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Michael Kersting - "Mainstream bis Free"

Der Schlagzeuger Michael Kersting ist einer jener Musiker, deren Referenzliste aus Touren und Aufnahmen mit berühmten und weniger berühmten Künstlern einem extensiven Namedropping gleicht. Als gefragter Sideman - oft auch als Co-Leader oder Producer - ist er an zahlreichen Projekten beteiligt. Und diese bleiben - wohl nicht ohne Grund - über die Jahre in der einen oder anderen Konstellation stets lebendig ...

Michael Kersting

Von den Stars, mit denen er auf Tour war, hat ihn bis heute Jaco Pastorius am meisten beeindruckt:

"Das hat wohl auch damit zu tun, daß ich mit dem die längste Tour gespielt habe. Mit Jaco war ich fast vier Wochen unterwegs und habe in der Zeit auch den 'Menschen Jaco Pastorius' Tag und Nacht miterlebt. Er war damals schon in einer schwierigen Verfassung - aber ich muß sagen, auf der Bühne hat er immer das Beste gegeben. Er hat einfach unglaublich gespielt! - Und es ist natürlich der Traum eines jeden Schlagzeugers, praktisch mit dem 'besten Bassisten der Welt' zu spielen - der übrigens selber auch ganz gut Schlagzeug spielen konnte."


Am allerliebsten allerdings würde ich bei Stevy Wonder spielen -
das ist der Gig, den ich schon immer haben wollte ...

Heute sind es u.a. Kenny Wheeler, Thomas Stabenow, Ed Kröger, Toto Blanke, Karl Berger, Ernie Watts, mit denen Kersting immer wieder zusammentrifft. Wann möglich, tourt er mit ihnen - und sie alle greifen regelmäßig auf ihn als Schlagzeuger zurück. Er spielt eben nicht wie der Klon irgendeiner Drum-Legende - sein Stil ist schwer an nur einem Vorbild festzumachen:

"Meine Kollegen haben mir bescheinigt, daß sich mein Spiel sich über die Jahre ständig verändert hat, daß ich kein 'Lickspieler' bin - und auch kein Einfluß direkt hörbar sei. So kann man nicht sagen, ich klinge wie der oder der. Das hat natürlich unter anderem damit zu tun, daß ich immer so viele verschiedene Arten von Musik gemacht habe - und abdecken konnte. - Ich will nicht in eine so spezielle Schublade gesteckt werden. Ab und zu spiele ich auch noch Rockgigs und harte Gigs, weil ich extrem auf den Soul der Sechziger Jahre stehe - James Brown und so weiter. - Am allerliebsten allerdings würde ich bei Stevy Wonder spielen - Das ist der Gig, den ich schon immer haben wollte ..."

Berlin ist erst seit kurzem die Heimat von Michael Kersting - lange Jahre hat er in Stuttgart gelebt. Zwischendurch war er für zwei Jahre in New York, um bei seiner Rückkehr eine Begeisterung dafür zu entdecken, was mittlererweile in der deutschen Hauptstadt alles an musikalischem Potential vorhanden ist. Hineingeschlittert in die Berliner Kulturlandschaft ist er beinahe durch Zufall:

"Da ich musikalisch auch sehr multikulturell interessiert bin, und Berlin Weltstadt ist - im Gegensatz zu anderen Großstädten wie München oder Hamburg! - hatte ich da schon länger mit geliebäugelt. Ich spielte hier bei dem Musical "Rent" und hatte daher ein halbes Jahr Zeit, in die Berliner Szene einzutauchen - weil ich ja Geld verdiente. Und dann hat es mich hier sehr interessiert, an den verschiedenen Szenen teilzunehmen - neben Jazz zum Beispiel auch Middle-East-Music, afrikanische und türkische Musik. Das Potential an verschiedenen Kulturen ist in Deutschland einfach in Berlin wesentlich größer als in jeder anderen Stadt - und auch bei meinen Projekten ist mir immer eine Mischung aus internationalen und deutschen Musikern wichtig."

