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Andreas Brunn - "Live is life"

Andreas BrunnAndreas Brunn ist ein Musiker, der in erster Linie für Live-Musik steht. Eine gerade abgeschlossene, sehr erfolgreiche Deutschlandtournee mit der Band "4 Free Hands" mit Hans Hartmann (Chapmanstick) und Ned Irving (dr) liegt hinter ihm. Viele neue Live-Herausforderungen liegen vor ihm. Da ist es kein Wunder, daß er das schwindende Interesse der Zuhörer an persönlichen Kommunikationssituationen kritisiert: "Ich halte das für sehr wichtig, daß man das Menschsein in dieser immer technischer werdenden Welt nicht vergißt. Es kann nicht sein, daß die Leute z.B. nur noch Konserven hören und die eigentlich gelebten Dinge nicht mehr wahrnehmen."

Neben der Betonung von Authentizität in seinem Gitarrenspiel verbindet Andreas zum einen Balkanmusik und Jazz in der Band Hora Colora miteinander zu folkiger Musik, zum anderen kombiniert er ungewöhnliche Metren und nicht festlegbare Ideen jazziger Natur in dem Trio 4 Free Hands.

Andreas war zum ersten Mal nach Berlin gekommen, um in einer Ostberliner Funkband – Funkreich - E-Gitarre zu spielen. Als die Mauer fiel, studierte er in Weimar noch zuende und ging ganz nach Berlin – "Ich war genau im richtigen Augenblick da, um alles zu erleben, was danach passiert ist. Und das hat mich sehr beschäftigt. Es gab plötzlich in Berlin die Möglichkeit, Leute zu treffen, die ich vorher überhaupt nicht hatte. Berlin ist ein Pool, das hat sich immer wieder gezeigt. – Und die beiden wesentlichen Projekte, mit denen ich mich derzeit beschäftige, beruhen auf den musikalischen Begegnungen der Nachwendezeit."


In meiner Jugendzeit war Live-Musik viel
bedeutender als jetzt
!

Aus seiner ostdeutschen Herkunft und den daraus resultierenden andersartigen 'Tuchfühlungen' mit Musik macht Andreas kein Hehl – in der Heimatstadt Weimar war gerade in seinen Jugendjahren etwas ganz anderes am Laufen als zur selben Zeit im Westen der Republik: "Es gab in der DDR einen großen Musikboom – so Anfang der achtziger Jahre - mit Blues. Das kam viel später als in 'Resteuropa' und es gab keine Diskotheken. Die Leute sind zum Blues tanzen gegangen. In einer Stadt wie Weimar mit ungefähr siebzigtausend Einwohnern gab es acht Bands, die ständig gespielt haben, drei/viermal die Woche vor vollen Tanzsälen - die Leute sind mit der entsprechenden Kledage, den grünen Parkas, den Jesuslatschen und den sogenannten Hirschbeuteln dort hingegangen."

Dadurch ergibt sich auch ein anderer Stellenwert, den Live-Musik damals in der DDR grundsätzlich hatte: " In meiner Jugendzeit war das viel bedeutender als jetzt. Sicherlich gibt es in Berlin eine ganz starke Live-Musik-Szene, aber es ist nicht so, daß man sagen würde: Die Berliner Bevölkerung geht ständig zu live gespielter Musik. Das ist heute viel mehr aufgefächert und in viele kleine Szenen zerfasert."

Und wie eines im Leben zum anderen kommt, war bei Andreas schließlich einer der Gründe, warum er aus seinem Hobby tatsächlich einen Beruf machen wollte, die hautnahe Erfahrung mit der Staatssicherheit: "Der Knackpunkt war eigentlich, daß ich in der DDR ziemlichen Ärger gehabt habe – ich bin mit 16 Jahren ein viertel Jahr in U-Haft bei der Stasi gewesen – weil ich einer Jugendgruppierung in Weimar nahestand, die sich sehr kritisch mit dem System auseinandergesetzt hat. – Ich habe mein Abitur verloren und Musik war u.a. eine der Studienrichtungen, bei denen das nicht zwingend vorgeschrieben war."


Ich bin der festen Überzeugung,
daß Musik etwas Intelligenzförderndes ist.

Anders als viele seiner damaligen Kollegen aus der ehemaligen DDR hatte Andreas den starken Wunsch, mit Musik auch nach 'Öffnung der innerdeutschen Grenzen' weiterhin seine Brötchen verdienen zu wollen: "Trotz der Umstellungsprobleme des Musikerdaseins habe ich mich darauf geeicht, Musiker zu bleiben. Zwischenzeitlich habe ich immer wieder ABM-Projekte mit Jugend- lichen gemacht, welches mir sehr viel genützt hat – ich habe angefangen, Conga zu spielen, und auf der Basis der 'TA-KE-TI-NA Schule' eine Trommelgruppe mit Jugendlichen zu leiten."

"Ich will einfach die Zuhörer anregen", sagt Andreas über das, was er mit seiner Musik ausdrücken will " und ich möchte natürlich, daß die Leute wirklich zuhören. Ich denke, die Musik, die ich mache, ist sehr dicht. Aber sie ist so spacig und schwer zugänglich wie andere Sachen, die es im modernen Jazz gibt. Ich möchte anregen und trotzdem vermitteln. Ich bin der festen Überzeugung, daß Musik etwas Intelligenzförderndes ist. – Wer sich auf sie einläßt, für den ist es eine Bereicherung."

Das Dasein eines Musikers ist für Brunn nicht nur ein Broterwerb, sondern die einzige Möglichkeit, zu sein: "Ich bin soviel Musik, daß ich in dem Moment, in dem ich das in Frage stelle, mich selbst völlig in Frage stelle. Ich muß das einfach machen und möchte gar nichts anderes tun."

Carina Prange

© jazzdimensions2000
erschienen: 7.10.1999
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