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Andreas Kohlmann - "Bierzelt über Freejazz"

Vogelgezwitscher, Regengußgeplätscher und andere Waldgeräusche verbunden mit dem Klang von der Musik, die nur Menschen mittels Instrumenten erzeugen können – das alles findet man auf der neuesten CD der Bardomaniacs. Bardo Henning (acc.), Bettina Wauschke (tuba) und Andreas Kohlmann (perc.) zeigen im Trio ein Zusammenspiel, das von Witz und Spielspaß geprägt ist. Und das Wichtigste, was Andreas Kohlmann vermitteln und das Publikum fühlen lassen will, ist dementsprechend Lebensfreude.

Andreas KohlmannAndreas Kohlmann

Sobald Kohlmann redet, verrät dies seine fränkische Heimat, man hört aus seinem Akzent die Gegend einfach heraus, aus der er stammt. Neben Rudi Neuwirth ist er übrigens der zweite Musiker in der Berliner Jazzszene, der aus dem kleinen Ort Kitzingen kommt. Und zwei weitere Eigenschaften machen aus ihm einen typischen Franken: eine gewisse Heimatverbundenheit, die sich u.a. auf Bratwürste und Wein bezieht und eine fränkische Gemütlichkeit.

So klein das Örtchen auch ist, es war in der für Andreas prägenden Zeit etwas Besonderes und hier wurde schon früh ein Bezug zur Musik geschaffen, denn "das war eine amerikanische Garnisionsstadt und da gab es sechstausend Amis auf zwanzigtausend Einwohner. Mit etwa 12 Jahren begann ich mich für Musik zu interessieren. Und da war in Kitzingen alles, was das Nachtleben bieten konnte - wirklich vier Bars mit Live-Musik, wo jeden Abend gespielt wurde. Und ich bin damals zum Milchholen gegangen und habe mich immer in die Bars reingeschlichen und da hinter dem Vorhang gestanden. Das waren so die ersten Eindrücke." - Begonnen hat die musikalische Laufbahn von Kohlmann genau zu dieser Zeit durch das Trommeln im Spielmannszug. Seine Ausrichtung manifestierte sich später mit dem klassischen Schlagzeugstudium – damals war die Möglichkeit eines Jazzstudiengangs noch nicht gegeben.


Weg von traditionellen ethnischen Instrumenten und mehr Richtung Schrott – ungewöhnliche Sounds und theatralische Elemente!

Tradition in der Musik spielt für ihn zwar auch eine wichtige Rolle, noch entscheidender sind aber momentan andere Dinge:
"Ich versuche die ganz verschiedenen Einflüsse jetzt mehr und mehr zusammenzufassen – wenn ich zum Beispiel mit Trommlern spiele, probiere ich, mehr andere Elemente miteinzubeziehen. Weg von den traditionellen ethnischen Instrumenten und mehr Richtung Schrott – also ungewöhnliche Sounds und theatralische Elemente mit reinnehmen. Eigentlich immer ein wenig gegen das Normale oder Traditionelle. Das ein bißchen aufbrechen. – Nichts gegen Tradition, ganz im Gegenteil, aber wenn du die lebendig halten willst, mußt du brechen und Elemente von jetzt mit reinbringen. Die Zuhörer leben ja auch jetzt - und du kannst nicht voraussetzen, daß die sich alle mit Musikgeschichte auseinandersetzen und damit, wie das historisch mal geklungen hat."

Und das Musikerdasein bietet - wie kaum etwas anderes - häufig die Möglichkeit, mit unterschiedlichen Bereichen in Kontakt zu treten:
"Du kannst immer neue Welten aufmachen oder hast die Möglichkeit, auch mit anderen Leuten eben zusammenzuarbeiten. Du bist relativ schnell in anderen Branchen drin, sowohl bei den Leuten, mit denen du spielst als auch bei den Leuten, für die du spielst – du spielst ja überall, kommst durch alle sozialen Schichten durch. Im Laufe der Jahre spielst du vom Bierzelt über Freejazz bis zu Computermessen und Galas."

