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Carlos Bica - "Jazz mit der Seele Portugals"

Sein neuestes Projekt mit der Sängerin/Schauspielerin Ana Brandão wird als "kammermusikalischer Jazz aus Portugal" bezeichnet, die dazugehörige CD trägt den Titel "DIZ" - das bedeutet "Sprich!". Im Sinne eben dieses Imperatives wollte Carina Prange von dem in Portugal und Berin verwurzelten Bassisten mehr wissen.


Carlos Bica, dessen lyrisches Baßspiel sprichwörtlich ist - oft streicht er den Bass mit dem Bogen - und dessen musikalische Neugier ihn in immer neue Bereich katapultiert, hat in der Tat viel zu erzählen!

 

 


links: Carlos Bica u. Ana Brandão
 

Carina: Du spielst auch mit bei Paul Brody´s "Tango Toy". Wie kam eure Zusammenarbeit zustande?

Carlos: Kann ich mich nicht erinnern, ehrlich!

Carina: Das ist schon zu lange her?

Carlos: Ja, einige Jahre. Man kennt sich halt hier in Berlin und zwischen manchen Musikern besteht eine Verbindung - man versteht sich und kommt gut miteinander zurecht - sowohl musikalisch als auch menschlich. Und das ist bei uns beiden der Fall gewesen.

Carina: Aber es ist ja auch nicht selbstverständlich, daß du sowas spielst - das ist ja Klezmer-Musik ...

Carlos: Da ist die Verbindung zur Folklore - ich spiele ja auch schon seit langem mit Musikern aus Portugal - hauptsächlich im Bereich Fado. Sogar im Fado ist so etwas Ähnliches enthalten wie jüdische Musik - man weiß ja wirklich nicht, woher der Fado kommt! Aber ein ganz direkter Bezug zum Klezmer besteht tatsächlich, obwohl man zunächst sagen würde: das klingt doch anders!


Mein Ziel ist es, über die Grenzen hinauszugehen
ohne die Gefahr zu haben, in Schubladen zu denken!

Natürlich ist auch die Offenheit gegenüber anderen Musikstilen als Jazz für mich wichtig. Ich mag in der Regel zwar bestimmte Jazzmusiker aufgrund ihrer Eigenständigkeit oder ihres Ausdrucks, aber ich kann nicht sagen, daß ich "Jazz als Musikform" mag.

Carina: Als was würdest du dich denn bezeichnen - du kommst ja eigentlich von der Klassik her und hast ganz verschiedene Sachen gemacht. Bist du ein Jazzmusiker?

Carlos: Man sagt, ich sei Jazzmusiker. Aber was ist Jazz heutzutage? Diese Frage müßte man dann auch stellen. "Jazz heutzutage" ist nicht nur die afroamerikanische Tradition. Es ist auch etwas anderes!

Carina: Paul Brody sagte von dir in einem Interview, daß er "kaum jemals ein lyrischeres Bogenspiel" auf dem Bass gehört hätte als deines in dem Stück 'Oif´n Priptshik' ...

Carlos: Ich habe ja klassische Musik studiert, weswegen ich nach Deutschland gekommen bin - ich habe ein Stipendium bekommen und habe in Würzburg studiert. - Zum Kontrabaß kam ich durch den Klang des Instrumentes - dazu gibt es auch eine Story:

Ich habe wie viele junge Leute in Rockbands gespielt - mal Schlagzeug, mal Gitarre. Als ich 18 war - das war die Zeit, zu der in Portugal noch die Diktatur herrschte - da war es nicht so selbstverständlich, daß man "einfach so" Musik lernen konnte - das war eher was für reiche Leute. - Praktisch als Belohnung dafür, daß ich in die Uni kam, hat mein Vater gesagt: "Jetzt wo was aus dir wird, bezahle ich es dir, in einer Privatakademie Musik zu lernen!" - Weil ich gerade in dieser Rockband spielte, wollte ich mich einfach für irgendein Instrument einschreiben. Und dachte: "Vielleicht schaue ich mal beim Kontrabaß ... "

Ich hatte eigentlich noch nie von nahem einen Kontrabaß gesehen. Ich fragte, wo denn der Kontrabaß-Unterrichtsraum sei. Man sagte mir, das sei der "Konzertsaal". Und da kam ich in einen ganz kleinen Konzertsaal mit klapprigen Stühlen. Auf der Bühne war der Unterricht - und da spielte mein späterer Lehrer einfach für sich, ich hörte zu und dachte: Wow! - Er hat sehr virtuos gespielt, mit dem Bogen! Das hat mich total beeindruckt.

Er hat gefragt :"Was willst du?" Ich sagte: "Ich will mich für ein Instrument einschreiben, aber ... ich weiß noch nicht so genau!" Am nächsten Tag war ich wieder da. Er kam gerade aus Wien, hatte bei Ludwig Streicher studiert - das ist so "der Meister". - Ich hatte weder Instrument noch sonst was. Aber dann habe ich die Tage da in der Musikakademie verbracht und hatte einen Lehrer, der sehr engagiert war. Teilweise hatte ich täglich Unterricht. Das ist natürlich super, wenn man am Anfang so jemanden hat, der sich soviel Zeit nimmt.

Das soweit, um zu erklären, daß es der Klang des Instrumentes war, der mich so faszinierte. Deswegen sehe ich mich als Kontrabassisten nicht so sehr als Teil der Rhythmusgruppe. Das Spiel mit dem Bogen habe ich gelernt - ich denke immer: "Das muß ich dann auch verwenden, wenn ich das so viele Jahre gemacht habe!" - Jedoch nicht als "Muß", sondern weil es mir gefällt - und auch die "andere Seite" des Instrumentes zeigt.

