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Efrat Alony - "Berlin ist spannender!"

Im Frühjahr 2002 hat die in Israel geborene und mittlerweile in Berlin lebende Sängerin bei Village/ZYX Music ihr vielbeachtetes Debutalbum vorgelegt. Auf "Merry-go-round" kombiniert Efrat Alony innovativ englischsprachige und hebräische Texte. Ihr Quartett besteht aus über den Berliner Kontext hinaus bekannten Namen, wie Stefan Weeke am Bass, oder Eric St-Laurent an der Gitarre. Efrat Alony ist eine sehr selbstbewußte und ehrgeizige Musikerin mit einer warmen, melancholischen Gesangsstimme - und ihre musikalische Entwicklung ist mit Sicherheit noch für Überraschungen gut...

Efrat Alony

Rainer Voss sprach in Berlin mit Efrat Alony.

Rainer: Deiner Biografie habe ich entnommen, daß Du in Israel geboren wurdest und Dich zu einem bestimmten Zeitpunkt entschieden hast, nach Berlin zu gehen und nicht nach New York - weil Berlin spannender ist. Das bedarf einer Erklärung.

Efrat: Das war wirklich so! Es gibt in New York wahnsinnig gute Musiker, aber die Szene an sich ist sehr "mainstream". Es wird von dir erwartet, daß du Standards und Traditionals spielst. Berlin ist offener und es gibt sehr viele Leute die eigene Musik machen, was in NY weniger der Fall ist. Deshalb hat mich Berlin mehr gereizt.

Rainer: Inzwischen liegt Deine erste CD "merry-go-round" vor, die Du mit Mark Reinke, Stefan Weeke, Kay Luebke und Eric St-Laurent eingespielt hast.

Efrat: Bei "merry-go-round" haben wir versucht verschiedene Klangfarben und kulturelle Einflüsse zusammen zu bringen: Contemporary Jazz, Klassik - Einflüsse was Ton und Stimmfarbe angeht und in kompositorischer Hinsicht natürlich "israeli songwriting". Das sind die Farben, die ich im Ohr habe, mit denen ich groß geworden bin. Israelische Liedermacher sind ein starker Orientierungspunkt für mich. Mir war auch wichtig, daß die Texte meiner Lieder im Booklet englisch und hebräisch abgedruckt wurden.

Efrat Alony Quartett - "merry-go-round"

Rainer: Die Texte Deiner CD "merry-go-round" handeln oft von Einsamkeit. Insgesamt ist es keine fröhliche CD geworden.

Efrat: Meinst Du? Das hat nichts mit "fröhlich" oder "nicht fröhlich" zu tun. Mich interessieren von den Texten und der Musik her Reibungspunkte. Und diese Reibungspunkte entstehen normalerweise nicht durch ein: "Ich bin so happy", sondern dadurch, daß es ein bißchen düster ist und reibt. Ein Text à la: "Mir geht´s so gut" ist nicht interessant, warum sollte ich den lesen? Da ist kein Konflikt, keine Spannung. Ich versuche, den Klang mit Reibung zu finden. Ich würde das nicht als "traurige Songs" bezeichnen, sondern als eine gewisse Farbe, die für mich nicht unbedingt traurig, sondern ein Sound ist, den ich sehr mag.


Ein Text à la: "Mir geht´s so gut" ist nicht interessant.
Da ist kein Konflikt, keine Spannung!

Rainer: Du machst mit beim Current Ensemble "Flüchtlinge vor der Flut", mit Liedern und Texten von Klaus Hugler?

Efrat: Ja, das ist allerdings klassischer Gesang. Bei dem Projekt sind vertonte Gedichte zu hören. Damit sind wir ein paar Mal aufgetreten. Das war spannend für mich, weil es eine andere Disziplin verlangte. Ich mußte spielen, was da auf dem Papier steht und durfte nichts ändern.

Rainer: ... also vergleichsweise unspannend?

Efrat: Nein, überhaupt nicht! Das war sehr spannend. Ich finde es spannend, eine Freiheit in der Unfreiheit zu finden. Vor allem ohne Mikrofon zu singen und meine Stimme anders zu benutzen als sonst. Ich habe z.B. im Jazzbereich gewisse Volumen und Farben, die ich nicht benutze - weil es stilistisch einfach nicht passt. Da konnte ich das machen. Ich konnte superlaut singen oder einfach einen anderen Klang benutzen. Insofern war es spannend für mich.

Efrat Alony

Rainer: Du warst auf Tournee durch Deutschland, Irland, Frankreich, Italien, Belgien und Slowenien. Was nimmt man davon mit? Ist es nur eine Abfolge von Bühnen und Hotels oder bleibt mehr hängen?

Efrat: Ich war auf Tournee mit der Theaterproduktion, da habe ich als musikalischer Leiter des vocal chorus gearbeitet. Man kann schon viel mitnehmen. Jede Stadt ist anders, aber man hat wenig Zeit dafür. In Paris waren wir zwei Wochen und konnten Land und Leute kennen lernen. Wenn man nur drei, vier Tage irgendwo ist, dann ist das natürlich schwierig.

Rainer: Das bringt uns gleich zur nächsten Frage: Was liegt momentan in Deinem CD-Player?

Efrat: Ohh...: Cecil Anderson. Geri Allen. Billy Heart. Django Bates. Wagner... (lacht)

Rainer: Richard Wagner?

Efrat: Ja, "Tristan und Isolde"! Was mich an Wagner interessiert? ... die Musik ist wunderschön! Aber eigentlich sind es die Ouvertüren, bei denen es gar keinen Gesang gibt: Die Ouvertüre von Tristan und Isolde ist eines meiner Lieblingsstücke.

Efrat Alony

Rainer: Was kommt nach "merry-go-round", ist eine neue CD in Planung?

Efrat: Die Stücke für die nächste CD sind fast alle fertig und wir haben einen Teil davon schon mit der Band gespielt. Von mir aus werden wir bald wieder aufnehmen. Das ist halt immer auch eine finanzielle Frage.

Rainer: Zu guter letzt eine typische Vorstellungsgesprächsfrage: Wo würdest Du in zehn Jahren gerne sein?

Efrat: Reich und berühmt. (lacht) Naja, "reich" nicht - aber ich finde es schon wichtig, daß meine Musik möglichst viele Leute erreicht und die Leute Zugang dazu finden: Das wäre schon mein Ziel.

Rainer Voss

Efrat Alony im Internet: www.efratalony.com

CD: Efrat Alony - "merry-go-round" - (Village/ZYX 1018-2)

Fotos: n.n.

© jazzdimensions2002
erschienen: 30.11.2002
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