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Frank Möbus - "Voll im grünen Bereich!"

Gitarrist Frank Möbus, der 1992 in seiner Heimatstadt Nürnberg mit Rudi Mahall die Band "Der Rote Bereich" gründete, ist seit damals - inzwischen mit dem Drummer John Schröder - ziemlich weit gekommen. Längst schon nicht mehr "nur" eine Berliner Szeneband, feiert der "Rote Bereich" national und auch darüber hinaus Erfolge. Interviews mit Frank Möbus finden sich in allen führenden deutschen Jazzblättern - und auf Festivals und Tourneen sind die Konzerte der Gruppe immer gut besucht. Sie befinden sich sozusagen endlich im "grünen Bereich" - die Frucht jahrelanger mühevoller Arbeit.

Frank Möbus (Foto: Tim Spott)

Desweiteren ist Frank Möbus als Sideman bei so manchem außergewöhnlichen Projekt zu hören - wie jüngst bei der Aufführung von Oli Botts Auftragskomposition für das "Haus der Kulturen der Welt" zum Thema "Africa - the short century" bei "Jazz across the border". Nicht zu vergessen: das Projekt "Azul" des Bassisten Carlos Bica - eine Triobesetzung in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Drummer Jim Black. - Möbus Musik wird dem Modern Jazz zugerechnet, ist schräg, unberechenbar - und birgt doch humorige Momente in sich. Der Mensch Frank Möbus neigt dagegen eher zum Understatement ...

Carina: "Der Rote Bereich" - inwieweit reflektiert die Musik eure Gefühle, Gedanken? - Anders gesagt: wieviel hat die Musik mit euch als Individuen zu tun?

Frank: Ich kann natürlich immer nur für mich persönlich sprechen! - Die Musik hat auf jeden Fall, in der Ausübung, sehr viel mit dem Reflektieren des Gefühls des Augenblicks zu tun - teilweise gilt das auch beim Komponieren. Alles ist auf jeden Fall relativ spontan ... - Es kann an einem Abend so sein, und am anderen wieder komplett anders. Auch wenn ein Stück vielleicht den Eindruck erweckt, vom Ausdruck eher auf eine bestimmte Richtung festgelegt zu sein, kann man das durchaus brechen!

Carina: Welche Rolle spielt der Humor in deiner Musik und vielleicht auch in deinem Leben?

Frank: Also, bis vor kurzem bin ich sowas noch nicht so oft gefragt worden! - Irgendwie hat das scheinbar mit dieser neuen Platte angefangen, ich weiß gar nicht, warum - daß man das Wort "Humor" immer mit uns in Verbindung bringt. Ich persönlich habe natürlich nichts gegen Humor. Es ist aber nicht so, daß diese Band jetzt mit diesem Ziel gegründet wurde! Wir haben also nicht etwa beschlossen: "Wir machen mal eine lustige Band!" - oder so. Insofern halte ich dieses Wort für fast schon überstrapaziert.

Carina: Berlin als Metropole - welchen Einfluß hat die Stadt auf deine Musik? - Wie würdest du Berlin im europäischen Geflecht einordnen? Wo steht Berlin deiner Meinung nach im Vergleich zu New York und anderen europäischen Städten?

Frank: Ich kenne ja nicht sooo viele Städte ... - New York ein bißchen! Aber zum Beispiel über London und Paris weiß ich so wenig, als daß ich wirklich sagen könnte, wo da Berlin im Verhältnis steht. Von meiner Erfahrung her möchte ich auf jeden Fall anmerken, daß man - was das Musikalische anbetrifft - doch merkt, daß sich in Berlin Teile der Musikszene schon in eine relativ fortschrittliche, sprich "frisch klingende" Richtung bewegen.


Wahrscheinlich werden in Berlin - verglichen mit anderen
deutschen Städten - die Hauptimpulse gesetzt!

Das merkt man dann, wenn man in Städte wie München kommt, wo immer noch das gleiche passiert, wie vor zehn oder fünfzehn Jahren. Da ändern sich die Dinge nicht so schnell wie hier ... - was vielleicht auch etwas damit zu tun hat, daß sich in Berlin alles in allen Bereichen sehr schnell geändert hat - vielleicht stagniert es dann irgendwann wieder!

Jetzt ist hier eben die "Hauptstadt" - und dementsprechend die meisten Leute. Und wahrscheinlich werden hier auch - verglichen mit anderen deutschen Städten - die Hauptimpulse gesetzt. - Im Verhältnis zu anderen europäischen Städten hat Berlin durch seine Größe einfach einen ganz schönen Pool von Musikern - wahrscheinlich ähnlich viele wie London oder Paris - aber jene Städte kenne ich, wie gesagt, nicht so genau. Ich höre zwar viel durch Leute, die da wohnen, aber was man erzählt bekommt, ist ja häufig auch ein bißchen subjektiv gefärbt ...

