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Johannes Bockholdt - Zwischen Lehre und Live

"Bogota ist übrigens in Wirklichkeit relativ sicher ..."

Johannes Bockholdt kann als ein "Handlungsreisender in Sachen Musik" bezeichnet werden. In Bogota, Kolumbien hat er mit Unterstützung der dortigen Hochschule einen Jazzstudiengang eingerichtet und ist auch in Berlin in das Unterrichtssystem der UdK fest eingebunden: als Dozent für Ensemble und Schlagzeug. Johannes Bockholdt ist als Organisator vielseitig aktiv - und "versucht, für das zu arbeiten, was ihm Spaß macht ..."

Johannes Bockholdt

Carina: Du hast mit "Out of Print", Celine Rudolph, Henriette Müller, Nicolas Simion gespielt. Gibt es irgendwelche Projekte, bei denen du derzeit aktiv mitmachst? Oder teilst du dich zwischen deiner Lehrtätigkeit in Kolumbien und Berlin auf?

Johannes: Es ist schon so, daß ich aus dem "Tagesgeschäft" hier so ein bißchen raus bin! Das hat auch damit zu tun, daß ich bis zu vier, fünf Monate jeweils in Kolumbien bin. Dadurch habe ich nicht die Zeit, hier ein Projekt großzuziehen.

Was immer weiter läuft, ist mein Projekt mit Out of Print, das gibt es zur Zeit als Trio. Dessen Pianist Volker Kottenhahn war jetzt auch ein Jahr in Kolumbien und wir sind gerade dabei, eine neue Produktion fertigzustellen. - Das andere, was ich jetzt so langsam andenke, ist, kolumbianische Musiker hier rüberzuholen. Das ist so die nächste Idee.

Carina: Ja genau - Kolumbien, wie läuft das da, wie kann man sich das vorstellen? Kann man sich das vorstellen?

Johannes: Man hört ja immer nur Schlechtes aus Kolumbien! Bogota ist übrigens in Wirklichkeit relativ sicher, natürlich mit Abstrichen. - Das Schöne ist, daß es jetzt dort eine Universität gibt mit einem Jazzstudiengang ...

Die dortige Uni hatte mich beauftragt, den Jazzstudiengang zu gründen. Seit Januar 2001 existiert er - jetzt kann man ein Diplom "Maestro de Musica" mit "Spezialisierung Jazz" erlangen. Dafür vermittle ich regelmäßig Künstler aus Berlin dorthin - u.a. waren jetzt drüben Tilmann Dehnhard - das war der erste -, Volker Kottenhahn, Peter Sebastian. Und Claas Willeke war auch mal drüben - allerdings nur für einen Workshop. Momentan sind Tilman Person und Annette Wizisla dort. Die Tätigkeit ist verhältnismäßig gut bezahlt.

Der Level, der da herrscht, entspricht so etwa hier den Liftbands, das ist in etwa vergleichbar. Wobei es einige Musiker gibt, die wirklich herausragend sind - aber: es ist eine sehr kleine Szene.
[Anm.: Die Liftbands sind ein Angebot für jazzinteressierte Studenten der UdK, die dort auch ihre Ensembleprüfungen ablegen können. Die Veranstaltungen sollen dazu dienen, Grundlagen im Jazzcombospiel zu vermitteln. mehr: www.hdk-berlin.de/]

Johannes Bockholdt

Carina: Was hat dich denn von Bonn nach Berlin verschlagen? Es gibt ja immer solche und solche Gründe, die dazu führen, daß Veränderungen im Lebenslauf auftauchen ...

Johannes: Ich hatte über Umwege - von Peter Materna, einem Freund von mir, ein Saxofonist aus Bonn - erfahren, daß es hier so einen Workshop gab. Und daß hier eine Jazzabteilung eröffnet werden sollte - das ging damals noch nicht so richtig durch die Presse.

Ich habe mich dann hier beworben und war einer der wenigen Leute, die von außerhalb überhaupt ´reingekommen sind. Ich hatte also ein bißchen Glück - das war kurz vor der Wende und das hat sich insgesamt für mein berufliches Leben als ausgesprochener Glücksfall erwiesen.

Carina: Was sagst du - du bekommst ja doch eine ganze Menge mit. Wie sieht die derzeitigen Lage in Berlin aus, was Kultur betrifft. Daß es im Moment ziemlich frustrierend hier ist, wissen wir alle - ob nun Jazz across the border - es kippt ja ein Festival nach dem anderen; also eigentlich hat alles, was in Richtung Low Budget-Projekten da ist, nicht lange Bestand. Wie sieht die Lage deiner Meinung nach aus?

