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Andreas Willers - "Die Balance der Pole"

Ihm gefielen heute sehr viel mehr Jazz-Sachen als vor zwanzig Jahren: Früher hätte Andreas Willers sich selbst zu den Hardlinern gezählt die "überall dort Verrat witterten", wo die Weiterentwicklung der Musik zu stagnieren drohte. Inzwischen ist er abgerückt vom Ruf "Fort mit den Barrikaden der Tonalität". Er sei toleranter geworden, sagt er; wichtig sei es, den Boden unter den Füßen zu behalten. Dieser Boden ist das Studium der Entwicklung der Improvisierten Musik und des Jazz, sich an dieser Entwicklung zu messen und zu entfalten.

Andreas Willers

Der in Rendsburg geborene Jazz-Gitarrist Andreas Willers studierte am Musicians Institut in Los Angeles und an der Hochschule für Musik in Hamburg. In der "Banff School of Fine Arts"(Alberta, Kanada) nahm er Teil an der Meisterklasse bei DaveHolland, John Abercrombie und Dave Liebman. Über seine Entwicklung, Vorbilder und Ambitionen sprach Andreas Willers in einem Interview mit Jazzdimensions:

Jan: Du bist seit 1981 aktiv, wie würdest du deine Entwicklung bis heute in groben Zügen umschreiben?

Andreas: In meinen Anfängen habe ich mich hauptsächlich für "Freie Improvisation" und den europäischen Freejazz der 70er Jahre interessiert. Als Semiprofi war ich zuerst bluesmäßig aktiv und habe dort praktische Erfahrungen gesammelt. Fasziniert haben mich neben Jazz und Blues - damals wie heute - technische, klangliche bzw. elektronische Geschichten.

All diese Strömungen galten damals als sehr gegensätzlich: so konnte es die Leute beispielsweise sehr frappieren, wenn ich einerseits mit meiner Bluesband gespielt, andererseits aber auch "improvisierte Avantgarde-Musik" gemacht habe. Heute erscheinen die Gegensätze nicht mehr so enorm. In der Musik, die ich jetzt mache, scheint es mir zu gelingen, diese Gegenpole zusammenbringen und zu einem "Andreas-Willers-Konglomerat" zu verschmelzen. Alle meine Wurzeln sind in dieses Konglomerat mit eingeflossen.

Dies wird deutlich beispielsweise an dem Projekt der "Minimal Kidds" mit Gebhard Ullmann (sax) und Nico Schäuble (dr). Das war am Ende der 80er Jahre. Den herausragenden Aspekt dieser Musik würde man heute als "Ethno-Fusion" bezeichnen - und wir haben versucht, das konzentriert herauszuarbeiten. Heute stellt das nur eine Facette meiner Musik dar, damals ergab sich daraus eine ganze Platte.

Jan: Gibt es etwas, was du als Höhepunkt deiner musikalischen Laufbahn bezeichnen würdest?

Andreas: Vielleicht könnte man das "Andreas Willers Octet", das bei ENJA Records die Platte "The Ground Music" gemacht hat, als einen solchen Höhepunkt bezeichnen. Davon ist in meiner Musik bis heute viel wiederzufinden - vor allem wegen der Auswahl sehr hervorragender Musiker. Die kamen aus Moskau, aus Skandinavien, Frankreich, den USA und Deutschland. Zusammengesammelt habe ich sie hauptsächlich aus den Szenen von Köln und Berlin.

Mit jedem dieser Musiker hatte ich schon gearbeitet, untereinander waren sie sich allerdings - zumindest teilweise - noch nie begegnet. Für mich verkörperten einige die "expressive städtische Perspektive" und andere eine "klangliche, ethnischere Seite" der Musik.


Es macht immer einen Teil meiner Musik aus,
verschiedene Pole auszubalancieren!

