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Tim Sund - "Welten miteinander kombiniert"

Unterwegs zwischen Klassik und Jazz

Tim Sund gehört zu den wenigen jungen Jazzmusikern, die sich nicht ständig um die eigene Achse drehen, sprich: auf eine bestimmte Jazzrichtung beschränken, sondern an ganz neue Experimente heranwagen. Ein gutes Beispiel dafür ist die gerade neu erschienene CD "Das Lied", auf der Tim den Spagat wagt, Lieder der Klassik mit Jazzbegleitung zu präsentieren. Dabei bleibt der Gesang von Sopranistin Erika Rojo ganz und gar "klassisch"; die "Jazzer" begleiten in Form von Jazzarrangements, die sich dem Gesang anpassen, ihn dabei aber in einem neuen Licht erscheinen lassen. - Eine völlig neue Variante der Verschmelzung von beiden Genres.

Wer ist dieser Mensch, der so locker mit unterschiedlichen Ingredienzien spielt - ein alter Recke der Jazzszene, der etwas Neues ausprobieren will? - Weit gefehlt! Bei Tim Sund handelt es sich um einen jungen Musiker, der mit sechs Jahren anfing, sich der Musik zu nähern (musikalische Früherziehung), mit acht Klavierunterricht nahm, mit 15 Jahren zum Jazz fand und später sowohl Jazzmusik als auch klassische Komposition studiert hat.

Sein Weg führte ihn über Workshops bei Richie Beirach - nach dem Jazzklavierstudium an der MH Köln bei Frank Chastenier - direkt zu Beirachs Privatunterricht nach New York. Dort lernte er seine Frau (Erika Rojo) kennen, eine klassische Sängerin, und wenn beide nicht im Jahre 1996 Eltern geworden wären, würden sie wahrscheinlich noch in New York leben und nicht unsere Berliner Musikszene bereichern.

So ist es denn auch ein Anliegen von Tim Sund, sich in der ihm verbleibenden Freizeit um seine Familie zu kümmern, und dem Yoga nachzugehen - eine Meditations/Entspannungsmethode, die er ‚gemeinsam mit seiner Frau aus New York mit hergebracht hat'. Und seinen Guru zitiert er dann, wenn es darum geht, für sich eine Lebensphilosophie zu definieren: "Be useful, easeful, peaceful." - Für Tim heißt das in erster Linie, "ans Geben zu denken - und nicht ans Nehmen".

Zurück zur Musik: Sein ‚Klassik-Jazz-Projekt' birgt einen besonderen Anspruch in sich, den Tim folgendermaßen formuliert: "Dies ist das erste Mal, daß versucht wird, mit Gesang - also mit klassischen Liedern - und Jazz in dieser Form zu arbeiten. Es gibt vielleicht schon Ansätze, wo zum Teil klassische Lieder ‚verjazzt' wurden, dann aber mit einem Jazzsänger oder zumindest mit einem Jazzgesang-Anspruch. In unserem Fall werden hingegen beide Welten miteinander kombiniert. Grundsätzlich ist es erstmal wichtig, daß es sich wirklich um Lieder aus der klassischen Musik handelt. Und dann kommt hinzu, daß der Gesang klassisch bleibt. Alles andere lasse ich mir offen."

Mit seinem anderen Projekt (Tim Sund Quintet) hingegen spielt er ausgefuchste instrumentale Jazzmusik, einerseits mit genau ausgearbeiteten Themen, andererseits mit viel Raum für die Improvisationen der einzelnen Mitmusiker. Mit dieser Musik - und natürlich auch mit dem ‚Klassisches Lied meets Jazz-Projekt' - will Tim Sund, wie er es ausdrückt "auf eine gewisse Art Gefühle wecken, und die Leute für zwei Stunden irgendwie ‚entführen'. Das ist das Spannende. Das ist jetzt gar nicht egoistisch gemeint, sondern es ist eigentlich nur diese Faszination: man weiß, da kommen jetzt Leute auf dein Konzert - und die bezahlen ja immerhin Geld dafür. Und wenn sie für ein Jazzkonzert Geld bezahlen, dann wollen sie sich darauf tatsächlich einlassen - davon sollte man zumindestens ausgehen. Sie gehen da hin und hören für zwei Stunden zu. Diese Chance muß man wahrnehmen, ihnen etwas bieten, was sie in irgendeiner Form aus ihrem alltäglichen Leben ‚entrückt'. Sie auf ein anderes ‚Energieplateau' hebt, abdriften läßt."

Tim Sund ist gerade dabei, die Tourneen seiner beiden Hauptprojekte im Jahre 2000 zu planen, und außerdem eine Auftragskomposition für Jazzensemble und Orchester für den Senat anzufertigen. In Zukunft möchte er weitere Stücke für Orchester schreiben, und wird alles daran setzen, die Trennung von Klassik und Jazz noch stärker aufzuheben.

Carina Prange

© jazzdimensions2000
erschienen: 9.11.1999
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