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Stefan Rusconi - "Revolution im World Wide Web"

Im Jahr 2011 waren Rusconi die Gewinner des Echo Jazz - und bei Sony Music unter Vertrag. Nun, im Jahr 2012, ist die Band ganz auf sich gestellt und bringt mit "Revolution" ihr eigenes Album beim eigenen Label Quilin Records heraus. Nicht etwa, weil das Majorlabel sie rausgeworfen hätte - nein, im Gegenteil, alles ist selbst gewollt.

Stefan Rusconi

Dass man theoretisch kostenlos die ganze CD downloaden kann gehört ebenso dazu wie der Aufschrei, der genau wegen dieser Tatsache durch die Jazzgemeinde gegangen sein dürfte. Mit "Revolution" legt das Schweizer Trio Rusconi erneut dar, dass es sich hier um Jazzmusiker handelt, die aus ihrer Leidenschaft für Rockmusik keinen Hehl machen.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit dem inzwischen (auch) in Berlin lebenden Stefan Rusconi

Carina: Euch wird nachgesagt, "…den Jazz aus dem Geist der Rockmusik so ganz nebenbei neu zu interpretieren." Wie soll das gehen?

Stefan: (lacht) Ja, für uns ist Rockmusik eine wichtige Inspirationsquelle! Aber dass wir da jetzt aktiv dran arbeiten, dem ist nicht so. Wir sind auf der Suche nach Klangfarben. Und die aus der Rockmusik inspirieren uns sehr. Das wurde mit dem Sonic Youth-Album sicher bereits deutlich. Uns interessiert nicht so sehr der Popaspekt, diese Hitparadenmusik. Obwohl, es gibt ja durchaus Jazzmusiker, die sich eher daran orientieren.

Rusconi - "It's A Sonic Life"

Es war für uns naheliegend, mal ein Coveralbum zu machen, und Sonic Youth war für mich die wichtigste Band. Plötzlich wurde es vielen Leuten verständlicher, was wir eigentlich wollen und was uns interessiert, wo man hinhören kann bei unserer Musik.

Das ist mit dem aktuellen Album sicher nochmals deutlicher geworden. Wir haben in den letzten Jahren immer besser gelernt, uns verständlich zu machen und fühlen uns jetzt sehr wohl dabei. So ein Prozess dauert Jahre; es ist nicht so, dass wir als Musiker immer sofort ausdrücken können, was wir musikalisch wollen.

Carina: E.S.T. schwebt ja immer wie ein Damoklesschwert über jedem Jazz-Piano-Trio, das sich in etwas rockigeren Gefilden bewegt. Sind E.S.T. für euch nach wie vor ein Maßstab?

Stefan: Ihre früheren Alben interessieren mich nicht sehr. Musikalisch gehen wir auch unsere eigenen Wege. Aber an E.S.T. ist was, was ich total spannend finde - ich finde einfach Svenssons Attitüde gut, wie er auf die Leute zugehen wollte. Wenn es einer Band gelingt, ein breites Publikum mit Jazz zu verbinden, das gefällt mir. Denn die haben eine positive Einstellung zur Musik. Es macht denen Spaß, das spürt das Publikum.

Rusconi

Carina: Davon ganz abgesehen, versteht ihr euch überhaupt noch als "Klaviertrio" in jenem Sinne - oder eher als die Band "Rusconi"?

Stefan: Ja, für uns ist es klar eine Band! Immer zu dritt. Das mit dem Namen, das hat 'ne Geschichte und die dauert jetzt fast schon zehn Jahre. Und die wollen wir nicht verleugnen. Das kommt, weil es ursprünglich mal "Stefan Rusconi Trio" hieß, das war halt so üblich.

Klar, ich hab mich immer geärgert, dass wir nicht zu Beginn schon einen anderen Namen genommen haben. Auf der der anderen Seite, viele Leute verbinden das gar nicht mehr mit mir - die kommen nach dem Konzert und fragen: was ist eigentlich Rusconi? (lacht) Und das ist eigentlich gut!

Wir alle kommen vom Jazz - das ist uns wichtig; wir sind Jazzmusiker. Uns interessiert momentan vielleicht improvisierte Musik mehr. Wir sagen dazu jetzt "improvisierter Pop" und fühlen uns als Band damit sehr wohl. Fabian und Claudio sind auch stark an der Organisation dran. Unlängst haben wir uns für fünf Tage zum Proben in Basel eingenistet - Fabian hat den Raum organisiert, Claudio und ich die Anlage.

