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Andreas Advocado - "Zwischen den großen Städten"

"Ich vergleiche das gerne mit einem Filmerlebnis. Ich liebe Filme, bei denen ich zwischendurch weine, lache, aggressiv werde, zu Tode betrübt bin, intellektuell herausgefordert werde, aber zum Schluß immer mit einem ganz bestimmten Gefühl rausgehe, nämlich: Es gibt noch Hoffnung und es geht weiter."

Andreas Advocado in New York

Was Andreas Advocado hier vergleicht, ist nicht etwa der ideale Ablauf eines Streitgespräches zwischen Ehepartnern, sondern es ist das, was er beim Publikum mit seiner Musik erreichen will. Und um gleich nochmal auf das Thema Ehe zurückzukommen: Andreas ist nicht nur verheiratet und hat ein kleines Kind, sondern seine Frau ist seine neutralste und beste Kritikerin, die mit einem phantastischen Gehör gesegnet ist und somit in privater und künstlerischer Richtung ein Juwel darstellt.

Der Name Advocado wird - wenn man mal von der leckeren "Advocadocreme(?)" absieht - immer noch am ehesten mit der Band Advocados in Verbindung gebracht; einer Band, die Andreas im Nachhinein heute als eine sehr gemischte Erfahrung bezeichnet: "Positiv ist, daß wir mit der Band zwei, drei Jahre lang das Aushängeschild für Acid-Jazz waren, negativ, daß wir keine Platte hingekriegt, und es eigentlich nie über Berlin hinaus geschafft haben. Und wir haben versucht eine Musik zu machen, die gar nicht unsere ist, wir haben versucht, schwarz zu klingen auf Teufel komm´ raus."

Doch die Advocados waren nicht das erste erfolgreiche Jazzprojekt, an dem Andreas beteiligt war - das war die Band ZsaZsaBuschkow, von denen 1993 bereits eine CD erschien (Traumton Records). Nach den Advocados stehen heute in erster Linie die Bands Shank (Mix aus Jazz, Drum&Bass, Funk...), Orientation (Arabesk-Soul) und Materia (Ethno) auf Andreas Terminkalender. Sie sagen viel über seine musikalische Entwicklung hin zu einem weltgewandten und in verschiedenen Genres beheimateten Musiker aus.

Shank, gegründet gemeinsam mit Andreas Weiser (perc), Matthias Trippner (dr,keyb) und T-Bone (tb) wurde seinerzeit in der Jazzthetik in hohen Tönen gelobt - ihre (noch aktuelle) CD mit dem bemerkenswerten Titel: "Something from nothing" erschien 1998 bei United One Records. Seitdem hat sich die Besetzung von Shank geändert - für T-Bone kam Martin Klingeberg (Trompete). Neuerdings wurde die Band weiter verstärkt durch Michael Rodach (ehemals bei "Die Elefanten") an der Gitarre.

Shank - ASomething from Nothing Shank - "Something from Nothing" (1998)

Wer sich so vielseitig orientiert und soviel Ehrgeiz an den Tag legt, der kommt bestimmt aus einer musikalischen Familie und spielt seit dem dritten Lebensjahr ein Musikinstrument?! Weit gefehlt: Andreas hat erst mit 15 Jahren angefangen, professionell Musik zu machen und hat vor dem Bass-Spielen gesungen - er konnte damals zunächst nicht einmal Noten lesen. (Also, hat mal wieder nicht geklappt mit dem Klischee!)

Fast zum Verhängnis geworden wäre ihm, daß er nach kurzer Zeit in jeder musikalischen Hinsicht ein Überflieger war, von allen Seiten gefeatured wurde und mit 20 Jahren die Nase schon so weit oben trug, daß er eigentlich langsam mal "auf die Schnauze fliegen" mußte. Er flog allerdings nicht auf die Schnauze, sondern nach New York und machte dort die bittere Erfahrung eines "Reality-Checks", der ihn merken ließ, daß er in Vielem noch ganz am Anfang stand. Aber so wurde dann der Grundstein für die nachfolgenden Jahre harter und intensiver Arbeit, und nach und nach eintrudelnde größere Erfolge gelegt.

Andreas Advocado Andreas Advocado in Berlin

Heute ist New York eine Stadt, in die er ab und zu reist, und dort auch musikalisch tätig ist, aber seine ganz große Liebe gilt Berlin: "Berlin war, und ist immer gewesen, die Quelle meiner Inspiration. Berlin ist eine unglaubliche Stadt, und künstlerisch die freieste Stadt, die ich überhaupt in meinem Leben kennengelernt habe. New York wird immer so als das musikalische Mekka angesehen - auch zu Recht - aber, was die künstlerische Freiheit angeht, ist Berlin einfach unglaublich. Es gibt hier Clubs, in denen du Sachen machen kannst, die kannst du dich nirgendwo anders trauen zu bringen - peinlich und genial zugleich."

Das Image, das Andreas als Musiker durch Berlin trägt, ist das eines "arroganten Arschlochs". Aber damit kann ein Mensch wie er, der einerseits weiß, was er kann und will, aber andererseits offen für andere Welten und Denkweisen ist, gut leben. Die beiden Leitsätze, die er für sich hat, sprechen eine deutliche Sprache: "Lebe jeden Tag, als wenn es dein letzter wäre, genieße das Leben". Und: "Versuche, so wenig wie möglich Leid oder Unglück über andere Menschen zu bringen". Shank - "Something from nothing"

Carina Prange

 
United One Records im Internet: www.united-one.de
Traumton Records im Internet: www.traumton.de

mehr über Shank, Materia bei Schreckfisch:
www.schreckfisch.de

Fotos: unbekannt

© jazzdimensions2000
erschienen: 22.1.2000
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