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Julia Hülsmann - "Die große Freiheit"

Es gibt nur sehr wenige Pianistinnen, die als "feste Größe" im deutschen Jazzgeschehen zu bezeichnen sind und mit ihrer Präsenz und dem Gespür für die eigene Musik und die Talentförderung anderer soviel bewegt haben. Jetzt geht Hülsmann nach zwei Trioalben mit einer Quartett-CD an den Start: "In Full View" heißt das Werk, das die vielgestaltige, spannende Zusammenarbeit ihres Trios mit dem Trompeter und Flügelhornisten Tom Arthurs dokumentiert.

Julia Hülsmann

Das Irritierende dabei ist, dass die Musik sich anhört, als würden diese vier Musiker nicht erst seit kurzem, sondern seit etlichen Jahren gemeinsam auf der Bühne und im Studio stehen. Offensichtlich also hat Hülsmann in Arthurs einen Seelenverwandten für ihr eigenes Musikverständnis gefunden...

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Julia Hülsmann

Carina: Mit deinen Kompositionen, die du sozusagen Gedichten von u.a. E.E. Cummings oder Emily Dickinson "auf den Leib geschrieben hast", hast du mehrere Jahre lang neue Akzente in der Jazz-Lyrik-Landschaft gesetzt. Wie erklärt sich deine Faszination für diese Gedichte und deren Vertonung?

Julia: Es gibt Gedichte, die mich sofort ansprechen. Manchmal ist es die Geschichte, die erzählt wird, mal die Atmosphäre, mal der Rhythmus. Manchmal kann ich auch gar nicht genau sagen, was mich fasziniert. Ich mag es sehr, mir dann vorzustellen, wie man das in Musik ausdrücken kann. Das ist natürlich immer sehr subjektiv und oft sehr intuitiv.

Julia Hülsmann

Carina: Du hast verschiedenen Sängern und Sängerinnen damit den Beginn einer großartigen Karriere ermöglicht – fühlte sich die Pianistin und Komponistin Julia Hülsmann da irgendwann zurückgelassen und ausgeschlossen?

Julia: Überhaupt nicht. Ich bin einfach nur froh, dass diese wunderbaren Sänger und Sängerinnen mit mir gearbeitet haben und sich auf meine Musik eingelassen haben. Das ist nicht selbstverständlich. Es ist wunderbar zu hören, wenn eine musikalische Idee sich umsetzen lässt und alle Musiker in der Band auch noch was Eigenes beisteuern. Ohne das geht es nicht!

Julia Hülsmann Quartet - "In Full View"

Carina: Ein Blick noch weiter zurück: dein Vater und deine Mutter sind Pianisten. Jetzt, wo du selbst Mitte 40 bist und wenn du heute darüber nachdenkst – fühlst du dich deinen Eltern heute, als lebenserfahrene Frau, musikalisch näher? Oder würdest du deine Herangehensweise und deinen Umgang mit Musik als eine lebenslange Rebellion verstehen wollen?

Julia: Meine Eltern haben beide Klavier spielen gelernt, allerdings sind sie keine Berufsmusiker geworden. Das ist schon ein großer Unterschied. Meine Mutter hätte gerne Klavier studiert, was damals sehr schwer möglich war. Also studierte sie Pharmazie.

Ich habe nie drüber nachgedacht, ob ich meinen Eltern musikalisch nahe bin – das war nie ein Thema für mich. Rebellion ist für mich eigentlich auch nie wirklich ein Thema gewesen. Ich musste nicht rebellieren, um Musik studieren zu können; auch nicht, um später meine Musik machen zu können. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar! Sie haben ihre durchaus vorhandenen Ängste nicht geäußert und mir zugetraut, das zu tun, was ich für richtig halte.

Carina: Im Jahr 2008, also vor gut fünf Jahren, hast du mit deinem Trio dein erstes Album bei ECM Records veröffentlicht – mit ausschließlich eigenen Kompositionen. Der damalige Wechsel zu ECM, inwiefern bedeutete er eine Veränderung und Neuentdeckung deines Sounds? Anders gefragt, steht ECM ja für eine bestimmte Art von Soundideal. Hast du dich diesem Soundideal schon immer nahe gefühlt?