Es wurde diskutiert, wie die nächste Tour geplant wird, wer das Auto bucht und so weiter. Wir haben zwar ein Management, aber grundsätzlich bleibt auch vieles bei uns. Das Künstlerische sowieso. Jetzt mit eigenem Label kommt noch mehr dazu - von Produktion bis Artwork bis Vertrieb.

Carina: Es gibt da noch ein anderes Klaviertrio, zu dem du definitiv einen engeren Bezug hast. Du hattest Unterricht bei Ethan Iverson von "The Bad Plus"…

Stefan: Im Jahr 2004 war ich in ein paar Monate New York. Und Ethan Iverson, das wusste ich, der hat nicht nur eine riesen Jazzgeschichte im Hintergrund, sondern ist einfach als Person spannend. Das eine, das viele Leute kennen, das ist The Bad Plus - aber das ist nur ein kleiner Teil von dem, was er tut. Er ist ein unglaublicher Kenner, etwa was Monk und Bud Powell angeht, zwei Pianisten, die mir auch sehr nahe sind.

Viele Leute, die Bad Plus hören, aber nicht so im Jazz sind, werden Bud Powell gar nicht kennen. Es gibt ganz viele kleine Aufnahmen von Iverson, wo er sich auf eine improvisatorische Art und Weise total auslebt. Das Bad Plus Trio, wenn man da weiter zurückgeht, war ja eine totale Free-Geschichte. Da kommen jetzt Leute zu deren Konzerten und wollen "Flim" von Aphex Twin hören. Aber dann kommt erst mal dreißig Minuten lang Free Jazz! Die eine Hälfte der Leute läuft davon, aber die andere Hälfte bleibt vielleicht…

Das ist typisch für ihre Herangehensweise. Sie machen ein Album, das man im Radio spielen kann, vielleicht sogar auf einem spartenübergreifenden Sender. Aber im Konzert, da sind sie dann wieder ganz sie selbst. Man kann durchaus hinterfragen, ob das o.k. ist - wenn ich etwas aufnehme und dann nie bei einem Gig bringe! Und die Leute wollen es aber eigentlich hören …

Stefan Rusconi

Carina: Wie kommt es dazu, dass Fred Frith am 12. Oktober diesen Jahres mit euch das Konzert in Zürich bestreiten wird?

Stefan: Da die kurze Studiozusammenarbeit zwischen Frith und uns in Basel sich derart erfreulich entwickelt hat, lag es für alle Beteiligten auf der Hand auch ein Liveversuch zu starten. Am 12. Oktober im Moods in Zürich kann das nun zum ersten Mal ausprobiert werden. Weitere Konzerte sind für das nächste Jahr in Planung.

Carina: Rusconi findet man im Internet nach wie vor zuallererst über Sony Music, wo ihr ja längst nicht mehr seid. Wie kommt man denn diesbezüglich von einem Major-Label wieder los?

Stefan: Wir haben nicht grundsätzlich ein Problem mit Sony. Gerade unser Mann bei Sony, Alex, das ist ein guter Mann. Der hat ein Ohr für Nischen, der hat Ideen - so haben wir das erlebt! Wir hatten eine super Zusammenarbeit. Aber die restliche Struktur… Das ist eben eine Major-Struktur!

Das ist einfach nicht unsers, wie wir irgendwann klar gemerkt haben. Und das hat uns die Augen geöffnet. Viele Überlegungen, viele Konsequenzen, die wir jetzt ziehen, kommen von diesem Deal. Und das ist gut für uns. In dieser Spartenmusik, wo wir tätig sind, dauert es ein, zwei Jahre bis sich etwas im Netz und bei den Leuten rumspricht.

Dass wir bei Sony noch zu finden sind, das ist strukturbedingt. Das ist ein großes Label und total vernetzt, so sind wir natürlich noch da. Aber das ist ein Teil unserer Geschichte, so wie auch die Alben, die jetzt nicht mehr so sein würden, wie sie vor sechs Jahren waren.

Rusconi - "Revolution"

Carina: Eure neue CD "Revolution" gibt es kostenlos zum Download auf eurer Website. War das letztendlich eine Kapitulation vor dem Diktat der Schnelllebigkeit?