Johannes: Tatsache ist: ja, der Jazzetat - der vor der Mauer da war -, ist runtergefahren worden, dann kam noch der Osten Berlins dazu. Es hat eine extreme Reduzierung stattgefunden. - Ich meine, ich habe bis jetzt immer mit dem Senat sehr gute Erfahrungen gemacht - was vielleicht auch mit der Qualität der Projekte zusammenhängt.

Es ist natürlich sehr schade, daß es so ein Festival wie Jazz across the border trifft, wo man auch mal was Ungewöhnliches machen konnte. - Ich sage jetzt mal: "Idee Kolumbien" - ich stand mit Günter Huesmann in Kontakt, jemanden von da ´rüberzubringen. Sowas fällt jetzt erstmal flach.

Und was mich eigentlich grundsätzlich ärgert: ich bin einer der wenigen "Jazzschlagzeuger", die noch einen Festvertrag haben. Die meisten sind jetzt völlig "auf den freien Markt" geschmissen worden. Ich fürchte, daß es grundsätzlich für Jazzmusiker schwierig wird. Auf der anderen Seite findet so ein Prozeß der Selektion statt.

Was ich allerdings auch bemerke, ist, daß das Ausbildungsniveau an den Musikschulen steigt. Wir erfahren bei den Aufnahmeprüfungen an der HDK, wo die einzelnen Leute herkommen. Es gibt ja Abteilungen, die in Charlottenburg geführt werden oder beispielsweise in Kreuzberg: da unterrichten auch viele Leute, die hier aus dem Studiengang kommen. Und tendenziell sind Leute von dort besser vorbereitet - das ist einfach so!

Auf alle Fälle ist an den Musikschulen auch noch eine Menge Bedarf an besser qualifizierten Lehrern. Ich denke, da ist eine Chance, wo sich Leute angliedern können.

Carina: Und im Vergleich zum Rest von Deutschland? Man sagt ja immer, Bayern ist relativ reich. Kann man sagen, Berlin hängt bald ziemlich "hinten an" - oder wie würdest du das sehen?

Johannes: Ich bin der Meinung, daß Berlin eine der offensten Szenen ist - wenn ich das vergleiche mit dem, was man aus Paris oder aus England hört. Hier kann ja jeder hinkommen - Musiker können hier auch gut leben. Das gilt selbst für Studenten, daß die hier relativ schnell was machen können.

Man lebt auch - im Verhältnis zu London oder New York - wesentlich billiger hier, das ist schon eine interessante Möglichkeit. München beispielsweise ist ja für meinen Eindruck viel geschlossener und auch viel teurer. Ich denke schon, daß die Situation in Berlin weiterhin grundsätzlich Musiker anziehen wird.


Durch die Mauerzeiten gibt es viel zu viele Leute,
die noch völlig auf Berlin konzentriert sind!

Aber wir werden irgendwann so eine Situation bekommen wie in New York, daß man eigentlich in Berlin nicht spielt, sondern von hier aus immer nur auf Tour geht. Da ist noch so ein Nachholbedarf bei Berliner Musikern darin, einfach zu sehen: "Wo gibt es was anderes, wo anders kann man noch spielen, welches Umfeld gibt es noch, was kann man da machen ..." - Durch die Mauerzeiten gibt es viel zu viele Leute, die noch völlig auf Berlin konzentriert sind.

Carina: Wie ist denn das im Verhältnis zur Hanns Eisler Hochschule - ist der Wettbewerb förderlich oder gibt es da auch Schwierigkeiten? Das Geld für die Hochschulen wird ja vom Senat auch aufgeteilt ...

Johannes: Es gab mal diese Überlegung der Zusammenlegung. Tatsache ist ja, das die HdK mit ihrer Musikabteilung die zweitgrößte Musikhochschule ist. Es wäre tendenziell logischer, wenn die HdK die "Eissler" schlucken würde - alleine von der Größe her. Ich persönlich bin der Ansicht, daß Konkurrenz das Geschäft belebt. Ich mache auch Studienberatung - da sage ich den Leuten immer, "Guckt euch die Hanns Eisler an!"