Diese Bereiche wollte ich aufeinandertreffen lassen. Obwohl man vielleicht hätte Bedenken haben können, haben sich alle sehr schnell akzeptiert. Ich denke, das macht immer einen Teil meiner Musik aus, verschiedene Pole auszubalancieren.

Jan: Deine letzte CD "Tin Drum Stories" ist überschrieben mit "Inspired by the novel 'Die Blechtrommel' by Günther Grass". Wie ernst ist es dir mit dieser Überschrift?

Blue Collar

Andreas: In den Linernotes hatte ich ja ausdrücklich geschrieben, daß ich nicht programm- oder theatermusikalisch vorgegangen bin. Obwohl es in der "Blechtrommel" durchaus Ansätze gibt: Wenn etwa bei der Szene in dem Jazzkeller die Band spielt und die Leute Zwiebeln schneiden und zu heulen anfangen - das reizt einen schon, das irgendwie umzusetzen!

Aber das war nicht vordergründig meine Sache. Die Überschrift entsprach einer persönlichen Empfindung: Ich hatte ein Projekt im Kopf und wollte eine mehrteilige Suite für mein Trio schreiben. Wir sind eine "Working-Band" in klassischer Besetzung - E-Gitarre, Kontrabass, Schlagzeug. Daraus kann sich ein vergleichsweise abgestecktes Terrain ergeben, das einfach sehr allgemein nach "Gitarre-Bass-Schlagzeug-Trio" klingt.

Wir haben überlegt, unsere Musik so umzusetzen, daß sie eben nicht so leicht in diese Kategorie fällt. Deshalb habe ich passend zu unserer persönlichen Stilistik einen Zyklus von Stücken geschrieben. Im Grunde waren wir also musikalisch weit fortgeschritten und brauchten Material, das dem genügte. Die Assoziation mit der Blechtrommel war dabei eher ein Zufall, aber sie spielte damals beim Komponieren durchaus eine Rolle.

Jan: Wie verläuft bei dir, als jemandem der in der Improvisierten Musik zuhause ist, der Prozeß des Komponierens?

Andreas: Das hängt natürlich von meiner jeweiligen Inspiration ab, aber im allgemeinen ist das bei mir so, daß ich in einem ruhigen Augenblick eine Idee, eine Assoziation habe und mir sage, dies könnte ein Stück sein. Dann fällt mir ein Partikel auf, der sich ausbauen läßt. In einer Art "Stream-of-Consciousness"-Verfahren lasse ich mich von dieser Stimmung leiten und versuche einen ersten großen Abschnitt zu Ende zu bringen.

Aus der Arbeit ergeben sich dann ein, vielleicht zwei Seiten mit Noten. Das fertige Stück analysiere ich anschließend noch mal und sehe oft erst dann die Zusammenhänge, die ich versuche, beim Spiel noch deutlicher werden zu lassen.

Jan: Wer sind deine musikalischen Vorbilder?

Andreas: Die Vorbilder ergeben sich natürlich aus meinen musikalischen Vorlieben, also aus dem Bereich der Improvisierten Jazzmusik der 60er und 70er Jahre und der Bluesmusik. Daneben interessieren mich auch die klassischen Komponisten des 20. Jahrhunderts.

Als ich anfing Musik zu machen, war die Rockmusik in einer Phase, in der sie sowohl experimentell, als auch sehr populär war. Ich denke da z.B. an eine Band wie Can oder die erste ChicagoTransit Authority.

Diese Gruppen waren auf der einen Seite immer auf der Suche, haben sich jedoch auch nicht gescheut, einfach mal sehr rockig zu klingen. Dies ist eine Tugend, die ich auch in meiner Musik wiederfinden möchte. Persönlich haben mich vor allem die Jazzmusiker fasziniert, weil sie mit einem Maximum an Improvisationsvermögen und Instrumentenbeherrschung so viel aussagen konnten.

