernt."

Nach vielen unterschiedlichen Stücken und dem Schreiben von Filmmusiken widmet sich Ferenc seiner neuen CD. Ein Teil ist schon aufgenommen und zwar sein Concerto für Gitarre und Orchester. Es wurde gerade in diesen Tagen mit dem Budapester "Franz Liszt"-Kammerorchester eingespielt. Was noch mit auf die CD kommt, werden wird man in Zukunft erfahren. Nach Zeiten des Balkankrieges, im Augenblick des Versuches, einen Frieden in der Region zu erarbeiten, ist das Interesse an Musik aus dieser Gegend sicherlich angestiegen.

Ferenc Snétberger - "Obsession"

Für Menschen wie Ferenc ist es aber außer Frage, daß wir alle, die wir unterschiedlichen Nationalitäten angehören, wunderbar miteinander auskommen könnten. In seiner Band zeigt sich diese Multikulturalität auf exemplarische Weise: "Ich spiele mit verschiedenen Leuten zusammen, Martin Gjakonovski kommt aus einem anderen Land, Elemér Balázs auch - und es macht so viel Spaß, zusammen zu spielen und zusammen zu sein. Wir haben keine Probleme."

Carina Prange

Foto: Jens Rötzsch / Ostkreuz

CD: Ferenc Snétberger - "Obsession"
Enja-Records/TIP - 8888342

http://www.enjarecords.com

© jazzdimensions2000
erschienen: 9.11.1999
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