Folgendes sollte man dabei in Betracht ziehen: wenn man hier an der HdK studiert, wird man Lehrer - es ist so, daß die Leute hier auch Pädagogik studieren müssen. Auf der anderen Seite hindert Leute, die an Musikschulen unterrichten, natürlich nichts daran, zusätzlich auch interessante Musik zu machen. Die Hanns Eisler bildet dagegen "praxisbezogen für das musikalische Tagesgeschäft" aus - die Absolventen sollen notenfest sein, und sich in verschiedenen Musikrichtungen von Jazz, Big Band bis Musical professionell einfügen können. Da müssen die Studenten sich entscheiden, was sie machen wollen. Ich finde, man sollte sich beides angucken.

Carina: Du hattest auch schon gesagt, eigene Projekte, da kommst du kaum zu ...

Johannes: Ich will jetzt schon wieder verstärkt etwas in Richtung eigene Projekte unternehmen. Ich bin jetzt in Kolumbien an eine Musik geraten, die - jedenfalls für mich - relativ neu ist. Ich sage jetzt auch mal ganz ehrlich: die Musikindustrie sucht ja immer wieder nach neuen Musikrichtungen - Kuba ist demnächst "durch", Brasilien kennt man, Tango kennt man ...

Iin Kolumbien gibt es eine ganz interessante Musik - ich meine speziell die an der Atlantikküste - die nennt sich "Cumbia". Da habe ich Kontakte aufgebaut, es gibt auch Leute, die schon Platten gemacht haben. Sowas würde mich interessieren, nach Deutschland zu bringen. Das ist meine Idee - das müßte ich einfach mal organisieren. Das dauert seine Zeit, denn wenn ich sowas mache, dann soll das nicht mit der "heißen Nadel gestrickt" sein, sondern ich will dafür ein richtiges Konzept entwickeln.

Volker Kottenhahn war, wie schon gesagt, jetzt ebenfalls ein Jahr drüben und hat Klassen in kolumbianischer Musik genommen. Wir wollen das jetzt zusammen umsetzen.

Carina: Mal was ganz anderes: welches Schlagzeug, welche Marke spielst du eigentlich? Ich habe dich ja noch nie spielen sehen ...

Johannes: Ich besitze, glaube ich, acht Schlagzeuge. Wir hatten letztens hier einen Workshop mit Joey Baron, der sagte - was ich total interessant fand - für ihn wäre es total langweilig, in Schlagzeugläden reinzugehen. Meine Erfahrung ist: man muß halt mit dem Musik machen, was man vorfindet - das macht mir am meisten Spaß. Ich war ja ´95 unheimlich viel auf Tour - in Indien und in Afrika. Ab 1996 kam mein Kontakt nach Lateinamerika und da habe ich immer auf allem gespielt, was da eben ´rumstand.

Johannes Bockholt am Klavier

Das Lustigste, was Schlagzeuge angeht - in Kolumbien steht ein altes Trixon-Schlagzeug von mir, ein deutsches Fabrikat, darauf spiele ich jetzt - und das macht mir unheimlich viel Spaß, es ist momentan das meistgespielteste Schlagzeug von mir. (lacht)

Carina: Wie sehr fühlst du dich denn jetzt selber als Musiker, weil du ja auch sehr viel pädagogische Arbeit machst? Und was bedeutet es für dich, ein Musiker zu sein?

Johannes: Ich habe einen Traum. Mein Traum ist es, irgendwann mal so lange auf Tour zu sein, bis ich nicht mehr kann - bis mich das langweilt! Ich bin diesem Traum mal ein bißchen nahe gekommen - das war eben ´95 - da war ich fast zwei Monate lang auf Tour.

Das war erstmal eine Tour in Indien und dann kam noch eine Ostafrikatour mit Out of Print. Und da kam ich irgendwann am letzten Tag in so einem Hotel in Madagaskar an den Punkt, wo ich das Gefühl hatte: "Johannes, du mußt nach Hause, du schwebst ein bißchen über den Wolken!" - Und das würde ich halt gerne wieder erreichen. Aber momentan ist es nicht zu realisieren, man muß erstmal ein sehr gutes Projekt haben.

Und wenn man so - in Anführungszeichen - "kreative Musik" macht, ist es immer ganz schwierig, damit auf Tour zu gehen. Und die institutionelle Förderung, auch durch das Goethe-Institut oder das Auswärtige Amt nimmt ja auch rapide ab. - Wenn ich jetzt die Szene im allgemeinen betrachte - David Friedman und Peter Weniger haben ihr neues Projekt und kriegen zwar Gigs, aber es ist selbst bei ihnen nicht so, daß sich das sonderlich verkauft. Das ist bedauerlich.

Carina Prange

Fotos: Carina Prange

© jazzdimensions2002
erschienen: 24.4.2002
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