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Silke Eberhard - "Spielt sich frei"

Zeitgenössischen Jazz hat die junge Berliner Saxophonistin Silke Eberhard auf ihre Fahne geschrieben, tief verwurzelt im musikalischen Geist von Ornette Coleman oder auch Eric Dolphy. Seit einigen Jahren schon führt die, ursprünglich aus dem Süden der Republik kommende, Musikerin ihre eigene Band: das Silke Eberhard Quartett. Ihr neues Projekt trägt nicht mehr ihren Namen. Aber auch wenn ihr die Mitmusiker diese Formulierung eventuell verübeln könnten - "Elevator Music" ist in erster Linie ihre Band.

Silke Eberhard

Silke Eberhard komponiert, organisiert und steht vorne an der Front - eine Frau als Aushängeschild und sicherlich auch Blickfang. Seit Kurzem konzentriert sie sich - was sie als "Luxus" bezeichnet - ganz auf ihre Projekte. Als da wären "Tristano 317", GET und vor allem an erster Stelle "Elevator Music": zeitgenössischer Jazz mit Kompositionen, die viel Raum für freies Spiel lassen.

Carina: Elevator Music - wie seid ihr auf diesen Namen gekommen?

Silke: "Elevator Music" war am Anfang der Name eines Stücks, das ich noch an der Hanns Eisler-Hochschule schrieb und dann mit einem Pianisten gejammt habe. - Beim Spielen ist mir dieses Wort eingefallen, weil das Ganze so "abgefahren" - "elevated" - war. Danach erzählte ich das Tobias Netta, mit dem ich seit vier Jahre musikalisch sehr viel mache. Als wir Mitmusiker für die Band suchten, schlug ich vor, wir könnten ja die Band so nennen.

Das hat mehrere Aspekte: "Elevator Music" bedeutet physische und geistige Erhebung. Es ist - auch im Zusammenhang mit dem Technologieboom heutzutage - zu sehen, daß sich die Menschen mehr mit Produktmusik beschäftigen, daß Jazz mehr zur Hintergrundmusik und Berieselung geworden ist. Wir wollen dagegensetzen, und die Wahrnehmung der Leute wieder schärfen.

Carina: Wie würdest du die jeweilige Rolle deiner Mitmusiker Jan Roder, Tobias Netta und Björn Lücker beschreiben? Wie stark beeinflußt ihr euch musikalisch gegenseitig?

Silke: Ohne meine Musiker wäre ich nichts - das Zusammengehörigkeitsgefühl EINER Band spielt eine große Rolle. Grundsätzlich ist Elevator Music ein demokratisches Projekt, hier kommen sehr unterschiedliche Einflüsse zusammen. Tobias Netta hat zehn Jahre bei Gunter Hampel in der "Galaxie Dream Band" verbracht - völlig freie, expressive Musik. Außerdem hat er mit Cecil Taylor und Anthony Braxton gespielt, bringt eine unglaubliche Erfahrung mit und ist so der Freigeist der Band.

Bei Jan Roder ist das ähnlich, auch er hat viel Erfahrung - ihm liegt die Verbindung aus Komposition und Improvisation sehr. Er spielt ja auch bei der "Ent-Täuschung", spielt mit Schlippenbach und bei "Tristano 317". Björn Lücker ist in beiden Seiten des Jazz zuhause - traditionell und auch frei. Triocolor war ja im Grunde ebenso ein Zwischending. - Bei mir ist das ähnlich, wobei ich, vom Bebop kommend, immer mehr zu freierer Musik tendiere.

Carina: Welche Saxophone - Marken, Arten - spielst du? Dein Spiel in den verschiedenen Projekten, welchen Spieltechniken hast du dich verschrieben?

Silke: Ich spiele ein Altsaxophon aus Paris, ein "Mark 6" mit einer 99000 Seriennummer - davor hatte ich ein ganz altes Selmer, Modell 26. Das Mark 6 hat mehr so diesen warmen, kernigen Klang. Die Klarinette, die ich spiele, ist eine Leblanc- da habe ich mir nie Gedanken gemacht. - Inzwischen habe ich schon meine vierte Baßklarinette - das ist ein Trauerspiel! - jetzt habe ich eine, eigentlich total "fertige", uralte Leblanc - aber laut!

Silke Eberhard

Spieltechnisch kommt es immer auf die Stücke an - wenn es Stücke mit Changes sind, beboporientiert, oder Stücke von Tristano, dann verwende ich eher so ein Mittelding aus Harmonien und Skalen. Ich habe früher Gitarre gespielt, und Akkordbrechungen sind mir näher als lineares Spiel. Wahrscheinlich ist es aber gerade das, was mich an Lennie Tristano reizt - diese unglaublichen Linien! Das Zusammenbringen dieser beiden Aspekte interessiert mich sehr.

Ein anderer Einfluß für mich ist ja Eric Dolphy mit seinen riesigen Intervallen. Man muß sehr vorsichtig sein mit diesem instrumentenspezifischen "technical traps", die sich aus den Möglichkeiten, die man hat, ergeben.

Geht es um "freies" Spiel, dann denke ich gar nicht - wenn, dann eher in Strukturen. Da kommt es darauf an, ob es geräuschhaft oder harmonisch ist, da denke ich entweder in Sounds oder Klangflächen - und vielleicht gar nicht "saxophonmäßig". - Ich beschäftige mich sehr mit diesen neuen Spieltechniken - Multiphonics und Vierteltöne, und große Intervallsprünge, die ich so liebe. Und vertiefe mich auch in die Coltrane´schen Effekte, die "Sheets of Sound".

Carina: An welchen anderen Projekten bist du neben Elevator Music beteiligt? Z.B. Tristano 317 und GET, wie sehen da die Inhalte aus?

Silke: "Tristano 317" mit Aki Takase ist für mich sehr wichtig. Wir spielen inzwischen seit zwei Jahren in verschiedenen Besetzungen zusammen - zuerst gab es das Projekt "April" bei den Berliner Jazztagen. Das hat sich dann aufgelöst, woraufhin wir eine Zeit lang im Duo gespielt haben. Mittlerweile ist daraus "Tristano 317" entstanden - mit Jan Roder am Bass und Michael Griener am Schlagzeug - wir interessieren uns sehr für die Musik von Lennie Tristano und Warne Marsh, und so etwas setzen wir dort um. - Inzwischen gibt es dabei aber auch mehr Kompositionen von Aki Takase - eigene Stücke zu spielen finde ich im Prinzip auch wichtiger als immer diese Retro-Sachen.

Silke Eberhard

GET ist ein Projekt mit Michael Gross (p) und Jacob Thein (dr). Die Musik, die wir spielen ist hauptsächlich frei improvisiert, mit einem Höchstmaß an Energie. Wir arbeiten viel mit Überlagerungen und Klängen, aber auch Geräuschen. Neben den anderen Projekten spiele ich noch im Duo mit Kay Lübke. Wir proben schon seit drei Jahren und jetzt wagen wir langsam den ersten Auftritt (lacht...). Das ist eine sehr spannende Sache - vor allem in der Kombination Schlagzeug und Saxophon, in dieser Kleinstform der Kommunikation ergeben sich unbegrenzte Möglichkeiten.

Carina Prange

Silke Eberhard im Internet: www.silkeeberhard.de.vu

Fotos: Carina Prange

Eine ungekürzte Version dieses Interviews erschien im Jazzpodium 5/2002

© jazzdimensions2002
erschienen: 7.6.2002
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