Frank Möbus (Foto: Andrée Möhling)

Carina: Du bewegst dich ja in Berlin auch in einer bestimmten "Szene innerhalb der Berliner Jazzszene" - wie würdest du denn deren Strukturen beschreiben? Ist der Zerfall in Szenen deiner Meinung nach eher eine positive oder negative Entwicklung?

Frank: Ich finde das sogar sehr gut, daß es sowas wie den "Zerfall in Szenen" gibt. In anderen Städten, wo eine Band quasi die gesamte "Jazzszene" darstellt, gäbe es dann nur den "Zerfall einer Band". Wenn - weil so viele Musiker da sind! - die Möglichkeit besteht, daß Leute sich bewußt oder unbewußt von Anderen trennen oder "absetzen" können - oder zumindest nicht mit jedem, der ein Instrument besitzt arbeiten müssen! - ist das eine ganz positive, logische Folge.

Carina: Im Rückblick, was würdest du sagen - wie hat sich dein Gitarrenspiel in den letzten Jahren verändert?

Frank: Ich glaube, es ist die Tatsache, daß ich in den letzten Jahren begonnen habe, selbst zu hören wie ich klinge. - Und daß ich anfange, das teilweise auch zu akzeptieren. Darin besteht eigentlich die wesentliche Veränderung! Was dies für einen im Gegenzug bewirkt, ist, daß man nicht länger versucht, ständig "woanders hinzugehen", sondern eher "bei sich" zu bleiben - und das Erreichte zu festigen. - Das ist ein sehr komplexer Vorgang - man kann es nicht forcieren. Es hätte auch noch zwanzig, dreißig Jahre dauern können. - Und ich habe in Gesprächen mit Leuten, die unsere Musik gehört haben, erfahren, wie diese eigentlich für das Ohr des "Außenstehenden" klingt. Und das fand ich ganz lehrreich für mich.

Carina: Und wie fühlt sich das an, plötzlich von allen Seiten mit Wünschen nach Interviews und einer gewissen "Berühmtheit" konfrontiert zu werden? Ist das irgendwie seltsam?

Frank: (lacht) - Es hält sich alles noch definitiv im Rahmen des Erträglichen! - Also, die "Berühmtheit" im Jazzbereich oder im europäischen Jazz, die geht nicht soweit, daß man Probleme hat, auf der Straße unterwegs zu sein. - Aber natürlich hätte ich extreme Angst davor, daß das schlimmer wird - und dann müßte ich die "entsprechenden Maßnahmen" ergreifen - wie all´ die anderen - Boris Becker etc. - man braucht Bodyguards, und eine Geheimtelefonnummer und alle diese Dinge! (lacht) - Aber ich fände es schade, wenn es soweit käme - aus diesem Grunde natürlich ... - Doch jeder Musiker wird früher oder später natürlich an dem Punkt sein, daß er möchte, daß seine Musik gehört wird - von möglichst vielen Leuten! - Ja, es gibt eben die Schattenseiten dieses Geschäfts ...

Nochmal zur "Berühmtheit": Ich war ja schon erstaunt in manchen Situationen! Kürzlich war ich zum Beispiel in Weimar an der Musikhochschule, und wirklich fast jeder Gitarrenstudent hat bei seiner Zwischen- oder Abschlußprüfung ein Stück von mir oder der Band mit Carlos Bica gespielt. Die kannten wirklich alles, hatten die ganze Musik rausgeschrieben usw. - das freut einen! - Man fragt sich natürlich im gleichen Moment, warum denn gerade das, und nicht Musik von irgendjemand anderem - aber es ist schön!

Carina: Welche verschiedenen Gitarrenmodelle spielst du, und welches zusätzliche Equipment verwendest du? Die übliche Frage nach den Instrumenten ...

Frank: Ja - ganz "Gitarre&Baß-Magazin-Art"! - Ich habe eine Gitarre mit der ich sehr zufrieden bin, die mir jetzt schon viele Jahre gute Dienste erweist. Und die ist von der Firma Heritage [eine "Prospect Standard", Anm.d.Red.] - und von denen habe ich auch noch ein paar andere. Und von Heritage bekomme ich jetzt auch eine Gitarre, die ein bißchen nach meinen Wünschen modifiziert ist - und auch unter Umständen so in Serie gehen soll. - Heritage: als Gibson umgezogen ist haben die Leute, die nicht mitwollten, eine neue Firma gegründet. Also ist Heritage eigentlich sozusagen "Gibson für den instrumentalen Kenner".

Und sonst: Ich benutze sehr wenige Geräte - was ich nicht mag, sind Transistorverstärker! Bei der elektrischen Gitarre entsteht meiner Meinung nach der Klang beim Zusammenwirken von Gitarre und einem Röhrenverstärker. - Und all´ das andere Neue - wie "virtuelle Gitarrenverstärker" usw., das ist alles totaler Quatsch - das funktioniert nicht!