Auf eine Richtung im Jazz läßt Kersting sich nicht festlegen - sein heimliches Interesse ist auch im Bereich von Latin und afrikanischer Musik zu orten. Daher bieten sich ihm in Berlin zahlreiche Möglichkeiten, die es in Stuttgart nicht gab - abgesehen davon gilt allerdings:

"Der Konkurrenzkampf ist in Berlin größer - und die Bezahlung für Livegigs schlechter als im reicheren Süden der Republik."

Für Michael Kersting gilt der Satz: 'Zur rechten Zeit am rechten Ort sein'. Von Rothenburg kam er nach Stuttgart - um dann fast über Nacht in der dortigen Jazzszene zu reussieren:

"Damals war Wolfgang Dauner noch in Jazzclubs anwesend. Als ich nach Stuttgart kam, da war ich relativ überrascht - es gab all´ die großen Namen, die im süddeutschen Raum schon bekannt waren. Außer Dauner sind das - neben anderen - der Bernd Konrad, der jetzt an der Musikhochschule in Stuttgart ist und Herbert Joost. Damals - ich war zweiundwanzig oder dreiundzwanzig - war ich der 'Newcomer'. Offensichtlich hatte ich aber irgendwelche Neugierde geweckt, oder genug Engagement oder Talent aufzuweisen, um denen aufzufallen. Das lief dann mit 'word of mouth' - auch nicht anders als heute. Die haben Talent in mir gesehen und mich einfach angerufen. Ich war damals auch sehr präsent, weil ich jede Nacht jammen ging ..."

Das bot Kersting manche Chance - und vor allen Dingen die Möglichkeit, schnell zu lernen, die Flexibilität im Schlagzeugspiel zu üben und sich selbst in jeder Hinsicht auszuprobieren. War dies auch mit einer Menge Glück verbunden, so war Kerstings Weg zum Schlagzeuger anfänglich nicht so leicht, wie das heute bei zahlreichen jungen Künstlern der Fall scheint. Kersting ist Autodidakt im Schlagzeugspiel - und sein Schlüsselerlebnis, das ihn zur Musik führte, kam von der Mattscheibe:

"Es war eine Übertragung der Beatles in der ersten TV-Sendung - in der Abendschau - und zwei Monate später zeigten sie auch die Rolling Stones. So bin ich zur Musik gekommen - da wurde bei mir ein ganz arges Interesse geweckt!"

Zunächst stand also Rockmusik auf dem Programm - später wurde dann die nach und nach seine Jazz-Ausrichtung geprägt.

"Etwa im Jahr 1969 bin ich in die Jazzrichtung abgedriftet - als "Bitches Brew" von Miles rauskam. Die Rockmusiker-Attitude, das ist nicht meine - mir gefällt die Spontanität, die die Jazzmusik birgt! Das entspricht eher meinem Naturell."


Mir gefällt die Spontanität, die die Jazzmusik birgt!
Das entspricht eher meinem Naturell.

Musiker zu sein bedeutet, für Michael Kersting eine Lebenseinstellung, die damit verbunden ist, extreme Freiheiten zu haben, aber auch oft ein entbehrungsreiches Leben zu führen. - Ein eher bescheidener Lebensstandard ist gerade im Jazzbereich normal - und doch sind es eben diese künstlerische, musikalische Freiheit und Offenheit, die das Musikerdasein ausmachen.

Kersting wird phasenweise von seinen verschiedenen Langzeitprojekten, in die er envolviert ist, stark in Anspruch genommen. Aber nie stellt er sich - als Mensch und Musiker - in den Vordergrund, sondern bleibt der verläßliche, in sich ruhende Pol hinter dem Schlagzeug. Aus seinem Können macht er keine Story - und doch: würde man versuchen, aufzulisten, was und mit wem er zu tun, und wo er überall gewesen ist, könnte man einen Roman schreiben. - Kersting sieht sich nicht als Star. Er ist ein Musiker mit positiver Ausstrahlung, der immer den Ausspruch "Alles wird gut!" parat haben wird, und dann betont, daß es auf den "point of view" ankommt. Ein Mensch, der weiß, wo er steht, und wie er sein und arbeiten will - heutzutage etwas Seltenes.

Carina Prange

Michael Kersting im Internet: www.michaelkersting.de

Fotos: M. Kersting / Uli Zeller

© jazzdimensions2001
erschienen: 14.6.2001
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