Stefan: Ja. - Okay, es gibt verschiedene Ansätze; wir wollen das grundsätzlich positiv formulieren. Bisher lief es so: wir machen eine CD, ein Label gibt sie raus - es kann auch ein kleineres Label sein - dann ist sie im Handel, wird gekauft oder nicht gekauft …

Die meisten Leute bewahren die Musik aber heutzutage in digitaler Form auf. Die nehmen die CD mit nach Hause, überspielen sie in den Computer und fassen sie anschließend nicht mehr an. Nehmen sie höchstens noch zweimal aus dem Regal, um was nachzuschauen.

Wir haben also, weil wir es jetzt selber bestimmen können, entschieden, dass das Digitale "keinen Preis" haben sollte. Genau wie das World Wide Web frei ist - und es auch bleiben wird, wenn es nach Tim Berners-Lee geht, der die Sache erfunden hat. Der hat ja nicht mal ein Patent für seine Idee angemeldet.

Also sagten wir, "digital" für uns als Form, sollte "keinen Preis" haben. Das ist für viele Kollegen natürlich ein Affront! Andererseits, der Inhalt und dessen Kreation - das muss den Hörern wieder bewusst werden - das benötigt Zeit. Auch Geld, weil man es in eine Form bringen muss, aufnehmen, bearbeiten.

Das ist die kreative Leistung - es muss geschrieben und geprobt werden, da müssen Leute zusammenkommen. Jedoch die anschließende digitale Vervielfältigung, die ist grenzenlos und kostet nix. Das wird sich auch nie mehr ändern. Das ist eben nicht wie bei materiellen Dingen, deren Herstellung jedes Mal auch mit Kosten verbunden sind...

Mit dem iPod hat sich insofern alles geändert, als dass das Speichermedium nicht mehr vom Künstler oder vom Label kommt. Der Hörer besitzt es bereits. Er hat dann einfach diese zehntausend Songs bei sich. Uns ist klar, die Leute - vielleicht überlegen sie sich das gar nicht ausdrücklich, aber gefühlt ist es so - sehen keinen Sinn darin, für etwas zu bezahlen, das ich als Künstler umsonst in genau gleicher Form millionenfach verschieben kann.

Aber das ist natürlich heikel… - denn woher kriegen wir jetzt noch Geld? Nun, wir haben entschieden, wir produzieren eine richtige LP, die natürlich was kosten wird. Da aber nicht jeder, der ein digitales File von uns hat, sich zusätzlich eine LP kaufen wird, wird man gleich beim Musik Download mit einem Popup Fenster gefragt, ob man freiwillig spenden möchte.

'Name your price' heisst es da. Und jeder soll sich somit selber fragen, was ihm unsere Musik und Arbeit wert ist. Eine '0', oder eben ...

Rusconi

Carina: Nun, bislang scheint die Sache sehr erfolgreich zu laufen. Was sagt das über eure Hörer aus? Ist es also einfach "genau die richtige Idee" für euer Publikum?

Stefan: Einerseits konnten wir mit unserem Input viele, auch neue, Leute für unsere Musik begeistern. Und wir haben zum ersten Mal mit einem Release auch etwas Geld verdient. Da wollen wir uns bei allen Spendern auch herzlich bedanken: Ohne euch würde es uns nicht geben!

Andererseits haben wir auch einige Leute verärgert und als Partner verloren. Aber so ist das wahrscheinlich immer, wenn man etwas Neues ausprobiert.

Was uns sehr freut ist, dass das französische Label "BeeJazz" am 15. November weltweit unsere 'Revolution' CD herausgeben wird. Das bedeutet, das Vinyl und das Bandcamp Modell bleiben uns erhalten, aber wir haben nun zusätzlichen einen tollen Partner für die CD. Übrigens, auch unsere Sonic Youth-Platte "It's A Sonic Life" wird es mit freundlicher Genehmigung von Sony jetzt als Vinyl geben.

Carina Prange

CD/LP: Rusconi - "Revolution" (Quilin Records)

Stefan Rusconi im Internet: www.rusconi-music.com

BeeJazz Records im Internet: www.beejazz.com

Fotos: Pressefotos (2,4: Diana Scheunemann; 1,3: Daniel Vass)

© jazzdimensions 2012
erschienen: 7.10.2012
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