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Jocelyn B. Smith - "Der Song jeden Morgen"

"Den Song, den ich am Meisten liebe, ist der, den jeder unbewußt singt – das ist der Song jeden Morgen, wenn du die Augen öffnest und du deinen ersten Atemzug am Morgen tust. Ich habe gelernt, dafür dankbar zu sein, weil ich oft denke, vergessen zu haben, daß ich nicht meinen eigenen Sauerstoff produziere und daß ich nicht den nächsten Morgen machen kann, an dem ich aufstehe und hallo sage – und dieses Lied mag ich und bin dankbar dafür."

Jocelyn B. SmithEs gibt wohl kaum eine Frau, die so viel Gefühl, so viel Musik und soviel Lebendigkeit ist wie die Urheberin dieser Sätze: Jocelyn B. Smith – und die ihre Empfindungen so sehr in ihren Liedern und mit ihrer Stimme zum Ausdruck bringt, ohne dabei jemals schwülstig und übertrieben zu klingen. Sie ist einfach sie selbst. Und da war es auch nichts Dramatisches, vor zwei Jahren im 9. Monat schwanger auf der Bühne des Quasimodo zu stehen und sich dadurch nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen zu lassen – aber dieser Club ist ja inzwischen für sie auch so etwas wie "meine Wohnung".

Aufgewachsen ist Jocelyn in New York, nun lebt sie seit 14 Jahren in Berlin, wo sie nach einer Tournee mit den Platters hängengeblieben ist. Die Idee, nach Amerika zurückzugehen, hat sie zerschlagen, denn "seitdem ich gegangen bin, hat sich dort vieles verändert. Ich denke, ich bin inzwischen mehr zu einer Europäerin geworden als ich eine Amerikanerin bin – eine Menge ist anders. Ich würde wie ein Tourist sein, wenn ich nach Hause ginge."

"Wie würdest du Gott erklären?"- mit diesen Worten leitet Jocelyn eine Beschreibung ihrer Musik ein und von ihm bezieht sie auch ihre direkte Inspiration – "Meine Musik ist alles und nichts. Nicht Fisch, nicht Fleisch, sie ist Liebe und Hass, sie ist wie alle Dualitäten, alle Polaritäten, ich kann es nicht erklären – sie ist Leben!"

Es gab Zeiten, da hat Jocelyn in ihren Konzerten die Zuschauer immer wieder zum Mitmachen aufgefordert, die Energie, die sie versprüht hat, sozusagen im ganzen Raum ausgestreut, durch das Publikum reflektieren lassen und eine Atmosphäre von positive Vibration erzeugt. Heute – und bei den Gershwin & Weill-Songs wird das besonders deutlich, setzt sie auf eine andere Strategie, die offensichtlich auch das deutsche, nicht so zu Emotionen animierbare Publikum besser anspricht: "Ich lasse mich selbst einfach körperlich dort und alles, was ich bin, wird transportiert durch die Musik. Die Leute fühlen es automatisch, weil du, immer dann, wenn du eine Person siehst, durch deine Sinne fühlst wie sie ist – diese Natürlichkeit, dieser Respekt, diese Würde, diese Souveränität, eine peacefullness mit mir selbst, die Macke – da ist alles drin, du fühlst das. Also gebrauche ich weniger Worte, ich singe einfach – es kommt einfach raus."

Die Entscheidung, welche Lieder sie singt, überläßt sie weder dem Zufall noch irgendwelchen schlauen Marktstrategen: "Was ich herausgefunden habe, was für mich wirklich wichtig ist – ich muß drums, percussion und bass haben. Und ich muß das in meinem Bauch fühlen, es muß in meinem Bauch grooven. Das ist es, was mich einen bestimmten Song auswählen läßt – wenn ich diesen Groove da drin fühle."

CD 'Blue Nights and Nylons'Das Musikbusiness ist hart und bei vielen bleibt dabei mehr als nur ein bißchen Gefühl auf der Strecke – für Jocelyn ist es daher wichtig, "wahrhaftig zu bleiben, selbst mit all' dem Business". Für das Überleben in der Musikszene ist daher ihrer Meinung "a sense of humour and a good bag of nerves" das Entscheidende.

Hoch- und Tiefpunkte gibt es im Privatleben und die ganze Komplexität dieser Ups and Downs macht vor dem Musikerleben nicht halt. Wenige Menschen können das so treffend und gleichzeitig so persönlich beschreiben, wie Jocelyn: "Es ist wie das Leben, manchmal möchtest du aus dem Leben ausbrechen, weil es wirklich konfrontierend ist – es tut weh, es ist schmerzhaft, aber es ist die absolute Wachstumserfahrung und wachsen tut weh. Ausdehnung tut weh, größer werden, Lernen, Reifheit, es tut weh. Da gibt es Momente, an denen es einfach ist wie: Ich bin müde... – Und dann kommst du zurück und bist fertig für die nächste Runde."

Eine Frau, die immer wieder ihre Frau in unserer Gesellschaft stehen muß, ist unweigerlich eine Bewunderin starker Persönlichkeiten, die ebenfalls Frauen sind: "Das weibliche Prinzip ist sehr stark in Deutschland und ich habe hier eine Menge Veränderungen gesehen. Wir haben die Trümmerfrau – hier ist eine Menge starker Frauenenergie am Arbeiten in Berlin und in Deutschland. Ich bin sehr dankbar dafür."

Wenn man Jocelyn singen hört, kann man sich mit dieser Stimme Davontreiben lassen, wie ein Wal tauchen oder auch mal über die Wasseroberfläche springen, aber bei all' diesem momentanen Glück sollte man auch im Alltag nicht vergessen, zu leben, denn der beste Ratschlag für das Leben ist vielleicht wirklich Jocelyns:"You just live – that´s all – and love. And don´t forget to eat – if you can."

Carina Prange

© jazzdimensions2000
erschienen: 7.10.1999
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