Carina: Die jetzt erscheinende CD "Diz" war ursprünglich eine Auftragsarbeit für die Expo 98 - du und Ana Brandão habt kammermusikalischen Jazz mit Theater verbunden. Wie sah das Konzept aus?

Carlos: Ich bin sehr von dem Klang von Streichern fasziniert - das ist einfach einmalig - jeder kennt das - Streicher sind einmalig! - Irgendwann fühlte ich, würde man zu den Streichern eine Stimme hinzufügen, dann wäre das wirklich einmalig. - Diese Idee kam mir bereits vor vier Jahren - und 1998 war die Expo in Lissabon! Da habe ich alles in Gang gesetzt, dies als Auftragskomposition zu bekommen - die Formation zusammenzustellen und dort zu präsentieren.

Zur der Zeit fing ich an, mit dem Pianisten Jens Thomas zu spielen. Wir haben zusammen viel im Duo und verschiedenen Besetzungen gemacht. - Das war genau die Zeit als ich gerade Musiker suchte: schwer, weil es sehr wenige Geiger gibt, die improvisieren und trotzdem einen klassischen Klang erzeugen können. - Durch die Arbeit mit Jens kam mir die Idee, daß eigentlich auch das Klavier eine sehr wichtige Rolle spielen könnte. Neben der harmonischen Funktion besitzt es auch eine perkussive Seite.

Zum Projekt "DIZ": Ana Brandão ist in erster Stelle Schauspielerin. So jemand habe ich gesucht - eine Frau, die nicht einfach normale Sängerin ist, sondern die auch diese Theater-Komponente mit einbringt. Die Musik ist kein Theaterstück, aber es ist ihre Art der Darstellung durchaus vorhanden - andererseits ist sie auch Sängerin. - Sowas bringt nochmal eine theatralische Komponente mit ein, die ich sehr spannend finde.

Carina: Wo liegen denn da die Einflüsse - du kommst ja aus Portugal - die Musik dort ist eher melodramatischer und melancholischer. Wie wirkt sich das auf deine Musik aus?

Carlos: In Kritiken wird oft dieser Bezug zum Fado hervorgehoben. Eigentlich würde niemand in Portugal sagen, daß ich Fado spiele - aber ich erkenne schon meine Wurzeln. Um einen bekannten Schriftsteller aus Portugal zu zitieren: "Fado ist weder Traurigkeit noch Freude, sondern das Eigenständige dazwischen." - Mit anderen Worten könnte man sagen, Fado ist ein Ausdruck unserer Spiritualität.

Carina: Das macht es aber nicht einfacher, das umzusetzen.

Carlos: Spiritualität ist natürlich ein Ziel, das die meisten Musiker haben oder haben sollten. Diese dramatische Komponente ist sicher etwas, was bei den Portugiesen sehr stark vorhanden ist, und von dem man irgendwie nicht wirklich wegkommen kann!


Wenn man bekannten Musikern - die in der Tradition des Fado aufgewachsen sind - begegnet, berührt einen das sehr!

Ich kam auch erst im Alter von zwanzig Jahren in Kontakt mit dieser Musik. Wenn man bekannten Musikern - die in der Tradition des Fado aufgewachsen sind - begegnet, berührt einen das sehr! Da ist schon etwas Tieferes da und solche Begegnungen sind faszinierend. Dann erkennt man auch erstmals Dinge, die man bisher zunächst ignoriert hat - wie kunstvoll eigentlich diese Musik ist.

Carina: Was würdest du denn sagen, wo ist der Unterschied zwischen der Musikszene in Deutschland und in Portugal?

Carlos: Meine Kollegen aus Portugal, mit denen ich selbst zusammenarbeite - die, die eine ganz eigene musikalische Schrift haben - besitzen sehr stark diese "lyrische" Komponente. Ich bin zwar schon lange weg - pendle aber auch hin und her zwischen beiden Ländern. Aber ich merke, mir ist dieses Lyrische bei denen eine Nummer zuviel. - Diese Komponente ist so stark - die muß man gar nicht extra betonen.

Von daher, weil ich hier lebe, und andere Sachen auch mitkriege - mir persönlich gefällt es besser, wenn auch mal Frank Möbus Gitarre spielt und das ein bißchen verzerrt - oder Jim Black - dann kommen ganz andere Farben dazu ...

Carina: Und wie ist das wirtschaftlich - Musiker sein in Portugal ist doch bestimmt auch nicht so einfach? - Davon abgesehen, daß es hier auch nicht mehr so einfach ist ...

Carlos: Nein, ich würde eigentlich sogar sagen, hier ist es schwerer als in Portugal! In letzter Zeit ist dort viel passiert. Viele alte Theater werden restauriert. - Bisher waren Lissabon und Porto die zwei Städte, wo etwas passiert ist. - Inzwischen gibt es auch viele andere Städte, in die man zum Spielen kommt, wo auch ein Publikum für andere Musik existiert. Es gibt nicht so etwas wie eine Clubszene - davon ist auch schwer zu leben - aber es gibt vom Kulturministerium Unterstützung, und von den Städten und Gemeinden ist auch ein Interesse da.

Carina: Und du hast nicht mal daran gedacht, "zurückzugehen"? Die Idee liegt ja nahe ...

Carlos: Ich profitiere natürlich auch davon, daß ich hier bin. Und ich spiele wirklich viel dort - eigentlich genausoviel wie Musiker, die da arbeiten. Von daher: manchmal ist es einerseits ein bißchen anstrengend - und andererseits ist es ein Zeichen, daß ich auch was zu tun habe.

Carina Prange

Foto 1: Raúl Cruz, Foto 2: n.n.

© jazzdimensions2001
erschienen: 28.3.2001
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