Von der Gitarre her waren im Bereich "Freie Improvisation" meine Vorbilder Fred Frith und Derek Bailey. Beim Blues interessierte mich alles - seit die Blues-Gitarre elektrifiziert worden ist. Über die King-Gebrüder, weiter zum englischen Blues, wie etwa Eric Clapton bis hin zu Hendrix, der mit dem Blues eine Menge angestellt hat und ihn ins 'Raumzeitalter katapultiert' hat. Im Grunde ist es ja immer faszinierend, wenn eine spezifische Musik in den Stil der Gegenwart überführt wird.

Jan: Wie würdest du diese Zeit, die ja auch einen wichtigen Teil deines musikalischen Werdegangs ausmacht, aus der Sicht eines Musikers beschreiben?

Andreas: Damals gab es in der Szene eine unverhohlene, quasi adoleszente Fortschrittsgläubigkeit, die von der geraden Linie einer stetig ansteigenden Entwicklung ausging. Anthony Braxton hat mal erzählt, mit sechzehn, siebzehn wollte er der neue Coltrane sein und an der Stelle, an der Coltrane aufhören mußte, als er starb, weitermachen. Wir sprachen damals davon, im Jahre 2002 würde Freie Improvisationsmusik im Frühstücksradio laufen ...

Heute sieht man das alles weitaus differenzierter und beschreibt Entwicklung eher als etwas, was einer Spirale, als einer Linie ähnelt ...

Andreas Willers - "Tin Drum Stories"

Jan: Gibt es auch spezifisch betrachtet Instrumentalisten, die für dich normgebend waren?

Andreas: Auf jeden Fall ist da Jim Hall zu nennen, den ich am schönsten finde, der den wärmsten Ton und die interessantesten Voicings hat. Viele der klassischen Jazz-Gitarristen spielten mir nicht 'bläsermäßig' genug. Mit der klassischen trockenen Jazzgitarre, die perkussiv und kurz klingt, ist es viel schwieriger, eine armstrong- oder coltraneartige Phrasierung zu spielen, als etwa einen B.B. King- oder Hendrix-Gitarrenton.

Die Platte, die mich bekehrt hat, war "Gateway" mit John Abercrombie, Dave Holland und Jack deJohnette. Mal sind da Anklänge von Country, mal die Wärme von Jim Hall und mal Hendrix-Töne zu hören. Das fand ich damals unglaublich weit vorne. Dann als Vertreter der pianistischen Spielweise Lenny Breau und Ralph Towner. Ich spiele sehr gern akustische Instrumente, Konzertgitarre, Banjo usw. aber leider meist nur im Studio.

Jan: Was möchtest du in Zukunft machen, welche Ziele hast du dir gesteckt, was für Projekte geplant?

Andreas: Die aktuellen Sachen will ich natürlich weiter entwickeln, die Arbeit mit der Gruppe "Blue Collar", aber auch Solokonzerte, die ich regelmäßig gebe. Im September wird es eine neue Platte geben, mit Paul Bley, Ive Robert und Horst Nonnenmacher. Wir werden Improvisationen und Kompositionen von Jimmy Giuffre spielen. Ob es diese Zusammensetzung auch mal live geben wird, das ist noch nicht ganz klar und hängt natürlich von den Veranstaltern ab. Mit dem Quintett wird es in jedem Fall eine Live-Tour geben.

Wichtig für mich persönlich ist, daß ich mittlerweile umsetzen kann, was ich am Anfang umsetzen wollte, aber noch nicht konnte. Und jetzt, jetzt kann es halt weitergehen!

Jan Lautenbach

Andreas Willers im Internet: www.andreaswillers.de

mehr bei Jazzdimensions:
Andreas Willers - "Tin Drum Stories" - Rezension - (erschienen: 11.11.2000)

Fotos: Andreas Willers

Cover: Jutta Obenhuber / fuhrer vienna

© jazzdimensions2002
erschienen: 31.3.2002
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