Julia: Nun, ich bin mit Musik von ECM Musikern aufgewachsen. Also habe ich mich dieser Herangehensweise an Musik immer nahe gefühlt. Der Wechsel zu ECM hat durchaus auch einen Soundwechsel mit sich gebracht, aber einen, der mir immer vorschwebte und in den wir drei uns nur fallen lassen mussten.

Ich habe das eher als eine "große Freiheit" empfunden; vielleicht tatsächlich auch als eine Neuentdeckung. Das Komponieren war ja auch zu meiner Zeit bei ACT stark ausgeprägt. Inzwischen ist es so, dass alle in der Band ihre Stücke einbringen, was ich toll finde und als Bereicherung des Bandsounds empfinde.

Julia Hülsmann

Carina: Das neue Album "In Full View" ist eine Quartetteinspielung mit dem Trompeter und Flügelhornisten Tom Arthurs. Was hat dich an Tom Arthurs Musik und an seinem Spiel so fasziniert, dass du deine ursprünglichen Projektpläne mit einer Sängerin über Bord geworfen hast? Welche speziellen Stimmungen und Schwingungen trägt Tom zum Klangkosmos der Band bei?

Julia: Toms Sound ist wunderbar klar und direkt. Das hat mich sofort angesprochen. Dass er selbst viel Musik schreibt, macht für mich auch einen Unterschied, weil er so auch sehr kreativ mit der Musik anderer umgeht. Seine Art, sich in den Bandsound einzufügen, ist sehr natürlich und eine neue Klangfarbe für uns.

Die Entscheidung, doch mit Bass und Schlagzeug zu spielen, war ganz direkt und spontan als wir zu zweit geprobt haben. Da haben wir nicht lange drüber nachgedacht, sondern es einfach sofort ausprobiert und dann für gut befunden.

Carina: Die Stücke des neuen Albums sind buntgemischte Kompositionen der Bandmitglieder – und jeweils ein Stück von Fumi Udo, Feist / Brendan Canning und Manuel de Falla. Wie kam diese Mischung zustande, wie würdest du den roten Faden des Albums beschreiben?

Julia: Der rote Faden ist wahrscheinlich der Bandsound; die Mischung ist bei den Proben entstanden. Bei jeder Probe gab es wieder neue Stücke, die wir dann alle mit ins Studio genommen haben. Und erst während der Studioarbeit haben wir entschieden, welche Stücke auf die CD kommen. Wir hatten noch einige Stücke mehr zur Auswahl! (lacht)

Julia Hülsmann Quartet

Carina: Du sagst im Pressetext, man höre "…an manchen Stellen auf der CD… erst einen Sound und nicht sofort die Instrumentierung." Ist so ein Klangerlebnis etwas, das man komponieren kann? Oder entsteht er einfach im Moment des Spielens, entwickelt sich mehr oder weniger aus sich selbst heraus?

Julia: So etwas entsteht meistens beim Spielen. Man probt das Stück, bis es rund läuft und irgendwann fängt das Stück an sich selbst zu spielen. Und dann gibt es solche Momente, wo man den Sound nicht immer klar zuordnen kann ... und auch gar nicht möchte!

In so einem Moment gibt es keine vier einzelnen Instrumente mehr, sondern einfach nur noch Musik. Das ist das, was mich interessiert und wo ich hin will.

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Julia: Oh, das ist schwer zu sagen. Lebensphilosophien verändern sich im Laufe des Lebens natürlich immer wieder. Aber ich bin grundsätzlich ein positiv denkender Mensch. Ich lasse mich nicht so schnell von meinem Weg abbringen. Oder besser gesagt, ich versuche einfach immer einen Weg zu finden – auch wenn er nicht immer direkt zu erkennen ist, oder ich einen Umweg nehmen muss.

Carina Prange

CD: Julia Hülsmann Quartet - "In Full View" (ECM Records ECM 2306)

Julia Hülsmann im Internet: www.juliahuelsmann.de

ECM Records im Internet: www.ecmrecords.com

Fotos: Pressefotos (Volker Beushausen)

© jazzdimensions 2013
erschienen: 18.7.2013
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