Bardomaniacs "Im Wald"

In erster Linie verdient Andreas Kohlmann sein Geld mit Unterricht und Engagements in verschiedenen Theatern, Kleinkunstbühnen und Varietés wie z.B. im Chamäleon. Reines Handwerk ist dort das, was vordergründig gefragt ist. Zugleich bedeutet dies aber auch, daß die Live-Auftritte mit dem Trio nicht so zahlreich sind. Dadurch entsteht wiederum eine ganz andere Beziehung zu diesen speziellen Events: "Wenn ich dann spiele, ist das für mich auch ein besonderes Erlebnis. Insofern gebe ich da natürlich mehr Energie rein als jemand, der jeden Abend spielt. Und in dem Trio ist es einfach so, daß wir ganz viel Spaß zusammen haben und daß der rüberkommt."

Durch die Arbeit in der Theaterbranche ist sein Sinn für die Feinheiten eines Abends aufs Intensivste geschult worden und Andreas nimmt Kleinigkeiten wahr, die andere ´Nur-Musiker´ oft übersehen: "Eine ganz gute Erfahrung aus diesen Theater und Varietéerlebnissen ist, daß ich, was die Bühnenpräsenz angeht, inzwischen viel wacher bin. Auch wenn du Jazz oder irgendwas Seriöses machst, gucken die Leute trotzdem auch noch und wollen nicht nur die Musik hören. Sondern der ganze Abend hat eine Dramaturgie, mit Ansage, Klamotten, wie du dich aufstellst und diese ganze Präsentationsgeschichte."

Von der Verbindung zu anderen Branchen abgesehen hält es Kohlmann stets für wichtig, über die eigenen Grenzen und die des Landes hinwegzuschauen: "Direkt nach dem Abitur war ich ein halbes Jahr in Südamerika (und nach dem Studium drei Monate in Togo). Ich denke, daß es grundsätzlich gut ist, immer über den Tellerrand rauszuschauen. Und als Musiker habe ich das eigentlich immer gemacht, mich hat es viel mehr interessiert, rauszugucken, was andere machen und wie das mit anderen zusammengeht."


Den europäischen Weg finde ich grundsätzlich sehr interessant,
für mich eigentlich wichtiger als den USA-Jazz!

Wenn man versucht, die Wurzeln zu ergründen, die Kohlmann wirklich beeinflußt haben und dabei auch ein wenig nach seiner Meinung zu unterschiedlichen Musikrichtungen forscht, stößt man auf folgendes: "Den europäischen Weg finde ich grundsätzlich sehr interessant, für mich eigentlich wichtiger als den USA-Jazz. Er hat mehr mit meinen Roots zu tun. Und Europa hat auch den Riesenvorteil, daß es noch nicht so kommerzialisiert ist wie die USA – hier sind wirklich auch Experimente möglich. Ich hoffe, daß mir das die ´betroffenen´ Kollegen jetzt nicht übelnehmen, denn natürlich weiß ich ihre technischen und musikalischen Qualitäten durchaus zu schätzen – aber manchmal kommt´s mir schon so vor, daß speziell die Jazzszene hier ein bißchen auf der musealen Schiene dahindümpelt. Denn natürlich ist Bebop auch der Punk der 40iger Jahre gewesen. Und wenn ich jetzt hier zu irgendeiner Session gehe, dann ist da jedes Element drin außer Punk oder Provokation oder egal was. Insofern ist das durchaus ein bißchen museal."

Bleibt zu vermerken, daß bei der Lebensfreude von Andreas spontan ein Motto für´s Leben rausspringt, das da lautet: "Mach das Beste draus!" Und das macht er sicherlich aus seinen musikalischen und sonstigen Möglichkeiten.

Carina Prange

© jazzdimensions2000
erschienen: 31.10.1999
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