Frank Möbus (Foto: Andrée Möhling)

Was ich sehr schön finde sind diese "Loop-Geräte" - da gibt es ja seit einer gewissen Zeit. - Angefangen hat es mit dem Jam-Man von Lexicon - so Geräte, da drückt man einmal drauf, dann spielt man - und wenn man nochmal draufdrückt, geht das Ganze von vorne los! Und genauso, wie das in der Popmusik oder im HipHop häufig Verwendung findet.

Ich glaube, diese Loops haben einen ganz speziellen Charakter. Ein Loop, das immer wiederkehrt, versetzt den Menschen in Trance - im besten oder im schlimmsten Fall, je nachdem wie man das sieht. Natürlich, was darum herum passiert, ändert sich immer wieder - aber diese Wiederholungsidee in der Musik ist interessant. Das eine bleibt, und das andere geht. Das finde ich sehr spannend.

Carina: Du hast in einem Interview - das war jetzt kürzlich im "Jazzpodium" - gesagt, daß ihr euch mit dem Roten Bereich auf keine bestimmte "Musizierweise einer bestimmten Zeit" festlegen wollt. Heißt das, sich alle Möglichkeiten und Wege offen zu halten?

Frank: Eher würde ich sagen, es bedeutet, daß man sich nicht vorher irgendwie beschränken muß! - Angenommen, es gäbe eine gute Idee für ein Ragtime-Stück, oder für einen deutschen Schlager - z.B. ein Stück von Heino: Wenn einem das besonders "gut zu Ohr" geht, und man kriegt die Idee, damit irgendwas zu machen - warum sollte man sich dieser Möglichkeit berauben?

In der Art wie man das dann bearbeitet, gibt es natürlich aufgrund der mitwirkenden Personenkonstellation relativ klare Grenzen. Jeder verfolgt seine musikalischen Ziele, und wird ohnehin nicht bereit sein, von diesem komplett abzurücken, nur um quasi "alle Möglichkeiten" abdecken zu können. - Die Herkunft des Materials einzuschränken, halte ich deshalb für unnötig.

Carina: Der Saxophonist Daniel Küffer hat Presley-Songs als Themengrundlage für eine Jazzplatte - "Playing Elvis" genommen. Eure neueste CD heißt "Love me tender" ... - Ist Elvis jetzt wieder "in" - oder ist das Zufall?

Frank: Das war wirklich reiner Zufall. Es hätte auch sein können, daß wir dieses Stück gar nicht aufnehmen! Der Titel für die Platte kam erst danach - eigentlich erst als wir überlegten, in welcher Reihenfolge die Stücke auf die CD kommen.


Ich finde es komisch, daß Leute zu neunzig Prozent aus der Jazzmusik der 50iger Jahre schöpfen!

Es ist natürlich für den Hörer eher interessant, einen Musiker, der ihm ein bißchen fern ist, den er nicht sofort begreift - so wie Heino zum Beispiel! - in einem bekannten Kontext, hier dem Jazz, zu erleben. - Das finde ich ja auch so komisch, warum Leute - wenn sie keine eigenen Stücke spielen - dann auch noch zu neunzig Prozent aus der Jazzmusik der 50iger Jahre, also immer aus diesem Gleichen schöpfen!

Hierzu vielleicht ein Zitat von Jim (Black), der meinte: "Das Schöne an Standards , an Cover-Tunes ist, daß die Leute ihnen bekanntes Material in einer neuen Variante hören, und den Musikern somit leichter folgen können." - Das finde ich auch ganz schön, aber das ist natürlich nicht unsere Zielsetzung! - Bei "Love me tender" fanden wir einfach dieses Arrangement ganz witzig und haben es aufgenommen. Wir sind ja nicht dazu da, den Nichtkennern den Jazz zu erklären!

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Frank: Nein, eigentlich nicht! In dem Moment, wo man eine Philosophie hat - und sich weiterentwickelt, muß man die ja dann immer wieder umbauen! Und insofern lohnt es sich gar nicht ... - Also, man könnte eine haben für das "Jahr soundso" ...

Carina: Und was sagt das "Jahr 2001" dazu?

Frank: Für das "Jahr 2001" ist meine Philosophie: "Man darf es nicht so ernst nehmen!"

Carina: Damit sind wir wieder beim Humor angelangt ...

Frank: Genau, das ist doch gut! Da kann man dann das Interview auch von der Mitte weg lesen ... - So, daß man gar nicht weiß, wo es eigentlich beginnt: alles bewegt sich im Kreis ...

Carina Prange

Frank Möbus im Internet: www.frankmoebus.de

Fotos: Andrée Möhling, Tim Spott

© jazzdimensions2001
erschienen: 20.7.2001
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