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Henriette Müller - "die Weite des Klangs"

Ursächlich für Henriette Müllers im Laufe der Jahre herausgebildetes musikalisches Grenzgängertum ist die Tatsache, daß die Saxophonistin ein eher ungewöhnliches Leben geführt hat und noch führt - ursprünglich ausgebildete Ärztin, ist sie heute Musikerin mit Studienabschluß in New York. Gewohnt, den Dingen auf den Grund zu gehen, hat sie sich das Saxophon in klassischer Technik erarbeitet, auch vom Ton her: ein gerader, klarer Tonansatz, kaum Vibrato.

Henriette MüllerHenriette Müller (Foto: Katja Bilo)

Henriette Müller wird nachgesagt, den "Spagat zwischen Jazz, Weltmusik und klassischer Musik" musikalisch glänzend zu meistern. Bezogen auf ihr neues Album "Silberne Lachtränen" - müßte man abwandelnd sagen: zwischen Jazz, Klassik und Neuer Musik ...

Carina: Du bist Saxophonistin und Komponistin (auch speziell für klassische Musik) - siehst du dich mehr als Komponistin oder als Live-Spielerin? Welche Rolle entspricht mehr deiner Natur?

Henriette: Ich sehe mich vor allem als Komponistin, wobei ich auch sehr gerne live spiele, denn es ist schon eine sehr logische Kombination, auch die eigenen Stücke zu spielen. Aber ich freue mich auch sehr, wenn ich andere Leute meine Stücke spielen sehe - und von daher: wenn ich eine Präferenz setzen müßte, bin ich an erster Stelle Komponistin.

Carina: Dein aktuelles Album "Silberne Lachtränen" - wie hat es sich hin zu dieser Platte entwickelt? Wie ist die Zusammenarbeit mit Johannes Bockholt (dr) und Simon Pauli (b) entstanden?

Die Musik ist in den letzten Jahren langsam gewachsen. - Wenn ich das mit anderen vergleiche, die meinetwegen jedes Jahr eine CD produzieren; bei mir war das bisher nie so. Die Musik ist einfach wirklich langsam gereift - damit hängt sicherlich zusammen, daß sie nicht mehr als "Pickup-Band" gespielt werden kann, sie muß wirklich geprobt werden.

Ich habe auch lange gesucht, bis ich diese beiden geeigneten Musiker gefunden habe. Im Laufe der Jahre wächst das dann zusammen: Gerade mit Simon bin ich ja ganz viel im Duo unterwegs - das Duo ist einfach eine Einheit an sich. - Im Moment sind Simon Pauli und Johannes Bockholt und ich musikalische Partner.

Silberne LachtränenHenriette Müller -"Silberne Lachtränen"

Carina: "Silberne Lachtränen" stammt aus einem Gedicht von May Ayim, von der auch der Text zu deiner Komposition "Im Antlitz des Todes" (Music for Choires) stammt. Wie ist in der Richtung eine Zusammenarbeit entstanden und was verbindet dich persönlich mit dem Text "Aufbruch"?

Henriette: Die Zusammenarbeit kam über Dagmar Schulz zustande, die lange den Orlanda Frauenverlag leitete und mich vor ein paar Jahren auf May Ayim brachte - als ich mit ihr wegen eines anderen Gedichtes, das ich vertont habe, in Verbindung trat. Und dieses Gedicht "Aufbruch" ist ja sehr kurz:

"Die Sterne in meiner Nacht sind
Silberne Lachtränen - zu allem bereit."

Diese zwei Worte "Silberne Lachtränen" hatten es mir von Anfang an angetan. - Uraufgeführt wurde das Stück in einer leicht veränderten Form bei einer Erinnerungsfeier von May Ayim, die ja sehr früh gestorben ist.

Henriette MüllerHenriette Müller (Foto: Katja Bilo)

Carina: Wie kam es zu der Aufnahme des Textes "Illusion" zu dem gleichnamigen Stück ins Booklet - tatsächlich gesungen wird er ja nicht.

Henriette: Ich denke, irgendwann kommt vielleicht auch mal eine CD, wo Texte gesungen werden. Es existieren noch mehr Texte zu Stücken und ich dachte, wenn ich einen Text schon nicht singe, drucke ich ihn wenigstens ab. Den Text empfinde ich schon auf eine Art als programmatisch für den Inhalt der Musik - zumindest drückt er etwas aus, was mir wichtig ist.

Carina: Die Wahl des Saxophons fällt in erster Linie auf das Sopransax, in zweiter auf das Tenor - warum?

Henriette: Das hat sich auch im Laufe der Jahre entwickelt. Ich spiele immer noch gerne Tenor, aber das Sopran hat sich zumindest jetzt in dieser Besetzung, in der Trio- und auch in der Duobesetzung, einfach bewährt. Das hat sicher auch was mit den Frequenzen zu tun - das Sopran mischt sich sehr gut mit dem Bass und kommt den Baßfrequenzen nicht in die Quere, was beim Tenorsax schon eher ein Problem ist. Und es war von vornherein ein für mich sehr "natürliches" Instrument, ich mußte da nie um den Ton kämpfen. - Mein Sopransaxophon ist ein ganz besonderes; ein altes Selmer aus den sechziger Jahren, ein silbernes.

Henriette MüllerHenriette Müller (Foto: Katja Bilo)

Carina: Du warst jetzt sehr erfolgreich auf Tour - aber im Duo. Es gibt auch so etwas wie ein Duokonzept - ist die Ursache dafür, daß Johannes Bockholt nicht stets verfügbar ist - oder war eine Duotournee eine davon unabhängige Idee von dir?

Henriette: Klar ist auch eine Idee dahinter! Natürlich macht es uns auch beweglicher, wenn wir nur zu zweit unterwegs sind - wir brauchen nur ein Auto und so weiter. Aber: dieses "ganz Intime" des Duos, gerade ohne Perkussion, hat sich auf dieser Tournee einfach wirklich bewährt. Wir haben sehr viel in Kirchen gespielt - und es hat sich bestätigt, daß da in der Besetzung nichts fehlt: zumindest nicht in der Weise, wie wir die Stücke dann zu zweit spielen. Simon ist fast "mehr als nur ein Bassist", er macht ganz dezent einiges mit Sounds, mit Echos, mit Pedalen - auch mit Akkorden; er spielt ja teilweise sozusagen fast Gitarre.

In den ganzen Kritiken, die wir jetzt auf unserer letzten Tournee eingeheimst haben, war einhelliges Urteil, daß es ein unerwartetes, aber vollständiges Konzept ist. Wobei das nicht heißt, daß wir nicht gerne immer wieder auch mit Johannes spielen. Aber das ist halt ein bißchen was anderes ...

Carina Prange

In ungekürzter Version wurde dieses Interview im Jazz Podium 10/ 2002 erstveröffentlicht.

Henriette Müller im Internet: www.henriettemueller.de

Aktuelle CD: Henriette Müller -"Silberne Lachtränen" (Sunny Moon 4030746209012)

Fotos: Katja Bilo

mehr bei Jazzdimensions:
Johannes Bockholdt - "Zwischen Lehre und Live" - Interview (erschienen: 24.4.2002)

© jazzdimensions2002
erschienen: 4.10.2002
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